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Feierabend auf hoher See.

Tagebuchskizzen von der ersten Seereise »Kraft durch Freude".

Don Hans Deyben.

An Bord derMonte Olivia", Anfang Mai.

Auf hoher See!!

Kann es überhavpt für deutsche Binnenländer einen schöneren Feierabend geben als auf hoher See? Ist nichtauf hoher See" der Traum Hun­derttausender, ja von Millionen Menschen? Dieser Traum, hinaus zu fahren auf das wogende Meer, nicht nur für Stunden, sondern für helle, sonnige Tage und dunkle, geheimnisvolle Nächte, wurde nun Wirklichkeit. Die NS.-GemeinschaftK r a f t durch Freude" hat ihn zunächst für dreitausend Werktätige und Schaffende des deutschen Volkes verwirklicht.

Zwei große Schiffe lagen dafür bereit. Während der Lloyd-DampferDresden" von Bremen aus feine Reife antrat, schifften wir uns am Abend des 2. Mai in Hamburg auf derMonte Oli- v i a" der Hamburg-Südamerikalinie ein. Uebri- gens waren nicht alle 2400 Fahrgäste derMonte Olivia" Binnenländer. Unter den Teilnehmern waren außer Berliner, Sachsen und Thüringer auch Hamburger. Aber in diesem Falle waren sie doch Binnenländer. Gewiß haben die Hamburger Welthasen und Schiffe vor der Tür, haben wohl auch oft Verwandte und Bekannte an Bord ge­bracht. Aber das ParadiesAuf hoher See" blieb ihnen bisher unbarmherzig verschlossen. Sie wur­den zum Teil alt und grau, bis es nun endlich auf einem Ozeanriesen an die holländische und englische Küste geht.

Von tausend Lichtern und Lichterchen illuminiert liegt das stolze SchiffMonte Olivia" am Abend vor der Abfahrt an denVorsetzen". Heber die Zollgrenzenbrücke des Freihafens wogt es in dich­ten Scharen hin und her. In festlichem Kleide liegt der Anlegesteg vor den Augen der Ankömmlinge. Lorbeerbäume und grüne Girlanden schmücken die Abfahrtstelle. Weit sind die großen Schiffsluken, durch die es in das Innere des Schiffes geht, ge­öffnet. Staunend, verwundert, fast zögernd steigen sie alle ein, die Männer und Frauen, die nach langer, schwerer Arbeit Urlaub haben sollen.

Noch scheint doch alles nur ein Traum zu sein. Aber die schmucken, weißgekleideten Stewards hel­fen den Unkundigen, nehmen ihnen das Gepäck ab, führen sie in die gemütlichen, erleuchteten Kabinen, wo sich alle schnell wohnlich einrichten. Aber es hält sie nicht lange in den Kabinen. Ein erster Rundgang wird durch das Schiff angetreten. Und dann ertönt das erste Trompeten-Signal: das Abendessen ruft! Herrlich mundet es und mit Be­hagen gleiten die Blicke über die gedeckten, voll­beladenen Tische. O, man hat genügend Appetit! Liegen doch schon zwei Tage unvergänglicher Reileeindrücke hinter einem. Fast alle Teilnehmer waren seit diesen zwei Tagen Gäste der Stadt Homburg, die es sich nicht nehmen ließ, die See­urlauber kreuz und quer durch die herrliche Elbe- und Alsterstadt zu fahren. Hier in Hamburg er­lebten sie auch den 1. Mai, den deutschen Na­tionalfeiertag. Des Schauens und Bewun­derns und Erlebens hatte es genug gegeben.

Schnell sind Freundschaften von Tischnachbar zu Tischnachbar geschlossen. Bunt zusammengewürfelt sitzen Arbeiter der Faust und Arbeiter der Stirn. Gedanken werden ausgetauscht, die kommenden Ereignisse lebhaft besprochen. Dann geht's wiedex an Deck. Nur ja nichts versäumen von dem ersten Abend an Bord! Wer Durst hat, der findet sich.in den beiden großen vorn und achtern gelegenen Räumen ein, die Künstlerhand in eine Hafenkneipe und in ein bayerisches Dorfwirtshaus verzaubert hat. Die ersten Becher werden geschwungen. Musik durchhallt das Schiff, Lieder werden angestimmt,

nur unterbrochen von dem ungewohnten Tuten der im Hafen liegenden oder fahrenden Schiffe.

