Ur. 196 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)Donnerstag, 25. August 1954
Tannenberg - von der Gegenseite aus gesehen.
Vor 20 Jahren: Hindenburgs Befreiungsschlacht in Ostpreußen.
Von Rudolf von Wehrt.
Rudolf von Wehrt hat in seinem neuen Buch „Tannenberg. Wie Hindenburg die Russen schlug." (Verlag Ullstein, Berlin) für die Schilderung der Vorgänge aus deutscher Seite in erster Linie die Darstellung des Reichsarchivs verwendet. Für das Geschehen auf r u s s i - scher Seite standen ihm in Deutschland bisher unerschlossene, umfangreiche Dokumente zur Verfügung. — Das hier wiedergegebene Kapitel veröffentlichen wir mit Erlaubnis des Verlages.
Samsonow (der Führer der zweiten russischen Armee) sagt zum General P o st o w s k i: „Wie beurteilen Sie die Lage, Exzellenz?" Postow- ski antwortet nicht. Er sieht auf das Land, das unter der Gewalt der Schlacht vor ihm zuckt. Samsonow bittet Martos und Poftowski abseits. Sie stehen da. Samsonow hat in den Händen, über den Boden hinter sich herschleifend, eine Karte mitgenommen, er wirft sich auf den Boden und zwingt die anderen, sich neben ihn zu legen Der General Marios sagt sofort:
„Exzellenz, wir müssen alle zurück. Geben Sie sofort den Befehl, den einzigen Befehl, der unseren beiden Korps noch Rettung bringen kann."
General Poftowski erklärt etwas kläglich, das ginge doch nicht, man könne nicht einfach das Gefecht abbrechen, es fei nicht zu bestreikten, daß eine Krise herrsche, aber immerhin sähe er nicht ein, warum man alles in einem Augenblick verloren geben solle, der doch gar nicht so ungünstig wäre. Gewiß, das Korps Klüew sei in einem schweren Kampf vorn, vor der eigenen Front aber sähe es doch gar nicht so unglücklich aus. Gewiß schlüge sich das Korps Martos sehr schwer, aber das könne sich vielleicht noch wenden. Ein Zurückziehen der beiden Korps sei gleichbedeutend mit der Erklärung „wir haben die Schlacht verloren?"
General Martos schreit: „Sie haben recht, Exzellenz, wir haben die Schlacht auch verloren", und er will noch hinzufügen, daß das im allerletzten Grunde mit an Postowskis unglückseliger Tätigkeit gelegen habe, aber er bezwingt sich Da sagt General Samsonow:
„Rein, Exzellenz, Sie wissen, wie sehr lch auf Ihr Urteil höre. Sie wissen, wie sehr ich Ihnen vertraue. Diese Befehle können wir noch immer geben, können wir noch immer erlassen." General Klüew soll zunächst einmal angreifen, angreifen bis auf den letzten Mann. Der Generalstabsoberst, der schon vorhin zu Klüew gefahren war, wird herbeigewinkt. Der Oberst hat sofort zu General Klüew zu fahren und ihm zu sagen, daß alles davon abhängt, daß er angreift, so angreist, daß er die Deutschen werfen muß.
Der Generalstabsoberst wirft sich in ein Auto und rast davon, den Hügel hinunter in die Richtung auf den Lärm der Schlacht zu. Dann stehen sie wieder auf dem Hügel und horchen, und zu ihrer Befriedigung schwillt der Gefechtslärm, da, wo das XIII. Korps stehen muß, immer mehr an. Es vergeht wohl eine Stunde, da kommt der Generalstabsoberst wieder und meldet, daß die Truppen des Generals Klüew zwar im schweren Kampf ständen, keineswegs aber im Angriff, und daß die Armeeführung von Glück reden könne, wenn es dem Korps Klüew gelänge, sich der Deutschen zu erwehren. Die Deutschen seien im Vorteil. Da springt der General Martos auf, er faßt den General Samsonow mit beiden Händen ... Er erzählt selbst:
„Ich wandte mich an Samsonow und sagte: ,Jetzt müssen wir auf eine Katastrophe gefaßt
sein.' Ich schlug einen Rückzug auf Chorzelle einen Rückzug nach Südosten vor. Poftowski schwieg hartnäckig."
