Ansprache des Rektors
Wenn heut ein Geist herniederstiege, Lugleich ein Sänger und ein Held. Ein solcher, der im heil'gen Kriege Gefallen auf dem Siegesfeld,
Der sänge wohl auf deutscher Erde Ein scharfes Lied wie Schwertesstreich, Nicht so, wie ich es künden werde, Nein, himmelskräftig, donnergleich:
„Man sprach einmal von Festgeläute, Man sprach von einem Feuermeer; Doch, was das große Fest bedeute, Weiß es denn jetzt noch irgend wer? Wohl müssen Geister niedersteigen, Von heil'gem Eifer aufgeregt,
Und ihre Wundenmale zeigen,
Daß ihr darein die Finger legt.“
So sang Ludwig Uhland, als man am 18. Oktober 1816 den dritten Jahrestag der Völkerschlacht bei Leipzig feierte. Seine erschütternde Frage, was denn aus all der Begeisterung, aus all dem Heldenmut der Freiheitskriege geworden sei, erweckte in vielen vaterländischen Herzen einen Widerhall, vor allem an den deutschen Universitäten. Gilt sie nicht auch heute für uns?
Unsere Hochschulen haben den Gründungstag des Deut- schen Reiches als der so lang ersehnten und so rasch durch Kampf und Sieg errungenen Einigung Deutschlands zu einem stillen Fest der vaterländischen Sammlung gewählt, nachdem ein drittes Völkerringen trotz unerhörten sieghaften Helden- tums dieses Reich von seiner Macht herabgestürzt, verstüm- melt und in seinen Grundfesten erschüttert hat. Diese Selbst- besinnung tut uns bitter not, wenn wir uns zehn Jahre nach den ungeheuern Opfern im Vaterland umschauen.


