Wem nie durch Liebe Leid gejchuh.
Roman von Courlhs-Mahler.
Nachdruck verboten
Während die Baronin diese Erklärung gab, kokettierte Karla sehr stark mit Hans Ullrich. Und den vereinten Bemühungen von Mutter und Tochter gelang es denn auch, zwischen der Baronesse und Hans Ullrich ein Alleinsein herbeizuführen.
Aber es sollte ergebnislos verlausen. Hans Ullrich hatte freilich alle Geschicklichkeit nötig, den Netzen zu entgehen, die Karla ihm übcizuwerfen drohte. Sie manöverierte mit so viel Geschick und Kühnheit, und außerdem mit dem Mut der Verzweiflung. daß Hans Ullrich fast unartig sein mußte, um ihr auszuweichen.
So mußten die beiden Damen schließlich ohne Erfolg ab- 'sahren.
Als Hans Ullrich mit seiner Mutter allein war, sahen sich beide fragend an.
„Was hältst du von dieser plötzlichen Abreise, Hans Ullrich?" fragte die Mutter.
Er zuckte die Achseln.
„Ich weiß es nicht, Mamma. Nur soviel schien mir sicher, daß von den Damen der wahre Grund verheimlicht wurde."
„Das Gefühl hatte ich auch — und ich muß sagen, die beiden Damen machten mir heute einen recht ungünstigen Eindruck Ich muß es Dir einmal sagen, Hans Ullrich — ich bin doch froh, daß Du dich nicht mit Baroneß Karla verlobt hast."
Haus Ullrich seufzte.
„Ob sie, oder eine andere, Mamma — eine ist doch gewiß — daß ich meinem Herzen werde Gewalt antun müssen, wenn ich mich nach den Gesetzen unseres Hauses verheiraten muß. Ich gäbe viel, sehr viel darum, wenn ich ein freier Mann und nicht der an allerlei Klauseln gebundene Majoratsherr von Frankenau wäre."
Die alte Dame richtete sich erschrocken auf.
»-Hans Ullrich — für deine Morte gibt es nur eine Erklärung — du liebst — liebst ein Mädchen, das dir nicht ebenbürtig ist.?"
Gr setzte sich zu ihren Füßen und legte den Kopf in ihren Schoß.
Mamma — ich liebe — mit allem, was in mir ist — ]o, wie ich noch nie eine Frau geliebt habe. Da sitzt dein großer Junge, wie als Knabe, und beichtet dir sein Leid. Und diesmal rst es das größte Leid meines Lebens — und du kannst mir nicht helfen."
Sie legte ihre Hand auf sein Haupt. In ihrem erblaßten Gesicht zuckte der Schmerz.
. ..Mein Sohn — mein geliebter Sohn — eine Mutter kann viel tun für ihr Kind. Aber hier bin ich machtlos. Wäre die Majoratsbestimmung nicht - bei Gott, jede Frau, die du mir brachtest, sollte mir recht sein, denn ich weiß, das Herz meines Sohnes wählt keine Unwürdige"
„Dessen kannst du gewiß sein, Mamma. Sie, die ich liebe, wäre wert, einen Thron zu besteigen. Und ich habe sie so lieb.' daß ich schon in Erwägung gezogen habe, ob mir der Herzog nicht helfen kann, die Hindernisse zwischen ihr und mir zu beseitigen."
Na chdenkl ich sah die alte Dame auf ihn herab.
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„Vergiß nicht, Hans Ullrich, daß der Herzog selbst seinem Herzen Gewalt antun mußte, als er sich vermählte. Ich fürchte, er würde ein Gleiches von dir fordern."
Er küßte ihre Hände.
„Du fürchtest es, liebe teure Mamma. So würdest du nichts dagegen einzuwenden haben, wenn mir der Herzog auf meine Bitte die Hindernisse aus dem Wege räumte?
Sie schüttelte den Kopf.
