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5amrtag,2b.Mai 1934

Nr. 120 Erstes Blatt

184. Zahrgang

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«infolge höherer Gewalt A Stellen-, Vereins-, gemein»

BZW General-Anzeiger für Oberhessen

Kranttutt am^main 11686 Drück und Verlag: Vrühl'sche Univerfitats Vuch- und Zteindruckerei N.Lange in Sieben. Schrlstlettung und Geschäftsstelle: Zchulstrahe 7 Mengenabschlüss?Staffel8

Sietzener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

ParisGenfMoskau.

daß Die den der sein sind den

essen letzte politische Erfolge ihm reichen Lorbeer ngetragen haben, einst nur zögernd das sinkende ichiff Trotzkis verlassen, um zu den stärkeren Ba- üllonen Stalins überzugehen. An eine Rückkehr rotzkis nach Moskau und eine Aussöhnung mit -talin ist wohl aber kaum zu denken.

Schweiz verlassen, um sich in Mentone an der fron- äslschen Riviera mit dem Pariser Sowjetbotschaf- tr Dowgalewsky zu treffen. Man spricht auch von mer Begegnung mit Trotzki, dem von Stalin rerbannten Genossen aus der ersten Kampfzeit des Bolschewismus. Möglich wäre eine solche Begeg- ung schon, hat doch der jetzige Außenkommissar,

Weit mehr als die in allen wesentlichen Punkten !sruchtlosen Beratungen des Völkerbundsrats hat !os meteorhafte Erscheinen des sowjetrussischen iluhenkommissars Litwinow in Genf Auf- chen erregt und zu Kombinationen Anlaß gegeben, -er äußere Anlaß zu der Reise Litwinows nach Westeuropa ist der bevorstehende Zusammentritt 25 Hauptausschusses der Abrüstungskonferenz, auf er Rußland ja ebenso wie die Vereinigten Staa- tn vertreten ist, obwohl beide nicht Mitglieder des Völkerbundes find, der die Abrüstungskonferenz -inerzeit einberufen hat. Doch damit hätte es ja och gute Weile gehabt, wichtiger war für Litwi- roro eine Begegnung mit dem französischen Außen- unister B a r t h o u, der gerade eben von seiner '.eise nach Warschau und Prag zurückgekehrt war. ütwinow hat dann bis zum Beginn der Ab- üstungsverhandlungen den für bolschewistische Diplomaten immer noch ungastlichen Boden der

Das sind kurz die äußeren Vorgänge des Lit- ßnnow-Besuchs in Genf. Die vertrauliche Füh- bngnahme, die sie einleiten, dient der weitge­spannten Sicherungspolitik Litwinows, mit deren Hilfe Rußland sich für den Fall ernster Aus- enandersetzunqen im Fernen Osten den Rücken zu decken sucht. Üitwinow sucht nach dem Schlußstein für sein kunstvolles Gebäude von Nichtangriffs­pakten, mit dessen Errichtung er die Wiederkehr der für den Rätestaat lebensbedrohenden Gefahr übermächtiger Koalitionen für immer bannen will. Jer Eifer,' mit dem Litwinow feine Fäden spmnt, um ein lückenloses Netz von Freundschaftsvertra- ln über alle ihm wichtigen Mächte zu spannen, gpenzt schon fast an Psychose. Denn ein irgendwie ernsthafter Konfliktsstoff, der im Falle einer kriege- . eschen Verwicklung Rußlands im Fernen Osten, eine europäische Macht zum Eingreifen veranlas- ,n könnte, besteht nirgends, sofern nicht Moskau Uber durch die hemmungslose kommunistische Pro­paganda jenseits der russischen Grenzen und die clen Gesetzen Hohn sprechende Behandlung aus- lc ndischer Ingenieure immer wieder Anlaß zu Rev fcreien und Verstimmungen geben würde. An der Äestgrenze war die im April 1918 erfolgte und 1820 oom Obersten Rat der Pariser Frledenskon- fa-enz gebilligte Angliederung Bessarabiens an Rumänien der territorial einzige wunde Punkt tin Bedeutung. Gewisse unterirdische Spannungen nlögen auch trotz des abgeschlossenen Nichtangrifss- pikts noch zu P o l e n bestehen dem man m Mos- U nicht zutraut, daß es die Hoffnungen auf ieinen Erwerb der Ukraine und den burnit oerbun' bmen Durchbruch zum Schwarzen Meer schon gänzlich eingesargt haben sollte.

