Nr. 198 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für (Vberheffen)
Samstag, 25. August (934
Dem Erntedankfest entgegen.
r>on unterer Berliner Redaktion.
Die Geschichte der nationalsozialistischen Revolution wird einmal die ans Wunderbare grenzende Tatsache zu erörtern haben, daß und wie es möglich war, innerhalb von noch nicht zwei Jahren den gesamten notwendigen Lebensbedarf an den hauptsächlichsten Nahrungsmitteln von dem oevljensreisenden empört freizumachen und die darauf bezügliche Verdienst- und Erzeugungsspanne der einheimischen Landwirtschaft zugute kommen zu lassen.
Als die umwälzenden Maßnahmen zur Neubildung des deutschen Bauerntums vor etwas mehr als Jahresfrist bekannt wurden, gab es bis weit in die Kreise der bäuerlichen Bevölkerung hinein mißvergnügte Menschen, die den Sinn der grundlegenden neuen Gesetzgebung nicht begriffen und alles nur unter dem Gesichtswinkel des Augenblicks betrachteten. Auch die Vorkehrungen zur Marktregulierung stießen vor allem bei 'den unmittelbar betroffenen Interessenten auf ein resigniertes Achselzucken. Die Reichsregierung hat sich' jedoch durch nichts von der geraden Linie des einmal als richtig Erkannten abbrinaen lassen:-und eher, als selbst die Optimisten zu hoffen wagten, hat sich die Lebenskraft des Bauerntums mit dem Organisationstalent der Wirtschaftsführer zu einer Ehe zusammengefunden, aus der die Sicherung der Lebenshaltung breite st er Volksschichten als freudig begrüßte Erstgeburt entsprungen ist.
Zu den erfreulichsten Dokumenten dieses Aufschwunges gehört das Interview, das Ministerialrat Dr. Moritz vor einigen Tagen (vgl. Gieß. Anz. vom Montag, 13. August. D. Red.) einem Vertreter des englischen Reüterbüros gegeben hat. In fünf Fragen und Antworten wurde eindeutig und eindringlich nachgewiesen, daß die weise Vor
sorge des Reichsnährstandes und des Reichsministeriums für Ernährung und Landwirtschaft im vergangenen hervorragenden Erntejahr den Grundstein gelegt hat zu einer Vorratswirtschaft und zu einer so durchgreifenden Regulierung der gesamten landwirtschaftlichen Erzeugung, daß 'heute nicht nur die gebräuchlichsten Lebensmittel im Lande vorhanden sind, sondern daß sie auch ohne Schaden für irgendeine an Produktion, Handel oder Verarbeitung interessierte Stelle im wesentlichen ohne allgemeine Preissteigerung zu kaufen sein werden.
Man muß sich darüber klar werden, was das bedeutet. In früheren Zeiten war der Lebensmittelmarkt nicht so sehr das Instrument der Erzeugerschaft, als vielmehr das Schlachtfeld der Spekulation. Dieser kam es vor allem anderen darauf an, ihr Geschäft zu machen. Volkswirtschaftliche Bedenken schalteten bei der Beschaffung der Ware aus; es wurde da gekauft, wo die Verdienstspanne am größten war. Alle Planungsmaßnahmen wurden als unbequeme Eingriffe in das Räderwerk der sogenannten „freien Wirtschaft" empfunden und entsprechend beantwortet. So kommt es, daß heute voraussichtlich in allen freiwirtschaftlichen Ländern die Mißernte, die in der ganzen Welt zu verzeichnen ist, zu schweren Erschütterungen nicht nur des Marktes, sondern auch des Konsums führen wird, während Deutschland trotz seiner mittelguten Ernte sich völlig stabiler Preis- und Versorgungsverhälbnisse erfreuen dürfte. Man erfährt aus England, daß dort der Brotpreis mit Hinweis auf die bekannten Ernteschätzungen durchweg um 12 Pfennig erhöht wird. Auf der anderen Seite führt die Planlosigkeit der Erzeugung zu sinnlosen Preisschleudereien, die dem Weltmarkt keineswegs zugute kommen, die" Bauernschaft aber zum Ruin führen und obendrein auch in den unmittelbaren Produktionsgebieten keineswegs zu besseren sozialen Verhältnissen führen.
