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Nr. 198 Drittes Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

5amstag, 25. August 1934

GG. steht treu zur Saar

läßlich des am 25. unb 26. August stattfindenben Deutschen Weintages für die Nacht vom Samstag auf Sonntag (25. zum 26. August) und vom Sonn­tag auf Montag (26. zum 27. August) auf 3 Uhr festgesetzt.

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Oie Polizeistunde beim Deutschen Weintaa. Die Polizeidirektion Gießen teilt mit: Durch nisterielle Anordnung wurde die Polzeistunde

Das vorstehende Bild zeigt eine Huldigungsadresse, die die enge und treue Verbundenheit der 30. SS.-Motor-Standarte mit unseren deutschen Brüdern und Schwestern an der Saar zum Ausdruck bringt.

Volksglaube, daß man das Getreide und das Brot wie etwas Heiliges verehren soll, ist im deutschen Volk noch nicht erstorben.

Und wir wollen dafür sorgen, daß die Sagen von der Frau Hütt und viele andere unfern Kin­dern wieder neu erzählt werden, damit auch sie Ehrfurcht empfindeck vor unserem täglichen Brot.

Auf den leeren Aeckern raunt es leise.

Geheimnisvoll weht der Wind über die Stoppeln.

Reichsbund Volkstum und Heimat.

Ortsring Gießen.

Morgen, Sonntag, 7 bis 9 Uhr vormittags, bota­nischer Rundgang durch die städtischen Anlagen. Führung: Universität-Professor Dr. Funk. Trefft

Bornottzen.

Tageskalender für Samstag: NSLB. Gießen-Land, 15 Uhr, Bergschenke, Familien-Kon- ferenz. Lichtspielhaus, Bahnhofstraße:Schön ist es, verliebt zu sein". Bergschenke, 20.30 Uhr, Rheinisches Winzerfest.

Tageskalender für Sonntag: Licht­spielhaus, Bahnhofstraße:Schön ist es, verliebt zu sein". Verein Rudersport Gießen, ab 9.10 Uhr, Bootshaus, 14. Herbst-Regatta des Lahn-Regatta- Verbandes. Mtv., 18 Uhr, Cafö Ebel, Zusam­mensein. Bergschenke, ab 16 Uhr, Rheinisches Winzerfest. Waldeslust, 2er-Radball-Pokalwett-

Aus der provinzialhauptstadt.

Leere Aecker.

Wie war es doch? Sensen und Sicheln sangen, Maschinen klapperten. Schon lagen große Stücke des Roggenfeldes gemäht. Die Garben deckten die Erde roie gefallene Helden. Dann standen sie auf­recht in Reih und Glied. Aber nur kurze Zeit. Es kamen die Leiterwagen und fuhren den Segen in die Scheunen, und sie strotzten von der Fülle des Segens.

Draußen auf den leeren Aeckern raunte es leise. Geheimnisvoll weht der Wind über die Stoppeln.

Die leuchtenden Blumen starben. Nur auf den Wiesen blühen sie noch. Aber auch ihre Zeit ist bald gekommen. Der zweite Grasschnitt wird alle Herr­lichkeit vernichten. Die Nächte werden kühl, und frühmorgens decken Nebel Feld und Flur.

Schwere, arbeitsreiche Tage liegen hinter unfern Bauern. Wenn die Städter ihr Tagewerk begannen, ja schon, wenn der Sonnenball groß und feuer- farben über dem Himmelsrand heraufstieg, waren die fleißigen Bauern draußen auf dem Felde. Und abends, wenn die Stadtleute heimkehrten aus Fabrik und Büro, dann war für den Bauer noch lange nicht Feierabend. So ging es viele Wochen lang. Dann war die Ernte geborgen. Die Schnitte­rinnen banden den Kranz, hochbeladen schwankten die Wagen in die Scheune. Die letzte Garbe blieb im Feld nach Däterbrauch. Das Erntefest bei Spiel und Tanz, die Kirmes, folgte.

Nun hüllen Herbstnebel die leeren Aecker ein. ®ie Dreschmaschine aber brummt ihr eintöniges Lied. Die Garben werden eingeschoben, und die Hämmerchen im Innern des Dreschwagens voll­bringen nun in kurzer Zeit die Arbeit, die einst mit den Dreschflegeln nur langsam vonstatten ging und oft während des ganzen Winters dauerte. Die goldenen Körner werden in die Säcke gesammelt und wandern auf den Speicher. Gar viel von der Brotfrucht aber wandert hinaus in das Land. Die Mühlen warten schon.

