Ur. 202 Erster Blatt
184. Jahrgang
Donnerstag, 30. August 1934
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Siebener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
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Politik im nahen Osten.
Ungarn — Polen — Rumänien.
Don unserem 6. S.-Berichierstaiter.
(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.)
B u d a p e st, Mitte August 1934.
Nunmehr steht es fest, daß der ungarische Ministerpräsident G ö m b ö s in Begleitung seines Außenministers Kanya im Herbst dieses Jahres der polnischen Regierung in Warschau einen offiziellen Besuch abstatten wird. Schon lange hatte man in unterrichteten Kreisen von einer solchen bevorstehenden Reise gesprochen. Sie lag gewissermaßen in der Luft. Besonders seit dem Ausflug des französischen Außenministers B a r t h o u in die Hauptstädte der französischen Vasallenstaaten ergab sich für Ungarn immer dringender die Notwendigkeit, die neuerlichen Einkreisungsversuche Frankreichs zu durchkreuzen. Was lag da näher, als eine Festigung und Vertiefung der eigentlich schon historischen ungarisch-polnischen Freundschaft?
Es ist ja eine alte Tatsache, die nur viel zu wenig berücksichtigt wurde, daß zwischen der polnischen und der ungarischen Nation schon seit jeher etwas wie eine Gefühlsfreundschaft bestand. Das hat sich besonders in der unganschen Geschichte gezeigt bei der Beteiligung polnischer Kreise an den ungarischen Freiheitsbestrebungen, das liegt aber auch begründet in der auffallenden Gleichheit der soziologischen Struktur dieser beiden Völker. Beide Staaten sind im Grunde Agrar st aaten, aber nicht im eigentlichen Sinne Bauernstaaten, sondern „ M a g n a t e n - R e i ch e ". In beiden Ländern liegt die politische Macht und der politische Einfluß im wesentlichen in den Händen einer Gentry-Schicht einer Adelsgruppe, neben der sich der Kleinbauer und der Arbeiter nur schwer durchzusetzen vermag. Gerade diese Aehnlichkeit der inneren Struktur darf bei zwei Völkern, die außerdem noch in ihrer Wesensart viel Parallelen aufweisen, nicht unterschätzt werden.
Zu dieser, an sich gegebenen Gleichgerichtetheit der beiden Länder und Völker kamen nun noch andere Momente, die einen starken Einfluß ausübten auf die stärkere Betonung einer polnischen Orientierung der ungarischen Politik. Es war dies einmal das Anwachsen des polnisch-tschechischen Gegensatzes. Man muß, um dieses Moment richtig einzuschätzen, die ungarische Mentalität von heute kennen. Wer den Tschechen unfreundlich oder feindlich gegenübersteht, ist von vornherein für jeden Magyaren ein Freund Ungarns. Deshalb hat man auch die jüngsten Streitigkeiten zwischen Polen und der Tschechoslowakei in der ungarischen Öffentlichkeit mit liebevoller Breite und Ausführlichkeit behandelt. Dann aber kommt noch ein weiteres Moment hinzu, nämlich die Entwicklung des deutfch-polni- schen Verhältnisses und weitere Folge davon die ablehnende Haltung Polens gegenüber d e n französischen Ostpakt- p l ä n en.
In Budapest mußte man naturgemäß die französischen Ostpaktpläne mit großen Sorgen betrachten, weil man ja in ihnen einen neuen Versuch erblickte, die in der letzten Zeit immer lockerer gewordenen Bande innerhalb der Staaten der Kleinen Entente und zwischen ihnen und Frankreich aufs neue zu festigen. Nun hat die Haltung Polens, besonders im Verein mit der Ablehnung Deutschlands, diese französischen Pläne durchkreuzt und jenen Ostpakt, selbst wenn er Zustandekommen sollte, stark entwertet. Diese Entwicklung war für die maßgebenden ungarischen Politiker ein Fingerzeig, in welcher Richtung sich die ungarische Außenpolitik orientieren müßte, wenn sie mit Erfolg versuchen sollte, die von Frankreich geschmiedeten Einkrei- jungsketten wirklich zu sprengen.
