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ytt. 36 _ Telephon: Nr. 382. Mittwoch, dcn 0. Mai 1014.
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Telephon Rr. 883. 26.
Politifcbe Kundfcbau
Deutschland.
• Der Kaiser oerwcille vorgestern vormittag rus Korfu im Museum. Die Abreise des Kaiser - oaares nach Portofino und Genua erfolgle um 1 Uhr rus der „Hohenzollern", der die Kriegsschiffe „Breslau'', .Goeben" und „Sleipner" folgen.
• Der deutsche Kronprinz vollendet heute fein 32. Lebensjahr.
• In der BUdgetkomimffion des Reichstages hat der Kricgsminister erklärt, unser starres Luftschiff sei bei weitem das beste, das eristiere.
• Der kaiserliche Statthalter Dr. v. Dallwitz wird sich am kommenden Freitag nachmittag gelegentlich des Besuchs des Kaisers auf der Hohkönigsburg beim Kaiser melden.
" Im Regierungskonslitt zu Koburg-Gotha hat der Herzog das Entlaffungsgesuch des Staatsministers v. Richter genehmigt.
• In Berliner diplomatischen Kreisen mißt man de» angelündigten Ausführungen des russischen Ministers des Aeußern in der, Duma über die auswärtige Politik Rußlands eine große Bedeutung bei, da Easanow vorher eine Aussprache mit dem Zaren in Livadia haben wird. Es ist Grund zu dey Annahme vorhanden, dag die bei einzelnen Fragen letzthin her- vorgctretencn deutsch-russischen Unstimmigkeiten eingehend behandelt werden.
• Berlin. Als Rachsolger für den kürzlich aus den Dienst geschiedenen Präsidenten des Anfsichtsaints für PrwatversicheniNg in Berlin, Grüner, hat der Vortragende Rat im Reichsamt des Innern, Geheimer Oberregierungsrat I a u p, die Leitung des Amtes übernommen.
• Wegen angeblicher Beleidigung der französischen Fremdenlegion ist im Reichstage von sozialdemokratischer Seite eine Anfrage cingebracht worden.
Oesterreich.
• Wien, 5. Mai. Ueber das B c s i n d e n des Kaisers Franz Joses wird amtlich inilgeteilt: Die Nacht ist gut verlausen. Sie war erquickend und die katarrhalischen Erscheinungen geringer. Das Allgemeinbefinden ist dementsprechend.
Ungarn.
* Budap «st, 5. Mai. Der „Pester Lloyd" schreibt zu der Frage der O r i e n t b a h n e n Da
Oesterreich-Ungarn dfts serbische Gegenprojekt nicht annehmen kann, bleibt der Monarchie kaum ein anderer Weg übrig, wie die Bahn zurückzusordcrn. Es ist das nicht nur ein durch die türkische Konzession verbrieftes Recht, sondern entspricht auch den Verpflichtungen, die Serbien durch den türkisch-serbischen Vertrag übernommen hat, sowie den einschlägigen Beschlüssen der Londoner Botschafter-Konferenz.
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England.
* Der englische Schatzkanzler Lloyd George hat in seiner Vuldgclrede ein Programm s o> z i « l e r Reformen entwickelt und für deren finanzielle Ordnung Vorschläge zu einer Steuerreform, die allein den Reichen glöszere Lasten aufbürden, gemacht.
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Grofibritanicn.
* Die britische Regierung hat die ftemden Regierungen mit Ausnahme Frankreichs, Griechenlands n. Dänemarks zu einer Konferenz eingeladen, um ein internationales Uebcreinkommen bezüglich der Einfuhr von Häuten und von Federn wilder Vögel zustande zu bringen.
Türkei.
* Konstanlinopel. Zwischen dem deutschen Bolschaster und dem Grotzwesir fand auf der Pforte in Konstanlinopel ein Notenaustausch statt, wodurch die Geltung des am 25. Juni ablaufenden Handels- und Schiffahrtsverlrages vom 26. August 1890 sowie die Geltung der aus eine dreiprozentige Zollerhöhung bezüglichen Zufatzkonvention vom 7. April 1907 vorbehaltlich der beiderseitigen parlamentarischen Genehmigung auf ein Jahr verlängert wird.
Amerika.
* Das Schiedsgericht über den merikanisch-ameri- kanischen Streit wird sich zunächst auf die bekannte Salutfrage von Tampico erstrecken.
