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Aber britische Geschichtsschreiber zollen den Nordmännern Dank für ein Ver⸗ mögen, das sie mitgebracht haben und heute noch wahrnehmbar ist an mancherlei Merkmalen. Mit Vorzug jedoch zeigt man sich erkenntlich für geleistete Obhut in jenem Zeitraum, wo einheitliche Staatsgewalt Rückhalt brauchte und alle Hilfe, die zu haben war, auch Lebenskraft und ein Selbst⸗ vertrauen, das sich wehren kann und behaupten will. Im Sinne jenes Anlehnungsbedürfnisses, das Stütze braucht, wird ihre Herrschaft in Eng⸗ land als großer Gewinn gebucht.— Die gleiche Gemütsveranlagung spricht aus dem Titel, den nachmals Oliver Cromwell erhielt. Nicht Herzog oder Führer, sondern Protektor wurde er genannt,„Lordprotektor“, d. h. „Schirm- und Schutzherr“.
Nun reden sich die Gebieter eines Weltreiches noch den Gedanken ein, auch das Empire sei ihnen als Erbteil zugefallen von den Römern, Im⸗ perium und Empire stünden in einem Sonderverhältnis der Folge und Wechselwirkung zueinander. Ohne Rücksicht darauf, daß es ein Impe⸗ rium deutscher Nation gegeben, ohne zu fragen, ob ihre Annahme geschichtlich begründet sei, hat jener Gedanke Macht über die Herzen, ist er ein wesentliches Stück ihres Selbstbewußtseins und Verhaltens. Wie Rom seinerzeit mit dem Bürgerrecht auch Sicherheiten gab, zugleich versuchte, Einfluß zu gewinnen auf die Lebensführung der Anbefohlenen, so fühlte sich das puritanische England dazu berufen, Schutzgebiete einzurichten, Beistand zu verheißen dort, wo Völker sein Gängelband sich gefallen ließen. Sie wurden beglückt mit einer Verfassung, mit Zivilisation und Kultur nach englischen Mustern, mit der Pax Britannica, ähnlich der Pax Romana von einst. Jenem Mythus entspricht dieser Typus des Vorgehens.
Tazitus berichtet von Agricola, dem römischen Feldherrn, der Britan— nien bis nach Schottland erobert hatte, und erzählt von der Behandlung, die den Unterworfenen zu Teil wurde durch den Statthalter:„Er ließ den Feind nie in Ruhe, schädigte ihn durch plötzliche Überfälle; hatte er aber genug Schrecken eingejagt, so zeigte er durch schonende Behandlung die lockenden Vorteile des Friedens.“ Er habe auf die Vornehmen gewirkt, bald durch persönliches Zureden, bald durch Unterstützung und Geschenk,—„nach altbewährter Weise des römischen Volkes, selbst Könige zu Werkzeugen der Knechtschaft zu machen“. Er habe es verstanden, kriegslustige Völker, die im wilden Naturzustande lebten, an Ruhe und Frieden zu gewöhnen durch Reiz- und Lockmittel der Lust und andere Genüsse. Die Söhne der Edlen erhielten Unterricht; ihr Ehrgeiz beim Erlernen der lateinischen Sprache wurde angestachelt, und Tazitus bemerkt dazu:„Diese Toren nannten das Bildung, was schon ein Teil ihrer Knechtschaft war.“ Dieses Vorbild fand Nachahmung, um Völker unter dem Vorwand, sie zu bilden, ihres Volks— tums zu berauben. Auch die bekannte Stelle aus des Tazitus Germania wurde gehört und von Briten befolgt:„Möchte doch, das ist mein Wunsch, den Germanen, wenn nicht die Liebe zu uns, doch wenigstens der gegenseitige Haß erhalten bleiben. Denn wenn das Schicksal einmal über uns herein⸗ bricht, dann kann uns kein größeres Glück widerfahren, als die Zwietracht unserer Feinde.“(Kap. 33.)
So seltsam der Mythus von römischem Blut und römischer Erbschaft zunächst anmutet, so praktisch wurde er von Engländern gehandhabt. Was
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