Nr. V2 Drittes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Vberheffen)Mittwoch, 16.Mai 1934
Wandern und Reisen • Bäder und Sommerfrischen.
Neckarromantik.
Eine Frühlingsfahrt stromauf.
Äon Peter Bauer
Zu jeder Jahreszeit ist der Neckar mit seinen wald- und wiesenreichen Ufern, seinen lustig an den Berghängen emporkletternden und an die Wasser angeschmiegten Dörfern und Städtchen, seinen engen, verwinkelten Gassen, alten Kirchen und Burgen eines der schönsten Täler Deutschlands und von unwiderstehlichem Reiz auf jeden Natur- und Wanderfreund.
Alt-Heidelberg.
Voll ewiger Romantik strahlt das Antlitz der wundervollen Stadt, der Goethe, Hölderlin, Brentano, Scheffel, Schumann und viele andere Dichter und Künstler begeistert ihre Liebe gestanden. Unverwischbar blühen bei ihrem Anblick köstliche Erinnerungen an Sommernachtsfeste und Schloßbe- leuchtungen auf, die freilich mit der oft lärmvoll und kitschig ckngeglühten Fassade nichts zu tun hatten.
Der strömende Goldglanz eines wolkenlos blauen Frühlingshimmels beleuchtete das Schloß und die alte Brücke, als wir zum rechten Neckarufer einbogen. Malerisch hob sich das Gemäuer der Ruine von dem jungen Waldgrün ab und grüßte zu den Türmen der Brücke herunter, die Goethe „eine der schönsten der Welt" nannte, und von der Hölderlin sagte, daß sie „leicht und kräftig, wie der Vogel des Waldes über die Gipfel fliegt, sich über den Strom schwingt". Die zahlreichen Landhäuser, die die hänge neben der Landstraße hoch hinaufklim- men, hätten sich kein schöneres Fleckchen Erde weit und breit suchen können. Auf einem sanft geschwungenen Hügelrücken liegt in der idyllischen Geborgenheit eines mauerumfriedeten Parkes das einst vom Kloster Lorsch gegründete Stift Neuburg der Benediktiner, am Eingang des weit den Neckar entlang sich erstreckenden Dorfes Ziegelhausen.
Burgen und Terrassen.
Die Berge stoßen bald links, bald rechts des Flusses immer drängender in das Tal vor, als wollten sie es samt den glitzernden Wassern verschütten. Aber die schlängeln sich beide durch, weichen unverdrießlich in Bogen und Windungen aus und lassen den harten Granitfelsen und später den aus dem Odenwald hereinbrechenden roten Sandsteinhöhen ihre Launen. Vier Berge überragen das dicht an das Wasser gebaute Städtchen N e ck a r st e i n a ch, die sämtlich als zackige Krone eine Ruine tragen. Die höchste, das Schwalbennest, hängt wohl als einstige Raubritterburg keck am Eefels wie der horst eines sein Jagdgebiet beherrschenden Raubvogels. Auf der anderen Flußseite ragt der D i l s b e r g mit dem gleichnamigen Dörfchen, das in seiner luftigen höhe einmal starke, talsperrende Festung war. Die Gäßchen von Neckarsteinach laufen wie die Rinnsale, die aus den Tälern rauschen, zum Neckar hinunter und lauschen dem Gemurmel der Wasser mit den alten Uferweiden und den schaukelnden Fischernachen, hier liegen die Terrassen der Gasthöfe unter den grünen Zeltdächern breitwipfeliger Kastanien und Linden, in denen es lustig zwitschert und zwirnt. Ein Buchfinkenpärchen pickte zwischen unseren Stühlen nach Brotkrumen und trippelte nur einige Schrittchen zurück, als wir durch sein Helles „Pink, pink" angerufen, aufmerksam wurden und das Gewünschte hinstreuten. So wenig scheu waren die kleinen Vögelchen. Was muß hier für ein friedliches, beschauliches Völkchen wohnen!
Die Wälder: eine Symphonie in Grün.
