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Schriften der Ludwigs-Universität zu Gießen
 
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aus den Berichten der Vergangenheit und der Gegenwart und be dient sich zur Ergründung des Seuchengeschehens sowohl der älteren induktiv analytischen, wie der modernen deduktiven Methode.

Die deduktive oder Ursachenforschung geht aus von den Krank⸗ heitserregern und ihren Eigenschaften und sucht zunächst in Verfol⸗ gung einer dem Experiment zugrunde liegenden Hypothese den Kausal⸗ nexus und unter Variation der Versuchsbedingungen die Pathogenese in ihren verschiedenen Abwandlungen zu klären. Das quantitative Arbeiten läßt den Anteil der wirksamen Faktoren in beliebigen Kom- binationen zahlenmäßig erfassen. Unter Berücksichtigung der Eigen⸗ schaften des befallenen Individuums und der Abertragungsmöglich keiten wird sodann auf deduktivem Wege das Zustandekommen des einzelnen Krankheitsfalles und in Weiterführung des konstruktiven Gedankenganges der Ausbruch und Verlauf einer Seuche erläutert.

Die induktive oder Tatsachenforschung betrachtet die Seuche als Phänomen. Ihr liegt die Beobachtung der spontan sich darbietenden Krankheitsfälle zugrunde, die sie analysiert, sammelt und ordnet. In Form der Wedizinalstatistik schreitet sie fort zur quantitativen Er⸗ fassung des Beobachtungsmaterials, um nach dessen Aufgliederung in alle Teilerscheinungen zur kausalen Analhse vorzudeingen. Die Aufteilung der Erkrankungs- und Todesfälle erfolgt nach Raum und Zeit, nach Alter, Geschlecht, sozialer Lage und nach Gesichtspunkten, die sich aus speziellen Fragestellungen ergeben.

Erst in den letzten Jahrzehnten wurde auch der Weg der experi⸗ mentellen Epidemiologie beschritten, die EGpidemien in Mäusedörfern oder sonstigen Populationen erzeugt, um ihren natürlichen Verlauf zu verfolgen und auszuwerten.

Die induktive Methode wirft bei Analyse der Beobachtungen nur Probleme auf, ihre Schlußfolgerungen müssen sich mit den Fest⸗ stellungen der Widerspruchslosigkeit begnügen, ohne den Anspruch auf Beweiskraft zu erheben. Die ursächliche Forschung ist bei der Lösung der Probleme überlegen. Je mehr sich aber ihre Gedanken⸗ gänge vom Experiment lösen, desto notwendiger wird die Kontrolle durch die induktive Methode, die die tatsächlichen Erscheinungen re⸗ gistriert. Der induktiven Methode haften gewisse Mängel an, so un⸗ zulängliche Erhebung des Urmaterials; andererseits sind die im Tier⸗ versuch gewonnenen Erkenntnisse der ätiologischen Forschung nur in bedingter Weise auf die Verhältnisse beim Menschen zu übertragen. Beide Methoden sind demnach darauf angewiesen, sich zu ergänzen und ihre Ergebnisse wechselseitig zu überprüfen.