Samsonow aber bestand auf dem Rückzug nach Neidenburg, nach Süden, und wünschte eine hartnäckige Verteidigung dieser Stadt. Der General Martos versuchte noch, den General Samsonow von dieser gefährlichen Richtung abzubringen, aber es gelang ihm nicht.
General Samsonow befiehlt, für die beiden Korps Klüew und Martos sofort die Rückzugsbefehle auszuschreiben. Da sieht plötzlich der General Samsonow über den sandigen Weg zum Hügel herauf sich einen Motorradfahrer quälen. Der Mann ist über und über mit Staub und Schmutz bedeckt. Er blutet etwas im Gesicht. Er scheint gestürzt zu sein auf seiner eiligen Fahrt. Der Fahrer sieht von weitem den General Samsonow, er kommt zu ihm und er meldet:
Kurz bevor die Apparate der Funkstation abgebaut worden waren, sei noch als letztes Telegramm ein Funkspruch des Generals S h i l i n s k i eingetroffen. Der General Samsonow, in ungeheuerlicher Erregung, reißt dem Meldefahrer das Kuvert aus den Händen, reißt das Blatt mit dem Funkfpruch heraus und liest:
Funkfpruch an General Samsonow:
„Die mutigen Truppen der Ihnen anvertrauten Armee haben in allen Ehren die schwierige Prüfung überstanden, die ihnen bei den Kämpfen des 25., des 26. und des 27. befchieden war. Ich habe General Rennenkampf, der bis ©erbauen oorgegangen ist, befohlen, mit Ihnen durch Kavallerie in Verbindung zu treten. Ich hoffe, daß Sie am 29. durch vereinte Anstrengungen Ihrer Armeekorps den Gegner zurückwerfen werden."
Der General Samsonow steht da, er starrt auf das Papier, er geht etwas abseits, nimmt den Funkfpruch und zerreißt ihn in ganz kleine Fetten
Dann geht er schnell zu den Herren seines Stabes, die, auf dem Boden fitzend und liegend. Befehle für die Korps ausschreiben. Auf dem Wege dorthin hält er plötzlich seinen Schritt an.
Da braust es zischend aus der Luft heran, und dann schlägt es mit ungeheurem Getöse wenige hundert Meter vor dem Hügel ein, und dann saust es wiederum heran, und bann nicht mehr vereinzelt, bann in ganzen Lagen unb Gruppen, unb auf bem ganzen Hügel springt bie Erbe hoch, lagern sich bie Wolken ber betonierten Geschosse, unb bann wälzt es sich wieber über die Straße, auf der bie so entsetzlich zusammengebrochene Bri- gabe ihre Flucht ausgeführt hat.
Der General Samsonow reißt ben Felbstecher hoch, unb er glaubt zu erkennen: bas, was ba auf ber Straße heranrollt sinb beutsche Truppen.
Er entsinnt sich ber beiben Bataillone, bie ba unten stehen, unb einen Augenblick lang hat er ben wahnsinnigen Wunsch, sich an bie Spitze biefer beiben Bataillone zu stellen, eine Fahne zu ergreifen unb auf ben Gegner loszurennen, um zu fallen. Aber er bezwingt sich. Er rennt hinunter von bem Hügel, unb entgegen kommt ihm ber Kommanbeur bes Regiments, bem eins ber Bataillone angehört hat, unb melbet sich Wie ber General ihn sieht unb wie er hört, baß er ba vor sich ben Kommanbeur eines der beiden Regimenter hat, die davongerannt sind, da schreit er:
„Jetzt lauf, du Hund? Was willst du hier noch? Soll ich dir die Epauletten persönlich von den
Schultern reißen. Du Schwein? Scher dich davon, warum läufst du nicht, du Biest!"
