Einzelbild herunterladen

Ur. 109 Drittes Blatt

Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Vberheffen)

Samstag, 12. Mai 1934

Aus Oer Provinzialhaupistadt.

Muttertag.

Unsere Mutter feiert wenn's Gott will in diesem Sommer ihren 80. Geburtstag. Ähre Enkel find zur Zeit dieherrschende" Schicht im Hause, und so heitzt denn unsere Mutter schon seit vielen Zähren nur noch Großmutter. Und es ist ihr recht so. Sie ist im wahrsten Sinne des Wortes die große Mutter, obgleich sie von Gestalt so winzig klein geraten ist. Aber sie ist immer noch rüstig, immer darauf bedacht, wie ein stiller Schutzengel alles im Hause zu bewachen. Sie gibt nicht nur Ratschläge, sie arbeitet allen voran. Sie ist Ver­mittlerin, wenn Eltern und Kinder aneinander­geraten, sie schlichtet alles. Mit einem Blick ent­waffnet sie die Streithähne. Voll Dankbarkeit und Ehrfurcht schauen alle zu ihr aus.

Und so soll auch diesmal, wie die Jahre her, der Muttertag ihr Ehrentag sein. Sie soll sich einmal als Mittelpunkt des ganzen Hauses fühlen. Ihr Wunsch ist es sicher nicht. Wenn Gäste kommen, wenn Feste gefeiert werden, dann möchte sie am liebsten still bei Seite stehen. So bescheiden und an­spruchslos ist sie von jeher gewesen. Nur nicht im Arbeiten.

Ihre sechs Kinder hat sie groß gezogen, und nun betreut sie die Enkel. Ja, wir Eltern sagen gar oft, ihre Güte wäre zu groß, sie müßte härter sein. 2Ibrt kann das eine Mutter, oder gar eine Groß- tnuUer überhaupt sein? Ihre Liebe zu den Kin­dern und Enkeln wird von Tag zu Tag größer, und ihr gutes Herz möchte jedem Helsen. So sind die Mütter, und so sind, erst recht die Großmütter.

Das Wort Mutter steht am morgigen Tage groß und feierlich da. Wir sprechen schon wochenlang von Mutter und Kind, wir denken an die Not vie­ler Familien, wir wollen helfen und tragen Sorge um allerlei Mißstände. Dieser eine Tag soll aber der Mutter allein geweiht sein. Sie soll im Mittel­punkt stehen. Und wir alle, oft unbewußt und zart versteckt, tragen ja in unserm Herzen noch die alte Liebe des kleinen Kindes zu unserer Mutter. Und selbst der eingefleischteste Junggeselle kann sich so­weit vergessen, daß er behauptet: Niemand kann so gut kochen wie meine Mutter! Auch er wird heute mit Liebe seiner Mutter gedenken, wird viel­leicht der ewig Schenkenden selbst ein Geschenk bringen.

Mutter und Mütterlichkeit werden leben und Triumphe feiern, so lange es noch Menschen auf dieser Erde gibt. Und der Staat wird am höchsten steigen, der die besten Mütter hat. Mütter, die ge­sund an Leib und Seele sind, schenken ihren Kindern nicht nur das Leben, sondern auch das fröhliche und mutige Herz, damit sie mannhaft und aufrecht durchs Leben schreiten können. Wir haben längst wieder erkannt, daß die Familie die eigentliche Keimzelle des Staates ist, und in ihr ist der ruhende Pol: die Mutter! Sie, die in unermüdlicher, stiller Arbeit alles betreut und still und bescheiden ihre Pflichten erfüllt.

Was sind alle Ehren der Welt, was ist Ruhm, was sind Würden gegenüber einem Blick aus den guten Augen unserer Mutter? Für sie sind wir immer noch der kleine Bub, das zarte Mädchen. So redete sie uns an, so betreut sie uns noch in ihrem späten Alter. Ihre Gedanken gehören uns, unsere Sorgen erfüllen ihre Tage.

Und wieder ist ein Tag zu Ende; er hat dir Arbeit viel gebracht. Nun blaun am Himmel milde Sterne, groß und voll Frieden kam die Nacht. Da faltest du die müden Hände und sprichst ein heißes Nachtgebet für einen, der in Wind und Ferne sein bißchen Glück zu suchen geht.

(Albert Sergel.)

Hinaus in den frisch-grünen Wald!