Wenn man hört, daß bei uns im Reich in die
sem Jahre der E i e r p r e i s um ein bis zwei Pfennig niedriger steht als im Vorjahre, wird man erschrecken zu hören, daß in Holland und Dänemark die Eier kaum mehr, in Polen aber beispielsweise nur dasselbe kosten, was bei uns die Preisdifferenz darstellt. Daß unter solchen Verhältnissen dort ein gesundes Bauerntum nicht existieren kann, ist selbstverständlich. Es kann auch nicht leben und nicht sterben, wenn — wie beispielsweise in Litauen — die Butter für das Pfund 25 Pfennig einbringt und daher als — Schmieröl gebraucht wird. Aber der Verbraucher, der einfache Mann, lebt darum dort überall nicht besser. Sein Lebens st andard ist eben um diese Spanne geringer; er lebt um so schlechter, je weniger die Waren einbringen, die er erzeugen hilft. Und wo obendrein die Landwirtschaft als Konsument wegen dieser katastrophalen Verhältnisse ganz oder doch zum größten Teile ausfällt, da kann auch die Industrie nicht auf einen starken Binnenmarkt rechnen.
Eines ergibt sich aus dem anderen. Die Maßnahmen zur Neubildung des Bauerntums, die Gesetze zur Marktregulierung, die vorsorgliche Reservebeschaffung, die Zusammenfassung der Getreidewirtschaft, der Milchwirtschaft und all der anderen Gruppen des Reichsnährstandes zu einer geschlossenen Markteinheit, die Einstellung des Volkes auf die Lebensnotwendigkeiten der Nation, die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit: alles das und noch viel mehr trägt dazu bei, daß sich schon in diesem Jahre das Wunder der Nährfreiheit vollzieht, die eine der wichtigsten Programmpunkte der nationalsozialistischen Revolution ist.
Wir alle können freudigen und dankbaren. Herzens den ersten Erntedanktag begehen, der nach dem Beginn der neuen Epoche, die vor zwölf Monaten durch das Fest auf dem Bückeberg eingeleitet wurde, feinen Einzug bei uns hält. Was im
Leni Riefen stahl, die Schöpferin des vorjährigen Reichsparteitagfilms „Sieg des Glaubens", ist mit der Oberleitung bei der Aufnahme des Films beauftragt worden, in dem die Ereignisse des Reichsparteitags 1934 festgehalten werden sollen.
vergangenen Jahre noch Plan und Ideal war, das ist heute bereits zu einem großen Teil Erfüllung geworden, greifbare Erfüllung, die mit Heller und Pfennig zu messen ist, Erfüllung, die sich in der Sicherung der Lebenshaltung und in der Unabhängigkeit vom böswilligen Auslande beweist.
Das ist das Erntedankfest, das wir alle dem Führer Adolf Hitler bereiten wollen, der — wie bei allem — auch hier die Fundamente der Entwicklung gelegt hat.
Vorbereitungen zum Reichsparteitag.
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Tribünen bau auf dem Adolf-Hitler-Platz in Nürnberg.
Durch den Suez-Kanal.
Von unserem nach Tokio entsandten K W.-Berichterstatter.
(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!) Colombo, Ende Juli 1934.
