Nr. 177 Zweiter Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)Mittwoch,!. August MH
Die Lagerwache.
Blick auf das idyllisch gelegene Lager.
Selbstverständlich kocht das Jungvolk selbst ...
Jugend sitzt im Kreise. Sinnbild der engen Gemeinschaft!
-
Nach Sport und Spiel schmecken Butterbrot und Kaffee ganz besonders gut.
Boi den Vorbereitungen für das Frühstück
der Welt!
Not
Professor Berson 75 Lahre alt.
i,
st. L et l
n
■n
er
n
z
1
im Lager in wichtigtuender, köstlicher Aufregung, dann gruselts den einen, die andern werden zu „Helden" und alle sinnen auf Vergeltung.
Einmal sogar gab es einen Grohkampf. Die Mannschaft half einen richtigen Grasbrand löschen, der durch Funkenflug einer Lokomotive
» entstanden war. Das war was!
Dabei gab es sogar richtige Aufregung, aber auch richtiges Verhalten wurde gezeigt.
Den ganzen Sommer über wird das Lager in Betrieb sein. Immer wieder wechselt die Mannschaft, immer mehr Jungen tragen Freude in die Stadt zurück. Immer mehr Jungenherzen stehen unter der weißen Siegrune als Erlebnisgemeinschaft zusammen, um fest zu stehen in der
NöB
Der berühmte Aeronaut und Luftforfcher Professor Artur B e r s o n, der namentlich durch seinen tm Sommer 1901 unternommenen Ballonausstieg von 10 800 Meter Höhe bekannt geworden ist, vollendet am 6. August das 7 5, Lebensjahr.
Das Gießener Jungvolk lagert
Ferienerlebnisse im Iungvolklager bei Friedelhausen
Garbe.
Auf seines Bruders Hofe. Dieser Hof, der auch sein war, nicht zu eigen, aber als Heimat unauslöschlich. Er durfte nicht daran denken, daß er einmal in sinnloser Wut sich umgewandt, als er diesen Hof verließ und einen Satanseid geschworen hatte: Sollte es nur soweit kommen, daß der Alte die Augen schloß, so würde er, der Nachgeborene, schon dafür sorgen, daß dieser Hof nicht ganz in die Hand des erbenden Melieren käme, er würde darauf bestehen: Das ist mein Teil: Oder zahle, daß du die Lust und die Luft verlierst, hier Bauer zu bleiben! Ah pfui! Das war ein Eid beim Teufel. Nie wieder würde einer von diesem Hofe solchen Schandeid schwören, denn neues Recht hielt Haus und Hof beisammen: Erbhof!
Seine Heimat war nun auch sein Recht. Es war der heilige Hafen, der ihn immer, mochte kommen, was wollte, bergen würde ... Die Siebter des Hofes wuchsen wie die Notfeuer auf der See. Er hörte fern schon den gequälten Schrei einer kalbenden Kuh. Darum also waren sie auf. Ob der alte Vater, der doch besser war als jeder Tierarzt, auch noch helfen würde?
Der Hund meldete den Fremden. Den Fremden? Nein, nun war er wieder ganz zu Hause! Kein Fremder. Sie würden, vom Hunde gemahnt, wohl nachsehen kommen, wer da sei. Und dann würden sie die greise Mutter wecken: Der Junae ist da! Der Junge hieß er doch immer noch. Der Bruder würde ihn bearüßen wie nie zuvor. Und die Frau war tot... Die Frau, die er unendlich geliebt und unendlich gehaßt hatte ... Oh, daß sie noch lebte, die ihn immer vom Hofe ferngebalten hatte! Sein Glück der Heimat hätte olles Böse tilgen können. Er würde sie als seines Bruders Frau umarmen, und es würde wohl nichts von der peinigenden Erinnerung zwilchen ihnen fein ...
Der Hund bellte laut und riß an der klirr-mden Kette. Nun machten sie Licht im Flur des Wohnhauses. Das Oberlicht war eine helle Fläche, auf der die Striche und Adern einer zierenden Schnitzerei lagen: Die Hofmarke — der Heimkehrer sah es mit andachtsvollem Erschauern — das alte Hauszeichen, bester als manches Adelswappen, durch die Jahrhunderte mit seinem Geschlecht und Namen an diesen Hof getestet. Der Bruder hatte das Ehrenzeichen, die Hausmarke, über die Tür setzen lasten, den Ankommenden ein Gruß und Ausweis des Bauern, gleichgültig der Wievielte in der Geschlechterfolge er nun sei... Sie würden hier sitzen und bauen, bis der Name erlosch...
Innen knirschte der Hausschlüssel. Zu gleicher Feit öffneten sich die Haustüre unter dem Druck der Hand des Bauern und das Tor des Vpr- gartens in der Hand des Heimkehrers ...