Welch eine Fülle von lieben Vorstellungen, frohen Gedanken, freudigen Erinnerungen weckt in dem Naturfreund das kleine WörtchenWald"! Es ruft in uns alle die wonnigen Stunden frohen Natur­

genusses im frischen Grün, jubelnden Wanderns im wiedererwachten Frühlingswalde, echter Freude an den Melodien der Waldessänger, stillen Traumes im schattigen Sommerwalde, wehmutsvoller Be­trachtung des herbstlichen Laubwaldes und hoff­nungsvollen Ergehens unter den fchneeumhüllten Baumgestalten des Winterwaldes wach.

Der Wald ist für die Tierwelt ein Paradies. Zahllosen Tieren bietet er passende Unterkunft und reichliche Nahrung. Vor allem ist er das Lieb­lingsheim vieler Vögel. Wald und Vögel gehören so eng zusammen, daß wir-uns das eine ohne das andere gar nicht denken können. Erst das lustige Treiben und Gezwitscher der Kleinvögel, ihr melo­discher Sang gibt dem Walde die rechte Stimmung. Und gerade zu unerschöpflich ist die Zahl der vielen Arten von Insekten, die leider nicht immer zu seinem besten den Wald bewohnen, sich auf den

Bäumen und Waldpflanzen Herumtreiben oder licht­scheu in Verstecken Hausen.

So kann nur dem Unwissenden der Wald einsam erscheinen. Wem die Waldnatur nicht ein Buch mit verschlossenen Siegeln ist, wer kundigen Sinnes den verschiedenen Aeußerungen des Waldlebens nach­geht, die mannigfachen Rätsel und Spuren tteri- schen und pflanzlichen Walddaseins zu deuten weiß, dem offenbart sich im Walde ein so reges, viel­artiges, beobachtenswertes Leben und Regen, daß er über alle die, welche den Wald langweilig finden, nur mitleidig lächeln kann.

Aber auch wer nicht als naturkundiger Tier- und Pflanzenfreund die Mysterien des Waldes zu würdigen weiß und zu deuten, wer den Wald rein vom ästhetischen Standpunkt betrachtet, wird seinem wundersamen Einfluß unterliegen. Wie viele Dich­ter, Maler, Tonkünstler hat der Wald mächtig de-

Der Gießener Anzeiger in der Kamille deutscher Auswanderer

Ein Äild der Treue, die Familie Karl Lecker in plainfield bei Neuyork ihrer Heimatzeitung wahrt. Für das lichtbild« ausschreiben des Gießener Anzeigers verspätet eingegangen.

geiftert! So manch bedrücktes Gemüt findet im Walde immer wieder balsamische Beruhigung, lin­dernde Erholung, trauten Frieden.

Und wer dann weiter fchaut, von einem um- greifenderen Gesichtspunkt aus die Rolle des Wal­des im Haushalt der Natur prüft, in ihm nicht nur die herrliche, unschätzbare Zierde unserer Land­schaften, die vielbesuchte Herberge vieler Tausende von Tieren erblickt, sondern auch den wirksamen Luftverbesserer, den Erzeuger reicher Mengen Ozons, dieses energischen Fäulnisfeindes, den Re­gulator der Temperatur, der Witterung, des Kli­mas erkennt, der weiß auch die nationalökonomische Bedeutung des Waldes zu schätzen.

So wirkt alles zusammen, uns den schönen deut­schen Wald lieb und wert erscheinen zu lassen. Es drängt den Naturbeobachter ihm zu, als einer un­erschöpflichen Quelle der fesselndsten Betrachtungen. Zu ihm zieht es den Städter mit Macht, in ihm friedvolle, erquickende und gesundende Erholung von dem Lärm, der Aufregung, dem Qualm der Stadt zu finden. Es muß ein gefühlsarmer Mensch sein ohne Natursinn und ohne ästhetischen Sinn, der dem wohltuenden Einfluß der gewaltigen Schön­heit und des geheimnisvollen Reizes des Waldes nicht unterliegt, den das duftige Waldesgrün in feinen mannigfachen Schattierungen, das geheimnis­volle Säuseln und Flüstern in den Blättern und Wipfeln der Bäume, das Murmeln und Plätschern des Waldbaches die melodischen Weisen der Wald­vögel, das Kommen und Gehen der Waldfalter und Libellen, das Zittern und Dämmern des Lichtes im Waldesdunkel, der ganze nicht schilder- und be­schreibbare, sondern nur fühlbare Zauber des Wal­des, wennder liebe Herrgott durch den Wald geht", kalt läßt.

Wir wollen uns diesem Waldzauber gern hin­geben in zwanglosen Waldgängen, Wanderungen und Waldbetrachtungen, besonders jetzt, wo der Wald im jungen, frischen Maiengrün steht, wo die Vögel im Hochzeitskleid ihre schönsten Lieder sin­gen.Von jedem Zweig und Reise hört nur, wie's lustig schallt! sie singen laut und leise: Kommt, kommt zum grünen Wald!" Gr.