Die goldnen Körner bringen uns das neue Brot. Sie erzählen uns davon, daß wir alle teilhaben an dem Segen der deutschen Scholle, an der Ernte des deutschen Bauern, der sich für alle draußen bei Sonnenschein und Hitze vom frühen Morgen bis zum späten Abend abmühte. So ist das Brot ein festes, heiliges Band, das alle umschlingt, Ver­bindung schafft von Brüder au Bruder. Die Fülle der Ernte sättigt alle in Stadt und Land. Wir essen unser täglich Brot. Doch denken wir dabei auch an die schwere Arbeit der Bauern? Das Brot soll uns heilig sein.

In den Bauernstuben atmet heimatliches Behagen, der Duft des neuen Brotes weht aus dem Back­haus. Aus dem Herzen des Bauern aber strömt der Dank zu Gott. Trotz Hitze und Trockenheit gab er uns eine gute Ernte.

Draußen auf den leeren Aeckern aber sammeln fleißige Kinder die letzten Aehren, sorgen dafür, daß nichts umkommt von der Gottesgabe. Auch hier waltet die Ehrfurcht vor dem Brot. Der alte

punkt: Ecke Wernerwall und Dammstraße. Unsere Mitglieder werden zu reger Beteiligung aufgefor­dert. Gäste willkommen!

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kämpfe mit radsportlichen Darbietungen; abends italienische Nacht, Tanz.

Unser neuer Roman.

In der heutigen Ausgabe des Gießener Anzeigers bringen wir den allgemein mit größter Anteilnahme verfolgten RomanWege, die die Liebe weist" von Gert Nothberg zum Abschluß; gleichzeitig be­ginnen wir heute mit der Veröffentlichung eines neuen großen Romanwerkes, das sich zweifellos eines nicht geringeren Erfolges wird erfreuen bür« fen. Wir entsprechen nur einem vielfach aus un­serem Leserkreis geäußerten Wunsche, wenn wir diesmal wieder eine unserer beliebtesten und er­folgreichsten Autorinnen zu Wort kommen lassen, die ihre überaus ansprechende und fesselnde Er­zählergabe bereits in zahlreichen Romanen des Gießener Anzeigers und seiner Illustrierten höchst eindrucksvoll unter Beweis stellen konnte. Unser neuer Roman heißt:

Oonaia verteidigt ihr Glück" von Anny von panhuys

und ist die außerordentlich spannende und zu Herzen gehende Liebesgeschichte zweier junger Menschen­kinder, die nach mancherlei Irrwegen und Ent­täuschungen ein reines Glück miteinander finden.

Das ist ein echter Panhuys-Roman mit all den Vorzügen, denen die so sehr beliebte Verfasserin ihre großen und nachhaltigen Erfolge verdankt. Unsere Leserinnen und Leser in Stadt und Land, die sich gewiß der früher bei uns erschienenen Romane von Anny von Panhuys wie z. V. Die echte und die falsche Doralies" oderEin Lied vom Glück" mit Vergnügen erinnern wer­den, dürften auch in dem heute beginnenden neuen Roman eine täglich mit Freuden begrüßte und mit Spannung verfolgte Lektüre finden.

Polizeibericht.

Diebstähle:

In der Nacht zum 14. August wurden vom Bleich­platz des Grundstücks Goethestraße 72 eine grauweiß- karierte Jacke eines Schlafanzugs, ein graugrünes und ein blaugesprenkeltes Herren-Sporthemd ent­wendet. Desgleichen in der Nacht zum 16. August aus einer Gartenlaube der vorderen Steinstraße ein eiserner, grüngestrichener Gartenstuhl, außer­dem in der Nacht zum 18. August der am Eingang des Stahlhelmheims angebracht gewesene Stahl­helm.

Am 22. August gegen 20.45 Uhr wurde in der Kaplansgasse ein Herrenrad Marke Corona, Fabrik- Nummer 607 560, entwendet. Als Täter kommt ein junger Mann in Frage, der mit einer SA.-Hose, einer dunklen Jacke und braunen Mütze bekleidet war. Ferner wurde in der Wolkengasse ein Opelrad mit schwarzem Rahmen, gelben Felgen, gewöhn­licher Lenkstange mit roten Gumigriffen und Komet- reilauf entwendet. Da nach den polizeilichen Er­mittelungen angenommen werden muß, daß min­destens eines der beiden Räder in unserer Stadt ab gesetzt worden ist, wird der Käufer in seinem eigenen Interesse gebeten, Mitteilung an die hie- ige Kriminalpolizei zu machen.

