Nr. 202 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Donnerstag, 50. August 1954
i V
i.' w*
Oie Familie Meier.
Zur Geschichte des verbreitetsten deutschen Namens.
Die statistischen Zählungen haben oft ergeben, daß in den Mreßbüchern der Name Meier in seinen verschiedensten Lesarten am häufigsten vorkommt. Das ist auch gar kein Wunder, wenn man die Geschichte dieses Namens kennt. Die Geschichte des Namens der Familie Meier ist e i n S t ü ck deutscher Geschichte schlechthin. Der Name Meier ist nicht einer der uralten germanischen Namen, sondern er entwickelte sich aus den politischen und wirtschaftlichen Verhältnissen in der Zeit der Merowingerkönige. Der Name hat seinen Stamm in dem lateinischen major, das ist der Aufseher oder Verwalter eines Landgutes, lieber die Geschichte dieses Namens gibt uns u. a. das Standardwerk von Heintze-Cascorbi „Die deutschen Familiennamen" Aufschluß, das, von Professor Dr. Paul Cascorbi herausgegeben, soeben in seiner siebenten, sehr verbesserten und veränderten Auflage in Halle, Buchhandlung des Waisenhauses G. m. b.H., erschienen ist. Es ist erfreulich, daß die immer weiter um sich greifende Sippenforschung auch für die Namensforschung viel Wertvolles im letzten Jahre gebracht hat. Aber es ist auch notwendig, gerade auf dem Gebiet der Namensforschung vor unwissenschaftlichen Erklärungsversuchen zu warnen.
Wenn man nun einen wissenschaftlich begründeten Erklärungsversuch des Namens Meier unternehmen will, so muß darauf verwiesen werden, daß sich in Westfalen das Meier-Verhältnis etwa folgendermaßen entwickelt hat: Karl der Große, dessen Vater Pippin der major domus (Hausmeier) der Merowingerkönige, sich selbst zum Könige der Franken gemacht hatte, hatte die fränkische Einteilung des Bodens auch auf das Sachsenland übertragen. Der Haupthof bekam von dem Gutsherrn, wenn er selbst am Hofe oder als Krieger im Felde war, einen Aufseher, der den Herrn vertrat. Das war eben der major villicus. Dieser sich so entwickelnde Meier hatte auf größeren Gütern noch verschiedene Untermeier. Es entstand bei der Bemsierung eine Art Lehnsverhältnis, wobei der Herr gelobte, zu schützen, der Belehnte, treu und hold zu sein. Während der Landesherr durch Vögte und Gaugrafen richtete, bestand das Gemeindegericht auf dem Thing häufig daneben. Manche dieser Aufseher schwangen sich zu Rittern auf, zum Stande des niederen Adels und versuchten, sich von ihrem ursprünglichen Gutsherrn loszulösen. So entstanden in der Schweiz die Adelsnamen Meyer von Knonau und Meyer von Siggingen sowie andere. Als dann später der Haupthof gegen Pacht abgegeben wurde, bildete sich das eigentliche Meierrecht. Neue Höfe entstanden durch Waldrodung, Haupthöfe wurden in Kotten zersplittert, besonders seit dem 14. und 15. Jahrhundert. Diese Hofbesitzer hießen von nun an Meier. Schließlich war das Meierverhältnis allenthalben erblich; die Meier traten in Erbpacht und wurden dauernde Besitzer, wenn auch nicht Eigentümer der Höfe. Das Recht der Abmeierung, welches die Herren befaßen, war, abgesehen von besonderen Fällen, wo klare Gründe Vorlagen, eigentlich nur theoretisch noch vorhanden.
So war die Entwicklung der Verhältnisse in Westfalen. In Süddeutschland ist sie im wesentlichen in der gleichen Linie verlaufen. Der Meier war hier zunächst der oberste Wirtschaftsbeamte im Großgrundbesitz des Adels und der Geistlichkeit, der meist auch Richter war. Zuletzt hatte jede größere bäuerliche Gutseinheit, d. i. jeder Hof, einen
Meier als Wirtschafter im Dienst des Grundherrn oder als Pächter.
Das Meiertum ist am reichsten entwickelt in Westfalen, Hannover, Bayern, Württemberg und der Schweiz. Von dort stammt die Fülle der Familiennamen. So werden im Hannoverschen Namenbuche von 1852 in der Stadt Hannover 234 einfache und 211 zusammengesetzte Meyer aufgezählt, während in dem Münchener Adreßbuch von 1892 schon 1307 selbständige Personen den Namen Meier in verschiedenen Schreibarten führen.
