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einen Wandel zeigt, der zur Vermutungsdiagnose einer neuen Seuche drängt. Die Diphtherie, die man jahrzehntelang nicht beachtet hatte, wurde bei ihrem verheerenden Auftreten im 19. Jahrhundert auch für eine neue Krankheit gehalten, bis man erkannte, daß der genuine Krupp zur Diphtherie gehört. Die Anderung des Charakters der Diph⸗ therie läßt sich bis in die Gegenwart verfolgen. Die letzte Epidemie— welle, die hauptsächlich die mittel- und westdeutsche Gebietsgruppe betraf, brachte eine Zunahme der malignen Formen der Rachen⸗ diphtherie und der Komplikationen, aber gleichzeitig einen Rückgang der Stenoseerscheinungen. Das Krankheitsbild der Tularämie ist bis 1911, das der menschlichen Bangkrankheit bis 1925 unbekannt ge- blieben. Nach der Auffindung der Pseudopest der Nagetiere ermög- lichte erst die Entdeckung des Erregers im Jahre 1912, eine in Japan seit Jahrhunderten bekannte fieberhafte Erkrankung, eine ulceröse Conjunctivitis in Cincinnati, das Hasenfieber der Wildprethändler in Washington und das Hirschfliegenfieber der Farmer von Utah als ein und dieselbe Erkrankung zu identifizieren und sie der Reihe nach auch in Rußland, Schweden, Italien, der Türkei, der Sschechoslowakei und in Ssterreich festzustellen. Bei der Bang'schen Krankheit sind heute noch die Meinungen geteilt, ob eine neue Krankheit vorliegt oder unzulängliche Diagnostik sie übersehen ließ. Aber eines hat die For⸗ schung sichergestellt, daß die Brucella-Erkrankungen eine ätiologische Einheit bilden und nur auf Abwandlungen ein und desselben Mi⸗ kroben beruhen. Je besser die Krankheitserfassung in einem Lande durchgebildet, desto eher stellen gehäufte Beobachtungen auch neue epidemiologische Fragen. Ein Beispiel bildet die Papageienkrankheit, deren pandemisches Auftreten im Jahre 1929 gerade in Deutschland zuerst in seiner vollen Tragweite gewürdigt und in seinen ursächlichen Zusammenhängen geklärt werden konnte. Auch gelang es, das nieder⸗ bayrische Erntefieber in eine Gruppe von endemischen Krankheiten einzureihen und diese als eine Einheit zusammenzuschließen. Die For⸗ schungen der letzten Jahre hatten immer mehr die Vermutung bestärkt, daß das Erntefieber auf einer Spirochäteninfektion beruhe, die beson⸗ ders außerhalb Europas beobachtet wurde und zu den kurzfristigen Spirochätenfiebern gehört. Bei der großen Schlammfieberepidemie in Oberschlesien und im Gebiet von Moskau wurde eine Leptospira grippotyphosa aus dem Blut gezüchtet, die bei Abertragung auf den Menschen das Krankheitsbild des Erntefiebers und des oberschlesi— schen Schlammfiebers erzeugte. Im vergangenen Jahre ergaben sero— logische Versuche mit dem Blute Erntefieberkranker, daß dessen Er⸗