Spät in der Nacht wird's, bis sich die letzte Ka- binentür endgültig schließt.

Am nächsten Morgen aber ist alles frühzeitig an Deck. Ein kräftiges Morgenfrühstück hat die letzte Schläfrigkeit überwunden. Hell blicken 2400 neu­gierige Augenpaare Über den Hafen, der sich ihnen in rüstiger Arbeit darbietet. Noch immer ist ein Kommen und Gehen über die Laufstege. Aber schon heult die Sirene derMonte Olivia", lieber die Reeling gebeugt starren Kopf an Kopf die Fahr­gäste auf die Anfahrtstraße. Und da biegen auch schon im schnellsten Tempo Kraftwagen um Die Ecke. In ihnen sitzt der Führer der Deutschen. Ar­beitsfront, Dr. Robert L e y. Mit brausendem Jubel wird er begrüßt. Er ist es ja, der diese Seereisen dem schaffenden Volk schenkte. Tücher- chwenken, Rufen, Händeklatschen setzt ein.

Dann spricht Dr. Ley von hoher Warte zu allen Fahrgästen. Lautsprecher übertragen die Rede auf das ganze Schiff. Dem Führer des Reiches gut das tausendfache Sieg-Heil, das sich an 2and fort­setzt, wo Tausende Dem Schauspiel der Abfahrt beiwohnen. Hamburger Senatoren, Männer des Volkes, sprechen, Schulkinder fingen Lieder der Bewegung, die schneidige Kapelle der Hamburger Hochbahner spielt, eine SA.-Formation mit wehen­den Hakenkreuzbannern bildet die Ehrenkompagme. Dann erhebt sich wieder das Tuten, Heulen, Pfei­fen der Schiffe und Schlepper. Die Trossen fallen, ein Zittern geht durch den Schiffsrumpf, langsam entfernt sich dieMonte Olivia" vom Landungs­steg. Das Deutschlandlied, das Horst-Wessel-Lied ertönt. Winken, Jubel, brausende Heilrufe erschüt­tern die Luft. Tausende Arme recken sich zum Gruß.' u

Muß i denn, muß i denn zum Städtle hinaus..."

Diesmal werden keine Augen feucht von wehem Abschiedsschmerz, nur Tränen der Freude, der unendlichen, seligen Rührung gibt es.

In einer stinken Barkasse umkreist Dr. Ley die Monte Olivia", die nun auf den Strom Kurs nimmt. Zwei Stunden später, nach schnellem Fluge, schifft sich der Führer der Arbeitsfront in Bremen ein.

Zwei Dampfer tragen an diesem Tage herrliche Fracht dem Meere zu: Männer und Frauen der Arbeit, von denen viele, viele zum ersten Male eine Atempause im Kamps um ihr Dasein machen können.

*

Wer sind nun diese Männer und Frauen?

Nun der jüngste ist wohl dort der kleine Lehr­ling, der wie Columbus am Bugspriet steht. Der Aelteste ist ein 72jähriger Kellner aus Sachsen. Dazwischen alle Jahrgänge, die es gibt. Und die Frauen und Mädchen? Ver­schweigen wir ihr Alter, denn sie werden von Stunde zu Stunde jünger, frischer. Ob sie nun weißes Haar tragen oder einen grauen Bubikopf, ob ihnen blonde Zöpfe über die Schultern fallen, alle strahlen und ihre Augen leuchten. Runzeln glätten sich, Stirnfalten verschwinden. Alle haben nur einen Gedanken: w i r sind mit dabei!

Stumm und ergriffen stehen Arbeiter neben Handwerker, Angestellte neben Beamte, Haus­frauen neben Stenotypistinnen. Alle sind zu einem einzigen Block, zur Volksgemeinschaft ver­schmolzen.

Elbabwärts rauscht dieMonte Olivia". Schiffe begegnen ihr. Wenn sie den WimpelKraft durch Freude" am Dordermast erblicken, winken sie, fun­ken sieFrohe Fahrt". Cuxhaven in Sicht!