Vor dem Kriege fiel die Wahl des Schiffes, das uns nach Ostafien bringen sollte, nicht schwer. Man fuhr selbstverständlich mit dem Norddeutschen Lloyd, mit der „Prinzeß Alice" oder „Irene" oder einem der anderen wunderbaren deutschen Schiffe. So dachten auch Engländer, Franzosen, Holländer oder Italiener. Die Schiffe waren peinlich sauber, die Verpflegung ausgezeichnet und das Personal das bestgeschulte der Welt. Man sprach fast alle Sprachen, man kam allen besonderen Wünschen nach, so daß man sich wie zu Hause fühlte. Kapitän und Offiziere erfüllen alle Voraussetzungen, die der weltbereisende Engländer an den vollendeten Gentleman zu stellen pflegt. Also: deutsche Schiffe beherrschten den Verkehr in der englischen Welt! Wir trafen 1910 auf der Fahrt nach Ostafien in jedem Hasen mehrere deutsche Schiffe, meist mehr als englische. Französische Fahrzeuge traten kaum in Erscheinung, während die Japaner oder Italiener nur vereinzelt zu sehen waren. Deutsche Kriegsschiffe begegneten uns vor Colombo, in Hongkong und später in Schanghai und Japan. Es war ein beglückendes Gefühl, ein Deutscher zu sein. So primitiv diese Feststellungen auch sein mögen, sie wirkten doch für alle „Ostasiaten" oder „Afrikaner" überzeugend, daß aus der ständigen Zunahme der deutschen überseeischen Beziehungen England seine Kriegsgründe herleiten zu müssen glaubte.
Diese Dinge sind häufig auf unserem Schiff, das uns heute 1934 nach Ostafien bringt, mit Engländern und Amerikanern erörtert worden. Da ist z. B. Mr. P., ein englischer Kaufmann aus Schang
hai, vor dem Kriege in Kairo ansässig, der in voller Offenheit den Krieg Englands gegen Deutschland eine Idiotie" nennt. Pr. P. ist kein x-beliebiger Besserwisser, er hat vielmehr seine Erfahrungen im Weltkrieg am Suezkanal, an der Palästina- front und auf Gallipoli gesammelt. Einmal hat ein O-Boot seinen Transporter erwischt, nicht weit von den Dardanellen, und Mr. P. war volle neun Stunden im Wasser Gelegenheit gegeben, über den Krieg mit Deutschland seine Betrachtungen anzustellen. Mr. P. ist recht empfindlich, wenn wir uns mit der allgemeinen Weltlage befassen. Freilich, ein Graf Sp e e, Kommandant des Kreuzergeschwaders in Ostasien, Freund des englischen Admirals W i n s l o e, lebt nicht mehr. Der englische Kreuzer „Minotaur" tauscht keine Besuche mehr mit „Scharnhorst", „Gneisenau" oder „Leipzig" aus, bei denen die Wogen der Freundschaft hoch schlugen. Es gibt keine deutschen „Stationäre" mehr, keine Wettspiele deutscher und englischer Matrosen, keine gemeinsamen Klubs. Man mußte „den deutschen Besitz zerstören, die Kriegs- und Handelsflagge von den Weltmeeren streichen" — um einen gewaltigen Gegner in der englisch-indischen Welt zu sprunghaftem Wachstum zu verhelfen, um französisch- italienische Großmachtallüren im Mittelmeer, in Afrika und Jndisch-China peinlich zu spüren und um endlich die Feststellung zu machen, daß der europäische Krieg mit seinen revolutionären Auswirkungen nicht ohne Folgen für den Bestand des britischen Weltreiches geblieben ist.
Mag auch vor der Hand keine ernste Gefahr drohen, so zeigen sich doch Bruchstellen, die die englische Regierung ernst genug einschätzt. Nicht
den Zusammenbruch aufzuhalten.
Doll Sorgen und Unruhe, planend und grübelnd fauchte nicht mehr zu weinen. Sein Zögern miß- anberte er durch die Straßen: es war ihm un- verstehend meinte sie: „Nur dreißig Mark ....!
