llr.W Zweiter Blatt Eichener Anzeiger <Eeneral-AnzeIger fflt Gberhchen)
Keilag.U.Mal 1954
Arbeitsbeschaffung in der Sauwirtschaft.
Von Dr.-Ing. e. h. Eugen Vogler (Offens, Vorsitzendem der Kaupigruppe IV der deutschen Wirtschaft
Das Baugewerbe als solches ist zwar ein Schlüsselgewerbe und gibt Hunderttausenden von Menschen Arbeit und Brot, kann aber von sich aus nur in ganz bedingtem Maße Arbeiten selbst vergeben. Auf welchen Gebieten kann die Bauwirtschaft mithelfen? Gelingt es ihr, Aufträge au erhalten und den stilliegenden Gerätepark wie- oer einzusetzen, so wird naturgemäß beschäftigt die Gruppe Steine und Erden, die Holzindustrie, die Eisenindustrie und in kleinerem Umfange auch Bergbau. Was kann nun die Bauwirtschaft von sich aus tun zur Behebung der Arbeitslosigkeit? Hier möchte ich nur ein Gebiet behandeln und das ist das Gebiet der Siedlungen.
spartes Geld verloren gibt. Daß die Mieten erträglich sind, mag folgendes Beispiel zeigen:
Reine Baukosten:
325,21 cbm umbauten Raum, je cbm RM.
18,— RM. 5853,78
Nebenkosten:
Grunderwerb 400 qm, je qm 2,50 RM 1000,—
Straßenausbau einschließlich Kanal
anschlüsse 670,—
Einfriedung 100,—
Gebühren, Damnum und Unvorher
gesehenes 776,22
Gesamtbaukosten 8400,—
Finanzierung:
RM. Zinsen
Eigengeld 3500 RM.
1. Hypothek 40% 3400 zu 5^% 187 — 1^%
2. Hypothek als
Reichsdarlehn 1500 zu 5^% 82,50 1%
Tilgung RM. 51,—
15,—
p.
8400 269,50
a. 335,50 RM.
66,—
je
Monat 28,— RM.
alternativ b e i leihungsin
Finanzierung durch stitut und Baufirma:
Be»
Til-
RM. Zinsen
gung
Eigengeld
3700 RM.
RM.
1. Hypothek
3400 zu 5^°/° 187,— 1K%
51,—
2. Hypothek
1300 zu 6% 78 —
260,—
8400 265,—
311,—
Bei der Siedlung müssen wir meines Erachtens einen Unterschied machen zwischen Arbeitslosensiedlung, Siedlung für Kurzarbeiter und Wohnungsbau. Die A r b e i t s l o s e n s i e d l un g ift glücklicherweise nur in ganz verschwindend wenig Städten durchgeführt. Persönlich halte ich sie für grundfalsch. Wir haben in der Umgebung unserer Städte keine Möglichkeit, einen Erwerbslosen so anzusiedeln, daß er sich selbst ernähren kann. Dazu fehlt nicht nur das Land, sondern dazu fehlt in weitaus größtem Maße die Eignung des Erwerbslosen selbst. Wer sich mit der bäuerlichen Siedlung befaßt hat, weiß, daß nur mit einer unendlichen Liebe und einer vollen Hingabe an den erworbenen Boden die bäuerliche Leistung zu erzielen ist. Das Leben des Bauern, selbst wenn es ihm gut geht, ist hart und voller Arbeit, und ein Industriearbeiter, der in zweiter oder dritter Generation Industriearbeiter ist, wird sich unter 100 Fällen 99 mal nicht zu Landwirtschaft eignen.
Etwas anderes ist die K u r z a r b e i t e r s i e d - l u n g. Sie kann und muß meiner Ansicht nach unter allen Umständen gefördert werden. Ich verstehe darunter folgendes: Der Industriearbeiter muß die Möglichkeit haben, sich etwa ein Drittel seines Lebensunterhalts auf eigenem Grund und Boden zu erwerben, d. h. schlagwortartig ausgedrückt, er muß Kartoffeln, Gemüse, Eier und ein Schwein selbst ziehen und halten können, dann machen wir diesen Menschen krisen- f e st. Tritt dann in seiner Arbeit eine Erschütterung ein, so hat er jederzeit die Möglichkeit, sich auf seinem eigenen Grund und Boden zu betätigen. Er ist nicht arbeitslos und verdient sogar Geld. Das ist an sich nichts Neues. Bor 30 Jahren waren weitaus die meisten Industriearbeiter gleichzeitig seßhaft auf ihrer Scholle oder auf angemietetem Boden, dessen Pacht sie aber nicht drückte, und dahin müssen wir unter allen Umständen wieder kommen.