So ergab sich eigentlich fast von selbst die Notwendigkeit einer direkten Fühlungnahme zwischen den ungarischen und polnischen Staatsmännern. Dabei ist nicht zu übersehen, daß die geplante Reise des ungarischen Ministerpräsidenten und seines Außenministers nach Warschau durchaus nicht so von ungefähr kommt. So ist vielmehr schon vor längerer Zeit vorbereitet worden, nämlich durch den Besuch, den während des Winters der ungarische Ackerbauminister K a l l a y aus Anlaß einer der berühmten Jagdeinladungen in Polen abstattete Damals, und schon vorher bei einem Besuch polnischer Offiziersabordnungen zur Enthüllung eines Denf= mals für den polnischen General Bem, konnte man in Budapester Blättern Karikaturen finden in denen die Slowakei mit Stacheldraht umzäunt zu sehen war. Diesseits und jenseits des Stacheldrahtzaunes aber standen hier em Ungar und dort ein Pole, die sich vergebens bemühten, einander die Hände zu reichen. In dem Text zu dieser Karikatur war angedeutet, daß die Slowakei das einzige lästige Hindernis fei für eine ruhige und freundliche Nachbarschaft zwischen Polen und Ungarn.
Man muß sich dieser Gedankengänge erinnern, wenn jetzt durch den offiziellen ungarischen Besuch in Polen wieder die Frage eine Intensivierung des polnisch-ungarischen Verhältnisses in den Vordergrund gerückt wird. Dabei ist noch eine andere Erwägung maßgebend. Nämlich die, daß man in Budapest doch allmählich einzusehen beginnt, daß es gerade für Ungarn in feiner schwierigen und für kriegerische Verwicklungen geradezu unmöglichen Lage aussichtslos erscheinen muß, die ungarischen Revisionsforderungen mit derselben Hartnäckigkeit und Intransigenz nach allen Seiten zu vertreten War schon der Abschluß des d e u t s ch - p o l- Nischen Nichtangriffsvertrages richtungweisend für eine wirklich friedliche, auf weite Sicht berechnete Revisionspolitik — leider wurde diese deutsche Politik bisher in Ungarn entweder
Oie Grundsätze für die Erneuerung des Girasrechis.
Reichsjustizminister Or. Gürtner berichtet über die Oieform des Strafgesetzbuchs.
Oie Gemeinschaft Ausgangspunkt der Rechtspflege.
Berlin, 30. Aug. (DNB.) Die Uebernahme der Macht durch die Regierung des Dritten Reiches hat die Grundlagen geschaffen, um das Werk der Erneuerung des Strafrechts mit Aussicht auf Erfolg in Angriff zu nehmen. Die im Auftrage des Reichskanzlers berufene amtliche Strafrechtskommiffion hat einen den Anschauungen und Bedürfnissen des neuen Staates entsprechenden Entwurf eines Strafgesetzbuches ausgearbeitet.
Ueber den, gegenwärtigen Stand der Strafrechtserneuerung berichtete Reichsjustizminister Dr. Gürtner am Mittwochabend bei einem Presse- empfang im Reichsjuftizministerium. Die dringendsten und wichtigsten Glieder der Gesamtreform seien von der nationalsozialistischen Regierung durch die Nooellengesetzgebung vorweggenommen, insbesondere der Kampf gegen die Gewohnheitsverbrecher sowie gegen Hochverrat und Landesverrat. Gleichzeitig seien die Vorarbeiten für die Reform des Strafgesetzbuches in Angriff genommen worden. Das neue Strafrecht habe vom Standpunkt der Gemeinschaft aus orientiert werden müssen. Am Ausgangspunkt standen die Lebensrechte, der Rechtsfriede, der Arbeitsfriede und das Wohl des Volkes.
Das geltende Recht zwinge den Richter, den Versuch unter allen Umständen milder zu bestrafen als das vollendete Verbrechen. Dieser Grundsatz finde sich im kommenden Recht nicht mehr. Es werde die Gegenwirkung gegen den Verbrecher schon eintreten, wenn der verbrecherische Wille sich im Anfang einer Tat offenbare. Der Versuch sei grundsätzlich so zu bestrafen wie die Vollendung. Die Frage, ob der Versuch gelungen sei, könne allerdings bei der Strafbemessung eine Rolle spielen. In den Bereich der vollen Strafandrohung trete der Verbrecher jedenfalls schon bann, wenn er den verbrecherischen Willen durch Handlungen ausdrücke.