Aus parteiamtlicheuBekauntmachungen

Die vorn Amt für Beamte für heute, Samstag abend anberaumte Beamten-Versamm- lung ist abgesagt und auf einen späteren Termin verschoben worden.

Die N S.-F r a ue nsch a f t Gießen-Nord beteiligt sich am morgigen Sonntag vormittag ge­schlossen am Hauptgottesdienst in der Stadtkirche.

Die ArbeitsgemeinschaftLuftfahrt und Luftschutz" im NSLB., Kreis Gießen, versammelt sich am kommenden Mittwoch, 16. Mai, 15,30 Uhr im Lehrerzimmer der Gewerblichen Berufsschule, Kirchstraße 16.

Platzkonzert der GA.-Reserve-Kapette.

Am morgigen Sonntag vormittag von 11 bis 12 Uhr wird die Kapelle des SA.-Reserve- fturmbanns 1/116 an der Ecke Plockstraße/Jo- hannesstraße ein Platzkonzert veranstalten. Die Vortragsfolge sieht folgende Darbietungen vor: 1. Armeemarsch Nr. 118.

2. Ouvertüre zur OperRienzi" v. Mich. Wagner. 3. Prolog aus der OperBajazzo" v. Leoncavallo. 4 Eftudianstina, Walzer von Waldteufel.

5. Große Fantasie ausRheingold" v. R. Wagner.

Die Kapelle unter Leitung des Musikzugführers Herrmann hat sich durch ihre bisherigen glän­zenden Leistungen eine angesehene Stellung im Musikleben unserer Stadt geschaffen. Das morgige Platzkonzert wird den Besuchern wiederum eine schöne Stunde besten musikalischen Genusses bieten. KeichsbundVolkstum und Heimat".

Orlsrlng Gießen.

Sonntag, 13. Mai, Gang durch die heimische Flora des Schiffenberger Waldes. Führung: Rektor i. R. Helwig. Abmarsch 8 Uhr von der Univer­sitäts-Bibliothek. Rückkunft gegen 12 Uhr. Gäste willkommen.

Perlen bringen Tränen.

Von Frank $. Brann.

Jens Jensens Büro befand sich im zweiten Stock des Hauses. Ein feines Büro, prächtig eingerichtet; und so gut aufgezogen. Und das sollte nun zu Ende fein!? Sollte aufhören, weil irgend ein Grünling den Fangfragen des Untersuchungsrichters erlegen war und Jensen verraten hatte? Er trat vorsichtig an das Fenster. Wahrhaftig, da stand noch der Kri­minalbeamte, jener dort im steifen Hut. Drüben an der Ecke die beiden Schaufensterbetrachter, ach, das Glas spiegelte, sie sahen gar nicht die Ladenaus­lagen an, sondern beobachteten feine Haustür. Woraus warteten sie alle, waren es ihrer noch nicht genug für die Haussuchung? Er trat zurück. Minu­ten noch blieben ihm vielleicht. Er hatte einen Fluch auf den Lippen, aber damit war ja nichts geholfen. Er hätte eben die Perlenkette nicht hierher nehmen sollen. Die kleinen Sachen, die fanden sie nicht; aber die lange Perlenkette der Baronin Track, wo­hin damit? Er sann nach, unentschlossen noch, da klopfte es, und das Mädchen, das im Haufe die Zeitungen brachte, trat mit einem Gruß herein und legte das Blatt auf den Tisch.

Danke", sagte Jensen; er sah sie an. Das Mäd­chen war hübsch, auch in dem abgetragenen All­tagszeug blieb das feststellbar. Eigentlich schätzte er ja so helle Blondinen gar nicht, aberWollen Sie auch Geld haben, Fräulein^ haben Sie die Rechnung?"

Sie lachte.Heute doch nicht." Er war bei ihr. Wie hübsch Sie sind", stellte er fest und berührte ihre Hand, denn ihm blieb ja feine Zeit für Präliminarien.Sind Sie verlobt?"

Nein, was glauben Sie! Ich bin erst 19 Jahre alt" ' ,

Wollen Sie bann nicht einmal mit mir aus- gehen?"

Sie zierte sich überraschend.Wohin denn?"

Wohin Sie wollen. In ein Kino; oder wir essen gemeinsam in einem Konzertlokal ..." Auf der Treppe näherten sich Schritte. Jens Jensen wurde eifrig.Kommen Sie doch bitte", bat er,heute abend, wo wollen wir uns treffen?"