Die See nahtt Gar mancher Senkt an die See­krankheit. Aber die Maisonne lacht auch diese Sorge fort. Der Windgott selbst macht Feier- abend.

Am Horizont zwei dunkle Striche. Sie werden größer und größer. Der Kreuzer Le i v z i g" und dieDresden" tauchen auf. Begrüßungen hinüber und herüber. Und dann ein Schauspiel neuer deutscher Kraft: der KreuzerLeipzig" exer- ziert, manövriert, nebelt sich ein,greift an", Ge-

schutzsalven rollen Wer bte Ses. Und plötzlich wissen's Tausende: deutsche blaue Jungens halten wieder Wache auf dem Meer. .

Noch sind die Augen blank von dem Erlebnis wiedererstarkter Kraft, da richten sie sich auf den roten Felsen, der aus dem Meer auftaucht. Uno währendLeipzig" undDresden" am Horizont verschwinden, ersteht aus den Meeresfluten Helgo­land . . .

Oberheffen.

DOM. auf Fahrt.

An einem Samstag, früh morgens, als die mei­sten Dorfbewohner noch im Schlafe lagen, sammel­ten sich 2 7 BDM.-Madel aus Alten- Buseckzur Fahrt an die B e r g st r a ß e.

Auto und Eisenbahn brachten uns zunächst nach Darmstadt. In der Jugendherberge bezogen wir Quartiere, und nahmen unsere selbstzubereitete Mittagssuppe ein. Nach kurzer Rast wurde dann die Stadt berichtigt. Die meisten Mädel waren zum erstenmal in der früheren Residenzstadt, darum war für all das neue, was wir dort sahen, großes In­teresse. Auch das Elisabethenstist haben wir besucht; wußten wir doch seither van dem Mutterhause un­serer beiden Diakonissen in der Gemeinde nur von Hörensagen. In der schönen Jugendherberge in der Diesterweg-Schule fanden wir gutes Nachtquartier.

Frisch, froh und fröhlich nahmen wir am Sonn­tagfrüh Abschied von Darmstadt, um nach der schönen B e r g st r a ß e bis Iugenheim zu fah­ren. Hier angekommen nahmen all die vielen Ein­drücke und Erlebnisse, die auf uns einstürmten, kein Ende mehr. Besichtigung der Führerinnenschule des BDM., Gau Starkenburg, in Jugenheim, Aus­stieg zum Melidokus, durch herrlichen FMlings- roato auf steilem Pfad, von Lichtungen aus wun­derbarer Fernblick; Lagerfeuer auf dem Melibokus, Wasserholen, Kaffeekochen mit mancherlei Erlebnissen. Der Abstieg war leichter, wir wanderten nach dem Auerbacher S ch l o ß, das uns schon von ferne grüßte, und benutzten die Gelegenheit, auch das Fürst en lager zu besuchen. Gerne hätten wir das Freilichtspiel, das dort später aufgesührt wurde, miterlebt; aber die Zeit war zu kurz. Deshalb begnügten wir uns mit einem Rundgang. In dan­kenswerter Weise war uns Oberhessen die Besich­tigung erlaubt worden. Nun ging der Weg zu Fuß weiter über Auerbach, Zwingen berg und Alsbach bis zur Bahnstation Jugenheim. Großen Menschenmassen begegneten wir, die den Blütenschmuck der Bergstraße schauen, und an der AusführungEiner für alle, Alle für Einen" teil­nehmen wollten.

Gewaltig waren auch die Eindrücke, die wir be­sonders an diesem zweiten Tag unserer Fahrt hat­ten. Sie werden uns unvergeßlich bleiben. Um 22 Uhr trafen wir wieder in Gießen ein. Schön­stes Wetter hatte uns die zwei Tage begleitet, jetzt wurden wir hier von Regenschauer unter Don­ner und Blitz empfangen.

Die Straßenbahn brachte uns bis Wieseck. Da ein Weg zu Fuß unmöglich war, mußte das Ver­kehrsauto die zum erstenmal ayf größerer Fahrt gewesenen Alten-Busecker BDM.-Mädel, die zwar ermüdet, aber immer noch in bester Stimmung waren, nach Hause bringen.