Dann sieht er plötzlich, wie in guter Haltung bei ben Truppen ein Pionier-Oberstleutnant steht, unb er schreit: „Komm her, bir gehören bie beiben Bataillone, ich ernenne bich zum Regimentsführer, nimm bie Bataillone, greif .an! Sieh, ba vorne, ba steht ber Feinb! Zeig, was bu kannst, zeig, was wir können, greif an!"
Der junge Oberstleutnant springt vor, unb er brüllt seine Kommanbos. Er befiehlt:
„Nehmt bie Gewehre auf! Vorwärts marsch!" Er springt vor, läuft an bie Spitze ber Bataillone unb marschiert los. Er ist zwanzig Schritte gegangen, ba sieht er sich um und sieht, es folgt ihm niemand. Er springt zurück und faßt einen der Männer an der Brust und schlägt ihm ins Gesicht und sagt:
„Warum lauft ihr Schweine mir nicht nach?" Da sagt ein Leutnant: „Euer Hochwohlgeboren, die Mannschaften können nicht mehr!"
Und vom Hügel herab rennt, rast der General Samsonow, und er schreit von weitem:
,Was ist denn das? Was machst bu benn ba? Habe ich bir nicht befohlen, anzugreifen?"
Der Oberstleutnant ist gleich wieber ba, unb er springt auf bie Straße unb schreit: „Vorwärts marsch!" Er geht wieber vor, er bleibt wieber stehen, unb er sieht zurück. Er sieht, wie bie Leute
bie Gewehre erst zusammenstellen und wie sie sie bann nehmen unb in ben Straßengraben werfen. Er sieht, wie sie anfangen, sich aufzulösen, und bann springt er vor. Er reißt einen Revolver aus bem Gurt, unb er baut sich vor seinem Armeeführer auf, kerzengerabe. Er schaut noch einmal zu ben Truppen, und er sieht, wie der Soldat, der die Fahne eines der Bataillone führt, diese Fahne zu den Gewehren in den Straßengraben wirft. Dann sieht er starr auf seinen Armeeführer, der ganz erschüttert dasteht, reißt den Revolver hoch und schießt sich eine Kugel in den Kopf
General Samsonow dreht sich um, geht ganz langsam, ein gebrochener Mann, auf ben Hügel hinauf, auf bem noch immer bas schwere Artilleriefeuer ber Deutschen liegt, unb er achtet nicht ber Einschläge, unb <r geht zu seinem Kraftwagen, er winkt seinen Stab herbei .....Wir fahren nach
Neibenburg!"
Daten für Donnerstag, 23. August.
1831: Felbmarschall Graf Neitharbt o. Gneisenau in Posen gestorben (geboren 1769); — 1836: ber Anthropologe Johannes Ranke in Thurnau geboren (gestorben 1916); — 1866: Friebe zu Prag zwischen Oesterreich unb Preußen; — 1923: bie Türkei ratifiziert ben Friebensvertrag von Lausanne.
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Bredonk im Sonnenschein.
Sonne ist ber beste Arzt, keine Apothekerkunst färbt unb frischt bie Wangen so wie bie Sonne. Aus bem Kinbbettzimmer führte ber Bauer seine Frau Mechthilb gerabenroegs in ben bunten Blumengarten, ber voll ber Sonne dieses heißen Sommers lag. Zwischen Fuchsschwanz und Hahnen- kamm, Rntersporn und Malven saß die junge Mutter, Kraft und Farbe aus bem Himmelslicht trinfenb. Der weiche Lehnstuhl war mit noch weicheren Kissen ausgelegt, ein farbiger Schirm ftanb bereit, Schatten zu geben, sobalb bie Strahlen zu sehr sengten. Wenn Frau Mechthilb bas kleine Menschlein tränkte, wenn sie bem Flachskopf ben Duft einer Levkoje zu riechen reichte, bann war sie lieblicher anzusehen als all die lieblichen Bilder der Madonna im Rosenhag. An ihrem großen Glück hatten nicht nur die Menschen, sondern alle Wesen um sie teil; auch die Blumen des Gartens, denn sie blühten üppiger als je zuvor.
