Nr. (99 Drittes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Vderheffen)Montag, 27. August MH
Aus der Provinzialhauptstadt
Medizinalrat Ar. Wataer t
Kinder zu betreuen. Muß das Kind unterwegs umsteigen, wird vorher von der Bahnhofsmission Nachricht zum Umsteigebahnhof gegeben. Die betreffende Bahnhofsmission wartet dort schon auf das Kind, und setzt es in den richtigen Zug. Telegramme werden für das Kind aufgegeben, Fahrkarten, Zuschläge, Schlafwagenplätze gelöst. Für die Gepäckbeförderung wird Sorge getragen, das Kind von einem Bahnhof zum anderen gebracht, verpflegt, wenn es nötig ist. Wenn es einen Anschluß verpaßt hat, schläft es im Heim der Bahnhofsmission. Alles das ist freie Liebestätigkeit. Es kostet nichts.
Die Kinder betrachten die Damen und Herren
setzt. Nach 14jähriger segensreicher Tätigkeit kam er von dort im Dezember 1914 als Medizinalrat nach Gießen, wo er Nachfolger des Geh. Medizinalrats Dr. Haberkorn wurde. Hier wirkte er als Leiter des Gießener Kreis-Gesundheitsamtes, ferner war er Gerichts- und Gefängnisarzt und medizinischer Gutachter in zahlreichen Prozessen. Am 1. April 1927 trat er nach Erreichung der Altersgrenze >n den wohlverdienten Ruhestand, wobei ihm von der Regierung für seine dem Hessischen Staate geleisteten langjährigen treuen Dienste volle Anerkennung ausgesprochen wurde.
Medizinalrat Dr Walger stellte als junger Kreisassistenzarzt in Gedern als einer der ersten erfolgreiche Heilversuche mit menschlichen Rekon- oaleszentenserum bei akuten Infektionskrankheiten,
lichen Beigeordneten L u l e y ehrenamtlicher Beigeordneter unserer Stadtverwaltung. Ab 1. Januar 1934 war er kommissarischer Beigeordneter, mit Wirkung ab 1. Mai 1934 war er vom Gießener Stadtrat zum Beigeordneten gewählt und vom
loren...
Auf diese unerlaubten Globetrotter ist die Bahn- hoismission vorbereitet. Sie kennt ihre Ausreden: „Wohin willst du denn, mein Kind?" — „Ach, der Vater erwartet mich." Ja, wirklich, der Vater kommt. Aber unerwartet. Die Bahnhofsmission hat ihn benachrichtigt. Mit der Weltreise aus Bahnsteigkarte ist es für die nächsten zehn Jahre mit dem Krümel aus.
Die Bahnhofsmissionen sind die besten Kindermädchen. Nur wissen es die meisten Mütter nicht. Täglich stellen Mütter dieselbe ängstliche Frage: „Ist es möglich, mein Kind allein reisen au lassen? Meine Schwiegermutter würde es abholen." Das Kind muß allein fahren. Mutter muß sparen. Kleine Kinder sind noch keine vollkommenen Globetrotter. Mutter und Großmutter ängstigen sich. .
Schon dreijährige Knirpse gehen allein aus Wanderschaft. Meistens kommt die Mutter zur Bahnhofsmission und sagt, sie hätte kein Geld und keine Zeit, ihr Kind selbst an den Bestimmungsort zu bringen. Die Bahnhofsmission übergibt das Kind dem Schaffner. Mit einem kleinen Erkennungsschild um den Hals, mit möglichst genauer Anschrift. Das Kind wird in das Dienstabteil des Schaffners gefetzt. Die Schaffner sind gute Pflegeväter, die oft zu Hause auch Kinder haben. Sie sind in Hebung,
Beigeordneter Bartholomäus kommissarischer Oberbürgermeister von Worms
Der Gießener Beigeordnete Heinrich Bartholomäus wurde, wie wir zuverlässig erfahren, zum kommissarischen Oberbürgermeister von Worms bestimmt.