Mathilde Naumann, BDM.-Gruppenführerin. Flugzeug-Notlandung bei Atzenhain.

n. M ü ck e, 10. Mai. Gestern nachmittag st ü r z t e ein von Hamburg kommendes Flugzeug bei einer Notlandung infolge des dichten Nebels bei Atzenhain ab. Das Flugzeug bohrte sich m i t der Spitze in den Boden, so daß es auf dem Kopf stand. Hinzueilende Leute aus Atzenhain konnten den Piloten aus seiner unglücklichen Lage befreien. Das zertrümmerte Flugzeug wurde von Fuhrleuten zum Bahnhof Mücke gebracht, von wo es in die Heimat verfrachtet wurde.

©emeinberof in Grünberg.

+ Grünberg, 10. Mai. An Sachkostenkredit für die Oberrealschule wurde die Summe von 4732 Mark bewilligt.

Als Anerkennungsgebühr für die Aufstellung von Tankstellen hatte die Stadt zuerst 10 Mark, später 20 Mark und seit drei Jahren 100 Mark festgesetzt. Gegen letztere Festsetzung erhob eine Gesellschaft Einspruch im Derwaltungsstreit» verfahren und erreichte, daß die Stadt zur Erhebung dieser Gebühr der ministeriellen Genehmigung bedürfe. Der Gemeinderat beschloß, ab 1934 die Erhebung einer Pacht von 100 Mark und hierzu die Geneh­migung des Ministeriums einzuholen.

Aus den Jahren 1929 bis 1931 hat die Stadt noch 13 025 Mark Beiträge an Forstverwal - tungskosten an den Staat zu zahlen. Das Mi­nisterium ist nun mit einer Naturalablösung dieses Betrages einverstanden. Die Stadt läßt daher in den drei Jahren 1935, 1936 und 1937 jedes Jahr 500 Festmeter Holz fällen, der Reinertrag dieser Fällungen wird an den Staat gezahlt.

Stadtvorstandssihung in Alsfeld.

F Alsfeld, 9. Mai. In der jüngsten Stadt- Vorstandssitzung erfolgte zunächst die Einführung von drei neuen Mitgliedern durch den Vorsitzenden. Es handelte sich um drei Ersatzmitglieder, die an Stelle von drei ausgeschiedenen Mitgliedern ge­treten ' sind.

Für den nunmehr in Angriff genommenen Ausbau der A l f r e d - K l o st e r m a n n-Sied- lung in b e r Rambach wurde der zwischen der Stadt und der Deutschen Bau- und Bodenbank ab- zuschließende Vertrag über ein Darlehen in Höhe von 32 750 Mark genehmigt. Das Darlehen ist mit 4 v. H. jährlich zu verzinsen und nach Ablauf der ersten drei Jahre mit jährlich 1 v. H. zu tilgen. Für die ersten drei Jahre wird der Zinsfuß allgemein auf 3 v. H. ermäßigt. Für die Sieolerstelle mit min­destens 30 v. H. Selbstfinanzierung neben dem Wert der Arbeit des Siedlers wird der Zinsfuß allgemein auf 2 v. H. ermäßigt, für die ganze Laufzeit des Darlehens. Im Anschluß an die Genehmigung des Vertrags erfolgte die Vergebung der Lieferungen und Arbeiten für den Ausbau der Siedlung gemäß den Vorschlägen des Bau- und Finanzausschusses.

Von dem Forstamt Eudorf wurde ein Vertrags­entwurf vorgelegt über die Herstellung eines Gemarkungsgrenzwegs Alsfel dA l t e n b u r g , an der sich der Forstfiskus und die Gemeinden Alsfeld und Altenburg beteiligen. Der Vertragsentwurf wurde genehmigt. Falls die Aus­führung der Arbeiten nicht im Wege von Notstands­arbeiten möglich ist, soll sie durch den Freiwilligen Arbeitsdienst erfolgen. Die Stadt Alsfeld über­nimmt die Hälfte der zusätzlichen Kosten zu den Tagewerken.