" B e r a c r u z, 5. Mai. In einem Aufruf, der von Zapala am 1. Mai unterzeichnet worden ist und der gestern veröffentlicht wurde, wird bekannt gegeben, datz die Insurgenten des Südens heute die Stadt Meriko angreisen wollen und über Huerta und General Blanquet das Todesurteil anssprechen. Durch diesen Aufrus wird die Meldung widerlegt, das; Zapata und Huerta züsammenwirkten und Zapata aus Beracruz marschiere.
Gebeimer JuHizrat Gucfieifcb f.
Bon einem Siechtum, das um so trauriger war, als es einen außerordentlich arbeitssamen lebensfrohen Mann traf, ist am letzten Sonntag endlich Geheiincr Justtzrat Guts! ei sch erlöst worden.
Wenn wir einen Blick auf dieses an Arbeit und Ersolgen reiche Leben werfen, so steht uns noch vor der Erinnerung die ganze Popularität, die er in den 80er und 90er Jahren in Gießen genoß.
Er war auf dem Lande als Anwalt und als Politiker ungemein beliebt. Nicht nur wegen seiner Rede- gabe, sondern auch weil er. bei allen, die ihn kannten den Eindruck eines absolut zuverlässigen Sachwalters und Ehrenmannes erweckte. Wiederholt wurde er in den Reichstag gewählt, im Jahre 1890 gleich doppelt in Gießen und in Friedberg. Vergebens kämpfle ein bekannter oderheffischer Großindustrieller gegen ihn an. Die nalionalliberale Partei ha> ihm, dem Anhänger Richters, das Leben recht sauer gemacht, aber schlagen konnte sie ihn nicht. Verdrängt hat ihn erst die antisemitische und bündlerische Agitation. Gut fleisch ließ sich nie wieder zur Ilebernahme einer Reichstagskandidcttur bewegen. Er hatte inzwischen auch in der Zweiten Kammer und in der Stadtverordnetenversammlung zu Gießen Arbeit die Fülle bekommen.
Für Gießen hat er sich das wesentliche Verdienst dadurch erworben, daß er den späteren Finanzminister Enauth als Oberbürgermeister empsahl und dadurch die Entwickelung Gießens einleitele, die ans einer bescheidenen Landstadt lene schmucke Universitätsstadt machte, die allen alten Gießenern ans Herz gewachsen ist.
In der Kammer erfreute sich Eutsleisch eines außerordentlichen Ansehens bei allen Parteien. Seine großen Erfolge verdankte er seiner Sachkenntnis und seiner konzilianten Haltung. Eutsleisch war mehr als ein Diplomat und e!n Advokat. Wär.e er nur das gewesen, er wäre wahrscheinlich als Minister a. D. gestorben. Doch weil er von seiner Grundauffassung nichts preisgeben wollle und weil er die unhaltbare polilischc Situation in Hessen eckannte, hat er jeden Gedanken an ein hohes Staatsami, der wiederholt an ihn herangelyagen wurde, von sich gewiesen. Er wollte nicht allein von dem Vertrauen des Landesherrn, sondern auch von dem einer starken liberalen Partei getragen sein.
Die hessische Volkspartei bewahrt ihm ein ehrendes und dankbares Gedächtnis.
Frei! — Frei?
Novelle von Eugen Werner.
(Fortsetzung.)
Wie im Traum folgt Margaretha dem Grafen, der sich an ihrem Staunen weidet und nun nimmt sie eine unterirdische Staiaititengrotte auf, deren Glanz zu eineni See führt, welcher sein magisches Licht von oben empfängt. Ein Nachen harrt ihrer.
„Wie das schaukelt!"
„Keine Angst, gnädige Frau!“
Uichörbar. fast glitt das Boot zwischen den engen Felswänden hindurch ins Freie, hinaus in den offenen See, in dessen Mitte ein Dianaiempel sich erhebt, sanft umspült von den plätschernden Wellen. *
„Und nun wechselt eine Ueberraschung die andere ab. Wir wollen deshalb ruhig im Boote verharren," wendet sich der, tüchtige Fährmann an die junge Frau, die wie eine Träumende in die ungeahnte Pracht schaut.
Er trieb das, Boot hinüber zu einem türkischen Kiosk, dann zu einem ägyptischen Obelisken und endlich unter die chinefilschc Brücke.
Plötzlich sprühten von allen Seiten glitzernde Strahlen in das Boot und erschreckt sprang Margaretha ans.