Festnahmen:

Am Donnerstag kam es in den frühen Morgen­stunden zwischen den Bewohnern des Stadtteils An der Kläranlage zu Streitigkeiten, wobei eine Frau von einem jungen Mann einen nicht ungefährlichen Stich mit einem Taschenmesser in die Brust erhielt. Die Verletzte mußte in die Chirurgische Klinik Der- bracht werden. Der festgenommene Messerheld wurde dem Richter vorgeführt und in Unter­suchungshaft genommen. Im Verlaufe der polizei­lichen Ermittelungen wurde festgestellt, daß er auch mit zwei im vorigen Jahre in unserer Stadt ver­übten Einbruchsdiebstählen in Verbindung stehL

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Vornan von Anny von panhuys.

Urheberrechtsschutz: Fünf-Türme-Verlag, Halle (S.)

Er st es Kapitel.

himmeldonnerwetter, kann man denn net emal allans über die Straß gehe!"

Eine klare, von Zorn erregte Mädchenstimme hatte es laut in den weichen, lauen Herbstabend hineingerufen, und als Antwort lachte ein ältlicher Geck:Nein, mein gnädiges Fräulein, wenn man so hübsch ist wie Sie"

Er kam nicht weiter, ein Radler war plötzlich da, machte halt. Das Himmeldonnerwetter war an fein Ohr gedrungen, hatte ihn herbeigerufen.

Groß und etwas breitschultrig stand er vor dem schlanken Mädchen und dem älteren Herrn in der stillen Vorstadtstraße.

Sie brauchen Schutz, Fräulein! Verfügen Sie über mich, ich werde Sie begleiten!"

Er wandte sich an den Herrn:

Gehen Sie nach Hause oder wohin Sie sonst wollen! Schämen Sie sich, junge Damen zu belästigen!"

Na alte Damen zu belästigen macht doch feinen Spaß, foroas habe ich selbst daheim!" brummte der ältliche Don Juan, zog es aber vor, sofort und schleunigst kehrt zu machen.

Der Radler führte feine Maschine und ging wie selbstverständlich neben dem Mädchen her, sagte fast ein wenig unfreundlich:

Um diese Zeit sind Damen natürlich leicht Be­lästigungen ausgesetzt; es ist halb zwölf Uhr."

Sie zuckte die Achseln:

Ich bin den ganzen Tag im Zimmer gewesen; ich mußte bei meiner Tante helfen, die in der Alt­stadt wohnt, und jetzt wollte ich ein bißchen frische Luft schnappen Es ist doch so schönes Wetter." Nach einer kurzen Pause setzte sie hinzu:Tante wohnt in einer ganz engen Gasse, Licht und Lust kommen da gar nicht richtig rein."

Ihr Begleiter sah sie an. Eine nahe Laterne erleichterte es ihm, das Gesicht des Mädchens klar und deutlich zu erkennen. Fast wie einen Schreck empfand er die Reinheit des eigenartigen Profils, des seltsamen Profils, das ihm bekannt schien.

Beinah atemlos war er vor Spannung, woher er die gerade Stirn, die schweren, lang bewimperten Lider, die schmale, zweimal leicht gebogene Nase und das weiche, doch kräftig geformte Kinn kannte. Woher kannte er das Profil, dessen Nase so ganz besonders charakteristisch war?

Sie fühlte seinen Blick auf ihrem Gesicht ruhen und empfand fein Schweigen peinlich. Legte es falsch aus und dachte, er glaube ihr wahrscheinlich

, nicht, daß sie sich so lange bei einer Tante in der Stadt aufgehalten, und sagte verweisend:

Sie brauchen mir ja nicht zu glauben, wo ich herkomme und warum ich so spät heimgehe; aber Sie brauchen mich auch nicht weiter zu begleiten. Einer, der mich für he Lügnerin hält, kann mir gestohlen bleiben!"

Sie ging plötzlich schneller. Er mußte laut auf­lachen.

Sehr liebenswürdig behandeln Sie Ihren Retter gerade nicht, Fräulein Unbekannt!"

