Ausgabe 
16.5.1914
 
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3!). Telephon: Rr. 362.

Siaatsfekreiär von Mow über die auswärtige Lage.

Die hvchpciilische Aussprache im deutschen Reichs­age stand in diesem Jahre nicht unter dem Glücksstern. ?rft brachte die Geschäftslage eine ungebührlich lange tzerschiebung mit sich, und als endlich die Tagesordnung rei wag, machte der Tod seiner Lebensgefährtin es >em Reichskanzler unmöglich, persönlich den wichtigen gericht über die Weltlage zu erstatten. Der Staatssekre- är des Auswärtigen Amts, Herr v. I a g o w, muhte >arum als Stellvertreter die Tribüne besteigen, der seine Ausgabe tadellos gelöst hat.

Der Höhepunkt des hochpolitischen Vortrags war »er defensive Vorstoh gegen die deutschseindlichen autz - ändischcn Prehtreibercien. Der Staatssekretär vies mit sehr ernsten Worten aus den säst systematischen heldzttg der russischen Presse hin, in der Welt- iresse geraten die Interessen Deutschlands ins Hinter - reffen. Es wird wirklich die höchste Zeit, dah man in inseren leitenden Kreisen ernstlich die Frage erwägt, was ;U tun ist, um den Tatsachen und den Ansichten, aus >ie wir Wert legen müsien, rechtzeitig Vorbereit- mg und Beachtung in der Weltpresse zu verschaffen, lnd wenn es auch Geld, viel Geld kostet, es lohnt sich! Deutschland muh unbedingt seine p u b- ! izistische Rüstung verstärken. Der Staats­ekretär war natürlich diplomatisch genug, um nicht die ussische Regierung öffentlich verantwortlich zu machen, ür die dortige Pyehhetze. Aber von dem kalten Was- erstrahl bekommt auch das offizielle Ruhland einen Teil . >b, mrd es klang ziemlich frostig, wenn der Staatssekre- ' qi schließlich sagte :Ich habe Grund der Annahme, >ah auch die ruffische Regierung ungeachtet der Treibc- eien an dem deutschnachbarlichen Zusammenleben sest- >alten wird."

In schu .m Gegensatz zu dieser Kühle stauden die ehr warmen Worte, die Herr v. Jagow nach R umä- i i e n richtete, offenbar in der Absicht, die Wiederau - . rähcrung der ^artigen öffentlichen Meinung an Oester- d eich zu befördern.

Im übrigen brachte die Rede nichts überraschendes ? - was die Hauptsache ist nichts beunruhigendes.

Samstag. den 16. Mai 1914.

Die Nutzanwendung ist: Wir brauchen Ausdauer, denn unsere weltpolitischen Bäume wachsen zwar, aber nur langsam.

PoWifcbe Rundbau

Deutschland.

* Berlin, 14. Mai. Die schon seit Jahren schwebenden Vierhandlungen zwischen Reich und Bun­desstaaten über eine neue Grundlage für die Verteilung der durch die Verwaltung der Zölle und Verbrauchsab­gaben entstehenden Lasten, haben insoweit zu «inenr Ergebnisse geführt, als jetzt den Bundesregierungen be­stimmte neue Vorschläge des Reichs vorgelegt worden sind.

Oesterreich.

* Eine Verstärkung seiner Luftflotte wird von Oe st erreich geplant. Im Heeresausschuh der öster­reichischen Delegation gab der Kriegsminister AufklämNg über den Stand der österreichischen Motorballons und erklärte, dah wegen Anschaffung in größerem Umfange Verhandlungen mit verschiedenen Unternehmungen ein­geleitet worden seien. Er sprach die Hoffnung aus, dah die österreichische Industrie sich an den Lieferungen noch beteiligen werde.

Schweden.

* Der schwedische König hielt im Schloh Drcttningholm M i n i st e r r a t ab Und übernahm wie­derum die Regierung.

Türkei.

* Vorgestern fand in Gegenwart des Sultans die

feierliche Eröffnung des neutzewählten türkischen Parla­ments statt, wobei der erste Sekretär des Sultans die Thronrede verlas._

Die Unfallgtfahr im »rrgvrii

Auf der am 25. April abgehaltenen Hauptversamm­lung des Bergbaulichen Vereins in Essen nahm der Vorsitzende, Geheimer Finanzrat Dr. Hugenberg, in einer bemerkenswerten Rede Stellung zu den bekannten Aus­lassungen des Handelsministers bei der Feier des 50- jährigen Bestehens der Wcsffälischen Berggewerkschafts- lasse zu! Bochum über die Unfallgesahr im Bergbau'. An- knüpfend an den Vortrag des Geschäftsführers des ge­nannten Vereins, Bergaffessors von Loewenslein, über die Entwickelung der Unsallziffern führte er folgendes

Der Vortrag des Herrn Berichterstatters hat Ihr Interesse nicht nur wegen seines sonstigen reichen Jn-

Telephon Rr. M. 26. Illhrg.