Zn Rußland weiß man natürlich auch Polens Diktator kein Freund der Russen ist. Erinnerung an russische Gefängmsmauem, an i-Kampf um die Befreiung seines Volkes von Sirentnute, die von seiner Studentenzeit an Biimes Leben erfüllt hat, diese Erinnerungen in fieren Marschall Pilsudskis auch durch «,°h7n geschichtlichen Wandel, der an die Stelle der fomano'ms die Bolschewiken in den Kreml zu Lostau führt-, nicht ausgelascht morben. D°r letzte diutige Waftengang mit Rutzland, ber 1920 mit ibitn Siege Pilsudskis und der schwer bedrängten 'Untschen Armee unter den Maurrn Warschaus ntrete, war auch nicht dazu angetan die Stim­mung zwischen beiden Nationen freundlicher zu ge- stilten Denn wenn Palen auch >m Frieden van IN aa am 18. März 1921 seine Ostgrenze weit nach

W eißrußland hinein vortreiben Formte von mer D iUionen Einwohnern, die es sich damals jenseüs le ner ethnographischen Grenze eingliederte ist noch

mtrissenen Gebiete nur so behaupten zu können fit eine Anlehnung an Rußland plädierte. D^u is es nicht gekommen, zum polnisch-russischen Nicht- r',ariffsmrkt ging die Anregung von Moskau aus, i wird schwerlich die russisch-polnischen Bezlehun- mlemalkaus der Sphäre korrekter Nachbarschaft ? * cfa, ist deshalb verständlich, daß

den gegebenen Widerpart im Nußland m P empfindet und aus diesem

r.fllhl h-rE di- deutsch polnische B-rstündigung r. Argwohn beobachtet hat. Datz dieser Argwahn, iowell die Beweggründe Deutschlands für eine 53«- iirndigunq mit Polen dabei rnitspielen, gänzlich un- LrüÖift bedarf für deutsche Leier keiner weite-

liiere Gestaltung der beider eckigen j5ediet)unge Vot-m'w-nnDeutschland °uch ebensowrn'g Men den Nutzen eines von Moskau angeregten ll^fommend zur Garantie des B f tzf r u.n ! jemand bedrohten baltischen Staaten -,nseh°n

, ^Das volnifch-russifche D-rhAtnis ist der eine Weg stm"^Verständnis der Paktpoliti, Litw.naw- der ribere Weg führt noch weiter zuruck m me An icnae des Rätestaates. Die Friedensverhandlungen ^ Breft-Litowsk waren die erste Schule der sitljchewlltifchen Diplomaten, aber sie waren den

Barchou verkündet Frankreichs Programm für Abrüstungskonferenz und Gaarverhandlung.

