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Schriften der Ludwigs-Universität zu Gießen
 
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Infektionsmöglichkeit auszuschließen ist. Die Morbiditätskurve der Wilchepidemien wird schon wesentlich getrübt durch die verschiedene Behandlung und Verwendung der Milch und ihre Konservierungs⸗ fähigkeit in Form von Milchprodukten, die auch zu einer Minderung der Zahl und der Virulenz der Erreger führt. Noch schwieriger liegt die Frage bei festen Nahrungsmitteln, die Erreger oder deren Gifte in ungleichmäßiger Verteilung enthalten, Gifte labiler oder kokto⸗ stabiler Art, so daß nur eine sorgfältige Erhebung der Nahrungs- mittelliste an Hand eines Küchenzettels zum Ziele führen kann. Durch den Verkehr mit Nahrungsmitteln sind die Krankheitsfälle nicht räum⸗ lich beschränkt im Gegensatz zu den Wasserinfektionen, die in der Regel am Orte des Wasserbezuges erfolgen.

Aber die Seuchenzüge der Vergangenheit, über die Herkunft, Wanderungsgeschwindigkeit, Dauer und räumliche Begrenzung der Epidemien sind wir durch Beobachtung und Statistik unterrichtet. Auf dem Wege der historischen Statistik gelang die Aufteilung der Diphtheriepandemie des 19. Jahrhunderts in drei Wellenberge. Nach einer geringen Verbreitung im 18. und in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts trat die Diphtherie 1849 in ungeheurer Heftigkeit auf und durchzog von da ab in drei Zügen Europa. 1849 griff sie auf Mitteldeutschland über, 1856 auf ganz Deutschland und die angrenzen den Länder. 1876 begann der dritte Anstieg und zwar der Reihen⸗ folge nach in allen befallenen Städten um so später, je weiter westlich und südwestlich sie lagen. Aus dieser zeitlichen Folge war der Schluß zu ziehen, daß das Einbruchstor der Diphtherie im Osten lag. Damit im Einklang steht ein gewisses Abflauen der Seuchenzüge auf der Wanderung nach dem Westen, kenntlich an dem sinkenden Gipfel der Wellenberge, und die besonders schwere Heimsuchung Deutschlands, das dem Herde der damaligen Endemie benachbart war. Auch ist festgestellt, daß das Diphtherie⸗-Heilserum erst zu Beginn des Steil⸗ abfalls der säkularen Mortalitätskurve in Verwendung kam und das Wellental dem seither milderen Charakter der Seuche entspricht. Das Wandern der Masern läßt sich am leichtesten vom Orte der Ein schleppung aus verfolgen, am besten auf Inseln und Halbinseln, die nur über bestimmte Hafenstädte einen besonders lebhaften Verkehr unterhalten. Derartige Erhebungen liegen aus Schweden und Schles⸗ wig⸗Holstein vor, wo die Verbreitung von Hamburg, dem Verkehrs- mittelpunkt der Provinz, den Ausgang nimmt. Im Binnenlande ist die Festlegung der Reihenfolge der Epidemien in den einzelnen Städten erschwert; aber nach neueren Antersuchungen finden sich auch hier die