wanderte er durch die Straßen; es war ihm un-
aber nicht mehr ciufauhalten war, nahm er das
gen. Henlel erreichte seine Unbekannte nicht Er bekam massenhaft Zuschriften auf seine Annoncen, viele Photos, jede Schreiberin wollte mit ihm ge-
Häuser fände . .. Vergeblich! Er betraute ein Detektivbüro mit seinen Angaben und Schilderungen. Er inserierte in den Tageszeitungen; alles umsonst. Das Mädchen las wahrscheinlich gar keine Zeitung ober schenkte bem Inseratenteil, ber ihr hätte so wichtig sein können, keine Aufmerksamkeit. Das Det"k"n^'lro mn*fp nur K-^en ohne fMtrtonHTv
eines ber größten seiner Art —
Gleichzeitig stellte er Nachforschungen an nach jenem Mädchen, zahllose Male ging er durch jene Straße, hielt sich vor jenem Geschäft auf, in der
die Ziehung sollte in acht Tagen ftattfinben. Er wollte schon fragen, weshalb sie das Los verkaufe, wozu sie das Geld so dringend nötig habe, daß sie sich der Aussicht auf einen Gewinn entschlage, er sah sie an — ängstlich glänzte ihr Blick, und er sagte nichts. Er wußte, wie einem zumute ist, wenn man Geld braucht und keine Hilfe, keinen Ausweg weiß; so wie er Tausende nötig hatte, war ihr vielleicht
mit einigen zehn Mark gebient. Wenn ihm auch Tausende fehlten, einige zehn Mark besaß er. Ob er sie hatte ober nicht, änderte an seiner großen Notlage nicht das Geringste, ihr aber war damit gebient, vielleicht für immer geholfen, und sie
Er gab ihr fünfzig und behielt das Los. Eigentlich wollte er ihr zuerst in einer weichherzigen Regung das Los lassen und den Verlust der fünfzig Mark aufs Ganze schlagen, aber sie drang in ihn, das Los zu behalten, sie hätte sonst das Geld nicht I angenommen, sie wollte sich nichts schenken lassen, i Als das merkwürdige Geschäft abgeschlossen war, i stürzte sie fort, bevor noch ber Fabrikant bas Los in ber Tasche hattet.
Die Ziehung fanb statt Hensel war wahrlich übel baran. er wußte kaum ein und aus, kein Geld auf
möglich, zu Hause zu bleiben, wo ihn bie Aufstellungen, Überschläge unb Rechnungen nur gequält hätten: er versuchte im Lärm ber Stadt zu einem klaren Entschluß zu kommen. Vielleicht konnte er mit einem Freund den Sachverhalt besprechen, jedenfalls trieb es ihn fort von Schreibtisch und Telephon. Er überquerte Straßen und Plätze, starrte in die Schaufenster, ohne aber den ausgestellten Waren, den Kleidern und Möbeln viel Aufmerksamkeit zu schenken; feine nagenden Gedanken wollten ihn nicht verlassen; wohin er auch lief, das Geschäft folgte ihm und alle die großen Verpflichtungen dazu.
Er stand vor einem Hutladen. Plötzlich fuhr er aus seinem Hinbrüten auf, er sah neben sich ein Mädchen stehen, das ebenso wie er von Unruhe unb Sorge erfüllt schien: es war ein reizenbes, junges Mäbchen, annähernd zwanzig Jahre, schmal unb fein, doch einfach gekleibet, eine junge Verkäuferin möglicherweise ober eine Stenotypistin, die unter
zutreiben, der Schuldenberg drohte den Fabrikanten zu erdrücken, die Arbeiter mußten entlassen werden, ihm graute vor jedem neuen Morgen mit der alten Sorge — nun: Tatsache war, daß auf das gekaufte Los zwar nicht der Haupttreffer, aber bie große Prämie und ein bedeutender Gewinn entfielen.
Was sollte Hensel tun? Zunächst verursachte ihm der Gewinn noch schlimmere Kopfzerbrechen als die böse Geschäftslage. Er war ein Mensch rechtlicher Denkungsart und litt unter feinem Glück Da es
Fräulein ... was ist Ihnen ... kann ich Ihnen helfen?"^
legen ein Papier heraus. Es war ein Los: ein Anteilschein der Staatlichen Lotterie.
„Kaufen Sie mir .. ", flüsterte sie, rot werdend • • „ach! ich brauche dringend Geld ... kaufen Sie mir bitte, bitte das Los ab!"
Zitternd hielt sie ihm das Los hin. Er nahm es, es war ein ganzes Los der letzten Ziehungsklaffe,
Das Loiienelos.
