Mensch im Werk.
Don Heinrich Lersch.
Die Nacht hat ein dunkles Tuch vor mein Fenster gehängt $ib alles Leben zu mir herein in die Stube gedrängt.
Nun lebt jedes Ding, das vor mir im Lichtschein der Lampe ruht, Als durchzög' es mich wie ein lebendiges, pochendes Blut.
Jetzt tritt aus dem Tisch und Schrank der Schreiner hervor. Der mit dem Sinnen beim Wirken daran seine Seele verlor.
Aus dem Ofen der Schmied, aus den Wänden der Maurergesell, Aus dem Tuche der Weber, dem Schranke der Schreiner; die ordnen sich schnell
Und stehn in der Reihe. Sie lächeln und grüßen mich stumm.
Da hüftert’5 im Buchschrank. Und alle wenden sich um:
Da werden die Bücher lebendig. Aus ihrer Zeilengruft Steigen die Dichter hervor, wie wenn das Leben sie ruft.
Sie stehen vor mir, wie das Leben sie sah, Wie sie litten und kämpsten; so sind sie mir nah.
Sie sagen mir alle mit stummer Gebärde: „Sieh, wir sind dein!" Verschweben, verschwinden, und ich bin wieder allein.
Die Nacht hat ein dunkles Tuch mir vor das Fenster gehängt Und alles Leben zu mir herein in die Stube gedrängt.
Aus Böhmens und Mährens musikalischer Vergangenheit.
Von Hans Joachim Moser.
Wenn an irgend einem Punkt die kulturellen Schwereverhältnisse zwischen Sudetendeutschland und Tschechentum klar abzulesen sind, so auf d-M Gebiet der Tonkunst, obgleich die Musik doch eines der slawischen tziiupttalente darstellt. Nimmt man die Hussitenlieder aus, die aber z. T. een der gregorianischen Kirchengesangstradition abhängen, z. T. auch »em deutschen Volksgcsang beeinslußt sind, so zeigt sich ernsthafte kunst- Alsikalische Betätigung der Tschechen erst um 1600 in gelegentlichen, m 1700 in stärkeren Spuren — aber wie Czcrnohorski (ber Lehrer Martinis und Glucks) in die italienische Musikgeschichte als „Padre Boemo" hnübergewachsen ist, so wurden ein Dismas Zelenka, ein Franz und Georg Benda, ein Dussek und Tomaschek von der deutschen Musik- rttwicklung völlig ausgesogen, während die Tuma, Zach, Seeger u. a. »m ihren Zeitgenossen als kernechte Deutsche betrachtet worden sind. !er Oberpsälzer Gluck ist nur in westlerischen Chauvinistengehirnen halber o ct ganzer Tscheche gewesen, der große Geigenmeister der Mannheimer Lchule, Johann Stamitz (Steinmetz) einzig von hoffnungslosen Zwischen- iilchlcrn für keinen reinen Deutschen erklärt worden (dabei hat noch sein Großvater im steirischen Marburg gesessen). Erst im 19. Jahrhundert hat lii) eine tschechische Komponistenschule eigner Prägung aus dem Folkloristi- Ihenheraufgearbeitet, aber auch diese Smetana, Dvorak, Alban Förster, gacnko Fibich, Leos Janacek wären ohne deutsche Vorschulung und Betreuung keinesfalls das geworden, was sie geworden sind.
Wenn der böhmisch-mährische Raum eine Musiklandschaft hohen, wenn nicht sogar ersten Ranges heißen darf, so verdankt er das fast ausschließlich deutscher Volkskultur. So haben sich in der Jglauer Sprachinsel noch die altertümlichsten bäurischen Fiedeln erhalten, und die herrlichsten deutschen kollslieder sind (besonders durch den Sudetendeutschen Walter Hensel, dm Führer der Finkensteiner Jugendsingbewegung) im Kuhländchen, bei Mährisch-Trübau, im Schönhengstgau gesammelt worden. Wenn wir m Reich „böhmische Musikanten" tressen, so sind sie meist Sudetendeutsche, ■ die in Graßlitz eine reiche Musikinstrumentenbauindustrie entwickelt hatten inb erst vor den Stürmen der Gegenreformation großenteils nach Mark- uukirchen im Vogtland übergesiedelt sind. Auch die erzgebirgischen Musikbegabungen, aus denen so mancher Leipziger Thomaskantor hervor- zewachsen ist, stammen z. T. nachweislich von „böhmischen", d. h. sudetendeutschen Glaubensslüchtlingen ab.