Der bisherige Grundsatz, daß niemand bestraft werden könne, es fei denn, daß der Buchstabe des Gesetzes erfüllt werde, habe dazu geführt, daß es auch dem gerissenen Verbrecher gelingen konnte, durch die Waschen des Gesetzes zu schlüpfen. Es fei natürlich nicht möglich, alles vorher zu bedenken, was geschehen könne, und es werde immer Falle geben, auf die der Buchstabe des von erfahrenen Praktikern gemachten Gesetzes nicht anwendbar sei. Deshalb mußte man von der Einengung wegkommen, daß der Buchstabe des Gesetzes erfüllt sei. Der Vorschlag der Kommission sei völlig gemeinverständlich und einfach: Ist die Tat nicht ausdrücklich für straffrei erklärt, aber eine ähnliche Tat im Gesetz mit Strafe bedroht, so ist dieser Grundsatz anzuwenden, wenn der zugrundeliegende Rechtsgedanke den gesunden Volksanschauungen entspricht. Die Kommission sehe sich in bewußten Gegensatz zu dem geschrie
benen geltenden Recht. Sie sehe sich aber nicht in Gegensatz mit dem normalen Rechtsempfinden des Volkes. Die Unfreiheit des Richters werde dadurch beseitigt, daß man ihm die Möglichkeit gebe, auch dann eine Strafe zu verhängen, wenn nicht der Buchstabe, sondern der Sinn des Gesetzes erfüllt werde.
Das Strafrecht könne lediglich von dem Standpunkt aus betrachtet werden, das Gemeinfchaftsrecht des Volkes in eine gewisse Ordnung zu bringen. Die Forderungen der Sittlichkeit aber seien andere als die des Rechts. Die Kommission habe das Bestreben gehabt, auch die Form des Gesetzes dem Volke näherzubringen und ihm verständlich zu machen.
Staatssekretär Dr. Freister sprach von den verschiedenen vergeblichen Versuchen in der verflossenen parlamentarischen Zeit, um ein neues Strafrecht zu schaffen. Er schilderte die umfangreichen Arbeiten, die in der Kommission, die er die Werkstatt des Rechts nannte, festgehalten worden seien, in der Wissenschaftler, Praktiker und Theo-
Zwei kostbare Hmdenbmg-Vriefe
Berlin, 30. Aug. (DNB.) Der „Völkische Beobachter" veröffentlicht in Faksimilie zwei Briefe vom 12. August 1914 und vom 9. November 1914, die der damalige General her Infanterie von Hindenburg an den Generalleutnant und Ge- neralquartiermeifter von Stein gerichtet hat. Der erste Brief, den Pastor von Stein in Quedlinburg, der Sohn des ehemaligen Generalquartiermeisters, dem „Völk. Beobachter" zur Verfügung gestellt hat, hat folgenden Wortlaut:
„Hannover, den 12. August 1914.
Wedekind-Straße 15.
Sehr verehrter Herr von Steint
3m Vertrauen auf unsere alte Bekanntschaft kur; eine Bitte: Denken Sie meiner, wenn noch im Laufe der Dinge irgendwo ein höherer Führer gebraucht wird!
Ich bin körperlich und geistig durchaus frisch und war daher auch im vorigen Herbst trotz meiner Verabschiedung designiert. Fabeck kann Ihnen darüber Näheres berichten.
Mit welchen Gefühlen ich jetzt meine Altersgenoffen ins Feld ziehen sehe, während ich unverschuldet zu Hause sitzen muh, können Sie sich denken. Ich schäme mich, über die Straße zu gehen.
, Antwort auf diese Zeilen erwarte ich nicht. Sie I haben Wichtigeres zu tun. Ihre Rückkehr in den
retifer, Männer mit revolutionären Gedanken und Männer, die mit Recht stolz auf ihre in Jahrzehn, ten gesammelten Erfahrungen feien, zusammenarbeiteten. Er hob mit besonderer Anerkennung die Arbeit des Reichsjustizministers Dr. Gürtner und des Reichsminifters Kerrl bei den Kommis- sionsarbeiten hervor. Das neue Strafrecht diene dem Zweck, einer Untat d i e Sühne folgen zu lassen, die Grundlagen des völki- schen Gemeinschaftslebens zu stützen und aufrechtzuerhalten-, es werde die Linie der Verteidigung weit Dortreiben gegenüber dem bisherigen Recht und so ein Ausdruck der bewußt kämpferi- schen Zeit fein.