Je häufiger in einer Gegend die Meierwirtschaft war, desto häufiger findet sich natürlich der Name. Ganz den Verhältnissen entsprechend ist er in Hannover nirgends häufiger als im Hoyafchen und Osnabrückschen. Hier gehören die Meierhöfe meist zu ben größten, weil die Meier, das Land der Herren bewirtschaftend, leicht mehr hatten als andere freie Eigentümer, zumal, wenn sie Besitzer von Vollhöfen waren. Manche Meier hatten ganz hervorragende Rechte in ihrer Markgenossenschaft. In Ostfriesland dagegen, wo die Meier nichts als Pächter der freien Bauern find, haben sie vorwiegend die kleinsten Besitzungen.
Was nun die Schreibweise des Namens anlangt, so ist darin an Mannigfaltigkeit geleistet, was überhaupt mit so wenigen Buchstaben zu leisten war. An das ursprüngliche Major, das sich auch noch als Familienname findet, schließen sich die süddeutschen Familiennamen am nächsten an:
Maser, Mayer, Mayr, Maier, Mair. In Norddeutschland findet sich am häufigsten die Form Meyer, außerdem Meier, Meyr, Maier, Meser. Im 19. Jahrhundert hat eine Familie Meser im Hildes- heimischen auch die Aussprache Meser angenommen, wohl um sich aus der allzugroßen Sippe besser auszusondern.
Vielfach bleibt der Name unzusammengesetzt, bekommt aber von der Bauernschaft oder der Lage des Hofes einen Zusatz, der zum Namen gehört. Solche halbzusammengesetzten Namc,» gibt es im Osnabrückschen eine große Zahl, so z. B. Meyer zu Atter, Meyer zum Varwick (aus Vorwerk entstanden). Viele der Ortsnamen, die in diesen Bezeichnungen stecken, sind völlig von der Karte verschwunden. Aber der Name des Hofes bleibt, auch nachdem die größere Bauernschaft den Ortsnamen aufgesogen hat.
Die Sattelmeier, die Besitzer der sieden Höfe in der Umgegend von Engem, mit Namen: Nordmeier, Ebmeier, Meier Johann, Barmeier, Ringsmeier, Meier zu Hücker, Meier zu Hiddenhausen, außerdem sieben etwas weiter wohnende Meier rühmen sich der Abstammung von Wittekinds Gefährten, der in Engem einst seinen Sitz hatte. Bei der Beerdigung eines dieser Meier wurde ein gesatteltes und gezäumtes Pferd vorangeführt.
Die wirklichen Zusammensetzungen des Namens Meier mit anderem germanischen Sprachgut sind nun überaus zahlreich. Da ist erstmals die Zusammensetzung mit altdeutschen Personennamen, z. B. Brenninkmeier, dann mit kirchlichen Personennamen Clausmeier, Jürgensmeier. Dann sind weiter Zusammensetzungen nach der Beschäftigung: Schreibmeier, Zimmermeier; nach dem
Oie Hebungen der deutschen Flotte
In der Ostsee zwischen Warnemünde und Kiel fanden in Gegenwart von zehntausend begeisterter Zuschauer große Hebungen der Flotte statt, über die wir am Mittwoch schon berichteten. Unser Bild zeigt die Linienschiffe (im Vordergrund die „Hessen") in voller Fahrt.
Wohnort, nach Flüssen, Bergen und allgemein nach der Lage des Hofes. Weitere Zusammensetzungen dieses Namens werden vorgenommen mit den Erzeugnissen des Bodens wie Habermeier, Kornmeier. Auch mit Blumen, Bäumen und Tieren sind Zusammensetzungen vorhanden, wie Rosenmeier, Distelmeier, Birkmeier, Eichmeier, Ebermeier. Interessant sind auch die Zusammensetzungen des Namens Meier mit gewissen Verpflichtungen, dis eben der Meier übernommen hatte. So besorgte der Schandelmeier die Kerzenabgabe an Altären (chandelle = französisch Kerze); der Strohmeier sammelte den Zehnten an Strohgarben ein.
Die Träger des Familiennamens Meier haben zwar nicht einen einzig dastehenden Namen, aber sie dürfen die [Überzeugung haben, daß dort, wo ihr Blut rein geblieben ist, ihr Name in der deutschen Geschichte und in der Entwicklung des deutschen Volkes auch seinen Teil bedeutet.
