Zeitung 
Schriften der Ludwigs-Universität zu Gießen
 
Einzelbild herunterladen

Magnifizenz, Kameraden, meine Damen und Herren!

Wenn wir in dieser feierlichen Stunde zurückschauen auf die öͤrei⸗ hundertdreiundͤreißigjährige Vergangenheit unsrer Anwersität und bei dieser Gelegenheit in den Mittelpunkt der Feier die Rede eines Dozen⸗ ten über ein Gebiet seines engeren Faches stellen, so ist das alter Brauch und beoͤarf keiner besonderen Begründung.

Wenn ich Sie nun aber als Vertreter der klassischen Archäologie- des Gießener Lehrstuhles, der übrigens der älteste seiner Art in Deutsch land ist- auffordere, sich mit mir einige Gedanken zu machen über die weit zurückliegende Zeitspanne eines anscheinend fremoͤen, wenn uns auch in vielem verwandten Volkes, so wird dies manchen von Ihnen vielleicht zunächst befremoͤlich erscheinen, oder auch schwierig, sich mit ten in den sprengenoͤen Geschehnissen, aus der Spannung einer heroi⸗ schen Gegenwart heraus, da wir alle noch unter dem gewaltigen Ein⸗ oͤruck des wirklich glorreichsten Sieges unsrer Geschichte stehen, da un sere Sorge bei unseren Freunden und Kameraden ist und unser Stolz bei den siegreichen Kämpfern- sich mitten aus dem Heute in die fernste Vergangenheit zu versetzen. Andͤrerseits wäre es zu billig, wenn ich Ihnen eine Darstellung dieser Vergangenheit, ausgeschmückt mit allzu zeitgemäßen Parallelen, zumuten wollte.

Jeoͤoch- so dürfen wir fragen: ist diese Vergangenheit uns wirk lich so fremd? Scheint sie uns nicht viel eher vertraut und nahe- als ob es ein Stück unsres eigenen Lebens sei? Ich könnte in der Tat mit wenigen Strichen ein Bild aus der Geschichte meiner Wissenschaft zeichnen, aus dem eindeutig und klar hervorginge, wie es gerade im mer wieder die Deutschen gewesen sind, die das Verständͤnis für die Geschichte, besonders aber für die Kunst der Griechen, erschlossen ha ben, seit der Gründung unsres Bildes vom geschichtlichen Ablauf der griechischen Kunst durch Winckelmann im 18. Jh., der damit gleich- zeitig der Begründer jeder Kunstwissenschaft überhaupt geworden ist immer wieder den anderen, nacheifernden Nationen voraus, bis heute. Dieses Bild würde zeigen, wie gerade die Deutschen sich immer wieder