Kinderschuhsn ihres neuen Berufs noch nicht ent­wachsen als die Auseinandersetzungen mit den in Petersburg und Moskau verbliebenen und dort zur Wiederaufnahme des Krieges gegen die Deutschen treibenden Ententediplomaten die Außenpolitik der Sowjetunion vor schwerste Aufgaben stellte. Ein Engländer, der damals als Vertreter seines Landes in Moskau die ersten Fäden zu den roten Macht­habern spann, der junge R. H. Bruce Lockhart, hat in seinem ErinnerungsbuchVom Wirbel er­faßt" diese der deutschen Oesfentlichkeit fast gar nicht zur genauen Kenntnis gekommene inter­essante Episode ungemein fesselnd geschildert. Dem entschiedenen Friedenswillen der Bolschewisten ge­lang es damals, die Kriegstreiber der ehemaligen Verbündeten abzuschütteln, aber dafür mußten sie in Kauf nehmen, daß die Ententemächte die überall an den Grenzen des Riesenreichs gegen die rote Blutherrschaft aufflackernden Aufstände mit Geld, Truppen und Waffen unterstützten, allerdings nir­gends tatkräftig genug, um das Ziel, die Vernich­tung des Bolschewismus, zu erreichen. Aus der damaligen Zeit, als im Norden die Generale Judenitsch und Fürst Awaloff-Bermondt zum Teil mit Hilfe deutscher Truppen, Admiral Koltschak durch Sibirien mit Unterstützung von Franzosen, Japanern und Tschechen, Denikin. Kornilosf und Wrangel im Sicken mit Hilfe von Franzosen und Engländern das rote Regime bedrängten, aus dieser Zeit stammt die Furcht vor den Koalitionen, und diese Furcht ist auch nicht ganz geschwuicken, obwohl inzwischen die Sowjetunion jedenfalls außenpolitisch die Gefahrenzone durchschritten zu haben scheint, die für jedes junge Staatswesen der erste Prüfstein seiner Beständigkeit ut

Die Krone der Bemühungen um Sicherung vor Erneuerung derartiger Koalittonen, die das bolsche­wistische Rußland in den Interventionskriegen der weißen Generale fürchten gelernt hat, soll nun nach dem Wunsch Moskaus Rußlands Beitritt

zum Völkerbund sein. Und F r an k r ei ch hat sich erboten, dabei Pate zu stehen. Wenn es den Franzosen darauf ankommt, in Genf die antideut­schen Elemente zu stärken, was es von einem Bei­tritt Rußlands erhofft ob mit Recht oder Unrecht muß dahingestellt bleiben, so hat Moskau wesentlich andere Gründe, die es bewegen, mit solchem Eifer seine Zulassung in den bisher bei jeder Gelegenheit mit Hohn, Spott und Verachtung bedachten Völker­bund zu betreiben. Einmal hat Frankreich diesen Beitritt zur Bedingung für den Abschluß eines Sicherheitspakts gemacht, der auch die von England bisher stets abgelehnten automatischen Sanktionen gegen einen Friedensstörer enthalten würde. Zum andern hofft die bolschewistische Diplomatie mit Hilfe Frankreichs und auf dem Umweg über Genf auch mit der Kleinen Entente, zu der sie heute noch keine offiziellen Beziehungen unterhält, in Fühlung zu kommen Auch liegt den Russen daran, durch die eigene Mitgliedschaft zum Völkerbund die andern Mitgliedsstaaten, die das Sowjetregime bisher nicht anerkannt haben und auch keine diplomatischen Be­ziehungen mit Moskau ausgenommen haben, wie z B. die Schweiz, die Niederlande, Ungarn, die südamerikanischen ABC-Staaten, gleichsam mora­lisch zu zwingen, ihre Zurückhaltung aufzugeben. Hier liegt aber natürlich schon die erste Schwie­rigkeit für die Aufnahme Rußlands in den Völ­kerbund. Schon das Echo dieses Plans in der Schwei­zer Presse ist bezeichnend für die geringen Sym­pathien, die die Sowjetunion in all den Ländern genießt, die den Kommunismus als volks- und staatszerstörendes Element am eigenen Leibe kennen- gelernt haben oder sich auch heute noch ständig der von Moskau geleiteten und mit allen Mitteln geför- derten kommunistischen Propaganda zu erwehren haben.

Eine andere Schwierigkett wird vermutlich P o - l e n machen, das aus der schon geschilderten Ein- stellung zu Rußland heraus, den Eintritt der Sowjet»

Französische Ouvertüre für Genf.