Hochzeit in Oberammergau
l Zf —Miiä
W
> .M
W
- -w-
. Ä'M
;/ ... M
'M ..
"MM ■ ' z
Dr. Anton Lang, der Sohn des früheren Christus» darstellers und jetzigen Prologfprechers Anton Lang, und die Magdalena-Darstellerin Klara Mayr haben den Bund fürs Leben geschlossen. Das junge Paar wird bereits Anfang September nach Amerika fahren, da Dr. Lang einem Ruf an die Universität Washington folgen wird.
Daten für Donnerstag, 3Ü. August.
1844: der Geograph Friedrich Ratzel in Karlsruhe geboren (gestorben 1904); — 1856: der Nordpolfahrer John Roß in London gestorben (geboren 1777); — 1928: der Maler und Bildhauer Franz von Stuck in München gestorben (geboren 1867); — 1933 (bis 3.9.): Reichsparteitag der NSDAP, in Nürnberg.
IM» MW WA
Vornan von Anny von panhuys.
Urheberrechtsschutz: Füns-Türme-Verlag, Halle (S.) 4. Fortsetzung. Nachdruck verboten!
Sechstes Kapitel
Werner Olden strich erst das lang geschnittene, graue Haar mit gewohnheitsmäßiger Bewegung zurück und griff bann in die Tasten. Seine Frau war klein, unscheinbar und ältlich, nur ihre dunklen Augen waren jugendlich geblieben. Und manchmal brach es aus den Augen wie Flammen, die tief und heiß in ihrem Innern brannten, von denen aber ihr Alltag kaum etwas wußte. Sie hatte einmal Sängerin werden wollen. Ihre Stimme war alockenklar und stark gewesen; doch mitten in der Ausbildung — man prophezeite ihr eine blendende Zukunft — erkältete sie sich und verlor ihre herrliche (Bottesgnaöenftimme, die nie wiederkehrte. Kein Arzt konnte ihr wieder dazu verhelfen, kein Bad und kein noch so inniges Gebet.
Einige Jahre nach dem großen Schiffbruch ihres Lebens heiratete sie den Mufiklehrer Werner Olden — und allmählich schloß sich die Wunde, die ihr das Schicksal geschlagen hatte. In der Liebe ihres Mannes und ihres einzigen Kindes genas sie allmählich; aber sie blieb eine stille, etwas scheue Frau, die, wenn sie sich auch in ihr Geschick hatte fügen müssen, doch nie und nimmer vergessen konnte und bis an ihr Lebensende einem Traum nachträumen würde, den ihr das Leben nicht erfüllt hatte.
Frau Olden saß auf dem altmodischen Ledersofa, und Donata lehnte behaglich in einem tiefen Armstuhl; ihr Vater spielte ihnen sein neuestes Opus vor. Ein Werk mehr, das niemals gedruckt werden würde; so wenig wie die vielen anderen Kompositionen, die er in Schöpferstimmung auf dem Notenpapier festgehalten hatte. Aber immer sang und klang es in ihm, und er mußte die Töne einfangen, wie ein Junge im Netz schöne, leuchtend bunte Schmetterlinge einfängt. Die Hoffnung, daß feine Arbeiten je gedruckt würden, hatte er eingesargt. Er hatte viele Schüler, konnte leben und war schließlich zufrieden mit dem Beifall, den chm Frau und Tochter spendeten. Darüber vergaß er, daß er einmal den Beifall der ganzen Welt erhofft hatte.
Er griff in die Tasten, und es stieg daraus hervor ein Sturm und Wetter; es knatterte und pfiff; es brauste und keuchte — die Hölle schien los zu sein. Es war der letzte Satz einer Symphonie, der wild und toll begann und sich allmählich in Frieden und Ruhe auflöste. In verhallenden Akkorden, die in Harfensaiten geboren schienen.
Als Werner Olden fein Spiel beendet hatte, herrschte Schweigen; dann erhob sich feine Frau, und ihr blasses, leicht verfälteltes Gesicht schien von einem inneren Glück so eigen rosig, als liege
der Schein eines offenen Feuers darüber. Ihre dunklen Augen aber leuchteten wie Edelsteine seltener Art.
Sie trat zu ihrem Manne und legte ihm beide Hände auf die Schultern.
„Werner, das war wundervoll, gar nicht zu sagen — wundervoll war das! Wie ein großes Erleben! Du mußt die Arbeit Verlegern vorspielen, du darfst nicht resignieren — das wäre eine Sünde. Fasse Mut! Versuche es noch einmal! Ich fühle, du wirst endlich Erfolg erringen." Sie stampfte mit dem Fuß. „Du mußt und sollst dock noch Erfolg haben, und diesmal ist er dir sicher.'