Eine (Erzählung von Friedrich Schnack.
Der Papierfabrikant Walter Hensel war vor Jahren, als seine Fabrik noch klein und erst zwei Jahre in Betrieb war, durch den Bankerott einer seiner Geschäftsfreunde in eine so schwierige Lage gekommen, daß er kaum noch Aussicht hatte, sein Unternehmen weiterzuführen, ja sogar die.Gefahr vor sich sah, mit fast erdrückenden Schuldenlasten in die Zukunft zu gehen, wenn -überhaupt es ihm gelang,
Das Mädchen erschrak und wollte wie es dem j)Offnunq das Mädchen wieder-usedcn. Er kaufte Fabrikanten vorkam. etwas sagen, hielt aber mit rcd)tg u”b rin,5 in b;„ ßäbcn Waren, wlewob, er der Sprache zuruck und schüttelte nur den Kops. fie 'niAt nBH„ b^e. nur um au forschen, ob er Hensel gab sich nicht zufrieden redete ihr gut zu, sie e-me Losverkäuferin als Angestellte in einem der rührte ihn. Wie hübsch war sie doch. Hastig öffnete - ' - - ' ■ - '
das Mädchen feine etwas abgegriffene Tasche, kramte darin und brachte zögernd wortlos und ver
drückt aufschluchzte, offensichtlich ein Mädchen aus
gutem aber verarmten Bürgerhaus Walter Hensel -
betrachtet- sie verstohlen, was hatte sie nur? Er m-ld. um seine Schulden zu bezahlen und mit dem sah w,e ein paar Tränen den Augen entquollen Rest sein Unternehmen zu erweitern Es ist heute und über bte blasse Wange rollten. Schnell trat er --— < ,
an ihre Seite und sagte: „Verzeihen Sie, mein
i sprachen haben ... lauter Schwindel! Auch bei bem Lotterieeinnehmer fragte er an, es war ein Kollekteur der inneren Stadt — aber der Name, den Hensel hier erfuhr, brachte ihm kein Ergebnis. Das Mädchen blieb unentdeckt.
Da ließ er es und stellte seine Bemühungen ein.
Eines Tages suchte er eine Sekretärin. Es meldeten sich viele junge Mädchen und auch ältere, eine ganze Reihe stellungsloser Stenotypistinnen. Er nahm eine der Bewerberinnen. Sie hatte zwar keine längere Hebung und Erfahrung, eine merkwürdige Ähnlichkeit aber in den Gefichtszügen der Sekretärin mit jenem jungen, verlorenen Mädchen bewog ihn, gerade diese Stenotypistin zu engagieren. Sie erwies sich brauchbar unb tüchtig — unb wie es nun einmal kam: Hensel heiratete sie nach einem Jahr.
Er überließ sämtliche Vorbereitungen unb Einladungen zur Hochzeit seiner nun aus dem Betrüb ausgeschiedenen Verlobten. Wie überrascht war er aber, als er bei der Hochzeit sich plötzlich jener Losverkäuferin gegenübersah, jenem schönen, unent- bcckten Mädchen, das jetzt aber nicht mehr Mädchen, sondern bie Frau eines Kaufmanns aus einer anberen Stadt war.
Hensel wußte sich zuerst vor Ueberraschung nicht zu fassen, sie plötzlich vor sich zu haben und gar als Schwägerin, und auch die junge Frau des Kaufmanns war ganz verblüfft. Sie erkannte ihn von damals wieder, ihren Helfer, der heute ihr Schwager war.
„Was habt ihr nur?" rief die neuvermählte Frau. „Was starrt ihr euch so an?"
Der Fabrikant trat auf feine Schwägerin zu, ergriff ihre Hand und hielt sie lang in der feinen. „Endlich habe ich Sie gefunden! Auf so merkwürdigem Umweg."
Die Umstehenden verwunderten sich, und auch seiner Frau war sein Verhalten nicht wenig sonderbar. Die Schwägerin lächelte und blickte voller Verlegenheit bald auf ihren neuen Schwager, bald auf ihren Mann.