Um der Öffentlichkeit einen Einblick in die bis- herigen Arbeiten der amtlichen Strafrechtskommif- fion zu gewähren, hat der Reichsminister der Justiz vor kurzem im Verlage Franz Vahlen unter Mitwirkung einiger an der Kommiffionsarbeit Beteiligten einen ausführlichen Bericht „Das kommende deutsche Strafrecht, Allgemeiner Teil", erscheinen lassen, in dem die wichtigsten Fragen erörtert wer- den.
Gcueralslab habe ich mit aufrichtiger Freude begrüßt. Gott fei mit Ihnen!
Stets in alter treuer Kameradschaft
Euerer Excellenz fehr ergebener von Beneckendorff und von Hindenburg General der Infanterie ä la suite des 3. Garde-
Regts. z.F."
Der Generals Bitte wurde erfüllt, er wurde an die Spitze der in Ostpreußen kämpfenden 8. Armee berufen, mit der er die herrlichen Siege von Tannenberg und an den masurischen Seen erfocht. Der zweite, jetzt oeröfentlichte Brief an den General- quartiermeifter ist bald danach geschrieben und lautet:
„Absender: Generaloberst von Hindenburg.
Osiheer, 9.11.1914.
Euerer Excellenz
danke ist herzlich für Ihre freundlichen Zeilen vom 5. November, die mich heute erreichten.
Ich bin Ihnen aufrichtig dankbar dafür, daß Sie mich ausgegraben haben, und glücklich darüber, wieder etwas leisten zu können. Ihnen von Herzen alles Gute wünschend in alter treuer Kameradschaft
Euerer Excellenz aufrichtigst ergebener von Hindenburg."
Hindenburg will nicht zu Hause bleiben.
Oer spätereGieger vonTannenberg bittet denGeneralquartiermeister vonStein, sich für seine Verwendung an der Front einzusetzen.
falsch oder garnicht verstanden — so hat in den letz- ten Monaten die Haltung Bulgariens daß auch dieser, an der Revisionsfrage grundsätzlich ebenso wie Ungarn interessierte Staat denselben Weg wie Deutschland zu beschreiten entschlossen ist. Auch Bulgarien sucht jetzt die Verständigung mit einem Nachbarn, um so wenigstens an einer Stelle Luft zu bekommen.
Ganz offensichtlich will nun auch Ungarn in ähnlicher Weise versuchen, seine Revisionspolitik auf eine vernünftige Grundlage zu stellen. Hier gibt ihm das besondere Vertragsverhältnis zwischen Polen und Rumänien einen Ansatzpunkt. Es scheint daher durchaus einleuchtend, wenn man in Budapester politischen Kreisen davon spricht, daß Ministerpräsident G ö m b ö s bei seinem bevorstehenden Besuch in Warschau versuchen will, zu sondieren, inwieweit es möglich wäre, daß Polen zwischen Ungarn und Rumänien vermittelt.
In diesem Zusammenhang scheint es besonders bedeutungsvoll, daß nach Bekanntwerden des Reise- planes des ungarischen Ministerpräsidenten in dem regierungsoffiziösen Blatt „Budapesti Hirlap eine bemerkenswerte Aeußerung des ehemaligen rumänischen Ministerpräsidenten V a j b a B o j vod erschien, die in offenem Gegensatz stand Zu den in der letzten Zeit zahlreichen Angriffen gewisser rumänischer Stellen gegen Ungarn. In dieser Erklärung stellte Dajda Vojvod fest, daß unbedingt auch eine seelische Annäherung Zwischen Ungarn unö Rumänien angeftrebt werden müsse. 2n wirtschaftlicher Hinsicht könnte man ruhig ernsthaft eine Zollunion anstreben, durch die dann die ungarisch-rumänische Grenze sozusagen automatisch verschwinden würde. Damit würde auch die ungarische Revisionspolitik eine Lösung st"den, wahrenb man anderseits heute als ehrlicher Politiker verstehen müsse daß Ungarn auf diesem revisionistischen Standpunkt beharrt. Hier zeigt sich also auch von rumänischer Seite ein Weg, auf dem man sehr wohl zu einer Verständigung gelangen konnte, genau so, wie dies jetzt Bulgarien Südslawien gegenüber versucht und wie es Deutschland Polen gegenüber begonnen hat.