Donata hatte auch das Empfinden, daß ihr Vater mit der Symphonie „Die wilde Jagd" etwas ungewöhnlich Gutes geschaffen hatte; aber sie erinnerte sich aud) gleichzeitig an die vielen vergeblichen Wege, die er seiner Kompositionen wegen schon gemacht, und erinnerte sich, wie oft er Arbeiten fortgeschickt, und wie die Post alles wiederbrachte mit einem beigefügten gedruckten Wisch, auf dem man las, daß sich der Verlag aus bestimmten Gründen leider zur Ablehnung des Werkes entschließen müsse.
Donata erhoffte für den Vater nicht mehr viel; aber sie hätte wer weiß was dafür gegeben, wenn sie ihm zu dem von ihm heiß ersehnten Erfolg hätte verhelfen können. Aber sie war ja machtlos und wußte: sie verstand auch zu wenig von Musik, um ihres Vaters Arbeiten richtig zu beurteilen.
Ihr Gefühl sah in ihm einen großen Künstler; aber ihr Verstand fand, die Verleger konnten doch nicht alle urteilslos fein.
Es klingelte draußen, und Frau Olden ging öffnen. Eine Dame stand draußen und sagte bescheiden:
„Ich hörte, hier wird Musikunterricht erteilt, und ich möchte gern Klavierstunden nehmen."
Frau Olden ließ die Fremde in den Hausflur treten. Die Dame schien Ende der Zwanziger zu sein, war einfach gekleidet, trug einen grauen Regenmantel und eine weiße Mütze. Sie hatte ein hübsches Gesicht mit sehr hellen Augen unter platinblondem Haar. Auch die Augenbrauen waren so hell wie das Haar.
Frau Olden hatte die Erscheinung der Fremden mit raschem Blick geprüft. Jetzt öffnete sie die Tür zu dem sogenannten Musikzimmer, in dem ihr Mann zu arbeiten und zu unterrichten pflegte, und ließ die Fremde vorangehen, rief dabei ihrem Manne ein paar erklärende Worte zu und zog sich zurück.
Olden hatte sich schon erhoben und verneigte sich vor der Fremden.
,Sie wollen Klavierunterricht bei mir nehmen, mein Fräulein? Ich stehe zu Diensten. Bitte, setzen Sie sich, damit wir alles besprechen können."
Donata verließ, ebenso wie es ihre Mutter getan hatte, das Zimmer.
Die Fremde saß sehr bescheiden da und stotterte sogar vor Scheu, als sie erklärte:
„Ich habe keine Ahnung vom Klaviersptel; aber mein Verlobter schwärmt so sehr für Musik, und da möchte ich ihn nach der Hochzeit gern mit Klavierspiel überraschen. Ich will heimlich Unterricht nehmen — und wenn ich's nur so weit brächte, ihm ein paar Volkslieder vorzuspielen, wollte ich schon zufrieden sein. Vor einem Jahr können wir ja nicht heiraten, und bis dahin lerne ich vielleicht noch ein bißchen, wenn ich mir große Mühe gebe."
Sie sah Werner Olden fast bittend an.
Er mußte unwillkürlich ein wenig lächeln. Aus was Verliebte doch alles verfallen!
Er hielt im allgemeinen nicht viel von älteren Schülern; aber vielleicht war die hübsche, beinah weißblonde Person eine Ausnahme, die noch gut vorwärtskam. Und wenn nicht, würde es ihr wohl gelingen, innerhalb eines Jahres ein paar Volkslieder nach Noten spielen zu lernen.
Ob sie Talent besaß oder nicht, konnte ihm gleich sein. Die wenigsten seiner Klavier- und Geigen-, Lauten- oder Celloschüler waren besonders begabt. Sie wollten ein Instrument erlernen — und wenn das Talent fehlte, freute er sich auch über ein Talentchen. Die meisten erlernten ihr Instrument wie ein Handwerk. Wegen Mangel an Begabung konnte er keinen Schüler abweisen, sonst hätte er verhungern müssen.
Er erwiderte also freundlich:
„In einem Jahr können Sie schon eine ganze Menge lernen, wenn Sie nicht gerade ungewöhnlich faul sind."
Sie beteuerte:
„Ich will sogar sehr fleißig sein. Wann darf ich anfangen? Je eher, desto besser."