Sie blieb stehen und wandte ihm voll ihr Gesicht zu. Große, braune Augen schauten ihn offen an.

Ich danke Ihnen schön, daß Sie den frechen Kerl, verscheuchten; aber im Notfälle wäre ich selbst Manns genug gewesen, mit ihm fertig zu werden. Jedenfalls meinen Dank und jetzt fahren Sie ruhig weiter!"

Das Mädel machte ihm Spaß, begann ihn zu interessieren. Eine Herbe war das, eine Kühle, die einem nicht um ein knappes Zentimeterchen ent­gegenkam. Fein! Das war einmal etwas anderes als die Mädels, die ihm immer gleich zulächelten und mit den Augen klapperten, weil er ein hübscher Mensch war und so aussah, als wäre seine Börse wohlgefüllt, wenn das auch leider nicht stimmte.

Ich weiß schon Bescheid zu Ihnen muß man gnädiges Fräulein sagen!"

Sie unterbrach ihn und fiel vor Eifer wieder in ihren Dialekt:

Unnerstehe Sie sich, damit kann man mich hoch­bringe! Ich bin net gnädig. Gnädig ts unser Herr­gott drobe im Himmel. Mir hier unne habe alle kan Anrecht uff Sees Wort. Gehe Sie harn mit Ihrem gnädig!^

Immer besser gefiel ihm die Schlanke. So eine war ihm noch nicht in den Weg gekommen. Er hätte am liebsten lautBravo!" gerufen, aber er wagte es nicht. Vielleicht verdarb er es damit vollständig bei ihr. So erwiderte er ruhig und freundlich:

Ich gehe nicht fort, ehe ich Sie bis nach Hause gebracht. Sie allerungnädigstes Fräulein! Haben Sie noch weit zu gehen?"

Sie schüttelte den Kopf.

Knapp fünf Minuten. Ich wohne in einer der alten Bornheimer Gassen. Mein Vater ist Musik­lehrer und Komponist."

Er horchte auf. Es klang so stolz das Wort: Komponist."

Er fragte:

Warum sprechen Sie denn manchmal frank- furterisch und im allgemeinen doch gut hochdeutsch?"

Sie erwiderte ganz ernsthaft:

Wenn ich mich richtig ärgere oder wenn mir was verquer geht, kann ich nicht hochdeutsch reden, dann babbel ich, wie ich's von Kind an, außer von meinen Eltern, am meisten um mich gehört habe."

Ein originelles Mädel!, mußte er denken. Und wieder quälte ihn der Gedanke, an wen nur

erinnerte ihn das aparte Profil, das er kannte, ohne daß ihm. einfiel, wer es befaß.

Sie gingen wieder nebeneinander her, und er sagte ernst:

Sie sind sehr mißtrauisch, Fräulein! Ich denke nicht daran, Sie für eine Lügnerin zu halten. Ihnen glaube ich jedes Wort. Wer so aussieht wie Sie, ist offen und wahr!"

Sie nickte.

Damit bin ich zufrieden. Und wenn Sie so gut fein wollen, bringen Sie mich heim."

,Lch heiße Detlef Westkamp", stellte er sich vor, und bin Student der Medizin, eigentlich eine Art Werkstudent, denn ich muß in unserer Gärtnerei kräftig mit Hand anlegen."

Um die Ecke bog ein großer Herr ohne Hut; sein graues Haar war dicht und ein wenig lang. Man sah das deutlich beim Schein der eben erreichten Laterne. Er blieb stehen und das junge Mädchen auch. Zärtlich nannte sie den HerrnVater", wandte sich an Detlef Westkamp:

Nochmals vielen Dank für Ihre Begleitung. Jetzt kann ich ja mit meinem Vater nach Haufe gehen." Sie reichte ihm flüchtig die Hand und bog mit dem Vater seitlich in eine Straße ein.

Da stand nun Detlef Westkamp und blickte den beiden nach, hörte noch, wie die klare Mädchen­stimme sagte:

Der Herr kam mir zu Hilfe, als mir so ä frecher Kerl nachstieg, un mich widder un Widder aagebabbelt hat!"

Unwillkürlich muhte Westkamp lächeln. Das bild­haft schöne Mädchen schien sich in der (Erinnerung an den Zudringlichen von vorhin wieder zu ärgern und verfiel deshalb wieder in die hiesige Mundart.