Auf Grund der Erfahrungen im vergangenen Jahre hatte sich die Notwendigkeit einer Neu­regelung Der Badegebühren für das städtische Schwimmbad erwiesen. Im ver­gangenen Jahr war verschiedenen Sportvereinen und anderen Organisationen für ihre Schwimm- abteilungen eine Ermäßigung der Preise der Dauerkarten zugebilligt worden, was zu einer um­ständlichen Kontrolle bei der Handhabung des Badebetriebes führte. Es wurde daher beschlossen, die seither an die Sportvereine gewährten Preis-

Und nun, Ellen?

Zfioman von Käthe Mehner.

Urheberrechtsschutz: Fünf-Türme-Verlag, Halle (S.)

3. Fortsetzung. Nachdruck verboten!

Aehnlich sah es in der Brust des Fremden aus. Immer stand Holms wuchtige Gestalt vor seinem aeiftigen Auge. Ob er wohl in einem mehr als freundschaftlichen Verhältnis zu dem schönen Mäd­chen stand? Sicher! Dann Durfte er sich nicht in diesen Kreis drängen. Und hatte er selbst nicht am vorhergehenden Abend erst die Frau verlassen, die ihm Standesrücksicht auf feine Eltern als zu­künftige Ätbensgefährtin vorschrieb?

Nun saß er hier durch seltsame Fügung einem Mädchen gegenüber, das seine sonstige höfliche Gleichgültigkeit gegen Frauen in hellste Liebe um« schlagen ließ.

Ich bin auch in einem Laboratorium, gnädiges Fräulein..."

Er hatte weiterreden wollen, doch Ellens erstauntes Gesicht ließ ihn einhalten.

Ich denke. Sie reisen? Aus Ihnen wird man nicht klug, Herr Rakenius."

Nicht klug? Vielleicht nicht! Ich tue eben beides reifen und laborieren."

Wieder ein Rätsel!, dachte Ellen. Und allmählich belustigte sie diese Art der Unterhaltung.

Ich stabe mich kürzlich in der Chemie-Aktien­gesellschaft beworben und setzte große Hoffnungen Darauf!" sagte sie.

Da fuhr der Fremde auf.

Chemie°AG ! Da werden Sie bestimmt Glück haben!"

Glück haben? Wissen Sie das so genau, Herr Rakenius?" Ellen lächelte.

Ja! Ich habe einen Kollegen dort und weih, daß die Firma gerade beabsichtigt, einige Laboran­tinnen einzustellen. Wenn Sie es gestatten, bin ich gern bereit, mich dort für Sie einzusetzen."

Ellen reichte ihm dankbar die Hand. Sekunden­lang tauchten ihre Augen ineinander. Beide fühlten, wie ihnen das Blut gewaltsam zum Herzen strömte.

Nun wußte Ellen, daß sie den Fremden niemals würde vergessen können niemals!

Gegen Mittag kam Ernst Holm. Er machte ein erstauntes Gesicht, als er den Fremden noch immer im Hause sah. Dann saß er ihm bei Tisch gegenüber.

Rakenius bemerkte mit leisem Schmerz, daß Frau Ehlers gegen Holm voll herzlicher Freundlichkeit war, während sie ihn selber kühl und mit größter Zurückhaltung behandelte.

Doch Holms gesprächige Art nahm bald sein Jnteresie gefangen.

Ihr Wagen ist total hinüber, Herr Rakenius. Das kostet Geld. Und als Reisender wird Ihnen

das bestimmt nicht leicht fallen. Oder ist der Wagen versichert?"

Versichert? Nein! Was weiß ich! Macht aber auch nichts!"

Holm hatte seine Wirkung bei Frau Ehlers er­reicht, obwohl er sich den letzten Rest von Sympathie bei Ellen durch seine herablassende Behandlung des Gastes verdarb.

Es muß ein elender Beruf fein, dieses Reifen das tägliche Auf-der-Straße-liegen!

Möglich!" entgegnete Der Fremde gelassen und warf einen heimlich bewundernden Blick auf Ellen, die die Erregung doppelt schön machte.

Nach dem Essen ging Rakenius mit leichter Ver­neigung gegen Holm in sein Zimmer, um die Koffer flüchtig zu ordnen, die aus seinem Wagen ins Haus gebracht worden waren.

Schweigend saßen die drei Menschen zusammen. Dann stellte Frau Ehlers den Lautsprecher an. Die Mittagsnachrichten mußten gleich durchgegeben werden.