Meinetwegen schon morgen, Fräulein!"
Er dehnte das Wort Fräulein, und es klang wie eine Frage.
Sie lächelte, und es kamen dabei kleine, spitze Mausezähne zum Vorschein.
„Ich heiße Betty Zolfmann und wohne im Prüfling. Wann darf ich morgen kommen?"
Er entschied:
„Um fünfzehn Uhr — wenn es Ihnen dann paßt!" Sie war einverstanden und wollte sich erheben. Er sagte:
„Ich pflege für die Stunde eine Mark zu nehmen", und wunderte sich, daß sie bisher nicht nach dem Preis für die Unterrichtsstunde gefragt hatte. Eigentlich sah sie gar nicht so aus, als ob sie es besonders dick hätte — und er hatte auch ein paar Schüler, die weniger als eine Mark zahlten.
Sie gab zurück.
„Ich zahle gern eine Mark!"
Er freute sich, denn dreimal in der Woche wollte sie zum Unterricht erscheinen. Die Zubuße würde dem Haushalt angenehm zugute kommen.
Er brachte die neue Schülerin bis vor die Haustür, lief dann fast jungenfroh wieder ins Zimmer, wo Frau und Tochter ihn schon erwarteten.
Er verkündete vergnügt:
Die neue Schülerin bezahlt für die Stunde eine Mark und nimmt wöchentlich drei Stunden."
Seine Frau nickte ihm zu:
„Sehr erfreulich, wenn wöchentlich drei Mark mehr einkommen; aber ich habe von der Neuen den Eindruck, als wenn du ziemlich viel Arbeit mit ihr haben würdest."
„Sie versprach, sich sehr viel Mühe zu geben", gab er zurück.
„Schicke deine neue Symphonie an einen Verlag, Werner!" bat die schmalgliedrige, blasse Frau. „Vielleicht brauchst du dann bald gar keinen Unterricht mehr zu erteilen!"
Werner Olden, der längst alle Zuversicht verloren hatte, als Komponist etwas zu erreichen, gab nach.
„Ich will es noch einmal wagen, Steffi! Aber Hoffnung habe ich keine mehr."
Am Abend mußte er aus dem Haufe gehen. Er dirigierte einen kleinen Bornheimer gemischten Chor, in einer Wirtschaft der oberen Bergerstraße. Dort nahm er sich das Adreßbuch und suchte den Namen der neu-'n Schülerin.
Zolfmann war kein Durchschnittsname; aber er fand ihn nicht und vermutete daher, wahrscheinlich wohne die auffallend hellblonde Dame nur möbliert. Schließlich war das gleichgültig — jede Stunde wurde sofort bezahlt.
Und um dieselbe Zeit trafen sich Erich Merten und Suse Beßler im „Hafenschlößchen". Das war eine Wirtschaft tief drinnen im Gewinkel des ältesten Frankfurt. Hier faß Merten am liebsten, hier fühlte er sich am wohlsten. Ein Grammophon sang einen sentimentalen Schlager — und die beiden stießen mit den Gläsern an, darin dunkler Rotwein glühte.
Suse, die sich bei Olden „Betty Zolfmann" genannt, hatte Mantel und Kappe abgelegt und die Zu Hellen Augenbrauen wieder dunkel nachgezogen.
„Ich habe ein bißchen den Trampel gespielt bei dem Herrn Musikus und Familie. Hoffentlich klappt bald alles; denn wenn ich mir ausmale, ich müßts wirklich längere Zeit Klavierftunden bei dem ©rau» fopp nehmen, wird mir flau."
Er zwinkerte:
„Wirft die Sache schon fingern, daß die Qual nicht zu lange dauert. Mach deine Sache gut — es lohnt sich für uns beide."
Die Grammophonplatte schluchzte weinerlich:
Nie werd ich dich vergessen, Herzensmädel, Weil ich nur dich, nur dich wahrhaft geliebt!
„Blech!" lachte Suse. „Wahrhaft geliebt! So 'n Mumpitz! Es lohnt gar nicht, sich für einen Mann so anzustrengen — nicht wahr, Erich?"
Er pfiff leicht durch die Zähne.
„Tust es doch, Suse, strengst dich doch für mich an! Es soll dir aber auch gelohnt werden!"
Sie goß ein Glas Wein hinunter und lachte dann: „Morgen mache ich Klimper, Klimper, Klimper!
Eine ganz verdrehte Geschichte ist das."
(Fortsetzung folgt.)