Kommissarischer Oberbürgermeister B a r t h o l o- mäus, der am 1. April 1900 in Eschwege (Bezirk Kassel) geboren wurde, war von Ende Juli 1933 bis 1. Januar 1934 als Nachfolger des ehrenamt-
Hosenmatz als Globetrotter
Kleine Abenteuer am Schienenstrang.
sechs Jahre alt.
Sind die Kinder „auf Besuch" gewesen, so erzählen sie den Missionsdamen genau, wieviel sie zugenommen haben. Bis aufs Gramm.
Babys von einem halben Jahre reifen oft in Begleitung des kleinen Schwesterchens. Hier hat der Schaffner heimlich ein „mütterliches" Auge auf beide. Eine Mutter kam zur Bahnhofsmission, kündigte die genaue Ankunft ihres Söhnchens an und bat, es abzuholen. Der kleine Junge wurde für
Während des Weltkrieges beteiligte er sich in Gießen in reger Weife an der Lazarettbehandlung unserer Verwundeten, ferner führte er erfolgreich den Kampf gegen Kriegsseuchen und gegen die Infektionskrankheiten überhaupt. Dabei hatte er mit vielfältigen Schwierigkeiten, veranlaßt durch starken Mangel an Materialien der verschiedensten Art usw., zu kämpfen. Dennoch gelang es ihm, den Stadt- und Landkreis Gießen von schlimmen Seuchen freizuhalten und überall, wo Herde von Flecktyphus, Pocken, Ruhr usw. sich zeigten, diese sofort zu ersticken. Neben der Aerztefchaft im allgemeinen erwarb sich Medizinalrat Dr. W a l g e r im besonderen
Heimat.
Als frommer Protestant widmete er in hingebungsvoller Weise seine Kraft außerdienstlich allen Aufgaben, die der Förderung der evangelischen Kirchensache dienten. Er war seinerzeit Mitglied des Verfassunggebenden Landkirchentags; in dieser Eigenschaft hatte er wesentlichen Anteil an dem Zustandekommen der Hessischen Kirchenverfassung. Als Abgeordneter des Evangelischen Landeskirchentags stellte er seine reichen Erfahrungen auf kirchlichem Gebiet ständig in den Dienst der evangelischen Sache. In Gießen wirkte er segensreich als Mitglied der Kirchengemeindevertretung der Jo- hannesgemeinde zum Besten der evangelischen Kirche, die in ihm einen Mann von tiefster Religiosität und heiligstem Glaubenseifer besaß.
Als Mensch von großer Freundlichkeit und Hilfs-
mie Typhus, Scharlach und krupöser Lungenentzündung an, deren Ergebnisse er in den Jahren 1898 und 1902 im „Zentralblatt für Innere Medizin" veröffentlichte. Während seiner Tätigkeit in Erbach stellte er sich besonders in den Dienst der sozialen Fürsorge, wobei es ihm gelang, das in der Nähe von Erbach bei Langen-Brombach gelegene Genesungsheim der Mainzer Ortskrankenkasse, die ihn zum Leiter dieses Heims bestellte, zu hoher Blüte zu bringen. Ferner stellte er eingehende Erhebungen über die Wohnungsverhältnisse und das Wohnungselend auf dem Lande, besonders in seinem Odenwälder Amtsbezirk, an, die er nach besten Kräften zu verbessern bestrebt war. Gemeinsam mit dem damaligen Kreisrat S ch l i e p h a k e des Kreis- amts Erbach schuf er eine großzügige Organisation der Haus- und Krankenpflege, die den ganzen Kreis Erbach bis in die entlegensten Gebirgsgemeinden mit einem Netz von Kranken- und Hauspflegestatio- nen überzog, die eine außerordentlich segensreiche Tätigkeit entfalteten.