Die klare Stimme des Ansagers teilte die neuesten Nachrichten mit. Doch plötzlich eine Mitteilung außerhalb Des Programms:

Herr Geheimrat BoDo von Rakenius, Der In­haber Der bekannten Chemie-Aktiengesellschaft, bittet uns um foIgenDe Mitteilung: Seit gestern mittag ist sein Sohn, Doktor Rainer von Rakenius, Der sich auf Der Fahrt von Eisenach, wo er seine Braut besuchte, nicht heimgekehrt. Da Die schlimmsten Be­fürchtungen gehegt werden und Rückfragen bei seiner Braut, der Tochter Des Großindustriellen von Lsdorque, keinen Anhaltspunkt ergaben, wendet sich Geheimrat von Rakenius hiermit an die Oeffent- lichkeit. Wer hat Doktor Rainer von Rakenius, Der in einer dunkelblauen Limusine gestern Eisenach verlassen hat, gesehen? Der Gesuchte ist fünsund- dreißig Jahre alt, mittelgroß, dunkelblond, schlank, schmales blasses Gesicht. Mitteilungen sind dringend erwünscht an die Chemie-Aktiengesellschaft. Unkosten werden sofort vergütet. Es ist nur anzunehmen, Daß Herrn Doktor Rakenius ein Unfall zugestoßen ist, Der ihm nicht ermöglicht hat, nach Hause Nach­richt zu geben ..."

Emst Holm war aufgesprungen. Sein Gesicht war blaß und roütenb. Grußlos ging er hinaus.

Ellen unD ihre Mutter sahen sich fragend an.

Sollte das ..."

Ihre Gedanken wurden zerissen. In der Tür zur Wohnung stand der Fremde, den Reisemantel über Den Arm gehängt.

,/Äch bin Ihnen zu großem Dank verpflichtet, gnädige Frau. Ich fand in einer schweren Lage Menschen, Deren Hilfsbereitschaft mich erschütterte. Was Darf ich für Sie tun?"

Ellen hatte sich erhoben. Sie ging. Ihre Brust schmerzte mit einem Male so eigentümlich.

Wäre er Doch lieber ein kleiner Angestellter ge° wesem Ich hätte auf Erfüllung rechnen können. Ich fühlte es deutlich. Ich wäre ihm nicht gleich­

gültig. Doch so?! Und bann eine Frau steht zwischen uns.

Frau Ehlers, Die sich ärgerte, Daß Ellen so plötz­lich Die VeranDa verlassen hatte, war verlegen.

Wir taten es ja gern, Herr Doktor! Sehr gern! Keinen Dank, bitte! Keine Gegenleistung!"

Sie kennen mich, gnäDige grau?" Jetzt war Das Erstaunen an Rakenius.Obwohl ich mich absichtlich verschlossen hatte?"

Frau Ehlers' Erklärung fiel hastig, besorgt.

Vaters ewige Aengstlichkeit!" Rainer von Rake­nius lächelte ein wenig gerührt.Ich versäumte freilich, ihn zu benachrichtigen. Ach!, vielleicht hätte das gnädige Fräulein einmal Die Liebenswürdigkeit, im Werk anzurufen. Ich muß ohnehin meinen Wagen haben, und Dann... Vater soll Die Genug­tuung haben, Daß Die Schritte, Die er unternahm, nicht umsonst waren..."

Zwei Häufer hin wohnt ein Kaufmanp. Der hat Telephon. Ellen kennt ihn nicht. Ich roerDe selbst gehen."

Dann ftanD Doktor von Rakenius noch einmal Dem schönen MäDchen gegenüber, Das nunmehr selt­sam still geworDen war.

Sie sinD leider sehr verändert, gnädiges Fräu­lein. Schmerzt Sie noch immer die hochmütige Art des Ingenieurs?"

Ellen öffnete Die Lippen, Doch sie schloß sie sogleich roieDer. So sehr brannte Die Erregung in ihr, Daß jeDes Wort verraten hätte, wie es um sie ftanD.

Rakenius war völlig ahnungslos. Er wußte ja nicht, Daß Der Lautsprecher auch Den Namen seiner Braut erwähnt hatte.

