Ausgabe 
31.12.1918
 
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(Neueste Nachrichten)

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Verlag der Gießen er Zeitung", Gießen.

Rr. 119 .

Telephon Nr. 362.

Dienstag, den 31. Dezember 1918.

Telephon Nr. 332.

31. Jahrg.

Ein tluttuf der neuen Legierung.

An das deutsche Bolk wendet sich die Reichsregierung mit folgendem Ausruf, d r heute in großen Massen verbreitet wurde:

Arbeiter, Bürger, Soldaten!

Die Regierungskrise hat die Lösung gesunden, die das deutsche Volk erwartet hat; Die Unabhängigen sind ausgeschieden. Die Reichsregierung wird aus den Reihen der Mchlheitssozialisten ergänzt und von inneren Hem­mungen frei, an die Lösung ihrer großen Aufgaben gehen: die Wahlen zur Nationalversammlung und den Frieden vorzubereiten und bis dahin die Aufrechter­haltung einer freiheitlichen Ordnung siche,zustellen.

Die Bertreter der Unabhängigen sind ausgetreten, weil der Zentralrat der deutschen sozialistischen Republik gegen sie entschieden L,at Der Zentralrat hat erklärt: Die Volksbeauftragtcn Ebcrt, Landsberg und Scheide, mann haben lediglich den Auftrag erteilt, das Nötige zur Besreiung deö Genossen Wels zu veranlassen. Das geschah aber auch erst, nachdcnr die drei VolkSbeauft tragten von dem Führer der VolkSmarincdivtsion telephonisch davon in Kenntnis gesetzt wurden, daß er für das Leben des Genossen Wels nicht mehr garantieren könne. Tos billigt der Zentralrat. Nach diesem Schiedsspruch von der höchsten Instanz, von den Ver­trauensleuten sämtlicher Arbeiter- und Soldatenräte Deutschlands, sind die Unabhängigen aus der Negierung geschieden. Sie haben sie in einem Augenblick verlassen, da alles in Frage gestellt ist: Waffenstillstand, Frieden, Ernährung und Bestand des Reiches, da zum erstenmal vom französischen Bevollmächtigten General Foch die unzweideutige Aeußcrung vorliegt:Mit einer bolsche­wistischen Negierung verhandeln wir nicht!"

Obwohl viele Stunden lang die Berechtigung der Notwehr bi wiesen wurde, in der Ebert, Londsberg und Scheidemann gehandelt haben, und diese von dem Zen­tralrat anerkannt wurde, haben die Unabhängigen ihren Austritt wieder mit d,c angeblichenSchuld" der so zialdcmokratischcn Volksbeauftragten begründet.

Ans die Frage des Zent olrats, ob die Volks beauftragten bereit seien, d'e öffentliche Ruh.' und Sicherheit, insbesondere auch das Privat- und öffentliche Eigentum gegen gewaltsame Eingriff,.' zu .ichützer. und mit den ihnen zu Gebote stehenden Mitteln ihre eigene Arbeitsmöglichkeit und die ihrer Organe gegen Gewalt­tätigkeiten, ganz gleich von welcher Seite, zu gewähr­leisten, auf bief? Frage habin die Unabhängigen ge­schwiegen! Vor B.antwoUung dieser Lebenölrage des deutschen Volkes hoben sie sich gedrückt. Damit haben sie bewies»n, daß sie dre erste Pflicht jeder Regierung nicht erfüllen wollen: die Sichei heit innerhalb des Staates zu giwährleisten!

Indem die Unabhängigen die Mittel zur staatlichen Sicherung ablehnten, erwiesen sie sich als rcgierungs unfähig. Für uns ist die Revolution keine Parteiparole, sondern das kostbarste Gut des ganzen schaffenden Volkes. Wir übernehmen ihre Ausgaben als Beauf­

tragte des Volk s mit d.m Schwur:

Alles für die Revolution und alles durch die Revo­lution! Aber auch mit der festesten Absicht, jedem uner­bittlich entgegenzutreten, der aus d.r Revolution de$ Volkes den Terror einer Minderheit machen will.