Der Bauer aber konnte nicht an ihrer Seite bleiben. Die Ernte rief ihn als Mäher und Schobersetzer. Das erstemal, feit sie aus der Schule, durfte Frau Mechthild nicht bei der Ernte helfen, nicht Garben binden, Karren laden. Die Untätigkeit verdroß, doch was war das gegen das Glück, daß sie eigen leibliche Ernte gehabt. Sie wartete darauf: wenn er heimkäme, alle Zeichen kaum gebändigter Ungeduld an sich, sie liebkoste und das Kleine mit harter Hand, die nicht so zärtlich sein konnte, wie sie wollte, und ihm nichts Netteres zu sagen ein- siel als ihr Name: „Tilleken, Tilleken'.
Aber nach einigen Tagen war sie schon so gekräftigt, daß sie auf den Acker gehen konnte. Mit maßvollem Schritt und hochaufgerichtet, so schritt sie, ganz Bäuerin vom schweren Schlage des fäli- schen Blutes, zwischen den Feldern, auf dem Arme den in weiche Wolltücher gehüllten zarten Körper ihres Jungen, zu dem grußwinkenden Manne. Der Nachbarsbub an ihrer Seite trug das Vesperbrot. Solange sie aßen und tranken, saß sie an der Seite des Bauern und streichelte ihm wohl die unwilligen Locken, auf denen der Staub ber Mahb lag.
Dann ging sie weiter, bie Ernte bulbete fein müßiges Aushalten. Sie ging, um ihrem Jungen die Grenzen des Hofes zu zeigen. Sie ging bis zum Stein. Weiter durfte sie nicht, das verbot der Brauch. Erst mußten die Nachbarsfrauen sie zur Kirche geführt haben, vor dem Kirchgang durfte keine Mutter gewordene Frau den Boden verlassen, der ihr eigen war. So wollte es das ungeschriebene Gesetz des Bauern, gegen das keiner sich aufzulehnen wagte.
Frau Mechthild hatte Raum genug, sich zu ergehen. Bredonks Hof war einer der größten. Wohlabgemessen lagen die Felder um den Hof, weit über hundert Morgen, und das war viel in
dieser Landschaft mit ihrem fruchtbarkeitsgesegneten Boden. Frau Mechthild liebte den Hof, um den sie so manche Nacht nicht geschlafen hatte. Ohne den sicheren Besitz dieses Hofes hätte Heinrich, ihr Mann, sie nicht heiraten Dürfen; ihr Vater war dazwischen, der um Bredonks Besitz fürchtete und seiner Tochter hartes Schicksal ersparen wollte. Und den Bauern war es verteufelt schlecht gegangen, manchem hatte der Hammer der Zwangsversteigerung aufgespielt, als er von dem Platz ging, der durch lange Jahre seine Sippe geborgen hatte. Wie die Bredonks auch wirtschaften mochten, Schulden und Abgaben drückten, der Markt brachte nicht ein, was bie Wirtschaft kostete, man werkte sich auf ben Hunb unb berechnete sich müde, und doch wurde es immer weniger. Hätte man sich nicht als Bredonks-Bauer Bredonks-Hof verwachsen und verpflichtet gefühlt, man hätte nicht ausgehalten bis zur Wende
Die Wende war gekommen und mit ihr das Gesetz, das den Bredonks ben Hof zum unantastbaren Besitz gab, solange sie orbentliche Wirtschafter unb orbentliche Kerk blieben. Da war Mechthilb Heinrichs Frau geworben. Brebonks Blut, Namen unb Hof zusammenzuhalten, fühlte sie sich berufen. Sie schritt um ben Hof, prüfte ben Stanb ber Rübenäcker unb ber Bachweiben, bie Glätte ber Rinber unb zeigte alles bem Sohne, der ohne Verstehen in den blauen Himmel starrte und geblendet blinzelte.
