Nr. 25. Gießen, 4. Sonntag nach Trinitatis, 27. Juni 1915. 4. Jahrgang.
Der Heiertag im Kriege.
2. Mose 20, 8. Gedenke des Sabbattags, daß du ihn heiligst.
Durch die Welt tobt der Krieg; Stunde für Stunde, Tag für Tag lauscht man auf die neuesten Meldungen von den Schlachtfeldern,' was werden sie bringen? Die Zeiteinteilung regelt sich schier nach den Botengängen der Brief- und Depeschenträger sowie den Lrscheinungsstunden der Blätter, und kaum etwas beengt mehr, als wenn Sonn- und feiertags plötzlich jene große Buhe des Nachrichtenverkehrs und damit zugleich jene Unruhe eintritt, die vom Daheim auf die Straße und von der Straße wieder ins D ah e i m treibt, rastlos, beinahe qualvoll. Sn diese Unruhe klingt hinein und fordernd das ernste Gebot aus uralter Zeit: Gedenke des Sabattags, daß du ihn heiligst, paßt diese Forderung noch in die heutige Welt, gar in das Weltkriegsjahr hinein? Dem Wortlaut nach: nein,' dem Geiste nach: ja, erst rechtl Sn der Form des Mosaischen Gesetzes ist sie überlebt, insbesondere in der, die jüdischer Pharisäismus daraus gemacht hatte. Darum aber zerbrach schon kein Geringerer als Jesus selbst die Form, um den Geist zu erfüllen: „Der Sabbat ist um des Menschen willen da, und nicht der Mensch um des Sabbats willen. So ist des Menschen Sohn ein Herr auch über den Sabbat!" (Ein wahres Meisterstück bedeutet denn auch Luthers Umformung des 3. Gebots in die Worte: „Du sollst den Feiertag heiligen!" mit der geisterfüllten Erklärung: „Wir sollen Gott fürchten und lieben, daß wir die predigt und sein Wort nicht verachten, sondern dasselbe heilig halten, gerne hören und lernen!" Echt evangelische Tiefe weht durch diese Erklärung. Was hier verlangt wird, ist an keine Zeit- und Weltgeschehnisse gebunden,' es bleibt bestehen und hat Gültigkeit, ob Frieden, ob Krieg ist: es zieht zu Gott empor, vielleicht desto heiliger, je ernster die Zeiten sind. — Wir wissen ja heutzutage, daß hinter dem religiös-ethischen Grundgedanken des Mosaischen Gebots sich zugleich eine Forderung von höchster sozialer Bedeutung verbirgt. Man hat festgestellt, daß die Einfügung eines wöchentlichen Buhetages in den Br- beitsbetrieb der Menschheit geradezu ein zwingendes Gebot ihrer Selbsterhaltung ist. Wir wissen andrerseits aber auch, und gerade aus dem Munde des Heilandes, daß Zeiten kommen können, in denen es schlechtweg Sünde ist, äußerlich zu feiern: „Welcher ist unter euch, dem sein Gchse oder Esel in
den Brunnen fällt, und der nicht alsbald ihn herauszeucht am Sabbattage?" Was bedeutet solch geringer Verlust gegen die heiligste Bnforderung des Krieges, Tag und Nacht, Werk- und Feiertags, Gut, Blut und Leben eines ganzen Volkes zu schützen vor Tod und Untergang! Biso nicht auf das äußere Sabbathalten kommt es an, wenn auch nicht verschwiegen werden soll, daß wir, und zwar gerade daheim, es angesichts so manchen übertriebenen Sonntagstrubels schmerzlich vermissen, daß hier viel edle, fromme Sitte zu Grunde gegangen ist. Uber entscheidend ist der Feierstunden innere heilighal- tung. Das heißt die bewußte und gewollte Versenkung der Menschenseele in die Majestät und Herrlichkeit Gottes, hier findet das 3. Gebot seine eigentliche Erfüllung. Dies gilt für Krieg und Frieden, für den Schützengraben wie für Kirche und Kämmerlein gleichermaßen: denn ohne solche Feiertage zerrinnt des Menschen Leben wie ein Traum, und lebte er auck in der gewaltigsten aller Zeiten, wie es die gegenwärtige trotz allem Uiederdrückenden ist.
Zur Jahrhundertfeier der Schlacht von Waterloo.
Bls Kind es sind jetzt wohl schon achtzig Jahre herh da spielte ich lange mit den Besten eines alten Bilderbuchs, mit dem die fortgeschrittene Pädagogik der Jugend als Ersatz für die althergebrachte Fibel das schwierige Erlernen der Buchstaben durch Beistellung von allerlei bunten Bildern erleichtern wollte. Da war auch auf einer Seite zu sehen: im grünen Feld eine Kanone mit zerbrochenem Bad, davor ein frisch aufgeworfener Grabhügel und daneben ein Soldat mit hoher Grenadiermütze, auf einen Spaten gestützt, während er mit betrübter Miene auf sein vollendetes Werk sah. Darunter aber standen gedruckt ein großes und kleines W. w. und die Worte: Wagram, Waterloo, wandelbar.
Daran denke ich heute, am l8.Iuni 1915, dem hundertsten Jahrestag jener Schlacht, die einen neuen Bbschnitt in der Weltgeschichte eröffnet hat. heute aber möchte ich noch das Wort „wunderbar" zur Stärkung des Gedächtnisses beifügen. heute stehen auf jenem Schlachtfeld wieder die siegenden Preußen, jetzt zum großen deutschen Volke ausgewachsen, wo vor hundert Jahren der englische Feldherr ängstlich nach
') Der Herr Derfajfer ijt am 4. Juni 85 ?)ahre alt geworden.