Hunde, ttausende demonstri-'ren heute für die neue Regierung, unr den skrupellosen Mißbrauchern der Straße zu beweisen, wo die Mehrheit steht. Aus ihrer Soli­darität beruht unser Auftrag und unser Amt. Die

Massen sind unsere Rechtfertigung. Ihr Wille gibt

uns die Kraft zu der Rieft naufgabe.

Arbeiter, Bürger Soldaten! Mit der Demonstration allein ist es nicht getan. Habt einen Willen und zeigt einen Willen! Dann ist der Abzug der Unabhängigen nicht als die langersehnte Hand ungssreiheit der ein­heitlich gebildeten Regierung. Keine unfruchtbare Partei' Zänkerei mehr, sondern einheitliche Arbeit ln Eurem Sinn, republikanischem, pazifistischem und demokratischem Sinne!

Hoch die deutsche Volksrepublik!

Der ßemonffrationsfomttög in Berlin.

Veciin, 29. Dez. Der heutige Sonntag brachte in Berlin gewaltige Demonstrationen. Die Mehr- heitssozinlisten versammelten sich an einer ganzen Reihe von Punkten der Stadt unter freiem Himmel und zogen dann zu dem Bismarckdenkmal auf den

Königöplatz. Man schützt die Zahl der Massen, die die Meb heitsiozialisten aus die Beine gebracht haben, aus 3-bis 400 COO. Es wurde eine große Anzahl van Reden gehalten, in denen immer wieder gegen die Spartakus leute protestiert wurde.Wir wollen gesicherte Freiheit der Presse, des Wortes unb der Person," das war der Grundzug aller Ansprachen, welche stürmischen Beifall fanden.

Auch die Deutsche demokratische Partei veranstaltete Demonstrationen. Große Menschenniengen marschierten unter Vorantragung von schwarz-rot. goldenen Fahnen durch daS Stadtinnere. Sehr stark war dabei die Beteiligung der Frauen.

vle Einberufung der nationalverfamnilung

Berlin, 29. Dez. Der Tag der Einberufung der Nationalversammlung, sowie der. Ort, an dem die Tagung ftaltfinden soll, jwerden in den nächsten Tagen bekanntgegeben werden. Es ist anzunehmen, daß die Nationalversammlung nicht vor Mitte Februar zusammentrcten kann. Das ist schon aus dem Grunde nicht möglich, weil das Wahlergebnis nicht vor dem 25. oder 26 Januar genau seststeben kann. Als Ort der Tagung wtro mit zunehmender Bestimmt­heit Nürnberg genannt.

Der Achistundenarbeitslag.

Der Artikel in einer der letzten Nummern Ihrer Zeitung schildert in drastischer Weise die Einwirkung des achtstündigen Normalarbeitstages auf das Handwerk. Dazu seien folgende Bemerkungen erlaubt.

Das Handwerk kann von dieser staatlichen Zwangs­maßnahme gegenüber dem Großbetrieb vielen Nutzen haben. Das Wortkann" würde wahr werden:Hand­werk hat gold'nen Boden". Nur müssen die Handwerker verstehen die Situation richtig auszunuhen. Je mehr Maschinen, je weniger Gesellen und Lehrlinge der Meister hat, je mehr er selbst in seinem Handwerk mitarbeitet, um so mehr wird er verdienen. Klein und rein muß seine Losung werden, dann hat er weniger Sorgen, mehr Zufriedenheit. Er muß sich auch sagen, daß die alte reiche Zeit nicht mehr wiederkehrt, muß sich mit gerin­gerem Nutzen bescheiden. Der Betrieb bleibt trotzdem weit lohnender als der Großbetrieb.