ten. Er erzählt den Damen sehr wichtig: „Mutti holt immer das Geld vom Nachweis". — „Die Jacke hier habe ich aus dem Waisenhaus." Dann machte er emsig Zeichnungen. Reiseeindrücke. Kleine Häuser, Landschaften. Aber besonders schien ihm — die Schwiegermutter zu imponieren und zwei kleine Mädchen, Erna und Else. Die zeichnete er immer wieder. Ganz groß. Die Augen hatten sogar Pupillen und Augenbrauen. Die Beine waren leider etwas verschnörkelt. Die Zähne sahen aus wie Bretter. Nur die Schwiegermutter hatte Arme. Schwiegermutters Arme waren dafür aber so groß wie Bäume und die Nägel an ihren Fingern sahen aus wie Kleiderhaken. Horst, der Künstler, war
An der Sperre eines großen Bahnhofs. „Der Vater kommt nach, Mutter hat noch nicht fertig gepackt." Ein kleiner Junge, etwa fünf Jahre alt, mit großen, munteren blauen Augen, blonden Haaren, auf dem Kopfe eine Zipfelmütze, ohne Mäntelchen, steht da. An einer alten Wäscheleine hält er einen zerzausten, struppigen, grauen Hund. „Herr und Hund" sehen mit hocherhobenem Haupte von unten her die Dame von der Bahnhofsmission an. „Der Vater kommt nach, Mutter hat noch nicht iertig gepackt." Der kleine Junge und der kleine truppige Hund gehören zu den vielen „Abenteurern •es Schienenstranges".
Täglich sehen die Kinder in den kleinen Dörfern den Zug auf dem Bahnhof halten. Sehen wie „die Großem einsteigen, abfahren und lustig winken. Kinder wollen, wie Aeffchen, alles nachmachen. Knirpse nehmen sich Bahnsteigkarten oder flitzen hinter dem Mantel einer „fremden Tante" durch die Sperre. Erwachsene, die mit in dem Abteil sitzen, denken das Kind gehört dem Gegenüber- sitzenden oder ins Nebenabteil. Kinder sind meistens klüger, wenn es sich um ihren Spaß handelt, als die Erwachsenen glauben. Kommt der „Onkel Schaffner", verschwindet der Krümel irgendwohin. Erst wenn alle Erwachsenen aussteigen. Dann steigt der Globetrotter auch aus.
Die neuzeitlichen Rettungsengel dieser Kinder sind die Vertreter der Bahnhofsmissionen. Sie haben auf den großen Bahnhöfen ihre Dienstzimmer und gehen abwechselnd zu jedem einlaufenden Zuge. Die Mission betreut natürlich nicht nur die Kinder, aber diese sind ihre Lieblinge. Die Missionstanten und »onkels kennen die schwarzen und die weißen Schäfchen. Da gibt es drei Sorten: die Ausreißer, die Verirrten und die von der Mutter oder Großmutter allein auf Reifen geschickten Schäfchen. In einem Jahr half die Mission 5582 alleinreisenden Kindern. Hauptsächlich waren es Mädchen im Alter
Bahnhofsfürsorgerin spricht ihn noch einmal vor- Am Freitagabend verstarb in Darmstadt, wo er sichtig an, um sein Ehrgefühl nicht zu verletzen, im Ruhestand lebte, der frühere langjährige Kreis- Aber da fließen auch schon die Tränchen: „Ich will zu meiner Mutti." Der Globetrotter hat auf dem großen Bahnhof den Mut für die Weltreise Der»
von drei bis fünfzehn Jahren.