Das Landesireffen der NSDO. und der OAF.
findet am 11. und 12. August nicht in Frankfurt, sondern in Wiesbaden statt.
Knegs-Gedenkaoitesdienst am 2. August.
Der Reichsbischof hat zur 20. Wiederkehr de» ersten Tages des Weltkrieges gottesdienstliche Feiern verordnet. Demgemäß finden sowohl in der Stadtkirche wie in der Johanneskirche am rnorgt* gen Donnerstag, 2. August, 20 Uhr, Gottesdienste statt. Von 12 bis 12.15 Uhr werden alle Glocken zur Erinnerung an die Gefallenen läuten. Zunh Zeichen der (Erneuerung de» putschen Nation int
Aus der Provinzialhauptstadt.
Heimkehr.
Aus der Helle des Wagens war er in die Nacht gestiegen. Das Gefährt fuhr davon. Die Nacht unv aßte ihn wie em bergendes Nest, wie ein wohliges Bett. So warm war sie, und sie war tiefdunkel, obwohl es noch im Heuert war, wo doch sonst Abend und Morgen sich die Hände reichten.
Hinter dem Wäldchen lag das Dorf, sein Dorf mit den Häusern und Menschen, die er kannte. Ob ihn die alten Gefährten der Spiele und Wirtshauskumpanei auch wieder erkennen würden? Morgen würde er im Dorf sein, das er nun fast ein Jahrzehnt nicht mehr gesehen hatte.
Der Feldweg zur andern Seite der Straße ging zum Hofe. Wenn er über den Hügel hinweg wäre und an der Schlehenhecke vorbei, dann würde er den Hof sehen können, wenn es Tag wäre.
Der Staub unter seinem schreitenden Fuße qualmte auf. Er roch es. Auf der flachen Höhe des Hügels lag der Grenzstein des Hofes. Er hielt an. Nun schritt er über die Marke. Das war der Boden, aus dem er geboren! Die Schlehensträucher der Hecke waren höher gewachsen, die Kronen der Hartbuchenbäume konnte er gegen den Himmel unterscheiden.
Licht! Da, auf dem Hofe brannte noch Licht! Sie schliefen noch nicht! Jetzt in tiefer Nacht! Als wenn sie auf ihn gewartet hätten! Freundlich rief es ihn.
Die Erde duftete um ihn. Sie werden schon den Stoppelacker aufgebrochen haben, dachte er. Er kannte den Geruch dieser Erde, die er einmal selbst mit dem Pfluge gewendet hatte. An die zehn Jahre hatte er diesen schweren Duft nicht mehr getrunken ...
Mit erhitztem Kopfe und zornigem Gemüte hatte er den Hof verlassen, willens, ihn nie wieder zu betreten, er fei denn fein eigen. Sein Bruder hatte ihm die Tochter des Nachbars fortgeheiratet, von der er, der Jüngere, gehofft hatte, sie wurde feine Frau. Gehofft und gewährt in einer heißherzigen Einbildung, Manns und begehrenswert genug zu fein, die langjährige Liebe des Mädchens von feinem Bruder sich zuwenden zu können. Der Mißerfolg beschämte ihn bis zu tiefstem Zorn. Er ver- ließ Haus und Eltern: Seinem Bruder würde er es schon zeigen! Er hatte wirtschaftliches Glück gehabt in der Stadt. Seine Mutter, fein Vater waren dann später oft bei ihm gewesen. Das waren immer schöne Tage. Unter den streichelnden Worten der Mutter war auch der Zorn verwischt worden. Aber er konnte nicht heimgehen, konnte nicht die Frau sehen, die ihm, wenn auch ohne Schuld, das Herz zerrissen hatte. Fragend hatte ihn aus den Augen ihrer Kinder, wenn sie ihn besuchten, das Auge der Frau, die ihre Mutter war, angeschaut. Nun war sie tot. Fünf Kinder hatte sie dem Bruder geboren, beim sechsten hatte sie sich selbst geopfert.