„Sie wissen gar nicht, was ich Ihnen verdanke", erklärte ber Fabrikant. Unb er erzählte seine Geschichte, die große Verwunderung erregte und auf dem Gesicht seines Schwagers einen verbindlich unterdrückten Zug des Bedauerns, der ihm nicht verübelt werden konnte. Seine Frau, die die Erzählung still angehört hatte, berichtete nun, daß damals ihre, nun feit zwei Jahren verstorbene Mutter schwer erkrankt, für Arzt und Apotheker aber kein Geld vorhanden war, so daß sie das Los verkaufen mußte. Indes fei es wenigstens in der Familie geblieben, fetzte sie lächelnd hinzu.
„Sie ahnen nicht", sagte der Fabrikant, „wie eifrig ich nach Ihnen gesucht habe und forschen ließ. Sie blieben unauffindbar — aber jetzt sind
Sie da. Was kann ich tun, wie kann ich Ihnen eine Freude machen?"
Sie wehrte ab, und auch ihr Mann wehrte ab. Das fei alles mit rechten Dingen zugegangen, sie hätten keinerlei Anspruch und eine nachträgliche Vergütung fei nicht nötig. Geschäft fei eben Geschäft!
Der Fabrikant gab sich nach einigem Hin und Her zufrieden. — Acht Tage vergingen, da traf bei ber Schwägerin, bie mit ihrem Mann roieber in ihre Stadt zurückgereist war, ein dicker Brief ein. Sie öffnete und entnahm ihm, verblüfft, ein Paket Lose. Es waren hundert Anteilscheine der Staatslotterie. Stillvergnügt legte sie bie Zettel in ben Schreibtisch, ohne ihrem Mann etwas von der Sendung zu sagen. Sie konnte sie ihm aber nicht länger verheimlichen, als bei der Ziehung tatsächlich auf einige ihrer Lose ein paar kleinere, doch recht erfreuliche Gewinne entfallen waren.
Zeitschriften
— Unter dem Titel „Habsburg — bie De« generation der Macht" faßt bas Juliheft der „süddeutschen Monatshefte" eine Reihe oon Aufsätzen zusammen, deren gemeinfamer Ausgangspunkt die eine, das gesamte Deutschtum bedrohende Tatsache ist: das habsburgische Gespenst geht wieder um! Fritz Jaffä läßt in bem einen Aufsatz bie Gestalten biefer Dynastie, von Rubels von Habsburg bis zum letzten Karl, der bie Krone verlor, in ihrer historischen Aufeinanberfolge vor uns hintreten. Trotz des ersten Rudolf, trotz Marimi- lian, dem letzten Ritter, der so kerndeutschen Frau Maria Theresia, und der noblen Figur des greifen Franz Josef, kann das Urteil nur lauten: „deutsch unb boch nicht deutsch. Habsburg, das war ber Weg von Deutschland fort." Das Ende war der berüchtigte „Sixtus-Brief", war der versuchte Verrat von Karl und Zita. Um den wankenden Thron zu retten, schien ihnen die Preisgabe Deutschlands im Weltkrieg, dem schwersten Existenzkampf deutscher Geschichte, ein unbedenklicher Ausweg. Der Kampf gegen die gerade jetzt von den Legitimisten mit so viel Betriebsamkeit neu aufgefrischte Legende von dem „besonderen österreichischen Volk", von der „neu entstehenden Aufgabe Habsburgs in Mitteleuropa", kann nur dann wirksam geführt werden, wenn der partikularistische, nach 1870, und zwar gegen den Willen Bismarcks entstehende klein- deutsche Standpunkt endgültig der Vergangenheit angehört. Auch nur bann können wir dem Deutsch- tum in Oesterreich die notwendige geistige und see- lische Rückenstärkung vermitteln,'die es so dringend bedarf. In dem abschließenden Aufsatz schobert ein Deutsch-Oesterreiäier die Tragödie, aber anä be.i ungebrochenen Willen zu Widerstand und Sieg des deutschen Volkes in Oesterreich.