Als drittes betrachte ich den Wohnungsbau, den sogenannten Kleinwohnungsbau gesondert. Hier denke ich daran, daß eine Auflockerung unserer Städte im Laufe der Jahrzehnte stattfinden muß und daß der tüchtige Arbeiter, der mittlere und kleine Beamte wieder in die Lage versetzt werden, sich ein Eigenheim zu schaffen. Wir haben es in der Nähe von Großstädten fertiggebracht, daß derartige Häuschen einschließlich Grund und Boden schon zum Preise von 8400 Mark erstellt werden können. Die Finanzierung muß wie folgt gefunden werden: Wir müssen wieder dahin kommen, daß Hypothekenbanken eine e r st e Hypothek von etwa 50 Prozent geben. Es muß eine zweite Hypothek gefunden werden und der Bauherr muß selb st 30 Prozent Eigen kapital haben. Die letzte Forderung ist unbedingt durchzuhalten, denn dann ist die erste und zweite Hypothek mündelsicher, denn der Betreffende hungert lieber und zahlt Zinsen für die erste und zweite Hypothek, als daß er sein eigen er-
DasSaarlandunierderstemdenMllkm-Hmschafi
MW
Die französische Saargrubenverwaltung baut rücksichtslos die Bodenschätze des Landes ab, ohne gegen die eintretenden Senkungen die notwendigen Sicherungsmaßnahmen zu treffen. Häuser stürzen ein, Wälder versinken im Sumpf, und wenn Deutschland 1935 wieder in den Besitz des Saargebietes gelangt, werden ungeheure Mühen notwendig fein, um das wieder gutzumachen, was fremde Willkür verdarb. — Unsere Bilder zeigen oben die Kirche von Schnappach, die polizeilich gesperrt werden mußte, da sie infolge Bodensenkung einzustürzen droht, unten einen sterbenden Wald bei Herrensohr.
p. a. 576,— RM.
je Monat 48,— RM.
alternativ bei Finanzierung durch Reichs
bürgschaft in Höhe von 70%:
TU
RM. Zinsen gung
Eigengeld 2520 RM. RM.
1. Hypothek 40% 3460 zu 5^% 190,30 Wlo 51,90
2. Hypothek 30% 2520 zu 6% 151,20 1% 25,20
8400 341,50 77,10
p. a. 418,60 RM.
je Monat 34,90 RM.
Die Miete ist niedriger, als der Mann heute in seinem Mietshaus zahlen muß. Dadurch, daß die starke Tilgung der 2. Hypothek verlangt ist, wird ihm das Wohnen nach fünf Jahren noch wesentlich leichter und die weitere Forderung,
Das Starke im deutschen Volk soll wachsen!
Die NSV. sorgt dafür!
die 1. Hypothek als Tilgungshypothek zu geben, erreicht, daß der Mann, wenn er zu alt ist, um zu arbeiten, ohne Miete im Eigenheim wohnen kann.
Wir wissen alle, wie schwierig es ist, die 1. und 2. Hypothek zu bekommen. Erfreulicherweise hat sich auch hier eine Auflockerung bereits gezeigt und wir hoffen, daß wir in diesem Jahr zum Bau dieser Eigenheime in weitaus verstärktem Maße schreiten können.
In dem zweiten Beispiel ist ein Weg gezeigt, wie die Bauwirtschaft eingreifen kann. Verlangt ist hier, daß von der Bauunternehmung die zweite Hypothek gegeben wird, allerdings mit einer sehr starken Tilgung in fünf Jahren. Das ist aber für den Ersteller des Hauses nur ein Vorteil.
Gefordert werden muß also, wenn der Staat auf allen Gebieten des Bauwesens Bauarbeiten vergibt und so wieder die Unternehmungen in den Stand setzt, Serbien ft e zu erzielen, dann müs- en diese Verdienste, soweit sie nicht zu Abschreibunzen usw. gebraucht werden, angelegt werden n zweite Hypotheken, vielleicht auch in erste und zweite Hypotheken zum mindesten solange die Kreditinstitute zur Hergabe noch nicht in der Lage sind. Hier ist dem Baugewerbe die Möglichkeit gegeben von sich aus mitzuhelfen zur Behebung der Arbeitslosigkeit.