„Sitzen bleiben!“ rief Gras von Biffingen lackend, das schwankende Boot aus dem Wasserspiegel treibend. „Ich habe diese Ueberraschung gänzlich vergessen gehabt, sonst würde ich nicht verfehlt haben, Sie darauf aufmerksam zü machen."
„Ach, es schadet nichts", erwiderte die junge Frau beschämt, „ich erschrak nur im ersten Moment."
Vor dem Floratempel mit den Statuen des Frühlings und des Herbstes legte der Gras an und hals seinem Schützling aus dem Boote. An Grotten vorbei
überschritten sie eine Brücke und erblickten nun an eineni kleinen, von Zypressen eingerahmten See das Porträt des Dichters Chiabrera und die Büste des genialen Erbauers, — des Architekten Canzio.
„Eine götterwürdiqe Kunst, die diesen Menschen beseelte", sagte Margaretha, mit scheuem Staunen in die lebenden Züge des verewigten Künstlers blickend.
„Wie der Mann, so die Tat!" war des Grasen Eegenantwort. „Künstler sind meist mehr wie Menschen und darum müssen wir ihre Eigenart oft gelten lassen, wo sie scheinbar eine Verdammung notwendig erdulden mühte."
Nachdem sie noch den botanischen Garten mit den seltenen und erotischen Sträuchern und Bäumen bewundert und ihren berauschenden Düfteozon eingeatmet hatten, verließen sie die Märchenstätte des Eden, um an den Heimweg zu denken.
„Gnädige Frau, was fehlt Ihnen?" sagte eines ichmittags Graf von Biffingen zu seinem Schützling, m er wie gewöhnlich um diese Zeit zu einem Rach - ittagsspazieroang abholte. „Sie haben sich in den vier Zöchen ganz bedeutend verändert, daß ich fürchte, die ee könnte Ihnen nicht zuträglich sein."
Sie zuckle die Achseln. „Möglich. Ich weih es cht, es ist eine Müdigkeit in mir, nach deren Ursprung i vergeblich suche und die sich sogar oft bis zum Le- nsüberdruß steigert."
„Tatsächlich?"
Margaretha rührte seine tiefe Besorgnis, me aus n erschrockenen Zügen sprach und die ihr wahre Tett-
ihme bewies. — . ,
Ja es ist so. Ich weiß nicht, woher es kommt.
ber'ich habe diese berauschende Schönheit satt — o fo
satt!" — Sie schlug die seinen Hände vor ihr Antlitz.
„Gnädige Fr,au !" Bebend traf sie der Wohllaut seiner Stimme. Sie schaute aus in seine tiefen Augen, die aus den tiefsten Grund ihrer Seele zu tauchen schiene».
„Wayum gehen Sie nicht von hier fort ? Reisen Sie doch dorthin, wohin sich Ihr Herz sehnt."
„Wüßte ich nur wohin", entgegnete sie leise, „dann wäre ich schon längst fort."
Prüfend schaute der Graf auf die junge Frau, die ein so offenes Herz und volles Verständnis für alles Schöne und Gute gezeigt hatte.
„Ich würde Ihnen gern einen Rat geben, gnädige Iran," sagte er langsam, mit sich selbst im Zweifel —
„Abey?--Reden Sie nur ! Sie wissen ja, daß
ich Ihnen unbedingt vertraue!"
„Aber — noch ist es zu früh", entgegnete er wie im Traum, „noch fürchte ich, können Sie den Tod einer Illusion nicht ertragen und darum warten wir noch!"
Ziemlich einsilbig schritten sie auf den herrlichen Parkwegen dahin. Jedes war mit seinen Gedanken be-
schästicst. . , .
„Kommen Sie, gnädige Frau'', unterbrach endlich der Graf die Stille, „wir wollen zum Konzert gehen. — Das Programm wird Ihrer Stimmung entsprechen und so oder so zu Ihrer Genesung beitragen."
Ohne den eine nähere Antwort heischenden Blick zu beachten, ergriff er ihre Hand und willig folgte sie ihm in den Kurpark. — Ein buntes Gewimmel von Damen und Herren empsing sie. Ein Stimmengewirr wie das brausende Meer. An einem kleinen Tischchen nahmen sie Platz. Sie müde — wie eine Kranke — er voll strotzender Lebenslust!" —
(Fortsetzung folgt.)


