Manche Mikroorganismen, wie die Tetanusbazillen, sind nur fakultative Parasiten. Auch ihre Existenz im Darminhalt führt nicht zur Erkrankung, und ihre Ansiedlung in Wunden bzw. das Aus- keimen der Sporen hat sogar im Körper Entwicklungsbedingungen zur Voraussetzung, die dem Wilieu ihres saprophytären Daseins gleichen. Die regionale Häufung von Starrkrampffällen ist ganz über⸗ wiegend an die Durchsetzung des Bodens mit zahlreichen Organismen oder ihren Dauerformen geknüpft. Der Bacillus botulinus, der sich gleichfalls im Darminhalt und in der Erde findet, hat dagegen obligat saprophytären Charakter. Die umstrittene Möglichkeit einer Gift— produktion im Darminhalt ist jedenfalls, vom epidemiologischen Stand⸗ punkt gesehen, bedeutungslos. Als Typus eines toxigenen Sapro— phyten kann er Ursache schwerer Massenvergiftungen sein, da anima⸗ lische und vegetabilische Nahrungsmittel unter angeroben Bedingun⸗ gen vorzügliche Nährböden bilden.
Im Hinblick auf die Frage der Persistenz der Seuchen gewinnen auch alle jene Untersuchungen epidemiologische Bedeutung, die sich mit der Haltbarkeit obligater Parasiten in der Außenwelt befassen, insbesondere ihrer Fähigkeit, im Cysten- oder Sporenstadium die Widerstandsfähigkeit der vegetativen Formen in einem mitunter enormen Grade zu übertreffen. So können Sporen des Wilzbrand— bazillus in verseuchten Weiden jahrzehntelang die Quelle endemischer Erkrankungen sein.
Die geographische Verbreitung der Seuchen ist bestän— digen Schwankungen unterworfen und unsere historische Kenntnis von ihrer Fluktuation mehr als mangelhaft. Die einen fanden mehr wegen ihrer Extensität, die anderen wegen ihrer Intensität Beachtung. Die schweren Seuchenzüge der Pest, der Cholera, der Pocken und der Diphtherie gehören für das Europa von heute der Geschichte an. Ge— fürchtete Seuchen von einst haben sich in ihre Ausgangsherde zurück- gezogen oder in der milderen Form der Zivilisationsseuchen einge⸗ bürgert. Aber schon tauchten bisher unbekannte in unserem Blickfelde auf, wie die Papageienkrankheit, die Bang'sche Krankheit und auch die Tularämie. Diese fühlt drohend an unsere Grenzen vor und ist auf einem größeren Gebietsstreifen westlich der March bereits in Osterreich eingedrungen. 5
Die Dauerherde der Pest sind die großen Steppengürtel der Tropen. Seit Beginn des 18. Jahrhunderts ist sie auf den Südosten Europas beschränkt geblieben. Um die Wende des Jahrhunderts ge— wann sie in Britisch⸗Indien eine Ausdehnung so bedrohlichen Um—