Sie ergab sich recht gern.Um 20 Uhr" schlug sie vor", am Kaiser-Wilhelm-Denkmal. Wollen Sie?

Und ob er wollte!Ich komme", versicherte er; und er spielte geschickt einen kleinen Kampf zwischen Steigung und Vorsicht; bann entschloß er sich, ihr zu vertrauen.Ich möchte Ihnen etwas schenken", sagte er,eine Perlenkette", unb er zog das

Schmuckstück aus ber Tasche.Verlieren Sie die Kette nicht, sie hat über zwanzig Mark gekostet." Unb er hob treuherzig ben Blick:Was bekomme ich bafür?" Dabei legte er ihr bie Perlen ber Ba­ronin Track um ben Hals.

Sie roanb sich.Was wollen Sie benn haben?" Aber Jens Jensen mußte bie lyrische Szene abrupt abbrechen; ihm war, als kämen Tritte näher unb wollten zu ihm.Heute Abend", sagte er,ver­gessen Sie es nicht", und er drängte sie zur Tür. Dann blieb ihm noch eine Weile Zeit zur lieber« legung. Er spielte oabanque; wenn bie Kleine nicht kam, wenn ... Aber er sagte: Blonbinen kommen immer! Ein bemerkenswerter Erfahrungssatz, ber, in einer Versammlung vor Männern gesprochen, wahrscheinlich nicht ohne Widerspruch geblieben wäre. Hier, mit sich allein im Büro, behielt Jens Jensen Recht. Er setzte sich in einen Sessel unb war­tete. Jetzt mochten bie Herren von ber Kriminal­polizei kommen.

Unb sie kamen. Jensen war bie Zuvorkommenheit selbst. Er öffnete Schränke unb Schublaben. Es fanb sich nichts. Die Herren zogen wieber ab.

Pünktlich um 20 Uhr war bas junge Mäbchen am Denkmal. Jens Jensen kam zehn Minuten zu spät, aber bas nahm sie ihm nicht übel. Sie sah nieblich aus in bem kurzen Seibenkleidchen. Die Perlen waren eine Pracht um ihren jungen Hals. Jens Jensen ging mit ihr essen Musik spielte. Es warb ein angenehmer Abend.

Als sie nach Hause fuhren, im Auto natürlich, Jens Jensen repräsentierte die besitzende Klasse, nahm er ihr mit sachter Selbstverständlichkeit bie Kette ab.Weißt bu", meinte er,Perlen bringen Tränen; ich habe mir bas überlegt. Hier hast bu zwanzig Mark, kaufe bir einen anbern Schmuck bafür."

Das Mäbchen war gerührt ob solcher Empfind- samkeit.Danke", sagte es,bu bist zu lieb", unb sah ihn mit großen schönen Augen an. Sie fuhren gerabe burch eine matterleuchtete Straße, benn das Mädchen wohnte nicht im hellsten Viertel der Stadt, da nahm er sie in seine Arme und küßte sie. Das hätte er nicht tun sollen. Aber wer wollte ihn deswegen verurteilen? Das Mädchen war wirklich sehr nett; und wer denkt gerade in solcher Stunde daran, daß er bem anbern einmal weh tun muß.

Jens Jensen schrieb noch in berfelben Nacht einen Brief an bie Zeitung unb bestellte bie Lieferung ab. Dann schloß er sein Büro für einige Zeit unb ging auf Reisen. Das Mäbchen weinte eine ganze Weile jeben Abenb um ihn. Trotzbem er bie Perlen zu- rütfgenommen hatte, brachten sie ihr Tränen.

Ihm nicht! Er verkaufte sie in Antwerpen ober Amfterbam mit gutem Gewinn. So ist bas Leben; unb feine Sprichworte finb nicht besser.

Die Schimpansin und die Schokolade.

Von Paul Eipper.

Daß bie Schimpansen klug sind, ist allgemein bekannt; man jagt, sie seien die possierlichsten, seelisch temperamentvollsten unb menschenähnlichsten Tiere, weshalb sie ja der Mensch auch immer wie­der auf die Schaubühne bringt, in Frack und Zy­linderhut, damit die Armen vor der erstaunten Menge Zigaretten rauchen, Karten spielen und ei» weißes Porzellantöpfchen benützen.

Professor Wolfgang Köhler hat sich auf ber Anthropoiden-Station von Teneriffa in ernsthafter Weise mit ber Jntelligenzprüsung von Menschen­affen beschäftigt und neben vielem anderen festge- stellt, daß begabte Schimpansen fogar fähig sind, sich durch Ueberlegung Hilfsmittel und Werkzeuge zu­recht zu machen.