Ein tragikomisches Kapitel sind die Ausreißer. Da steht ein etwa vierjähriger Knirps mit einem (großen Pappkarton an der Sperre. Die Bahnhofs- ürforgerin fragt ihn, wie er heißt. Er ist sehr ......
elbstbewuht und antwortet nur: „Meine Mutti Ministerium bestätigt worden, holt mich!" Nach einer halben Stunde ist noch keine Mutti da, und der kleine Held wird weinerlich. Die
der Bahnhofsmission immer als „Tante" und „Onkel". Sie fühlen sich sofort heimisch. Die kleinen Mädchen sind meistens sehr keck. Aber die Jungens sind täppisch. Man kann froh sein, wenn sie an ihr Gepäck denken. Alle Kinder aber fühlen sich, wenn - - -- - v v. ... v
fie allein reifen, sehr interessant, und erzählen gern p^ania aufgehoben. Kinbergepackabgabe. Familiengeschichten. Ein kleiner Junge „Horst" Lo Beyer,
hatte auch längere Zeit im Dienstzimmer zu war-1 --------
arzt des Kreises Gießen, Medizinalrat Dr. Ernst Walger im 73. Lebensjahre.
Medizinalrat Dr. W a l g e r war am 29. Dezember 1861 in Pfungstadt geboren. Nach dem Besuch des Ludwig-Georgs-Gymnasiums in Darmstadt, wo er die Reifeprüfung bestand, und nach dem Studium der Medizin erwarb er sich im Jahre 1885 in Berlin die Approbation als Arzt und den Doktorgrad. Hierauf war er mehrere Jahre aktiver Militärarzt, dann wirkte er in freier ärztlicher Tätigkeit, im Iahe 1895 trat er in den hessischen Staatsdienst als . .
Kreisassistenzarzt in Gedern ein. Im Jahre 1899 warb sich Medizmalrat ■
kam er als Kreisassistenzarzt nach Mainz, im Herbst damals schon größte Verdienste um unsere engere 1900 wurde er als Kreisarzt nach Erbach i. O. ver-
400 Jahre deutsche Bibel.
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Anläßlich der Luther-Festspielwoche, die zum 400- jährigen Jubiläum der deutschen Bibel vom 25. August bis 2. September in Wittenberg veranstaltet wird, wurde diese Luther-Medaille geschaffen. Sie zeigt eine Wiedergabe des Luther- kopfes am Katharinen-Portal der Luther-Halle. Zum Jubiläumsfest, das im ganzen Reiche am Reformationstage gefeiert wird, wird sie von der Deutschen Evangelischen Kirche als Festabzeichen übernommen.
bereitschaft für jedermann, von starkem sozialen Empfinden und strengstem Gerechtigkeitssinn, mit edelsten Charaktereigenschaften ausgezeichnet, erwarb er sich weit über den Kreis seines Wirkens hinaus größte Wertschätzung als Arzt, Beamter und Volksgenosse.
Das Andenken an diesen vortrefflichen deutschen Mann wird in dankbarer Anerkennung seines Wirkens in Gießen und im Kreise Gießen allezeit in hohen Ehren fortleben.
Prof. Dr Heinrich Weber f
Am 24. August verschied unerwartet in Leutkirch im Allgäu, wo er zur Erholung weilte, der ordentliche Professor der Forstwissenschaft, Dr. Heinrich Weber an der Universität Freiburg.
Heinrich Weber wurde am 24. November 1868 zu Londorf in Oberhessen geboren und studierte von 1887 bis 1890 Forstwissenschaft an der Universität Gießen. Nach mehrjähriger praktischer Betätigung in großen Privatforstverwaltungen und im Staatsforstdienst wurde er 1904 als planmäßiger außerordentlicher Professor an die Landesuniversität berufen, wo er Forstpolitik, Forstverwaltungs- lehre und Forstgeschichte vertrat. Nach dem Weggang von Geheimrat Dr. H e ß im Jahre 1908 übernahm Weber auch noch das Gebiet der forstlichen Produktionslehre, im Jahre 1910 rückte er in das Ordinariat ein. In Gießen entfaltete Hch. Weber eine rege wissenschaftliche Tätigkeit. Bekannt ist vor allem sein umfangreiches Werk über „Die Besteuerung des Waldes" geworden, das 1909 erschien. Zum 1. Oktober 1920 nahm Hch. Weber einen ! Ruf an die Universität Freiburg i. B. an. Weber übernahm nach dem Tode von Geheimrat Wim - m en au er die Schriftleitung der altangesehenen Allgemeinen Forst- und Jagdzeitung. Große Verdienste erwarb er sich durch die Herausgabe der Forstlichen Rundschau, die Sammelberichte über das forstwissenschaftliche Schrifttum der ganzen Welt bietet. Die Neuherausgabe des großen Handbuchs der Forstwissenschaft lag ebenfalls in seinen Händen.
