„„
Das führt uns auf den Umfang der Philologie. Gilt die alte Grenzbestimmung von Wolf noch, daß sie das ganze antike Leben erfassen soll? Wenn wir den Versicherungen in Festreden und Programmen glauben wollen, ist sie mehr als je in Geltung. In der Praxis sieht es leider nicht so glänzend aus. Gewiß hat daran die Spezialisierung ihrer Teile eine große Schuld, aber ihr klingt ja schon wieder der laute Ruf zur Synthese entgegen. Es wird die Aufgabe der nächsten Zukunft sein, beide Tendenzen durch die Tat aus- zugleichen.
Als selbstverständlicher Teil der Philologie hat immer die Sprache gegolten. Die vergleichende Sprachwissenschaft hat zu einem Auseinanderleben geführt, das jetzt von beiden Seiten bedauert wird. Der Philologe darf ihre Ergebnisse nicht unberücksichtigt lassen, aber er hat auf seinem eigensten Ge- biet so viel neues Material an örtlicher und historischer Glie- derung in Dialekte und Sprachentwicklung gewonnen, daß er an ihm vollauf zu verdauen hat. Die Sprachwissenschaft, die mit ihm diese Schätze verarbeitet, darf dabei auch die philo- logische Methode nicht vernachlässigen 21). Auch die Metrik befindet sich in einem wenig befriedigenden Stand. Sie sucht nach neuen Theorien, die z. T. von außen hereingetragen wer- den. Aber auch sie sind noch stark umstritten, und es wird zu leicht vergessen, dab unsere Erkenntnis durch eine große Unbekannte gehemmt wird, den Verlust der musikalischen Melodien zu den voralexandrinischen lyrischen Metra. Wenn es deshalb schon hier schwer ist, Gesetze durchzuführen, so kann die Erforschung des Pros arhythmus überhaupt nicht zu allgemein überzeugenden Ergebnissen führen, weil es sich hier gar nicht um Gesetze in strengem Sinn handelt und die Sta- tistik daher nur trügerisches Material ergeben kann, das zur Textkritik nicht herangezogen werden dürfte 22).
Die Archäologie hat Gerhard der Methode nach „monumentale Philologie“ genannt 2) und ihr sämtliche er- haltenen Objekte antiker Kultur, nicht nur die Schöpfungen der Kunst, als Gegenstand zugewiesen. Dadurch deckt sie sich weithin mit der Philologie im Wolfschen Sinn, und die Praxis der Ausgrabungen erhält diese Forderung lebendig, namentlich seit an die Stelle der Raubgrabungen nach Kunst- werken die systematische Aufdeckung ganzer Kultstätten und