WieDer suchten seine Augen Die Ellens. Noch einen letzten Blick in Die großen, reinen Augensterne werfen unD Die Erinnerung an ihren Glanz mit­nehmen in Die Welt Der Pflicht unD Des Alltags, Die ihn nun roieDer zurückrief.

Tat ich Ihnen weh, anäDiges Fräulein?"

Sie nicht... UnD Doch Herr Doktor!"

RührenD schön sah Ellen aus in Diesem Augen­blick, in ihrer mäDchenhaften Zartheit.

Da wallte noch einmal alles Gefühl für sie mächtig in Rakenius auf, währenD feine Finger ihre kalte schmale HanD fast krampfhaft umschlossen.

Was konnte ihn zwingen, ein Leben lang an Der Seite einer ungeliebten Frau zu verbringen? Ev mürbe ihn freigeben.

Wenn Sie mir ein klein wenig Hoffnung mit­geben könnten, Ellen?"

Hoffnung?" Ellen brängte gewaltsam bie Tränen zurück, doch in ihrer Stimme zitterte ein Schluch­zen, während sie kaum hörbar zurückgab:

Für mich gibt es kein Glück auf dem Unglück anderer Menschen ..."

Doktor Rakenius' Züge wurden starr und bitter.

Also war es doch Der hochnäsige Ingenieur, der fest zur Familie gehörte. Wen konnte Ellen sonst meinen?

Frau Ehlers kam zurück.

Doch als kurze Zeit darauf der schwere Wagen des Geheimrats von Rakenius vor dem kleinen Siedlungshause hielt, hatte Ellen sich heimlich auf ihr Zimmer geflüchtet.

Kein Wort, kein Gruß mehr an den Mann, der seit einem Tage so entscheidend in ihr Leben ge­treten war.

Drittes Kapitel.

Ellen! Ein Monteur der Autowerke!"

Ellen Ehlers schrak aus ihren Gedanken auf, Die sich mit Den vergangenen Tagen beschäftigten.

Und Sie wünschen?"

Ellen fragte vollkommen uninteressiert.

Herr Diplomingenieur Holm läßt fragen, ob bas gnäbige Fräulein unb bie Frau Mutter an einer Pfinysttour teilnehmen würben. Das Fahrtziel könnten Sie ja bestimmen. Aber ber Wagen müßte dann heute noch fertig gemacht werben.

So, als gelte bie Frage nur ihr, antwortete Frau Ehlers:

Ja, gern! Bitte bestellen Sie Herrn Holm, wir bankten für bie Ehre..

Der Monteur ging.

Du bist wie verträumt in ben letzten Tagen, Ellen. Der Doktor scheint bir ganz unb gar ben Kopf verbreht zu haben. Ich merkte es ja gleich. Nun aber, ba wir wissen, wer er ist, barfft Du noch weniger unmögliche Hoffnungen nähren. Du siehst, nicht einmal Deine Bewerbung hat bis jetzt Erfolg gehabt. Wir wollen ja keine Dankbarkeit, Doch in Diesem Falle wäre es vielleicht für* Herrn von Rakenius eine kleine Mühe gewesen. Das sagte Doch gestern abenD Herr Holm erst roieDer. Erkennst du nun, Daß er ein vorzüglicher Menschenkenner ist?" Meine Empfindungen lassen sich weder von er­füllten Versprechungen noch von Vorurteilen be- stimmen, liebes Muttchen. Bitte, verstehe mich Doch!"

Tagelang hatte Ellen alles mit sich herumgettagen. Still unb gebulbtg. Doch hatte bie Mutter nicht recht?

Plötzlich lag sie wie ein großes Kinb in ben Armen ber Mutter unb schluchzte.

Ellen, was ist bir benn?"

Nichts nichts, Muttchen! Es ist ja nur manch­mal alles fo schwer."

Sei boch vernünftig, Kind. Sieh boch, Ernst Holm verehrt bich. Er würbe bich auf ben Hänben tragen. Siehst bu, wie er unentwegt barauf bedacht ist, bir Freude zu bereiten. Denke bie Einladung zu morgen ..."

Ein trockenes, tiefes Schluchzen kam statt jeder Antwort.

Frau Ehlers streichelte leise ben Kops ihres Kindes.

(Sortketzupg fotat)