Halts in hohem Mähe gesunden, sondern namentlich auch aus dem Grunde, weil er mit vollem Recht auf eine Frage eingegangen ist, die durch die Aeuherungen des Herrn Hondelsministers, wenn ich so sagen darf, zu einer Tagesfrage geworden ist. Die Zahlen und die Kurven bedürfen von unserm Standpunkt aus der allerweiteslen Verbreitung in der Oessentlichkeit, damit es vermieden in einer Reil,c von indujlrieseindlich demokratischen Blät- sind, und ja nur ganz allgemein gehalten und offenbar aus einer leicht mihverftehenden Begriffsbestimmung der schweren Unfälle aufgebaut waren, Folgerungen gezogen werden, die der Herr Haudelsminisler selbstverständlich nicht hat ziehen wollen, die zu ziehen andere sich aber nicht entgehen lassen werden. Wir müssen darauf um so mehr Wert legen, weil wir es ja gewohnt sind, dah zudrücken beliebt, dem Prositinteresse des Unternehmers? leru der Gesichtspunkt die ausschlaggebende Rolle spielt, die Zunahme der Unfälle entspringe, wie man sich ans- hat und muh sagen, die Mitwirkung der Unternehmer- Das meine Herren ist nicht der Fall und muh scharf zu>- rückgewiesen werden. Es ist nicht richtig, was den Un­ternehmern im allgemeinen und denen im Bergbau be­sonders vorgcworsen wird, dah sie das Gcwinnintcreffe der Pflicht voranslellen, dafür zu sorgen, dah die Un­fälle in ihren Betrieben auf das Mindestmögliche Mah eingeschränkt werden. Der Bergbau hat vielmehr allen vernünftigen Mahregeln, ich wiederhole, allen ver­nünftigen Mahregeln, die auf "dem Gebiet der Be­kämpfung der Unfälle vorgeschlagen und zur Durchsühr- ung gebracht worden sind, stets loyal seine Unterstütz - ung zuteil werden lassen. Ja, ich muh hinausgehen über das, was der Herr, Vortragende soeben bemerkt hat und muh sagen, die Mitwirkung der Untelnehmer- schast selbst au der Bekämpfung der llnsallgesahr wird immer, und unter allen Umständen das wesentliche blei­ben gegenüber jeder polizeilichen Tätigkeit auf dem Ge­biet; denn polizeiliche Maßnahmen lassen sich nur dann mit Erfolg in die Wirklichkeit überführen, wenn die große Masse der Beteiligten bei dieser Durchführung hinter ihnen steht, und das ist bei uns immer der Fall ge­wesen. Aber wir haben auf diesem Gebiet nicht immer mit vernünftigen Maßregeln zu rechneU gehabt. Wir ha­ben zu rechnen mit der Unvernunft der politischen Ten­denz, zu rechnen mit einer unklaren Stimmzettelpolitik, und das lebende Und wandelnde Beispiel sür diese Er­scheinungen sind ja die bekannten Sicherheitsmänner.

Gegenüber den Leuten, welche eine gesunde Sozial­politik und, ich kann das harte Wort nicht vermeiden, sozialistische Ouaksalberei nicht mehr zu uiüerscheiden ver- niögen damit mir die Worte im Munde nicht Um­gedreht werden, füge ich hinzu, selbstverständlich bin ich der Ansicht, dah sowohl der Herr-Handelsminister wie

ftvell Frei?

Novelle von Eugen Werner. i (Fortsetzung.)

Um den Frühstückstisch, an dem auch Margaretha [' Platz genommen hätte, sah eine auserwählte Gesellschaft Französinnen rmd Engländerinnen, welche sich so­wohl für Pferde als auch für den Zeppelin inlercffier- . en. Ein Teil plante eine Fahrt nach Karlsruhe, der ' indere wollte zu den Rennen. Mle hatten schon ihr Tagesprogramm ausgestellt.

- Eine der Damen wandte sich an Margaretha.

Haben Sie schon einen Plan fiir den heutigen Lag?

Die Angeredete zögerte.

Ich bin mir noch nicht ganz klar!

Vielleicht möchten Sie sich uns anschliehcn?"

Margaretha lehnte dankend ab ; sie hatte keine Luft. Mein wollte sitz sein allein mit ihren Gedanken nit ihrem Glück. Sie war herzlich froh, als am llachmittag das große Haus leer wurde und sie nun mgestört ihren Träumen nachhängen durfte.