„Wie könnte ich etwas dagegen haben, daß mein Sohn glücklich werden soll?" sagte Frau von Frankenau schlicht. „Dazu mußt du doch deine Mutter zu gut kennen. Aber ich wage es nicht zu hoffen. Und ich bin machtlos, dir zu helfen. Aber mit dir leiden kann ich, mein geliebter Sohn. Und wenn dein Herz voll und schwer ist. so komme zu mir und sprich dich aus. daß ich dir tragen helfen kann. Mein armer Junge! Mir ist das Herz so schwer. Auch andere Sorgen lasten auf mir. Die politische Lage scheint mir unhaltbar. Rußlands Verhalten scheint mir bedrohlich. Und in Oesterreich klingen schon die Kriegsglocken Mir ist so bang zu Mute, als müßten sie auch bei uns bald klingen. Dann müßte Ursula ihren Verlobten hcrgeben und ich — ach, mein Sohn? — ich kann mch's tun, als beten. Gott bewahre uns in Gnaden."
Hans Ullrich hob den Kopf und sah zu ihr auf.
„Heute oder morgen wird die Entscheidung fallen, liebe Mamma. Ich verschwieg es dir bisher — der Kaiser hat an Rußland ein Ultimatum gestellt."
„Mein Gott — also kam es doch so weit?"
„Ja, Mamma. Und was auch kommen mag, du mußt stark und ruhig sein."
Sie lächelte schmerzlich
„Stark — so lange die Kräfte reichen, mein Sohn. Aber rnbig? Welche Mutter könnte ruhig sein, wenn sie Glück und Leben ihres Kindes bedroht sieht? Aber still — Ursula kommt. Sie soll nicht beunruhigt werden, so larwe es. nicht nötig ist."
Hans Ullrich sprang auf, und Mutter un.d Sohn gaben sich den Anschein, über alltägliche Dinge zu plaudern. Ursula trat ein. Sie war sehr erregt.
..Mamuschka — denke dir, was ich soeben vom Verwalter Steffen hörte — er sagte, wir bekommen Krieg. Ist es denn möglich, Mamuschka, daß so etwas geschieht?"
Sie fiel ihrer Mutter aufweinend uni den Hals.
„Gott verhüte es, Ur>ula. Du mußt solche Worte nicht zu schwer nehmen. Die Männer führen immer leicht das Wort Krieg im Mund."
Urstila schmiegte sich an sie
„Ach. Mamuschka. so grausam' kann doch der liebe Gott nicht sein, nicht wahr? Ich kann mir nicht ausdenken, wie das fein würde. Mein Joachim — er müßte gleich ins Feld und Sans Ullrich auch. Ach nein — das ist doch aller Unsinn. Ich will an so eine Möglichkeit nicht denken
Frau von Frankenau streichelte ihre Tochter und sah mit schmerzlichem Ausdruck über sie hinweg in Hans Ullrichs Ge. sicht. Wie war es plötzlich so dunkel um sie her! Sollte ihr übermütiger kleiner Wildsang durch eine so harte Schule gehen müssen, wie der Krieg sie mit sich brächte? Und ihr Sohn? Das arme Mutterherz schlug angstvoll in der Brust.
Die Baronin Haßbach war mit ihrer Tochter abgereist. Weder Christa, noch Herr von Virkenheim waren noch einmal mit den beiden Damen zusammengetroffen.
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Wie selbstverständlich übernahm Christa di« Hausfrauen^ pflichten in Virkenheim. Herr von Birkenheim gab der Dienerschaft Befehl, Thrista in allen Dingen zu gehorchen, wie ihm selbst. Er sagte den Leuten, daß die junge Dame seine Verwandte und eine Freiin von Plaren sei.
Am Spätnachmittag hatte Herr von Virkenheim eine lange Konferenz mit seinem Verwalter. Indischen wollte Christa einen längeren Spaziergang in den Wald machen.
Onkel Heinz hatte ihr versprochen, am nächsten Vormittag mit ihr nach Frankenau zu fahren. Dort sollte sie sich selbst als Marias Tochter zu erkennen geben
Ein feines Lächeln war über feine Züge geflogen, als er sah, daß Christa errötete.
Nun ging sie langsam, in Träumerei verloren, durch den Wald. Ihr Blick haftete am Boden, und ihre Brust hob sich ln tiefen Atemzügen. Sie dachte an Hans Ullrich. Was er wohl tun und sagen würde, wenn er erfuhr, wer sie war?