In Genf herrscht in der nächsten Woche Hoch­betrieb. Am Montag tritt das Büro, am Diens­tag der Hauptausschuß der Llbrüstungs- k o n f e r e n z zusammen, und am Mittwoch beginnt die 80. außerordentliche Tagung des Völker­bundsrats, dessen Programm den Krieg zwi­schen Bolivien und Paraguay, die ungarisch-süd­slawischen Zwischenfälle und was uns besonders interessiert die vorbereitenden Maßnahmen zur Volksabstimmung im Saargebiet um­faßt. Deutschland, das an diesen Verhandlungen nicht teilnimmt, tut nichts desto weniger gut daran, die Vorgänge in der Völkerbundsstadt nicht nur mit äußerster Aufmerksamkeit zu verfolgen, sondern auch auf die klare Scheidung der verschiedenen Verhandlungsgegenstände zu achten. Das ist darum besonders notwendig, weil die internationalen Ge­spräche, die sich oft hinter verschlossenen Suren über die verschiedenen Themen abwickeln, häufig von ein und denselben Persönlichkeiten geführt werden, und weil die Ouvertüre, die Frankreichs Diplomatie und Presse zu diesem Akt der Genfer Tragikomödie gespielt hat, eine derartige Fülle disharmonischer Klänge zu Gehör brachte, daß das Ganze mehr dem Stimmen der Instru­mente, als einem einheitlich komponierten Vorspiel glich.

Recht geschickt hat es die Pariser Regie verstan­den, die Schwäche der eigenen Rechtsstellung m allen diesen Fragen durch eine verwirrende Be­gleitmusik von allen möglichen Bündnisplänen, Zwischenfällen und Protesten zu verdecken und so künstlich eine unsichere Stimmung zu schaffen, bei der sie am besten im Trüben fischen zu kön­nen glaubt. Zielbewußt und sicher aber hat sie jene Maßnahmen getroffen, die der eigenen von krankhaftem Geltungsbedürfnis gebotenen militäri­schen Vorherrschaft dienen sollen. Der Kammeraus­schuß hat einstimmig beschlossen, die neuen Mil­liardenkredite für den Ausbau der französischen Rüstung zu befürworten, und die Regierung Doumergue hat verkündet, daß ein Viertel der französischen Militärluftfahrt innerhalb kürzester Zeit mit vollständig neuen Apparaten ausgerüstet werden soll. Die Rede des Außenministers B a r t h o u und die Veröffentlichung des Blaubuches sind weitere Hilfsmittel der französischen Aufrüstungspropaganda.

Das Spiel ist leicht zu durchschauen, wenn man sich nur angewöhnt, die Welt der Tatsachen fein säuberlich zu trennen von dem Phrasenwust der für das Publikum, d. h. für die nach Frieden und Arbeit dürstenden Völker, bestimmten Proklama­tionen. DerMatin" hat erklärt, daß die Saar­frage für die Hitlerregierung eine Prestigefrage sei. Umgekehrt wird ein Schuh daraus: Am Beispiel der Saarabstimmung, an der foforti* gen Festsetzung ihre s Termins und an ihrer strikten Durchführung nach dem Buchstaben und Sinn des Saarstatuts wird der Völkerbund erweisen können, ob er überhaupt noch fähig ist, irgendeines 6er vor sein Forum kommen­den'Probleme nach Recht und Gerechtig­keit zu lösen.

Dafür ist es aber der denkbar schlechteste Auftakt, wenn der eine am Saarproblem interessierte Part­ner erklärt, daß man des andern Versprechungen nicht trauen dürfe, wie soeben Barthou in der fran­zösischen Kammer sich erkühnte, die deutsche Zusage, hip Krpiheit der Abstimmung im Saargebiet seiner­

seits zu gewährleisten, für wertlos zu erklären. Solche Urteile bedürfen einer entschiedenen Zurück­weisung. Das Jahrzehnt der Durchführung des Ver­sailler Diktats ist eine Kette von Rechtsbeugungen, Vertragsbrüchen und Täuschungen, daß Frankreich am allerwenigsten Anlaß hat, in die Aufrichtigkeit deutscher Versprechen irgendwelche Zweifel zu setzen. Frankreich will auch seine Tiordgrenze befestiqen.