Eine Haferrispe liebkoste seine Hand. Er spreizte die Finger und kämmte die schmeichelnden Halme. Hafer, der mußte nun auch bald gemäht werden. Da würde er wieder einmal die Sense führen, wieder einmal mähen können. Er war doch Bauer geblieben: Ja, das würde er: Wenn die Sonne so heiß schien, bann mit Schwung den blanken Stahl zwischen die erzitternden Halme schlagen, Garbe um
D i e Gruppe hat gesiegt, die den Gegnern die meisten Erkennungszeichen rauben konnte. Aber verlassen sind trotz alledem die Zelte nie. Immer haben einzelne L a g e r d i e n st. Da gilt es bis zum Abend die Brote b e r e 11 e t zu haben. Dünne Stücke nutzen nicht viel: da muß em ordentlicher Keil Brot bereit fein, um den riesigen Hunger zu stillen. Es ist gewiß nicht leicht, für so viele hungrige Jungen Brote zu schneiden, aber mit Geduld ... Auf großen Sackleinentuchern liegen dann so kurz vor der Rückkehr ms Lager ungeheuer viele „Karos" für die Horden bereit. Aber nicht nur für „Brocken" muß gesorgt fern, sondern auch für „Brüh"! Denn der Tag ist he tz, und noch viel heißer ist der Kampf, der die brüllenden Kehlen ausdörrt. In Mords^Kesseln wird von erfahrenen und berußten -Kochen e n Tee gebraut, wie er eben in der Qualität nur von Lagerköchen fertiggebracht wird. Es gibt dol Mag lichkeiten und Rezepte, bte fein Kochbuch enthalt. In großem Viereck setzt sich bie Hermann schäft zum Abendbrot nieder Nach einem herben Spruch ober einem beliebten Lieb beginnt bte Verteilung bes Essens. lf.
Dann ist es Abend. Am Feuer klingen wild und mifreifeenb die Lieder sahrtensrohcr Lager- gemcinschaft. Manchmal erzählt emer, spaßig und „aufschneiderisch", oder ruhig, und ernst, je nach der Stimmung. Und dann lauschen di- andern, oder sie fragen nach dem, was^e- weat, oder sie lachen und poltern mit. Oftmals lesen sie auch In einem guten Such gemeinsam. Q.hnmifp ^euerschwaden und Fahnen sind die Heiligtümer' anspruchsloser fugend- Um Wre',et ber Schritt ber Wache, ruhig, geduldig. gewissenhaft.
Spät wird die Fahne °mg°z°g-m Em kurzer Flagg-ngruh, -in Lieb, unb bann .ft die Fahne ^ngsam gesunken. Wieber em Tag m l-n-m schonen Dauerlag-r um. an den man tollen konnte oder träumen, an dem man unbesorgt und dienst- froh bie Ferien genoß. .
' Mer nicht immer vergehen so gleichförmig die Tage. Manchmal gibt es auch noch spat Ueber- fälle" Die Wache wird irregefuhrt von „Femden , und dann sinkt irgendein Zelt zusammen, weil die Spannseile weggenommen sind. Dann wimmelt es
Da ist ein Wort, das Zauberinhalt birgt: Ferien. Lange Zeit, über dreißig Tage Freiheit, viele, viele Stunden, die man selbst gestalten darf, kurz, eine ganze Seligkeit von Sornrnerwonne enthält dies eine Wort. Ach, unb was sich da alles tun läßt! Da genügt die Stadt nicht, Neues muß entstehen.
Der erste Ferienruf der Freiheit heißt: heraus aus den IHauern, weg von dem Alltäglichen!
Und dann beginnt der Zug ins Lund. Zu Rad, zu Fuß, auf Karren geht's los. Alles muß mit, was zu einer neuen „Drtegrünbung" vonnöten ist: Zelte, Geräte, Nägel und Draht. Und dort, wo ein Ort zum Lager einladet, wird haltgemacbt, dort beginnt der große Aufbau. Aber wie ist die Wahl so schwer! Immer noch geht es ein Ende weiter ab von den vorgeschlagenen und so lange voraus bestimmten Plätzen. Immer ist es woanders noch „pfundiger", als gerade an dem erreichten Ort. Unb man weiß es ja, jeher weiß es, je weiter weg man ist, befto interessanter ist es.
Manchmal ziehen wir nach, um auf ein paar Stunben eingeschlossen zu sein von jenem großen Jungenglück, um kurz einmal Mitbewohner zu sein von diesen eignen Zeltansiedlungen.
Wie sonst noch nie wurde der Lagerbetrieb dieses Jahr gefördert. Auch dem Gießener Jungbann wurden von der RSD. sechs fabelhafte Rundzelte gestellt.
Erst standen sie einige Wochen an den Hungener Teichen, aber nun wurden sie beim Hof gut Friedelhausen aufgeschlagen. Freilich, es mußte eine schöne Wiese ihr Grummet stiften, um den vielen lebendigen, lustigen Strampelbeinen den Aufbau in schönem Gelände zu ermöglichen. Aber was bedeutet schon ein Wagen Grummet gegenüber ber unsagbaren Freude, einen schönen Platz fürs Lager zu haben. Dicht beim Lagerplatz fließt bie Lahn. Denn Wasser muß babei sein, ohne Schwim- men hat das schönste Lager keinen Reiz!
Man hat Glück, wenn man zu normalen Tageszeiten die Horde im Zeltdorf antrifft. Meistens tobt Uacnbroo braußen ein roitber Kampf.
Alle Spannungen der Geländespiele werden wiederholt; Anschleichen, Beobachten, klettern und Uebersallen.