Eine Symphonie in Grün sind die Wälder der höhen und hänge mit der Vielfalt ihrer Laubsar- ben. Eine Symphonie des Aufbruchs, der Jugend, des neuen frohen Lebens, hell jauchzt das Junglaub der Birken und Hainbuchen, der Hasel, Wildkirsche und Schlehe. Vor Tagen noch haben diese mit ihrem weißen Blütenüberschwang alle anderen Stimmen übertönt. Birkenhaft hell und büschelig wie die Strahlen einer Brause sprühen auch die Nadeln der Lärche hervor, die ihr altes Kleid im Herbst abwarf, um sich um so gründlicher zu verjüngen und zu erneuern, hellbraun leuchtet die Rinde der schlanken Zweige, die wie Weidenruten schmiegsam im Winden wehen. Tief und voll rauschen zu diesen Frühlingsakkorden Fichte, Föhre
und Tanne ihre dunklen Grundtöne. Aber auch sie sind über ihren gewohnten Ernst hinaus froh und überquellend wie die lichtgrünen Trieve an den Zweigenden der Tannen bezeugen, die meist zu Dreien sitzen und in der Sonne zu strahlen scheinen. Mit gedämpfteren Tönen klingen die Kieferntriebe aus. Sie tragen als Samenblüten zarte, rötlich leuchtende, noch kätzchenhaft schlanke Zapfen. Es suH wie die braunen Farben der säulenhohen Stämme gewissermaßen die Altstimmen in der Frühlings- und Freudesymphonie.
TNärchenwiesen.
Sie scheinen wie Sandbänke aus den Wassern gewachsen zu sein, so flach und sanft ansteigend begrünen sie die Ufer. Tausenderlei ist da am Treiben und Sprossen: Halme, Stengel, Blätter und Ranken formen sich zu ihrer Eigengestalt und setzen Knospen an. Bald werden zwischen das zart gesprenkelte Weiß und Gelb des Wiesenschaumkrautes, der Gänseblümchen, des Hahnenfußes und der Dotterblumen die runden Kleeköpfe ihr leuchtendes Karminrot drängen, blaue Glockenblumen werden läuten, und Luzerne, Hornklee, Steinnelke, Schafgarbe, Salbei, Natterkopf und viel andere Wiesenblüher, die sich jetzt kaum erraten .assen, werden die üppige Pracht vervollständigen. Zigeuner haben in ziemlicher Entfernung von einander ihre hochräderigen Wagen aufgestellt, die die verheißungsvolle Aufschrift „Konzert-Truppe" tragen, und lagern barbeinig im Grünen. Einige bosseln an ihren Instrumenten. Kleine bilden sich, kaum bekleidet, auf bunt umherliegenden Kissen und Decken zu Schlangenmenschen und Akrobaten aus, indem sie sich zu halsbrecherischen Stellungen aufbauen und übereinanderpurzeln. In einer
Bucht haben zwei Paddler ihr Boot an Land gezogen und auf dem kiesigen Boden aus trockenem Treibholz ein Feuer angezündet, um sich emen Imbiß zu brotzeln. Die Strahlen der Abendsonne treiben mit den Wassern ein phantastisches Spiel. Man glaubt zuweilen einen blanken Nixenarm aufblinken zu sehen und ein gedämpftes Kichern zu hören.
Der Lockvogel.
Im Wald vor uns her rief ein Kuckuck. Wie zwei Schläge auf ein Helles und ein tiefer klingendes Gong rollten die beiden Töne, mit denen der Vogel seinen Namen schrie, durch die grünen Kuppeln herab in unseren Weg. Und immer, wenn wir uns in der Pause seines Schweigens an ihn herangepirscht zu haben glaubten, begann er ebenso weit entfernt wieder von neuem zu locken. Wir mußten hinter Zwingenberg, wo das Tal sich zu weiten anfängt, und die Berge nicht mehr so zudringlich nah an der Straße sitzen, umkehren, weil unsere Zeit abgelaufen war. Wimpfen hätten wir noch gern gegrüßt, aber das Schönste hatten wir doch durchfahren, und es lohnte sich, dieses Zaubertal in der herrlichen Beleuchtung der Abendsonne noch einmal auf sich wirken zu lassen. Der weiße und violette Flieder in den Gärten duftete nun stärker, und die Amseln schmetterten von Bäumen und Dachfirsten herab. Eindringlicher, als der Kuckuck es vermocht hatte, lockte das Tal zum Verweilen. Aber da glänzte schon Heidelbergs „schicksalskundiges" Schloß wieder im „verjüngenden Licht der ewigen Sonne", wie Hölderlin sagt, und mit diesem lieblichen Bild im Herzen fuhren wir weiter flußauf der langsam dunkelnden Rheinebene zu.