Paris, 26. Mal. (BJiB. - Funkfpruch.» Der IRatin veröffentlicht eine Meldung aus Lille, die von dem Eintreffen einer Topo-

graphenabteitung berichtet. Die Abteilung soll im Auftrage des Generalstabs Gelandeftudien an der französischen Nordgrenze vornehmen, die als Unterlagen für den Plan der dort auszuführenden Defestigungsarbei- ten gelten sollen. Wahrscheinlich werde man die französische Üordgrenze ähnlich befestigen, wie die französische Ostgrenze. Wan werde von großen, allzu sichtbaren Forts absehen und dafür vefesti- gungswerke anlegen, die sich dem Boden und dem Gelände anpassen. Nicht alle frühe­ren Forts würden deshalb aufrechterhalten werden.

Das französische Blaubuch.

Angesichts der Wiedereröffnung der Genfer Be­ratungen hat es die französische Regierung für not­wendig gehalten, gewissermaßen zur Rechtfertigung ihrer Politik eine Dokumentensammlung in Form einesBlaubuches" herauszu­geben. Diese Veröffentlichung enthält nichts Neues, soweit es sich um die verschiedenen zwischen den Kabinetten über die Abrüstungsfrage gewech­selten Noten handelt. Nur einige wenige Schrift­stücke waren der Welt im Wortlaut nicht bekannt. Es sind das verschiedene Noten des Pariser Außen­amtes an die englische Regierung bezw. an deren Pariser Botschafter, Lord Tyrrell. In einem dieser Dokumente (vom 6. Nov. 1933) ging Paul-Boncour auf den bekannten Simon-Plan ein, an den sich die Erörterungen über dieP r o b e z e i t" angeschlos­sen haben. Der französische Außenminister erklärt sich am Schluß seiner Antwort bereit, auch an anderen Formulierungen mitzuwirkemwenn prak­tisch das gleiche Ergebnis erzielt werde." Damit hat sich die französische Politik das richtige Selbstzeugnis ausgestellt: Verhandlungen und Be- sprechung'en aller Art sind möglich, aber ihr Er­gebnis sollpraktisch" darin bestehen, daß Paris seinen Standpunkt durchsetzt.

Am 6. April erging wieder eine (bisher noch nicht bekannte) Note an die englische Botschaft in Paris. Darin wird die game Abrüstungsfrage auf das Geleise derSicherheit" geschoben, aber doch hinzugefügt, daß man den abgerüsteten Staa­ten eine beschränkte Wiederaufrüstung nicht prin­

zipiell ablehnen wolle. Immerhin sei das eine Angelegenheit von grundsätzlicher Bedeutung, die deshalb vor den Hauptausschuß der Abrüstungskonferenz gehöre. Dann kam der 17. April, an dem die französische Regie­rung den Engländern gegenüber endgültig erklärte, diese Diskussion abzulehnen. Damit war die entscheidende Schwenkung eingetreten, nach lang­wierigen Verhandlungen im neuen Kabinett hatte der radikale Standpunkt sich durchgesetzt.

Alles das geht aus dem Material des französischen Blaubuches hervor, das deshalb manche Ablen­kungsmanöver versucht, um die eigene Po­sition zu verbessern. Dazu muß der deutsche Reichswehretat herhalten, über dessen Bedeu­tung kaum noch ein Wort zu sagen ist. Nicht übel nimmt sich auch das in der Sammlung erwähnte französische Angebot einer Verminderung der Luftflotte aus. Inzwischen ist nämlich der amtliche Plan bekanntgeworden, die französische Luftflotte zu modernisieren. Man hatte also die Absicht, den Abbau veralteter Systeme großmütig alsAbrüstung" zu proklamieren und anderen Staaten dasselbe zuzumuten, um dann für sich eine um so modernere Luftrüstung her- zustellen. Alle diese kleinen Mittel und Kunstgriffe sollen die Welt in den Glauben versetzen, daß Paris ernsthaft eine Abrüstung wollte, aber nur durch den deutschen Wehrhausyalt und durch das Gebot der eigenenSicherheit" gewisse Rücksichten zu ver­langen hatte. Ob die Well das heute noch glaubt?