Jeder Tierfreund kann bei einiger Geduld Be­obachtungen an Schimpansen anstellen; man braucht ja nur das ausdrucksvolle, pfiffig schlaue Gesicht eines solchen Tieres zu betrachten, sein Mienenspiel, bie unermüdliche Tätigkeit der Hände und Füße. Eine Stunde vor dem Schimpansen­gehege ist niemals vertane Zeit.

Darf ich ein eigenes Erlebnis erzählen? Im scho­nen neuen Djenschenaffenhaus des Frankfurter Zoo lebt für sich allein in einem großen Spielraum ein ausgewachsenes Schimpansenweibchen. Früher war die Aeffin mit zwei Männchen zusammen, unb es ist begreiflich, daß nun das Tier besonders gern bie Abwechslung eines menschlichen Besuchers hat. Der Frankfurter Affenpfleger geht auch wieberholt am Tage zu der Schimpansin in ben Käfig.

Weil ich das durchaus gutmütige Tier feit Jah­ren kenne, nahm mich der Wärter bei meinem letz­ten Besuch mit hinein. Ich setzte mich still auf das Querbrett, das in halber Hohe um die rückwärtige Wand läuft, und wartete, während der vertraute Wärter ben Boden säuberte unb dabei sorglich acht gab, was wohl geschah. Ich erzählte mit halb­lauter Stimme irgend etwas vor mich hin, holte aus meiner Tasche eine schmale Rippe Schokolade, die in Silberpapier eingepackt war. Umständlich und immer weiter sprechend schälte ich die Süßig­keit aus, brach ein Drittel ab unb schob es in mei­

nen Mund, wobei ich deutlich Wohlbehagen ous- drückte.

Die Schimpansin hatte mir aus der entferntesten Käfigecke genau zugesehen und kam während ber umständlichen Esfenstätigkeit langsam näher heran, saß schließlichin Tuchfühlung" neben mir auf bem Querbrett, ließ die Beine herunterbaumeln, hatte ihre Hände verschränkt im Schoß und sah mich er­wartungsvoll an, ohne die geringste Bewegung zu machen.

Ich hatte, schon als bie Aeffin sich zu mir her­anschob unb noch gut 2 Meter entfernt gewesen war, das zweite Drittel des Schokoladenstreifens abgebrochen und behielt es in der Hand, während ich ben letzten Rest wieder in das Papier hüllte und in jene Rocktasche steckte, die vom heran­kommenden Tier abgekehrt war.

Als die Schimpansin vielleicht 25 Sekunden still gesessen hatte, meiner zwar sinnlosen aber liebe­voll vorgetragenen Erzählung zuhörend, schob ich ihr die Schokolade (das zweite Drittel) zwischen die Lippen. Man weiß allgemein, wie genüßlich Menschenaffen Süßigkeiten im Mund zergehen lassen; ich brauche also nicht zu beschreiben, wie lange das Vergnügen dauerte. Aber einmal war es doch vorbei, und nun streckte mir die Aeffin verlangend eine Hand entgegen.Nein, ich habe nichts mehr", sagte ich, und begleitete bie Worte mit beutlichen Gesten. Die Schimpansin nahm ihre Hanb zurück; ber Ausdruck des angespannten Gesichtes verriet, daß sich das Tier etwas über­legte. Was? Nach einer Weile schob sich ein Arm hinter meinen Rücken, unb lange Finger ver­suchten, von hinten her an meine jenseitige Rock­tasche zu kommen, wo in Stanniol gewickelt bas letzte Drittel Schokolade ruhte. Erstaunlich, wie genau während des Herankommens, also aus ber Entfernung, bas Tier alle meine Handlungen zu­gleich beobachtet hatte.

Aoer ich schob bie Affenhand weg, sagte:Pfui, man stiehlt doch nicht!" Und wieder besann sich das Tier. Um dann das Spekulativste zu tun, was ich je bei Tieren beobachten konnte: die Schim­pansin schnellte von ihrem Sitz herunter undpro­duzierte" sich vor mir mit allen ihren Künsten, stellte sich auf den Kopf, machte den Zehengang und zwei Purzelbäume, schwang pendelnd an nur einem Finger und ließ während der ganzen Vor­führung nie den Blick von mir, einen Blick, der genau berechnete, ob ich wohl auch all das sehe.

Als meine Schimpansinfreundin glaubte, nun müsse mein Herz weich geworden sein, kam sie wieder dicht neben mich und bekam nun selbst­verständlich ihre Schokolade.