Bon größter Wichtigkeit erscheint auch für die Zu­kunft des Handwerkes, die Möglichkeit des Wiederein­tritts der Söhne des Handwerkers ins väterliche Geschäft. Sie ersetzen die doppelte fremde Arbeitskraft, sie finden eine geachtete Lebensstellung, denn, wenn auch viele Handwerkszweige eine starke Zuname sinden werden, weil eben der Handwerker in Hinsicht auf seine Arbeits­dauer an keine Zeit gebunden ist, so bleibt er damit doch dem Wettbewerb des Großbetriebes gewachsen, findet sein lohnendes Auskommen, von der persönlichen und wirt­schaftlichen Selbständigkeit garnicht zu reden. Neue Bäckereien, Schlossereien, Schmiedegeschäfte, Barbierläden, Schneidereien, Schuhmachereien und viele andere Gewerbe­betriebe werden jetzt neu aufgetan werden.,

Bon nicht zu unterschätzender Bedeutung wird auch die Gruppenarbeit der Handwerker werden. Zwei oder mehr Meister akkordieren eine Arbeit. Sie arbeiten Hand in Hand und sie werden auch auf diesem Wege leistungs­fähiger.

Treten dazu gemeinsamer Bezug von Rohmaterial, Arbeitsteilung und Spezialisierung der Arbeit, sowie eine den Forderungen und der Bedeutung des selbständigen Handwerkertums Rechnung tragende Steuerpolitik, so wird das Handwerk einer sicheren Zukunft entgegengehen.

fitu dem Rcicb.

Kerttrr, 29, Dez. Der Zentralrat hat in gemein­samer Sitzung mit der Regierung die Herren Noske, Löbe (Breslau) und Wissel anstelle der ausscheiden- den Unabhängigen bestimmt. Noske war seit dem Aus­bruch der Revolution Gouverneur in Kiel, Löbe Redakteur der BreslauerVolkswacht". Wissel ist ein hervor­ragender Sozialpolitikec und vertrat den Wahlkeeiö Nteder-Baenim, den ec den Unabhängigen nach dem Tode StadthagcnS entriß. Der Austritt der Unab­hängigen vollzog ji'ich am Sonntag inorgen um 1 Uhr mit der Verlesung einer Erklärung durch Dittmann.

* Ein Reichsbürgkrtag in Drrlirr. DerBürger­cat von Groß-Berlin" (Geschäftsstelle Berlin N. W. 6,

Schiffbauerdamm 6/7, Telefon: Noiden 8108) beruft auf Grund zahlreicher Aufforderungen aus dem Reich aus Sonntag, den 5. Januar 1919 einen Richsbürger- tag Nach Berlin ein, zu welchem alle Bürgecräte usw. im Deutschen Reich und D. utsch-Oesterreich eingeladen werden, für je 100000 Einwohner des von Ihnen vertretenen Bezirks einen Delegierten, mindestens aber zwei Delegierte, zu lntsenden. Nähere Angaben über die vorgesehenen N.ferate sowie über die Tagcsordnung und Redner werden folgen. Alle Bürgerräte im Reich und in Deutsch Oesterreich werden gebeten, falls . noch nicht geschehen, sich mit dem Bürgecrat von Groß Berlin umgehend in Verbindung zu setzen.

flus $12ßJ tisd £and.

** Schafft Arbeit! Die Demvbilmachung hat be­gonnen, unsere Feldgrauen k hrcn in die Heimat zurück. Alles kommt jetzt darauf an, das wirtschaftliche Leben wieder in Gang zu bringen, in Stadt und Land Ge- legenheit zu redlicher Arbeit zu schaffen, denn ArbettL- losigkeit dr ngt Gefahr von Hungersnot und Aus­schreitungen. Deswegen ergeht außer an die öffentlichen Kölperschaften auch an jeden Privatbetrieb und Privat- Haushalt der Rus: Denkt an die Handwerker und Ar­beiter die aus dem Felde oder aus dem Hilfsdienst, heimkehren und j tzt wieder Brot und Arbeit haben wollen und müssen. In jedem Betriebe und Haushalte werden Arbeiten oder Anschaffungen vorzunchmen sein, die während des Krieges zurückgestellt waren, wird cs Aer.derungen uvd Ausbesserungen geben. Jetzt ist die rechte Zeit, sie in Auftrag zu geben Verlasse sich niemand darauf, daß vielleicht in wenigen Wocyen die Preise niedriger sein werden. Bleiben unsere Handwerker und Geschästslcute jetzt ohne Verdienst, so können daraus Zustände entstehen die der Gesamtheit und jedem ein­zelnen unendlich viel teurer zu stehen kommen.