Bedauernd dachte er daran, daß er durch das plötzliche Auftauchen ihres Vaters nun nicht er­fahren hatte, wie sie hieß. Sehr leid tat ihm das. Er hätte sie gern wiedergefehen.

Ob er die beiden verfolgen sollte und Obacht geben?

Nein, das durfte er nicht!, entschied er sich. Es war alles ringsum so still, die beiden würden seine Schritte und das leichte Geräusch des geführten Rades hören, und es machte keinen guten Eindruck, wenn er die Rolle des Verfolgers spielen würde.

Er wollte eben losfahren, als er dicht unter der nahen Laterne etwas Helles liegen sah. Es war ein Täschchen. Er, hob es auf und erinnerte sich, daß es das schlanke Mädel vorhin in der Hand gehabt hatte. Er freute sich über den Fund. Jetzt durste er, ohne aufdringlich zu erscheinen, Verfolger spielen.

Er fuhr ein Stückchen in der Richtung, in der sie verschwunden waren, aber da bog ein Gäßchen nach rechts ab und eins nach links, und die kleinen Häuschen standen alle, in tiefes Schweigen gebannt, unter der dunklen Himmelsdecke, funkelnde Sterne und ein Viertelstückchen Mond erschienen, das sich

wie eine scharfe silberne Sichel in den schwarz­blauen Samt da oben hineinzeichnete.

Detlef Westkamp überlegte: es hatte keinen Zweck, hier in der Nacht weiter auf gut Glück herumzu­suchen. Er steckte das schmale Täschchen ein. Er wollte es zu Hause öffnen, vielleicht fand er einen Anhaltspunkt darin, wo das Mädel wohnte.

Zweites Kapitel.

Detlef Westkamp wohnte drüben in Sachsenhausen und hatte bei einem Freund in Bergen den Abend verbracht.

Er spürte Müdigkeit, man hatte ein paar Fla­schen Wein getrunken, der Freund hatte Geburtstag gefeiert.

(Eben begann eine nahe Kirchenuhr zu schlagen. Er zählte unwillkürlich und wußte doch genau: es mußte Zwölf schlagen.

Es ist und bleibt etwas (Eigenes um die Mitter­nachtsstunde. Detlef Westkamp war nicht abergläu­bisch, aber ihm wurde doch ganz seltsam zumute, hier in der fremden, engen, alten Gasse, in der es so totenstill war, und über die hin jetzt das Zeichen der Geisterstunde flog wie ein mahnendes Rufen: Gebt acht! Gebt acht!

Jenseits eures engen Menschenwissens wohnt noch vieles, was euch bange macht, bange macht!

Gebt acht! Gebt acht!"

Duckten sich nicht die kleinen Häuser tiefer, strich es nicht wie feiner Nebel durch die enge Gasse, wie ein Schattenzug derer, die einmal hier gewohnt, die hier geboren, die hier gelebt, geliebt hatten und gestorben waren?

Detlef Westkamp war kein Angsthase, aber er fühlte ein leichtes Erschauern. Fvrtiächeln wollte er das, aber als eben der letzte Glockenton mit sanft tem Nachschwingen verhallte, drang ein Schrei an sein Ohr, ein weher durchdringender Schrei, der sein Lächeln fortwischte.

Er schaute sich nach allen Seiten um, aber nichts Auffallendes zeigte sich alles war ruhig wie zu­vor. Fast drückend war die Stille. Detlef Westkamp dachte, irgendeine Frau hatte wohl im Schlafe auf» geschrien in beängstigendem Traum, und durch ein offenes Fenster war der Schrei ins Freie gelangt. Weiter war nichts geschehen.

Er bestieg sein Rad es war wirklich Zeit zur Heimfahrt.

Drüben in Sachsenhausen besaß seine Mutter eine Gärtnerei mit kleinem Wohnhaus. Der Besitz lag etwas abseits. Seine zwei Zimmer im ersten Stock waren nach feinem Geschmack eingerichtet. Studen­tenbuden nannte er sie.

Endlich war er daheim. Er schaltete das Licht ein und schaute sich in seinem freundlichen Wohnzimmer um. Ihm war es, als ob er lange von hier fort ge» wesen, als läge ein ganz großes (Erlebnis zwischen dem Jetzt und der schalen Nachmittagsstunde, da er mit dem Rade das Haus verlassen.

(Fortsetzung folgt.)