Ja wohl war die düfteschwere Riviera schön ibcr ihr Schwarzwald: o ! sie hätte ihn umarnien- >en, ihren heimatlichen Wald die alten, geheimnis - oll rauschenden Tannen ! Ties atmend sogen ihre Lun- .en die frische, ozonreiche Lust ein, ihre Heimat war halt *'«5 am schönsten!

Ob ihr Mann die alte Wohnung beibchalten ha- *8 mochte? Sie wollte doch gleich am anderen Tage nrmal nachsähen. Sie brauchte ja nur an dem Haus orbeizufahren, dann sah sie sosort, ob das Schild noch n der Gartentür« hing.

Einige Minuten später Margaretha wußte kautn, wie es kam befand sie sich unten am Waldsee, aus dem Wege nach der. Stadt. Lächelnd verfolgte sie ihren Weg. Jetzt war es vollends einerlei. Rüstig schritt fk vorwärts und erreichte am hohen Nachmittag die Stadt. Sie brauchte nun nicht mehr weit zu gehen, denn die Wohnung befand sich in allernächster Nähe des Bahn - Hofes. Wie eine Verbrecherin schlich sie an der Villa vorbei. Dort hing auch die Tafel. Er war also nicht verzogen und all die vielen Sächelchen standen noch auf ihrem Platze, wo sie dieselben hingestcllt hatte. Alles war noch um ihn nuy sie selber fehlte!

Müden Schrittes machte sie sich auf den Heimweg und rief sich alle jene Worte ins Gedächtnis zurück, die er ihr bei ihrer Trennung gesagt hatte. Ob es wahr sein mochte? Ob er sie wirklich noch liebte?

Wochen sind vergangen. Für Margaretha eine Zeit :s bittersten Schmerzes. Tie hatte es bisher^ noch nicht :wagt, sich wieder ihrem Manne zu nähern. Ihr bangte, könnte sie zurückweisen.

Es war Mitte Ottober. In den spätsommerlichen uft woben Marienfäden. Altweibersommer!

Margaretha hatte in letzter Zeit alle jenen Punkte ff gesucht, wo sie einst mit ihrem Manne >n hnbhmcr reude geschwelgt hatte. Heute nun sollte sie der Wa- n über das alte Schloh nachFavorite bnngen.

Langsam rollte der Wagen durch den rotbrauube- ubten Wald hinauf zum alten Sch °,se. Nach kur- m Aufenthalt ging es weiter, an Kellersbttd vorbei m LustschlosseFavorite" entgegen, das sie nach einer ilbstündigen Fuhrt endlich erblickte.

Margaretha wunderte sich, dah noch alles, war, wie früher. Sie glaubte, eine Ewigkeit liege zwischen einst" undjetzt" und hatte irgend eine Veränderung erwartet.

Sie winkte dem Kutscher, zu hallen, und ging zu Fuß einen der Wege, die um das Schloh führen. 3

Wie still, wie träumend lag das Schlößchen in­

mitten der herbstlichen Pracht! Stolz und vornehm, märchenhaft jungfräulich, zart und duftig. Eine heilere Verbindung von italienischer Renaissance und französi­schem Zopfstil. Dieser längliche Bau von Seitenflügeln, der mit breiten Statuen geschmückten Freitreppe, den zierlich gearbeiteten schmiedeeisernen Geländern, welche die anmutigen Altanen einen vergoldeten Engelskopf in der Mitte wundcrlieb verzierten und zuletzt das ewigschöne, eigenartige Kieselkleid des Lustschlosses. Wie heiter das Schlößchen in die sonnige Welt blickte! In eine Welt beseligenden Friedens und köstliche Ruhe. Eine Welt, von dem Dome des Waldes überschattet, den Besucher zu siommer Andacht zwingend. Eine Parkwelt sür sich, wo einst pulsende erste reine Liebe sich mtt dem Tone des Glöckchens der Büherkapclle vermählte jetzt in den Wandelgängen des Jagdpavillons; den blu- men- und blütenduftenden Parkwegen nächtlich geistert, unhörbar über die Zeugen ihrer Liebe, die alten Tan­nen des In-- und Auslandes schwebt, über die welken­den Bosqutzts hinüber zum See schleicht, wo Wasser - jungfrauen mit süßem Duft, in der Rose Bildnis ver­zaubert, schlafen und sie nun unsichtbar in die Wasser taucht, um das melodische Murmeln der klaren Qutzllc mit lechzenden Zügen in sich auszunehmen.

(Fortsetzung folgt.)