Genügsamkeit.
1. Brief an Timotheus 6. 8. Wenn wir aber Nahrung und Kleider haben, so lasset uus genügen.
Wir haben sie wieder lernen müssen in der harten Schule des Ktieges, die alte Weisheit und Wahrheit: je weniger Bedürfnisse, desto glücklicher! Wie vieles von dem, was wir früher für unentbehrlich hiÄten und mit aller Kraft erstrebten, erscheint uns jetzt überflüssig. Das ist rechte Genügsamkeit, die den irdischen Dingen den wahren Wert beimißt uwd sie nicht überschätzt. Du kennst sie wohl, jene Erzählung von dem König, der einen Hirtenknaben trifft und erfährt, daß dieser sür seine Arbeit nur Nahrung und Kleidung bekomme. Er ist erstaunt über dieses geringe Entgelt, wird aber durch den Buben zurechtgewiesen, der ihn fragt: Hast imj mehr? Wir brauchen nicht mehr, das zeigt uns!die harte Kriegszeit. Mer wie viele verschließen sich gegen diese Lektion. Sie wollen niehr haben, sie wollen sich nicht genügen lassen und in unersättlicher Gier nach Gold und Genuß greifen sie zu jedem Mittel, treten sie unbarmherzig ihre Mitmenschen in den Staub, Um nur weiter zu kommen, um imm>er mehr zusammen zuraffen.
Das ist eine Ungenügsamkeit, die von unten stammt und zu einer dämonischen Macht! werden kann. Aber es gibt auch eine Unge- j nügsamkeit von oben. Wer sich nur mit Nah-! rung und Kleidung begnügt und dabei ver-! gißt, daß er auch noch eine Seele hat, für die er sorgen muß, der krankt au einer fal-' schen Genügsamkeit, die in Weltsinn und Stumpfsinn enden Muß. Genügsam in allen irdischen Dingen, aber ungenügsam in allen himmlischen Dingen, das ist des Christen rechte Art. Dann gehen wir leicht durchs Leben, frei und froh, und dann ist Sterben unser Gewinn, weil wir einen unvergäng!- lichen Schatz im Himmel traben.
Die Stoöt Giehen in den Jahren 1861 bis 1864.
(Fortsetzung.)
1866.
Mitte Mai hatten die Preußen ein Heer von 20—25 000 Mann unter dem General von Bayer in den benachbarten preußischen Orten von Salzböden bis nach Lützellinden einquartiert mit dem Hauptquartier in Wetzlar. Einzelne nach Gießen herüberkommende Soldaten waren von Gassenbuben „Bis- märcker" geschimpft worden, während die aus
Holstein zurückkehrenden Oesterreicher sich Unter der Anführung einiger unberufener Gießener Einwohner am 13. und 14. Juni einer großen Bevorzugung auf dem Bahnhofe zu erfreuen hatten. Reden wurden gehalten, Vivats und Eljens ausgebracht, Zigarren, Bier und sogar Champagner verabreicht, während man preußischen SoldatenI Wasser in Gießkannen angeboten hatte. Am 15. Juni wurden die Preußen bei Wetzlar zusammengezogen, und der Abmarsch angekündigt. Am 16. Juni standen sie in aller Morgenfrühe auf der Straße von Dutenhofen bis zu den ersten Häusern auf dem Seltersberg. Falsche Gerüchte hatten sie in der Meinung bestärkt, feindliche Truppen seien von Frankfurt nach Gießen gebracht wlorden und ein Teil davon hätte sich im Bahnhof versteckt. Zwischen 6 und 7 Uhr sprengten deshalb drei Husaren mit gezogenen Säbeln und vorgehaltenen Pistolen in den Bahnhof mitten in die Geleise, forderten Auskunft und zogen sich wieder eilend zurück. Nun begann der Durchmarsch der Truppen durch die Stadt' nach dem kurhessischen Gebiete. Dieser Durchmarsch geschah von 7 bis 12 Uhr mit llingendem Spiele und unter Gesang in einem endlosen und imponierenden Zuge, zum Teil im strömenden Regen. Das Korps bestand aus 5 Jn- fanterieregimentern mit je 3 Bataillonen zu 1000 Mann, also im ganzen 15 000 Mann, dazu kamen noch drei Batterien und einige Sanitätskompagnien. Aufsehen erregte es, als in diesem kriegerisch!»: Zuge auch eine Diakonissin, auf einem Wagen mitfahrend, erblickt wurde. Das rasche Einschreiten der Preußen machte einen fast bestürzenden Eindruck. In mehreren Stadtteilen wurden den Truppen, die aus Biwak kamen und feit dem Mittag des vorausgegangenen Tages nichts gegessen hatten, Bier, Zigarren und andere Erquickungen gereicht, dadurch! wurde wieder gut gemacht, was man an den vorausgegangenen Tagen verfehlt hatte. (Ein Mitkämpfer teilte 50 Jahre später mit, daß namentlich die Studenten durch Tarreich!en von Bier sich um die preußischen Soldaten verdient gemacht hätten.)
An diesem Tage herrschte in Gießen große j Aufregung. Das achte Bundesarmeekorps sollte von Frankfurt her im Anmarsche sein, aber dieses Armeekorps war noch! lange nicht beisammen, und in Frankfurt herrschte die größte Furcht. (Tie Frankfurter, die sich selbst für zu gut hielten, um Soldatendienste > zu leisten, erwarteten, daß Bayern und ! Württemberger sie gegen die Preußen schützen