Dank des Landesbischofs.
EPH. Der Landesbischof teilt mit:
Zu meiner Einführung am 26. April in Wiesbaden sind mir von nah und fern zahlreiche Grüße und Blumenspenden zugegangen. Ich sage denen, die an diesem Tage so freundlich meiner gedacht haben, auf diesem Wege meinen herzlichen Dank.
Lic. Dr. Dietrich, Landesbischof.
Ordination und Einführung der pröpste der evangelischen Landeskirche.
LPD. Darmstadt, 10. Mai. Der Herr Landesbischof Lic. Dr. Dietrich beabsichtigt, Sonntag, 13. Mai, vormittags 10 Uhr, in der St. Katharinenkirche 13 Kandidaten für das Predigtamt zu ordinieren.
Am Sonntag, 3. Juni, wird die gottesdienstliche Einführung der beiden Pröpste von Nassau und Frankfurt — Probst Drommershausen und Probst Peter — 17 Uhr in der St. Katharinenkirche durch den Herrn Landesbischof erfolgen. Die Abendgottesdienste am 3. Juni fallen aus, damit die Herren Pfarrer an dieser Einführung teilnehmen können.
Preislied auf das Fahrrad.
Von Heinrich Hauser.
Wiegt das Rad: eine Hand unter dem Sattel, die andre um den Kopf der Lenkstange gelegt. Hebt es hoch: ganz leicht, ein Kinderspiel.
Wenn man sie so dicht vor Augen hat, die schöne Maschine, muß man sie bewundern: fein geschnitten ist das Rahmendreieck, stark sind die Stahlrohre, es glänzt der schwarze Lack. Durch den Schwung des Hebens drehen sich langsam die Räder. Lange drehen sie sich so fast ohne Widerstand. Auf Kugeln laufen die Naben. Wie dünn sind die vernickelten Speichen, aber stark ist das Rad, klug verspannt gegeneinander. Dick ist die Freilaufnabe, viele Geheimnisse trägt sie in ihrem Innern. Schlank kommt der Hals der Lenkstange aus dem Steuerkopf. Mit einem flachen Schwung sind seine Enden nach unten und nach hinten zu- gebogen wie elegante Gehörne. Glaubt mir: die Maschine ist unerschöpflich: man kann sich nicht sattsehen an ihr.
Mit unglaublichem Hochgefühl springen wir auf. Wie ein befreiter Vogel fliegt das Rad. Gespannt sind unsre Waden. Das Kettenrad knackt, und leise knirscht die Kette. In den Speichen flirrt die Luft. Wir richten uns im Sattel auf und blicken stolz. Schon hat der Rhythmus der Bewegung uns gepackt: wir fahren nicht, es fährt uns schon.
Ding-dong klingt die Glocke, ding-dong. Die Menschen auf der Straße hören hinter sich em leisestes Sausen in der Luft, ein kurzes, scharfes Knir chen im Sand — und schon hat die Spur der Reisen sie mit einem eleganten Bogen umschnitten —, dicht an ihrem Stiefelrand, wie der Schuster, wenn er Maß nimmt. Etwas Nickel- bliken, ein kleines Wölchen Staub: ehe sie auch nur Zeit haben, sich zu erschrecken, sind wir langst ""Besessen von der Maschine, heften wir den Blick auf den Weg. Die starke Steigung nehmen wir in Zickzackkurven. Wir schätzen die Lange eines Hügels aus der Ferne, verteilen unsre Kraft. Im Wald federt der Boden von Tannennadeln. Wir schmiegen die Maschine um die Wurzeln, die über den Weg greifen, ohne Erschütterung. MU List muß man den Weg oorausderechnen, die günstige Bahn zwischen Grasbänken, Furchen, den Kuhlen von Schlamm. ä ..
Lautlos ist unsere Fahrt. In die Schneisen hinein werfen wir schnelle Blicke: ist da Wild?
Lichter und Schatten wehen über uns hin, warme und kühle Luft. Die Krähen der Landstraße schauen ärgerlich auf von dem rauchenden Dünger der Pferde. Los auf sie mit Anlauf! Aber da ducken sie sich und streichen ab.