Barthou betont die einheitliche Linie der französischen Außenpolitik.

Paris, 25. Mai. (DNB.) Vor mehr oder weni­ger leeren Bänken eröffnete der Abgeordnete Chappedelaine (Radikale Linke) Freitagnach­mittag mit einer einstündigen Rede die außenpoli­tischen Interpellationen in der französischen Kam­mer. Chappedelaine richtete die Aufmerksamkeit der Kammer auf die Gefahren der heutigen Lage. Deutschland rüste, Mitteleuropa sei schwach, zwischen den We st möchten herrsche Un­einigkeit, der Kriege drohe, in Ungarn rede man nur von der Revision der Verträge. Dieser Ausdruck allein klinge für die Tschechoslowaken, die Rumänen und Südslawen wie ein Ruf zu den Waf­fen. Der erste Vorstoß der Nationalsozialisten gegen

Oesterreich sei gescheitert, aber schon erneuere er sich wieder. Die österreichische Unabhän­gigkeit müsse der Eckpfeiler der fran­zösischen Politik in Mitteleuropa wer­den. Könne Frankreich aber noch auf Polen rech­nen? Bestehe nicht zwischen Berlin und Warschau ein Geheimabkommen über den Korridor. Was gegenwärtig in Deutschland vorgehe, raube jedoch Frankreich alle Illusionen.

Der Abgeordnete C h^a s s e i g n e von einer kom­munistisch-sozialistischen Splittergruppe kritisiert die Haltung der französischen Regierung in der Ab­rüstungsfrage. Seit der Note des 17. April hätten die ausländischen Mächte begonnen, Frankreich den

union in den Völkerbund und die Zubilligung eines Ratssitzes nicht gutheißen wird, ahne daß nicht auch der eigene bislang nichtständige Ratssitz in einen ständigen umgewandelt und damit Polen als Groß­macht anerkannt wird. Welche Wirkungen ein sol­cher diplomatischer Erfolg Polens in den Kanzleien der Kleinen Entente haben wird, kann man sich bei den bekannten ehrgeizigen Aspirattonen der Herren Beneisch und Titulescu unschwer ausmalen. Wie Deutschland, wenn es noch Mitglied des Völker­bundes wäre, aus dem von ihm immer verfochte­nen Grundsatz der Totalität des Bundes heraus gegen einen Beitritt Rußlands nichts einzuwenden haben würde, so scheint auch England den Wunsch Litwinows zu begrüßen. Aber den Englän- dem behagen weniger die Begleitumstände, unter denen von Paris aus die Aktion zum Eintritt Ruß­lands betrieben wird. Sie haben den fatalen Ein­druck, als ob Frankreich das Bündnis gegen Deutschland, das es in London unter dem Deck- mantel von Garantien für eine Rüstungskonvention nicht erhalten konnte, nun in Moskau erstrebt und dazu als Lockköder den Völkerbund ausgehängt hat. In London ist man von jedem Versuch einer Rück­kehr zur verhängnisvollen Bündnispolitik der Vor­kriegszeit peinlich berührt, und zwar sicher nicht nur um unserer schönen Augen willen, sondern mehr noch, weil man in dieser Wendung Frankreichs zum alten Bundesgenossen der Vorkriegszeit auch ernste Gefahren für die eigene Politik und die eigenen Interessen in Europa wie auch in Asien Heraufziehen sicht. So löst der ftanzösisch-russische Plan in seiner Kombinatton von Dölkerbundsbeitritt und Siche» heitspakt durchaus gemischte Gefühle aus und die Diplomatte wird noch alle ihre Künste spielen laste« müssen, bis ein Projekt Wirklichkeit werden wird, das die weltpolitischen Konstellationen unter neu# Gesichtspunkte stellen würde.