Als Die Mutter Den jungen Bredonk um seinen ganzen Hof getragen hatte und sie wieder zu dem Roggenschlage kamen, lud man gerade die letzte Fuhre. Der Knecht führte den Karren fort. Der Bauer und Frau Mechthild gingen Seite an Seite heim, sein Arm stützte die Ermüdete. Er maß den Schritt kürzer, um sie zu schonen.
„Ich habe ihm den Hof gezeigt", sagte sie lächelnd. „Tilleken, du bist auch so glücklich."
„Ist doch alles ein Stück von unferm Herzen, alles "
.. und immer, nicht wahr?" ...
Sie wußte, was er meinte. Es sollte keine Gefahr mehr für den Bestand der Sippe Bredonk sein. Sie wollten tun, was an ihnen lag, Namen und Art zu erhalten, nachdem ihr Sitz ihnen sicher. Durch die Jahrhunderte hatte der Brauch der Bauern allem Freigeist der Gesetze zum Trotz das Gut zusammengehalten, allen Nachfahren, auch denen, die nicht auf dem Hofe bleiben konnten, zum Segen. Bis Gewalt und List einer willkürlich gehandhabten falschen Ordnung das Letzte des deutschen Rechtes zu zerschlagen drohten. Nicht alle Bauern hatten trotzen können. Bredonks Hof aber war geblieben.
Daß er bleiben würde, Dafür sorgte Der Wille Des Bauern unp der Frau Mechthild nach einem starken und zahlreichen Geschlecht,
Ewiger Bodensee.
Von Otto jRombad)
Der hochwürdige Dichter Sebastian Sailer, der „Kapitular am Kloster zu Obermarchtal" war, aber Daneben ein Poet seiner Mundart wie ganz Schwaben keinen mehr mit ähnlicher Saftigkeit aufweifen kann, dieser geistliche Herr, dem kein Begriff zu weltlich und zu bauernderb gewesen ist, um ihn nicht zu gebrauchen, hat das Paradies an den Bodensee gelegt. Er ließ Gottvater und die ersten Menschen in seiner „Schöpfung" das herrlichste Schwäbisch reden und mit bem Cherubim bie schwäbischen Kreissolbaten ausmarschieren, als nach bem Sünben- fall ber Garten Eben enbgültig geschlossen würbe.
Man könnte baraus beispielhaft entnehmen, baß ber Babensee ben Schwaben fortgenommen wurde, unb in ber Tat sinb es bie Alemannen, bie ringsherum ben Bobensee beherrschen Trotzbem heißt er noch „Das schädische Meer", unb sein deutsches Ufer ist bestes Schwabenlanb. Aber ber alemannische Ring seiner Uferbewohner ist ba, freilich an verschie- bene ßänber aufgeteilt.
Zu allen Zeiten saßen Dichter um Den See. In ben Klöstern im unb am See haben Notker, Ekke- harb unb Wahlafrieb ihre lateinischen Verse geschrieben Aus ber Reichenau unb in Konstanz, wo Suso bichtete, unb in St. Gallen regten sich bie klösterlichen Dichterfebern. Hier schwärmten Minnesänger. Sie fanden manche Au unb manchen Hag. An bie witzige Lanbschaft bes Hegaus, besten vulkanische Kegel wie Warzen ber Welt sinb, schließt sich bie Baar mit bem Reichtum ber Scheunen, sumpft bas Rieb gegen bie obere Donau, bie ein romantischer Biiberbogen für sich ist: Insgesamt ein wechselreiches Gäu für Minnesänger mit allen Requisiten, eingeschlossen ber See mit „perlmutternem" Spiegel, mit bramatischen Wogen unb mit starren- bem Eis, mit prallreichen Gärten von Bürgern unb Mönchen unb mit Oasen, bie eigentlich tropische Eilanbe sinb
Auf bem kantigen Merowingerturm in Meersburg saß Joseph Freiherr von Laßberg, ber ben Minnesängern auf bie Spur ging, ber in Wien das Nibelungenlied erstand und mehr an Minnesängerschriften zusammenbrachte, als die Benediktinerbrüder von Weingarten bei Ravensburg zu sammeln vermochten. Freilich hat der ritterliche Sänger, ber zugleich ein großer Germanist war, seinen Schatz nach Donaueschingen gegeben, wo bie Fürstlich Fürstenbergischen Bestäube ein Geisteszentrum bes besten, echtesten unb wahrsten Deutschlanbs würben. Be' „Meister Sepp", wie Lubwig Uhland ihn genannt hat, sinb Kerner, Schwab unb bie Brüber Grimm zu Gast gewesen; bie Droste suchte hier Gesundung, als fies von Westfalen aufbrach unb lebte fast legendenhaft ihr Leben still zu Ende,
Nun sitzen andere um den See, unb Meersburg wimmelt jeberzeit von Malern. Wilhelm Schäfer unb Scharrelmann, Scholz unb Schüssen haben ben See zu ihrer Heimat gemacht, früher auch Hermann Hesse. Oft pilgert ber länbliche Arzt Lubwig Finkh auf ben Bobman-Rücken, ber bem See seinen Namen gab.