Wenn wir müde sind, werfen wir uns neben die Räder in den Straßengraben. Schön ift es auszuruhen vor einem weiten Blick und dann wieder verliebt nach der Maschine hinzusehen. Warm sind ihre Reifen von der scharfen Fahrt. Weil wir sie überwinden müssen, werden die Höhen der Landschaft in uns ganz zum Gefühl. Wir stoßen in die Täler hinab, wie in wärmere Teiche. Der Wind, der Fahrtwind, den wir selbst erzeugen, ist unser Sporn.
Oder: Regen schlägt uns entgegen, und mühsam treten wir Ruck um Ruck mit nickenden Köpfen. Wir sind wie blind und spähen aus verkniffenen nassen Augen. Platschen durch Pfützen, und der Regen sprüht wie eine steile Mähne von den Reifen ab. Oder: es wird Nacht. Wir sind weit von zu Hause. Wir sind um uns besorgt, ganz verantwortlich für uns wie Männer. Wir genießen den Sonnenuntergang, nicht als ein schönes Schauspiel, sondern als Vorspiel für das Anzünden unserer Laternen. Der Wald ummauert uns, die Pyramiden der Tannen stehen drohend am Himmel wie Riesen. Da steigen wir ab, und während es uns schon im Rücken gruselt, beugen mir uns über die Lampen. Langsam lassen wir Wasser tropfen, in die gelochte Kupferröhre in den Tank mit Karbid und horchen: Zischt es nicht leise, wie das Gas durch den Brenner steigt? Jetzt zünden wir an — schlagen die große Linse vor die Lampe, und der Schornstein wird heiß.
Wir fahren, fahren in den federnden, schwankenden Kegel unseres Lichtes, und jedes Staubkorn, das die Reifen wirbeln, wird ein Stern in unfern Scheinen. Kommen der Heimat näher, sehen sie tief im Tal, und Nebel dämpft die Lichter und die Sterne flimmern. Kühl weht der Nachtwind auf den Bergen, streicht um unsre Wangen, die von Sonne brennen. Die Sohlen rückwärts gegen die Pedale gestemmt, mit Druck auf die Rücktrittsbremse tauchen wir ein in die bekannten Windungen der Straße, in die Wärme des Tales, in Brotgeruch — ding-dong, ding-dong . . ., schneller nach Haus, noch schneller. Ein großer Hunger knurrt uns im Gedärm.
„Roman einer Nachts
Auch für den Fall, daß der eine oder andere Besucher zum Schluß etliche Einwendunaen machen oder eine unbeantwortete Frage auf der Zunge haben sollte, darf dieser Film der Bayerischen Film-GmbH, eine gelungene Arbeit genannt werden: weil nämlich der Grundgedanke, obwohl er literarisch längst bekannt und oft verwendet worden ist — es gibt einen Roman, der den gleichen Titel führt und das gleiche Motiv für eine allerdings ganz andere Fabel verwendet — sich ausgezeichnet auf den Film übertragen läßt. Es wird
hier absichtlich nicht gesagt, worauf diese filmische Eignung beruht, um Den späteren Besuchern nichts von der Spannung zu nehmen — und es ist eine sehr spannende Sache, die den Beschauer bis zum letzten Bild beschäftigt und festhält —, aber wer Sinn und Gefühl für Wesen und (Eigenart der Kamera-Kunst hat, wird sich dem Reiz dieses Kri- . minalstücks nicht entziehen können und wird Freude haben an dem Einfall, der ein abenteuerliches Geschehnis auf zwei verschiedene, merkwürdig ineinander übergehende und sich überschneidende Erlebnis-Sphären überträgt, so daß Wirklichkeit und Unwirklichkeit zu einer wunderbaren und in der Tat romanhaften Einheit miteinander verbunden scheinen. Das Manuskript, das eine so brauchbare Grundlage lieferte, stammt von Walter Wassermann. Earl B o e s e, der bisher nur mit einigen handfesten Militärlustspielen und Schwänken bekannt wurde, zeigt sich diesem erheblich anspruchsvolleren Thema überraschend gewachsen und insze- niert geschickt, indem er schnell und kontrastreich von einem Schauplatz zum andern Überblendet, den Besucher innerlich an den Vorgängen beteiligt und einer natürlichen Spannung immer neue Nahrung gibt. Gustav Diehl behandelt die ihm zugefallene, undurchsichtige Doppelrolle mit viel Verständnis: Liane Haid findet sich in der für sie wohl etwas ungewohnten Umgebung schnell zurecht: Paul Otto spielt wie immer ruhig, sicher und mit gepflegten Mitteln: Paul Kemp in einer heiteren Charge, Öb e m a r und die Tänzerin Eri Bos sind ferner vom Ensemble in erster Linie zu nennen. — Der „Roman einer Nacht" läuft im neuen Programm des Lichtspielhauses und ist geeignet, den Besucher einen Abend lang sehr anregend zu unterhalten.