zinische Regeln einprägt, die ihm bei Ausflügen helfen können. Er braucht deshalb noch lange nicht „herumzudoktern", sondern kann bis zum Eintreffen des Arztes schon vorarbeiten. Das erste Gebot heißt bei allen Wunden: Sauberkeit, aber keine Wunde soll unsachgemäß gereinigt werden! Ein steriler Verband genügt meist schon bis zur weiteren ärztlichen Behandlung. Bei Knochenbrüchen und Verstauchungen — nicht zerren und ziehen, sondern die Kleider oder Stiefel aufschneiden, das verletzte Glied ruhig lagern, eventuell mit Brettern und Stöcken schienen! Bei Quetschungen und Beulen hilft das Auflegen von kalten nassen Tüchern, bis
Spenden für die NSV.
werden eingezahlt auf Konto Nr. 4513 bei der Bezirkssparkaffe Gießen.
der Arzt kommt. Ohnmächtige müssen flach gelagert, alle beengenden Kleidungsstücke entfernt werden, nichts einflößen! Kalte Umschläge auf die Herzgegend!
Mutters Hausmittel soll man nicht verschmähen! Ein Stückchen Zucker mit ein paar Tropfen Baldrian hat oft schon Wunder getan. Vor allen Dingen muß man bei Unfällen' die Ruhe bewahren. Alles hastige Herumlaufen und planlose Handeln schadet mehr, als es nützt!
Dr. med. Bernhard.
Wanderfahrten.
Wetzlar — Volpertshausen — Cleeberg — Butzbach.
Vom Bahnhof Wetzlar durchschreiten wir die alte Reichsstadt in östlicher Richtung und folgen liegenden Y, die uns in stetem Anstieg auf die hochgelegene Landstraße bringen, von der sich feine weite Blicke auf die umliegenden Höhen, wie Kalsmunt, Brühlsbacher Warte und Stoppelberg, sowie auf das tief unten im Lahntal liegende Wetzlar erfchließen. Wir kommen am Fuße des Stoppelbergs vorbei und gelangen*zunächst nach Volpertshausen, wo mir rasten können. Hier steht noch das alte Forsthaus, durch eine Gedenktafel bezeichnet, das Goethe in „Werthers Leiden" anschaulich geschildert hat. Das Zeichen leitet uns weiter teils durch Wald und über freies Feld durch eine landschaftlich überaus schöne Gegend nach dem malerisch gelegenen Cleeberg mit schöner Burgruine (gute Gasthäuser). Schwarze Punkte führen uns von hier burd) viel Wald am gastlichen Forsthaus Butzbach vorbei nach unserem Endziel Butzbach. Dauer der Wanderung etwa 5% Stunden.
üahenfuri — Greifenthal — Veilstein — Herborn.
Wir fahren mit Sonntagskarte Herborn nach Katzenfurt, gehen von hier auf einer von Obstbäu- men umsäumten Landstraße durch Greifenthal, eine ehemalige Hugenottenkolonie, hierauf am idyllisch gelegenen Forsthaus Langengrund vorüber, überschreiten alsbald die Straße Greifenstein — Diana- burg und gelangen hierauf in Holzhausen in das anmutige Ulmbachtal, das wir durchqueren und jenseits des Tales den Bach aufwärts gehen, unterwegs schöne Blicke genießend. An dem einsamen Dörfchen Wallendorf vorüber erreichen mir das von bemalde- ten Bergen umrahmte Beilstein, das von einer ziemlich zerfallenen Burgruine überragt ist. (Gute Einkehr.) Der meitere Weg führt uns durch prächtige Waldungen über den Reitelsberg (521 Meter) und die Hirschbergkoppe (538 Meter) mit hübscher Aussicht, später durch Merkenbach nach unserem Endziel Herborn. Wanderzeit 5 Stunden.
Zeder Wanderer sein eigener Arzt!
Die praktische Notapotheke im Wochenendkoffer.
Auf der Wanderschaft, draußen in der freien Natur ist der Mensch auf sich allein gestellt. Da darf er nicht hilflos fein, roenn ihm ein kleiner Unfall zustößt und kein Arzt zur Stelle ist! Heute ist es selbstverständlich, daß in jeden Rucksack und in jeden Wochenendkoffer eine kleine Notapotheke gehört. Selbstverständlich mird nur das Allernot- mendigste mitgenommen, das niemanden befchmert und möglichst menig Platz wegnimmt. Diese Utensilien packt man immer an eine bestimmte Stelle, damit im Falle der Not nicht erst lange gesucht werden muß.