* FamttLcnnrrlerstntzungen Das Reichsamt füc wirtschaftliche Demobilmachung hat unterm 9. Dezember d. I. angeordnct, daß Familien von Kriegsteilnehmern, die nach dem 31. Dezember 1918 noch Familienunter. stützungen beziehen wollen, eine Bescheinigung darüber beibringcu müssen, daß der Kriegsteilnehmer sick noch im Heeresdienst befindet, andernfalls darf die Unter­stützung nicht weitergcwährt werden. In dieser Beschei- gung muß zum Ausdruck kommen, daß der Kriegsteil­nehmer nicht in Erfüllung seiner gesetzlichen aktiven Dienstpflicht bei der Truppe verblieben ist. Die Familien, die die Unterstützung über den 31. Dezember 1918 hinaus beanspruchen, werden hiermit ausgesordert, die vorer- wähnl:n Bescheinigungen der zuständigen Sellen, d. h. des Truppenteils, des Ersatztruppenteils oder des Bezirks­kommandos, dem Gemeinderechnec vorzulegen. Weitere Zahlungen von Familienunterstützungen dürfen ohne diese Bescheinigungen nicht geleistet werden.

** Die Grtsirrankenkasse Gietzerr-StadL hielt kürzlich im Postkellec dahier ihre diesjährige Ausschuß­sitzung ab. In Abwesenheit des Ausschußvorsitzenden Kaufmann Strauß leitete Fabrikant Btndcwalt die Ver­handlungen. Nach dem Bericht des Vorsitzenden des Vorstandes Ad. Bolz über den derzeitigen Stand der Kasse ist durch die Auszahlung von Kranken- und Sterbe­geld an Kriegsteilnehmer bezw. deren Hinterbliebene sowie in letzter Zeit durch die zahlreichen Gcippeer- krankungen eine schwere Belastung in finanzieller Hin­sicht cingetrctcn, die süc die Folge noch stärker sei« wird, insbesondere durch die Forderung der Aeczte auf Gewährung einer Teuerungszulage. Nach dem von Ge­schäftsführer Founer erstatteten Rechenschaftsbericht wurden iM Jahre 1917 an Beiträgen vereinnahmt 294 952 Mk., dagegen wurden u. A. ausgegeben füc ärztliche Behandlung 48151 Mk, zahnärztliche Behänd- lung 6139 Mk., Krankenhausbehandlung 27 100 Mk , Arznei und sonstige Heilmittel 35 260 Mk , Krankengeld 99 727, Wöchnerinnen und Stillgeld 22 283, Hausgeld 1545, Sterbegeld 5045 Mk., VerwaltuugSkoste n 47 293 Mk. In der folgenden Aussprache wurde darauf hinqcwiesen, daß von vielen Arbeitgebern versäumt würde, bei Lohn­erhöhungen (insbesondere Teuerungszulagen) eine lim* Meldung bei der Kasse zu bewirken. Gegen derartige Personen soll für die Folge streng vorgegangen werden. Im weiteren Verlauf der Versammlung erstattete Vor­standsmitglied H. Kirchner den Bericht der RcchnungS- prüsungskommission, woraus der Verwaltung durch die Versammlung Entlastung erteilt wurde. Die seitherigen Mitglieder der Rechnungsprüsungskommission wurden wieder gewählt.

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