merksam zu. Anderen Tages machte rch es ebenso, und am dritten Tage fragte sie dann: »Liebe Schwester Wilhelmine, was lesen Sie denn?« Ich sag'e: »Ich lese Gottes Wort, die Nahrung für meine Seele,« Da bat sie: »Bitte, lesen Sie laut!« Ich tat dies, und von da an verlangte sie dies täglich wieder. Ich stand an der Leidensgeschichte unseres HErrn und Heilandes, und sie hörte mir mit großer Begier dabei zu, Ihr Vater kam öfters und war äußerst lieb mit seiner Tochter und für ihr leibliches Wohl besorgt. Doch wußte er nichts Besseres zu sagen als: »Liebes Kind, du wirst bald gesund werden, dann reisen wir in ein Bad« usw,; dies wiederholte er täglich. Eines Tages, als der Vater sie verlassen hatte, wandte sie sich zu mir und fragte: »Liebe Schwester, mein lieber Papa redet immer vom Gesundwerden, was sagen denn Sie; werde ich bald genesen?« Nun kam die gefürchtete Frage, Was tun? »Liebes Fräulein,« sagte ich, »Ihr Zustand ist ein ernster, doch bei Gott ist kein Ding unmöglich; Er kann Sie, wenn es Sein Wille ist, wieder genesen lassen,« Sic war mit meiner Antwort nicht so recht zufrieden, wie ich wohl merkte, und am nächsten Tage sing sie von neuem an: »Liebe Schwester Wilhelmine, denken Sie, daß ich sterben muß?- Ich erschrak über diese energische Frage und erwiderte: »Mein liebes Fräulein, Sie sind sehr schwer krank, und wenn Gott nicht ein Wunder tun will, so kann es sehr wohl sein, daß Sie Ihre Gesundheit nicht mehr erlangen, doch wie Er will. Er ist allmächtig,- Hierauf sagte sie: »Ich merke es wohl, Sie wollen nicht recht herausrücken, ich werde scheint's nicht mehr gesund, nicht wahr? Liebe Schwester, was würden Sie tun, wenn Sie in meiner Lage wären? O bitte, sagen Sie mir's,« Da antwortete ich ihr: »Ich würde mich der vollen Vergebung meiner Sünden versichern und Frieden mit Gott suchen.« Da rief sie rasch: »O bitte, helfen Sie mir; wie fange ich das an?« Ich verwies sie aus das Wort Gottes und auf unseren HErrn und Heiland, der auch für ihre Sünden gestorben und der uns mit Gott so völlig versöhnt, daß Gott selbst uns alle Sünden vergibt und das ewige Leben schenkt. Ich sagte ihr, wie dann der Friede Gottes in unser Herz eiuzieht. Ich betete mit ihr und las ihr Gottes Wort weiter vor. Nach wenigen Tagen, in denen sie mit stiller Ergebung in Gottes Willen ihr Leiden trug, fand sie Heil und Frieden in Jesu Christo, Bald darauf ging sie als ein glückseliges Kind Gottes im Frieden Gottes lächelnd heim. Der Vater der lieben Heimgegangenen war in seinem Jammer fast trostlos. Sie hatte ihm noch vor ihrem Tode erzählt, daß sie keine Furcht vor dem Sterben mehr habe, da sie zu ihrem Heiland gehe, und sie bat ihren Vater, zu sorgen, daß er ähr Nachkomme. Nachher kam er zu mir und sagte: »Schivester, was haben Sie mit meiner Tochter begonnen, daß sie, so jung, schon so ruhig sterben
konnte? Bitte, sagen Sie mir alles; ich möchte auch solchen Frieden finden und auch so ergebe» sterben können,« Ich sagte ihm, er solle sich nur eingehend mit Gottes Wort beschäftigen und es zur Richtschnur seines Lebens machen, dann werde es ihm sicher auch den Weg zu solchem Frieden zeigen, der in Jesu allein zu finden sei. Er versprach es mir ernstlich. So wurde das selige Sterben seines Kindes der Anlaß, daß der alte Vater sich auch besann: »Was muß ich tun, daß ich errettet werde?«"
Ist das nicht eine liebliche Frucht des Glaubens, der Wahrheit und des Gebetes, welche an dem Kranken- und Sterbebette dieser Tochter offenbar wurde? v, V,
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Vur Gnade.
Von einem gläubigen Arzt, der im 18, Jahr- hundert zu Leyden in Holland wohnte, er hwß Hermann Boerhaave, ist berichtet, daß derselbe bitter- lich zu weinen begann, als er einen Verbrecher zum Richtplatz führen sah. Man suchte ihn zu beruhigen, weil doch jener Mann die Todesstrafe reichlich verdient habe. Aber Boerhaave erwiderte: „Ich weine nicht über jenen, sondern über mich; denn ich muß daran denken, daß alle die bösen Triebe, die den Unglücklichen auf die Bahn des Lasters geführt haben, auch in meiner Brust lagen. Wenn ich nicht zum Verbrecher geworden bin, so war das nur Gottes unverdiente Gnade an mir."
Die meisten Menschen kennen weder ihr arges Herz noch die bewahrende und befreiende Gnadenmacht Gottes noch die List und Gewalt Satans, des Fürsten der Welt, der sie unter seiner Gewalt dahinführt. Sie bilden sich ein, sie könnten auf ihrem Sündenwege anhalten, wann und wo sie wollten. Dies ist ein verhängnisvoller Irrtum, „Wahrlich, wahrlich. Ich sage euch: Jeder, der die Sünde tut, ist der Sünde Knecht," (Joh, 8, 34,) Die Macht der Sünde bindet den Menschen in Ketten, und je mehr er mit Bewußtsein Sündenwege geht und Sündenlust genießt, desto stärker werden diese Ketten, an denen Satan, der Vater der Lüge, seinen also gebundenen Sklaven dahinführt, Wohl bezeugt das Gewissen dem Sünder, daß er für seine Wege und Taten verantwortlich ist, er kann die Schuld nicht von sich abwälzen, aber er kann sich auch nicht selbst aus den Ketten befreien. Das kann nur Jesus, Jesus ist der Befreier, „Wenn nun der Sohn euch sreimachen wird, so werdet ihr wirklich frei sein," (Joh, 8, 36,) Jesus klopft an dein Herz; wenn du Ihm auftust, befreit Er dich. Wenn du Ihm aber nicht auftust, so denke nicht, du hättest Macht, darüber zu bestimmen, wie weit du der Sünde folgen wolltest.
Es ist ein verhängnisvoller Irrtum, wenn die Menschen meinen, der Mensch sei im Grunde gut, man müsse ihn nur durch weise Erziehung anleiten, dann werde er gut. Sicherlich ist weise Erziehung