Ein süßes Lächeln flog über ihr Gesicht. Wie gut war es doch, daß sie schon jetzt wußte, daß Hans Ullrich sie liebte. Würde er es ihr erst sagen, nachdem er erfahren haben würde, daß sie Christa von Platen, die künftige Herren von Birkcnhe'm sei dann hätte sie sich einbilden können, seine Werbung gälte diesem Umstand mehr, als ihre Person.
Wie glücklich war sie, daß ste seiner Lrebe sicher war.
Hatte ihn ihre Sehnsucht herbekgezaubert? Sie hörte plötzlich das Schnauben eines Pferdes, und gleich darauf hielt ein Reiter dicht vor ihr auf dem Wege — Hans Ullrich von Frankenau.
Er erblickte sie zu gleicher Zeit. Schnell sprang er vom Pferd, schlang den Zügel um einen Baum und trat mit'Llassem, erregtem Glicht auf sie zu.
„Mein gnädiges Fräulein — haben meine Wünsche Gewalt über Sie? Soeben dachte ich Ihrer mit dem intensiven Wunsch, daß ich Ihnen begegnen möge — und nun stehen Sie vor mir, wie die Erfüllung meines Wunsches," sagte er mit vor Erregung heiserer Sttmme.
Sie sah ihn an und richtete sich jäh empor. Etwas in seinem Gesicht machte sie unruhig.
„Warum wünschten Sie mir gerade jetzt zu begegnen?** fragte sie.
Er atmete ttef aus.
„Eigentlich wünsche ich mir das immer. Aber heute Habich einen besonderen Grund — ich wollte von Ihnen Abschied nehmen — ohne Zeugen," stieß er hervor.
Sie sah erschrocken in sein ernstes, blasses Gesicht, in dem die Erregung zuckte.
„Abschied?" fragte sie atemlos.
— Abschied, mein gnädiges Fräulein. Soeben Habs ich auf der Post ein Telegramm erhalten — der Kaiser ruft z* den Fahnen. Ich bin auf dem Weg nach Virkenheim. Unter dem Vorwand. Herrn von Virkenheim diese Kunde zu bringen, wollte ich versuchen. Sie zu sprechen. Christa — der Krieg ist da — und ich kann nicht ohne Abschied von dir gehen."
Eie wurde totenbleich.
„Der Ktteg — der Krieg! Und Sie müssen fort?"
„Ja, morgen ist der erste Mobilmachungstag — in drei Tagen muß ich fort, und ich weiß nicht, ob ich dich noch einmal vorher sehen werde — du mein geliebtes Mädchen.-
Ihre Hände sanken schlaff herab.
Fortsetzung folgt.
Es ist vorbei mit unserem Sehnen Nie kehrt er heim ins Elternhaus;
2hn wecken niemals un!ere Tränen 2n fremder Erde ruht er aus.
Auf's Herz preßt bebend sich die Hand, Du nahmst uns viel, o Vaterland;
Auf Wieder eh'n schriebst du 2n jedem Brief nach Haus,
Run ist es dir nicht mehr befchieden, Du ruhst nach heißen Kämpfen aus.
plötzlich und unerwartet traf uns die tieftraurige Nachricht, daß unser innigstgeliebter herzensguter braver Sohn, unser heißgeliebter unvergeßlicher Bruder, Neffe und Vetter
Atzk Wilhelm Karl Hrseathal
aktives 2nf.-Neg. 118, M.-G.-Komp.,
am 4. Juli sein junges hoffnungsvolles Leben im Alter von 19 Jahren durch den grausamen Weltkrieg lassen mußte.
Affenheim, den 26. Juli 1918.
In tiefem Schmerz:
Friede. Wilh. Hesenthal u. Frau geb. Liffa Arthur Gallisch, z. Zt. im Felde Frieda Hesenthal Anna Hefenthal
Rudolf Hefenthal, z. Zt. in Garnison Emma Hefenthai
Marie Hesenthal und alle Verwandten.
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Friedderg, den 24. Juli 1018.
Der Bürgermeister.
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