Mag das „Christ genade", das ein Prager Chronist die Edlen,des Boh- merherzogs schon im 10. Jahrhundert zur Begrüßung des Sachsenbischofs lhietmar anstimmen läßt, richtiger erst dem Gebrauch des 12. Jahrhunderts ^gewiesen werden, so ist doch mit dem 13. Jahrhundert allenthalten mit bett deutschen Stadtgründungen auch deutsche Singart in das vordem mrkomannisch-quadische, dann slawische Land eingeströmt, und unsere Minnesänger haben manchen ihrer Besten an den Hof König Ottokars «tsandt — so ließ sich dort Heinrich Frauenlvb, der Tannhäuser und bei allem ein Fahrender, Der Unverzagte, hören, der den Geiz Rudolfs »en Habsburg witzig verspottet hat. Ulrich von Eschenbgch pries in zarten Versen die Vorzüge der Geige, und in Eger beschenkte König Wenzel die aller Welt zusammengeströmten Spielleute. Unter den Luxemburgern bühte Mülich von Prag (Heinrich von Mügeln?), von dem sich einige Aelodien erhalten haben, im 15. Jahrhundert wirkte hier ein Komponist Paul von Broda, und das „Hohenfurtcr Liederbuch" spiegelt in geistlichen llnsormungen den reichen Bestand sudetendeutschen Volksgesanges, aus dem zumal entzückende Tanzlieder hervorlugen. Michael Weißes Gesang- d-ch der „böhmischen Brüder" (1531) ist samt seinen Nachfolgers eine ganz iüerwiegend deutsche Leistung gewesen. , .
Ein bedeutender lutherischer Polyphonist starb 1546 in Böhmisch Le«pa - der in Tetschen geborene Superintendent Balthasar Resinarius f^artzer), von dem zahlreiche Werke damals in Wittenberg gedruckt worden jjb. Dann sind vor allem Eger (wo der fleißige Musiksammler Clemens Stephani ans Buchau und der Volksliedbearbeiter Jobst v. Braut
starben) und Joachimstal (als Sih des liederreichen Kantors Nikolaus Herman) wichtig für die deutsche.Musik geworden, um von zahlreichen Kleinmeistern daselbst zu schweigen. In Prag ließ 1582 Christof Schwäher (Hecyrus) sein deutsches Gesangbuch erscheinen, zehn Jahre später orgelte dort an der Heinrichskirche der Schlesier Joh. Knösel, dann bis zur Schlacht am weißen Berge Valerius Otto. Prag war am Ende des 16. Jahrhunderts vor allem durch die Anwesenheit der kaiserlichen Kapelle unter den Vlamen Philipp de Monte und Jakob Regn art eine der ersten Musikstädte der Welt. An einer Nebenkirche komponierte der große Kramer Jakob Handl (Gallus), und in Reichenberg erwuchs der prachtvolle Motettenmeister Christoph Demantius. Wie dieser unter den Glaubcnsverfolgungen des Dreißigjährigen Krieges nach Freiberg auswandern wußte, so der hoch- begabte Brüxer Andreas Hammerschmied nach Zittau; ihnen folgten zahlreiche sudetendeutsche Musiker ins Altreich nach. Nur im evangelisch verbliebenen Asch durfte noch der treffliche Sebastian Knüpfer aufwachsen, dessen Kantaten und deutsche Madrigale zu den fesselndsten Leistungen des Mittelbarock zählen. , ,
Gewiß hängt es mit der habsburgischen Kulturpolitik des 17. Jahrhunderts zusammen, daß nunmehr das Schwergewicht der Musikpflege in Böhmen sich auf das Gebiet der nicht so leicht ins Lutherische abgleitenden Instrumentalmusik verlagerte. Ihr Hauptvertreter im Zeitalter Kaiser Leopolds 1. wurde der 1644 zu Wartenberg geborene Franz Ignaz Heinrich Biber (später als „von Bibern" geadelt), der das größte Geigergenie seiner Zeit geworden ist uXjd sich in zahlreichen wagemutigen Virtuosenkompositio- nen für sein Instrument, aber auch aus Salzburger Kapellmeisterpflichten als Messensetzer bewährt hat.