Oer Wert einer guten Nase.
Ein kanadischer Ingenieur namens Arden hat dank seiner guten Nase nicht nur der Menschheit einen Dienst geleistet, sondern auch sich selbst ein Vermögen gesichert. In dem kanadischen Nordwest-Territorium an den Ufern des Großen Bärensees ist vor einiger Zeit radiumhaltige Pechblende entdeckt worden. Es wird dort bereits genug Radium für die Bedürfnisse Kanadas und Englands gewonnen. Der Ingenieur Arden sah sich die Gewinnung des Radiums an und kam dabei auch in die Nahe einer Maschine, die die Pechblende zerkleinerte. Der Geruch des Minerals kam ihm bekannt vor. Er suchte sich lange vergeb- lich zu erinnern, bis plötzlich sein Gedächtnis er- wachte. Mit einem Hundeschlitten machte er sich auf den Weg nach dem Beaverlodge-See, an dessen Ufer er einmal längere Zeit ein Lager bezogen hatte. Trotz des tiefen Schnees fand er Den Lagerplatz wieder und macfjte die Feststellung,
daß sein Gedächtnis ihn nicht getrogen hatte. Er grub und stieß auf Pechblende. Den Fundort steckte er für sich ab. Das Vorkommen von Pechblende ist dort noch größer als an dem Großen Bärensee.
Sehen und Erkennen beim Hunde.
Das allgemeine Urteil, daß der Hund schlecht sieht, bedarf der Richtigstellung. Wie der bekannte Tierpsychologe Pros. Bastian Schmid in dem bei Hugo Bermühler in Berlin erscheinenden „Natur- forscher" ausführt, muß man zwischen dem Sehen und dem Erkennen des Hundes unterscheiden. Um die Frage: wie weit sieht der Hund und auf welche Entfernung erkennt er seinen Herrn? zu beantworten, führte der Gelehrte sorgfältig getrennte Untersuchungen durch. Für die Sehweite machte er Versuche mit Schäferhunden, die auf das Hetzen dressiert waren, und zwar bei bewegtem und bei unbewegtem Ziel. Es ergab sich, daß die Sehgrenze auch bei Hunden gleicher Rasse verschieden war. Bei zwei Hunden betrug die Höchstleistung im Sehen eines bewegten Zieles 810 Meter. Das dürfte überfaupt die Grenze für derartige Ziele sein. Bei der anderen Versuchsgruppe, bei der geprüft werden sollte, auf welche Entfernung der Hund seinen Herrn erkennt, wurden fünf Führer in drei bis fünf Meter Abstand nebeneinander aufgestellt, wobei sie entweder nur Hose und weißes Hemd oder ihre Alltagskleider mit Hut trugen. Auch hierbei wurde zwischen oem unbewegten und dem bewegten Ziel unterschieden, indem die Führer entweder stillstanden oder umhergingen. Als Höchst, leiftung konnten bei unbewegtem Ziel bei drei Hunden Entfernungen von 110 bis 115 Meter verzeichnet werden: dann folgten Leistungen von 80 und 40 Meter: nur in einem Fall lag die Entfernung unter zehn Meter. Die Versuche ergaben, daß der Hund zunächst seinen Herrn an der Ge- ftalt, an seinen Bewegungen, am Gang und ganz zuletzt erst an seinem Gesicht erkennt. Daher waren die Ergebnisse beim bewegten Ziel besser. Die Höchstleistung im Erkennen seines Herrn betrug hier bei einem Hund 150 Meter, dann folgten 130, 125 und 80 Meter. Derselbe Hund, der das unbewegte Ziel erst auf weniger als zehn Meter gesehen hatte, erkannte seinen Herrn auch erst auf diese Strecke. Bei dem Hetzen auf ein Ziel und bei dem Hinstreben zu seinem Herrn treten beim Hunde verschiedene seelische Vorgänge hervor, die bei der psychologischen Beurteilung der Ergebnisse beachtet werden müssen. Das eine Mal ist es der Hetztrieb, der das Tier in starke Erregung versetzt, das andere Mal ist es die Anhänglichkeit, die den Hund zu möglichst rascher Wiedervereinigung mit feinem Herrn drängt.