Notwendig ist zunächst der praktische Heftpflasterverband, der steril ist und immer fertig zur Hand fein muß. Jeder Riß und jeder Schnitt wird schnell damit verklebt, und es kann nichts mehr passieren! Wie leicht verletzt man sich an einer ungeschickt aufgemachten Konservendose, wie schnell hat man sich an einem rauhen Stamm aufgescheuert. Ein Heftpflasterverband ist in ein paar Sekunden angelegt!
Wichtig ist weiter die kleine Pinzette, die so
gut Splitter entfernt. Ein ganz kleines Fläschchen chemisch reinen Alkohols zum Desinfizieren muß immer dabei sein. Jod nimmt man in Form von festen Jodstiften mit, das gibt keine häßlichen Flecken und keine ausgelaufenen Flaschen! Binden in verschiedenen Ausführungen (drei genügen) gehören auch in die Notapotheke', ebenfalls eine Schere, die natürlich zu keinem anderen Zweck gebraucht werden darf!
Ein paar Tabletten gegen Kopfschmerzen, Kohletabletten gegen Magenschmerzen sind nicht zu vergessen! Sehr beliebt ist das Fläschchen Salmiak, sowohl gegen Ermüdung als auch gegen lästige Insekten, die einen umschwirren. Salmiak verhindert auch, daß sich ein Mückenstich bösartig entzündet. Selbstverständlich ist es ja heute für jeden Wanderer und Sportler, daß er Puder und Hautöl gegen Sonnenbrand bei sich hat! Schon ist die Apotheke komplett, und man ist gerüstet!
„Als Laie soll man nicht herumdoktern", sagt der Volksmund. Das ist richtig, aber es schadet nichts, wenn sich der Laie auch ein paar allgemeine medi
Pfingsten im Odenwald.
Äon Emil Baader.
Man tut ein paar Schritte vors Städtchen, biegt ab in einen mit Gras bewachsenen Feldweg und wandert durch frühsommerliche Fluren. Zwischen hohen Roggenfeldern, auf bunter Wiese: erste pfingstliche Rast! Den Wandermantel breitet man aus und legt sich mitten in die grüne Pfingstwelt. Fern donnert ein Auto über die Berge auf der Fahrt nach dem Pfingstglück. Hier ist es! Ich raste und male die pfingstliche Wiese. Da sind die funkelnden Blüten des Hahnenfußes: kleine goldene Pfingstfonnen. Daneben stehen die zarten weißen Blüten der Sternmiere. Weiße Falter schaukeln über die Wiese, heiter wie pfingstliche Gedankeck. Hoch aus dem Blau erklingt das Tirili der Lerche. Ich male die leuchtenden Dolden der Möhren, die schimmernden Lichter des Löwenzahns, die braun- goldenen Blüten des Sauerampfers. Längs der Straße stehen, wie Pilgerscharen, die pfingstlichen Bäume in später Blüte. Ich male das Zittern des Grases und die weiße Wolke ü-berm Horizont. Male das Goldgrün junger Saaten und das Dunkelgrün des Kleefelds. Male die einsam Wandernden der pfingstlichen Landschaft: dort die Bäuerin im dunklen Kleid, dort den Bauersmann auf dem Flurgang.
O ihr schönen Hügel rund um mich, ihr weiten schimmernden Berge!
Von der Pfingstwiese zum Odenwaldbach! Pfefferminz duftet. Die großen Blätter der Pestwurz stehen hell in der Sonne. Zwischen hohen Bäumen, nahe dem rauschenden Bach steht ein Marienbild. Wie schön bist du, Pfingstmadonna am Odenwaldbach.
Auf meiner Wanderschaft durch pfingstliches Land komme ich zum „grünen Tor": zwischen hohen grünen Hecken führt ein Grasweg hin, hinaus ins weite Ackerland. Bald werden die Heckenrosen blühen, bald ist Juni.
In einen kleinen ummauerten Berggarten gerate ich nun in das Konzerthaus einer Amsel. Rast auf dem samtblauen Teppich von Gundermann und kriechendem Günsel. Wie wundervoll ist das Blau dieser Blumen. Drüben überm Berghang liegt die kleine Stadt. Vom Berggarten ins Tal der Morre! Viele Talwiesen sind schon gemäht. Nur die Blätter der Pestwurz stehen noch, wilde grüne Blatturwälder, an den Ufern. Ich wandere mitten durch den Blätterwald.
Der Pfingsttag geht zur Neige. Ich habe die fromme Heiterkeit deutscher Landschaft erlebt.
Schön wie ein Psalm ist Pfingsten in der weltfernen Natureinsamkeit des Odenwaldes!
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