Im Hinblick auf diese Gedankengänge und Möglichkeiten gewinnt zweifellos der bevorstehende Besuch der ungarischen Staatsmänner in Warschau besondere Bedeutung. Er ist nicht nur eine gegen die französischen Ostpaktpläne gerichtete Aktion, sondern darüber hinaus vielleicht auch ein erster ungarischer Versuch, die ungarische Revisionspolitik aus ihrer unleugbaren Stagnation herauszuführen. Damit aber würde man auf dem Wege zur Befriedung im Donauraum einen wesentlichen Schritt vorwärtskommen. Deshalb wird man auch deutscherseits hoffen und wünschen müssen, daß der politischen Begegnung von Warschau der bestmögliche Erfolg beschieden fei.
Rußlands Aussichten für die Aufnahme in Genf.
Französischer Druck aus noch zögernde Staaten.
London, 30. Aug. (DNB.-Funkspruch.) „Daily Herald" schreibt, Anfang dieser Woche habe besonders in Paris die bestimmte Erwartung bestanden, daß der Eintritt Sowjetrußlands in den Völkerbund glatt oonftatten gehen werde. Jetzt aber glaube man zu wissen, daß es eine Anzahl feindlicher Stimmen geben werde. Die Schweiz werde höchstwahrscheinlich gegen die Aufnahme der Sowjetunion stimmen, Holland vermutlich auch. Andere Staaten, wie Kanada, Belgien, Ungarn und eine Anzahl mittelamerikanischer Staaten zögerten noch. Zwar seien in der Völkerbunds-Versammlung 18 ablehnende Stimmen notwendig, um die erforderliche Zweidrittelmehrheit zu verhindern, die Zahl der gegnerischen Staaten erreiche diese Ziffer nicht. Es fei immerhin zweifelhaft, ob die Sowjetregierung das Risiko einer Ablehnung eingehen wolle. Ferner wäre es denkbar, daß starker Widerstand in der Versammlung Veranlassung zu Intrigen im Völkerbundsrat geben werde. Die britische Regierung und die französische Regierung faßten
die Lage fo ernst auf, daß sie Schritte unternähmen, um die Haltung jedes noch unentschiedenen Staates genau festzustellen.
„Journal d e Gsneve" fürchtet, daß die Taktik der Mächte, die unter Frankreichs Führung unbedingt die Aufnahme Rußlands in den Völkerbund wünschen, dahingehen werde, die Dölkerbunbs- versammlung diesmal vor eine vollendete Tatsache zu stellen, um dadurch zugleich eine gründliche Aussprache zu vermeiden. Ebenso werde man versuchen, die vorgeschriebene Prüfung der Geeignetheit Rußlands für den Eintritt in den sechsten Ausschuß der Dölkerbundsversammlung nach Möglichkeit abzubiegen ober praktisch u n - wirksam zu machen. Zweifellos werde auch ein Druck a u f d i e Staaten ausgeübt, die mit „Nein" stimmen wollten.
Außenpolitische Zusammenarbeit der drei baltischen Staaten.
DNB. Riga, 29. August. Auf der Konferenz der Außenminister Lettlands, Estlands und Litauens wurde ein Abkommen paraphiert, das als Vorstufe zu einem baltischen Staatenbund angesehen wird. Das Abkommen sieht eine enge außenpolitische Zusammenarbeit der drei baltischen Staaten vor. Periodische Zusammenkünfte der Außenminister sind vorgesehen. Man will sich ferner laufend über mit dritten Staaten geführte Verhandlungen und abgeschlossene Verträge unterrichten. Außerdem soll in dritten Ländern gegebenenfalls eine gemeinsame Vertretung der baltischen Interessen erfolgen. Der Vertrag bezieht sich allerdings nur auf solche Fragen, die alle drei baltischen Staaten gleichzeitig berühren. Er erstreckt sich ausdrücklich nicht auf spezifische Fragen, die nur einen Staat angehen. Diese Ein* schränkung gilt für die nur Litauen berührenden Wilna- und Memelfragen.