Die letzten Lebensjahre Webers waren leider getrübt durch schwere Sorgen um seine Gesundheit. Mit unerschütterlichem Lebenswillen hat er dagegen angekämpft und in der Arbeit Trost gesucht.
Verheiratet war H. Weber mit Anna Thurn,
mer
wieder
in
das
Haus
sich der So
Nicht gerade einladend, aber deutlich sagt ein Spruch aus der Gegend von Hildesheim: „Blieb mi irarbuten, ober ek fla dek up de ©nuten!"
Der fromme Spruch ist beliebt und naiv-primitiv:
Nürnberg im Sprichwort
Mit keinem anderen deutschen Ort hat sich
„O Maria, Jungfrau mein, laß uns ewig bei dir sein! Beschütz' unser Haus und Rinder und die Ochsen und die Kinder!" Gesundes Selbstbewußtsein kehrt häufig diesen Haussprüchen deutscher Landleute:
„Gottes Segen und des Bauern Hand erhält das ganze Vaterland."
nichts Schlechtes:
Wellst du sein ein guter Christ, Bauer, bleib auf deinem Mist. Laß die Narren Freiheit fingen. Düngen geht vor allen Dingen!'
schäft nicht fern. Da mahnt dann solch Vers die liebe Jugend zur Tugend:
„Bienen holen für ihr Haus Honig heim aus Blum und Bluth, Und du trage hier heraus weise Lehr und gute Sitt'!"
(Schwandorf, Oberpfalz.)
Kaum aber hat sich der sündige Mensch von Schule und Kirche abgewandt, so liegt gewiß das Wirtshaus inmitten des Dorfes vor seiner Nase. Da ist ja Wandplatz genug für manchen gutgemeinten Reim, wie z. B in einem holsteinischen Dörflein:
„Hier in de olle Liese, hier geiht bat no be olle Wiese, De Wert (Wirt), be [tippt bat Beste: Prost, mine leoen Gäste!"
Sprichwort so beschäftigt, als mit Nürnberg, ber alten Pegnitzstabt, bie eine Schatzkammer beutschen Kulturgutes ist. Da ertönt mannigfaches Lob über bie Heimat Dürers, und wenn zuweilen auch solche Losungsworte, die sich zum Preise fast jeder Stadt bilden lassen, vom Lokalpatriotismus der Verfasser gefärbt sind, so ist im Nürnberger Lobspruch nur der Wahrheit bie Ehre gegeben. „Nürnberg ist ber Mittelpunkt Deukschlanbs und Europas." „Nürnberg ist Deutschlands Schmuckkästchen" und „Es gibt nur ein Nürnberg". Dieses Dreigestirn von Lobworten wirbt in der ganzen Welt für den Besuch dieser alten deutschen Stadt, und Tausende und aber Tausende von Besuchern kommen von nah und fern, um Nürnbergs Straßen zu durch- wandeln, seine Kirchen zu betreten und in seinen alten Bürgerhäusern einen tiefen Eindruck von deutscher Vergangenheit zu gewinnen. Herzhafter und humorvoller klingen die Aussprüche, die zu den verschiedensten Zeiten von den Nürnbergern selbst ober ihren Nachbarn, Freunben unb Neibern, geschaffen worben finb. Auf den Reichtum Nürnbergs und das üppige Leben in Bamberg beutet das Sprichwort: „Wenn Nürnberg mein wäre, so wollt' ich's zu Bamberg verzehren". Berühmt ist noch heute bas Wort, bas aus jenen Raubritter- zeiten stammt, ba sich ber berüchtigte Strauchbieb Eppelein von Geilingen nach ber Sage aus den Händen der Nürnberger befreite: „Die Nürnberger hängen keinen, sie Haven ihn denn". Ein etwas bedenkliches Licht auf bie Rechtspflege wirst das Sprichwort: „Nach Nürnberger Recht behält ber die Schläge, der sie hat!" Ehefeinblichen Personen beiderlei Geschlechts ruft der Volksmunb zu: „In Nürnberg müssen bie alten Jungfern mit den Barten ber alten Junggesellen ben weißen Turm fegen . Etwas wie Spott auf bie vielseitige Nürnberger
Bauerngedtcht - knapp, klar und schlicht XSon Werne» Lenz
Natürlich benkt ein rechter Bauersmann auch an fein Vieh. Deshalb empfiehlt sich ihm solch Wirts- wohl, baran zu lesen ist:
,.Wohltun unb fröhlich sein ist bas beste auf ber Erbe. Hier bekommt man Bier unb Wem unb auch Futter für die Pferde.