Durch die außerordentliche Begünstigung der katholischen Kirchenmusik bis aufs kleinste Dorf in Böhmen ist das Land weiland Marbolds im 18. Jahrhundert (nach den Worten des musikalischen Reisenden Burney) zum „Konservatorium Europas" geworden. Hier sprang „wie ein Shakespeare'' der originelle Stürmer und Dränger Johann Stamitz hervor, dem sich in seinem Freunde Anton Filtz ein nicht viel geringeres „Originalgenie' der neueren Symphonik gesellte. In Prag fand Mozarts „Figaro' jenes volle Verständnis, das ihm in Wien zunächst versagt geblieben war- für Prag schrieb er den „Don Giovanni" und „Titus", aus dem böhmischen Raum strömten zahlreiche deutsche Musikbegabungen wie Leopold Gaßmann, Anton Rösler, Wenzel Müller nach Wien, bis mit der Gründung des Prager Konservatoriums 1811 ein neuer Mittelpunkt der Musikpflege im Lande selbst entstand. Zahlreiche namhafte Musiker sind an dieser Anstalt Lehrer oder Schüler gewesen von Dionys Weber aus Welschau und Wagners Jugendfreund Kittl über die Musikgelehrten Ambros und Prohaska bis aus den Modernisten heutiger sudetendeutscher Musik Fidelio Finke aus Josephsstadt. Nennen wir unter seinen Generationsgenossen nur Felix Petyrek, Theodor Veidl, Isidor Stögbauer, Edmund Nick, Paul Königer, Johs. Bammer, so ergibt sich das vielseitigste Bild und eine erstaunliche Schau über reiche und echte tonsetzerische Begabungen. Möge dem Nachwuchs durch die Rückverdeutschung der großen musikalischen Lehrstätten und Kunstinstitute neuer Lebensraum und Aufstieg gesichert werden!
Verstand oder Instinkt?
Von Geh. Rat Professor Dr. August Bier.
Wir entnehmen den folgenden Aussatz mit Genehmigung des Verlages I. F. Lehmann, München 15, dem Buche „Die Seele" von Geh. Rat Prof. Dr. A. Bier (geh. RM. 6,20, Lwd. RM. 7,40). Der weltberühmte Arzt und Forscher hat sich nach 40jähriger überaus erfolgreicher Tätigkeit in die Einsamkeit zurückgezogen; aber nie hat er aufgehört, sich mit dem Studium biologischer Fragen zu beschäftigen.
Ein Hanptmittel für die Erhaltung der Art ist der Instinkt der Elternliebe, insbesondere der der Mutterliebe, und doch sehen wir, daß zahlreiche Arten kleiner Vögel das Kuckucksei ausbrüten und den jungen Fremdling, der ihr eigen Fleisch und Blut aus dem Neste wirft, mit der rührendsten Liebe und mit Ausbietung aller Kräfte, die dazu gehören, unvben gefräßigen Riesen zu sättigen, Pflegen. Die Henne brütet Enteneier aus unb läßt für die Angehörigen ber ihr völlig fremben Art ihr Leben. Die Hünbm säugt ben jungen Fuchs unb ben jungen Wolf und vergißt darüber den von Ch. Darwin betonten Rassen- und Artenhaß der nahen Verwandten.
Zugvögel, die angeblich das Wetter lange vorausfühlen sollen, gehen massenhast zugrunde, wenn nach trügerischen Frühlingstagen ein Kälterückschlag mit Schnee und Eis emtritt, was zum Beispiel im Jahre 1935 Dom 6. bis 10. März bei uns der Fall war.
Viele Instinkte fehlen dem Menschen. Den dicht bevorstehenden Wetter- liinschlag, den Tiere voraussühlen, merkt nur noch der kranke Mensch in feinen rheumatischen Gliedern, in seinen Hühneraugen und Frostbeulen. Der normale Sinn dafür ist dem Menschen verlorengegangen.
Das Schwimmen, das jedem Säugetier von Natur aus gegeben ist, muß er sich mühsam anlernen. , Ä ,
Nicht einmal fallen kann er. Die Ausbildung tm Ringen fängt bezeichnenderweise mit Fallenlernen an. Die Katze unb ber Hunb, die aus größerer Höhe herabstürzen, kommen auf die Füße und brechen sich nichts. Aehnlich zweckmäßig kann der Mensch nur fallen, wenn er schwer betrunken ist, dann sackt er zusammen wie eine Gliederpuppe. Fällt der nüchterne Mensch, so steift er in seiner Angst in höchst unzweckmäßiger Weise ferne Glieder, so daß die Gewalten an langen Hebeln wirken, Knochenbrüche, Verrenkungen, innere Stauchungen und Zerrungen verursachen. Denn diese indirekten Gewalten sind die schwersten und gefährlichsten.
Tzere vermeiden instinktiv Giftpflanzen. Der Kulturmensch nimmt sis ahnungslos auf und geht daran zugrunde.
Aehnlich verhalten sich die verstallten Haustiere; Pferde fallen ebenso ungeschickt wie der Mensch und vergiften sich an einem unserer einheimischen Waldbäume, der Eibe. Doch gewinnen die Haustiere ihre normalen Instinkte schnell wieder. So werden ausgebrochene Kühe und «chwemo