Sieht man bie alten Kloster, so leuchtet ein, baß schon vor tausenb Jahren in biefer Gegenb Wein gekeltert würbe; benn immer waren es bie Mönche, bie neben ihren anberen Gottesgaben bie eblen Reben im Schnappsack mit sich brachten. Wie überall in Schwaben, das vor wenigen Jahrhunberten ein Weinlanb war, bas sich in Quantität unb’Qualität mit vornehmsten Provinzen messen konnte, gebenkt man bankbar auch ber Romer, bie mancher Meinung nach bie ersten Wingerte in ihrem Limesraum eröffneten. Sogar ben Pfahlbau-Menschen spricht man bie Kenntnis bes beliebten Trankes zu, weil man Artikel fanb, aus benen man auf Weinbau schließen kann unb weil sie anberen Gegenstänben nach weltweiten Hanbel trieben.
An ben Reben liegt es nicht, wenn eine Ernte säuerlich gerät. Man hat Traminer, Gutebel und Ruländer angepflanzt; blauen Sylvaner unb weißen Ebling, Bobenseeburgunber unb Schwarzclevener zieht man in sorgsamer Pflege unb keltert sie in jenen Torkelhäusern, bie stellenweise heute noch mit ihren riesenhaften Pressen im Gebrauch sinb. Die Sachverstänbigen erklären, baß bie langsame Erwärmung ber Wasseroberfläche bes Bobensees von größtem Einfluß auf ben Wein sei. Aber sicher ist, baß biefer Wein trotz aller schlechten Ernten zu allen Zeiten gern getrunken unb besungen würbe. Denn schließlich kommt bie Speisekarte noch hinzu, bie mit bem Felchen einen Ebelfisch verspricht, ben keine anbere Gegend so deliziös zu bieten hat
Das Land liegt wie ein reicher Garten um Den See, von Wald begleitet, von Hügelrücken sanft umbaut, unb wo ber Bobensee zum Rhein wirb, brän- gen sich bie Berge eng an seine Ufer. Aber selbst bie Felsenbarriere bei Schaffhausen hält ben verströmenden See nicht mehr auf, nun Deutschlanbs Strom zu werben. Zweihunbertsiebenundbreißig fließenbe Gewässer münben in ben See unb führen boch nur soviel Wasser mit sich, roie ber junge Rhein. Dafür lagern biefe Wasser ein Geschiebe ab, bas zwar bie tiefsten Tiefen vor Romanshorn so schnell nicht zum Versanben bringen wirb — man hat zweihunbertfünfzig Meter ausgelotet —; aber Konstanz unb Rabolfzell stehen auf Seegebiet.
„Der verrückte Graf" Ferbinand von Zeppelin hat an biefem See einen Menschheitstraum verwirklicht unb eine neue Zeit beginnen helfen. So penbelt unser Blick kulturhistorisch vom Einbaum bis 3um Schiff ber ßuft, ^in weiter Blick über Jahrtausenbe hinweg.