Leiber hat nun nicht ber Wanberbursche ober sonstige Reisenbe bar Gelb bei sich ®tn solcher kann sich vielleicht vor dem Hausspruch des niedersächsischen Gastwirts erschrecken, ber ba schreibt:
„Die ohne Gelb hier gehen ein, breche ber Teufel Hals unb Bem!
Aber ein rechter Wanberbursche finbet schon etwas für seinen Durst - unb wenn es auch nur „Pumpenheimer" ist den man ahne Pump sich selber pumpt; las er boch kürzlich auf einem Dorfbrunnen
Jnbustrie klingt aus dem Satz: „Was macht man nicht zu Nürnberg ums Geld?"
Viel erwähnt wird der „Nürnberger Witz", von dem es heißt: „Nürnberger Witz unb künstliche Hanb finbet Weg burch alle Lanb". Ein im Mittel- alter altbekannter Spruch lautet: „Hätt* ich Venedigs Macht, Augsburger Pracht, Nürnberger Witz, Straßburger Geschütz unb Ulmer Gelb, so wär' ich der Reichste von der Welt!" Mit diesem „Witz" ist die Klugheit der Nürnberger gemeint, von der in Alt-Bayern einschränkend gesagt wird: „Zu Nürnberg ist auch einer, der nicht alles weiß." Diesen Witz erlangt man aber am besten durch den berühmten „Nürnberger Trichter". Das Wort stammt bekanntlich von dem Titel eines Buches, das der Begründer des Pegnesischen Blumenordens, der Dichter Georg Philipp Harsdörfser 1648 zu Nürnberg ohne Namen erscheinen ließ: „Poetischer Trichter, die Deutsche Dicht- und Reimkunst in sechs Stunden einzugießen". Die Redensart kommt jedoch schon sehr viel früher vor, so z. V. in der Sprichwörtersammlung Sebastian Franks von 1541. Abgeleitet davon sind die Sprichwörter wie: „Hier hilft kein Nürnberger Trichter" oder „Es will ihm nicht hinein, man muß den Nürnberger Trichter holen". Um den „Erfinder" dieses Instruments spann sich bann ein ganzer Sagenkreis, der noch 1786 in einem „Biographischen Ehrengebächtnis" gesammelt ist.
