Forstwirtschaft als„Ganzheits“- Problem.
5 Bis zu Anfang dieses Jahrhunderts war die Forschungsme- thode der biologischen Wissenschaften überwiegend kausal-ana- lytischer und individualistischer Art. Das hatte zur Folge, daß in der Botanik, der Zoologie, auch in der Medizin das Objekt der Untersuchung immer mehr eingeengt wurde und das Forschungs- ziel schließlich in die möglichst vollkommene Erkenntnis einzel- ner Faktoren und der letzten und allerletzten Einheiten, der Or- gane, der Gewebe, der Zellen einmündete. Diese Spezialisierung brachte einen großen Fortschritt in anatomisch- morphologischer und physiologischer Hinsicht, sie war auch systematisch sehr er- gebn isreich, aber die Natur wissenschaften wurden damit notwen- digerweise allzu sehr zu Laboratoriums wissenschaften, sie ent- ernten sich immer mehr von der lebendigen Natur und verloren den Zusammenhang mit ihr. Wenn auch die angewandte Biologie, so die Medizin, die Landwirtschafts- und Forstwirtschaftswissen- schaft, infolge ihrer unmittelbareren Verbindung mit dem Leben sich einigermaßen von diesem Extrem fernhielt, so blieb sie von der Einseitigkeit doch nicht verschont. Ein Beweis dafür ist bei- spielsweise die Tatsache, daß noch in jüngster Zeit ganz allge- mein von einer Krise in der Medizin gesprochen werden konnte, die gerade mit der üblich gewordenen atomistischen Betrach- lungsweise des einzelnen erkrankten Organs, der Solitärpatholo- gie, begründet wurde, obwohl doch daneben der kranke Mensch als Ganzes, in seiner Gesamtkonstitution, in seiner Abstammung, seinem Vorleben, seiner Umwelt vom helfenden Arzt erfaßt wer- den müßte. Auch in der Forstwissenschaft verlor man sich in Einzelheiten, beschäftigte sich fast ausschließlich mit dem Stu- dium der Morphologie und Physiologie des Einzelbaumes, un- tersuchte bald den einen, bald den anderen ökologischen Faktor — Physikalische, chemische Eigenschaften des Bodens, die Azi- dilätsfrage, einzelne klimatische und biotische Standorts-Fakto-