Die „Heberklugheit" der Nürnberger ist vielfach der Gegenstand satirischer Schilderung: so heißt es in einem Volkslied des 18. Jahrhunderts von den Nürnbergern: „Ihre Eier tragen / Statt einem zween Dotter in ihrem Kragen". Viel verspottet wurden die Nürnberger Kaufleute in der Ritterszeit als „Pfeffersäcke" und „Feigensäcke". Der Name „Herrgottsschwärzer", der ihnen beigelegt wird, ist ihnen aber zu Unrecht angehängt worden. Ein acht Zentner schwerer erzener Christus am Kreuz, der von Hermann Vischer dem Aelteren gearbeitet sein soll, gab hierzu die Veranlassung. Der Sage nach war dieser „Herrgott" aus Silber und wurde mit schwarzer Farbe überzogen, um ihn der Habgier der Soldaten im Dreißigjährigen Kriege zu ent» ziehen. In Wirklichkeit ließen im Jahre 1642 zwei fromme Brüder Krone und Schweißtuch der Chri- ftusfigur vergolden; mußten jedoch auf Anordnung des Kirchenherrn beides wieder „schwärzen und austun". „Sandhasen" heißen die Nürnberger schon zur Zeit des Hans Sachs, wie er in seinem Schwank „Vexation ber 24 Länder und Völker" betont: „Die Nüremberger alle stunden / Werden genennet die Sandhasen, / Weil sie bauen aller meß straßen."
die Trostworte: . ,
„Deswegen bin ich worben graben, daß man einen füllten Trunk kann haben, und mag mich trinken ahne Gorgen, flat man kein (Selb, fo tue t ch borgen!
Auf den fflute, und Bauernhäusern findet manches Aufschlußreiche. Auch hier mahnt sich sparsame Bauer gern zu weiterer Sparsamkeit! hießt es auf einem Heidebauernhofe:
Verzehr nicht mehr als du erroerbft, fünft du im Grund gar bald verderbst!"
Im Westfälischen rät diese alte Hausinschrift auch
deutschen Kulturleben gewann
Kirche und Kirchhof liegen dicht beim börslichen Gasthause; unb zum vornehmsten der bäuerlichen Gutshöfe pflegt es auch nicht weit von der Dorfes- mitte aus zu (ein. Dorthin überall, aber auch 'N den bescheidensten flos hinem lohnt dann der Weg dessen der solche Bauernweisheit oon uraltem fflerat oon Toren oder Dachbalken ablesen will — Eben hat die erzene Glocke angeschlagen. Der Küster weist uns gern das ehrwürdige Klanggerat, das seck Jahr- Hunderten die Gemeinde zusammenfuhrt. Wir lesen diesen alten Glockenspruch auf ihm:
An einer Glocken kann man spüren die Ding, so einem Prediger gebühren. Gott loben! Und führen zu rechter Lehr. Das Volk versammeln und bie Schaar zur Kirchen und zu aller Zucht: bas bringt Exempel unb gut Frucht!
Die holperige Dichtart ist Zeugnis daß ungelehrter ungekünstelter, bäuerlicher Geist hier Pate ftanb zum guten Werke.
Das Friebhofstor gibt natürlich Gelegenheit zu allerlei Nachbenken. Im Hannoverschen .st an solcher Stätte zu lesen:
„Hier ligget unse leimen Dien Herr, lat se bi fien wohl besohlen. Denn — wenn fe sollben meber uppstahn, jau müßten mi alle van Hus un Hof gähn!"
Im Oldenburgischen steht bieser menschlich-rührenbe Svruch über einem Kirchhofsportal: „O-! emich ist so lanck!" Unb im Rosegger-Dorflein Kneglach ftel)t eine eben erst fünfzigiähnge Inschrift auf einem Grab:
Beter Gutschelhofer heiß ich, in ein bess'res Jenseits reis' idy Der ganzen Welt sag' ich gut* Nacht! Ich will sehn, mas Jesus Christus macht."
mir nun von biesem feierlichen Orte ein Stück weit«, 10 ist gewiß da- Schulhaus der Ort.
Weil sich ber Bauer vorzugsmeife selbst bie sten Handreichungen in Werktag unb Feieravend macht, jo ichmückt er sich auch fein Haus am liebsten mit den bescheidenen Kunstwerken eigner Handfertigkeit und Phantasie. Daraus wurde dann die Bauernkunst, bie eine anerkannte Bebeutung im


