ober eine Kotier-Eisenbahn angelegt. Und dabei, was ich auch nicht ver­achte, sind sie reich. Und nach Tische Lesezimmer und Kaffee bei herunter­gelassenen Jalousien, so daß einem die Schatten und Lichter immer aus der Zeitung umhertanzen. Und dann Spaziergang. Und vielleicht, wenn wir Glück haben, haben sich sogar ein paar Frankfurter oder Mainzer Kavaliere herüber verirrt und reifen neben dem Wagen her; und das muh ich Ihnen sagen, meine Herren, gegen Husaren, gleichviel ob rot oder blau, kommen Sie nicht auf, und von meinem nzilitärischen Stand­punkt aus ist und bleibt es ein entschiedener Fehler, daß man die Garde­dragoner verdoppelt, aber die Gardehusaren sozusagen einfach gelassen hat. Und noch unbegreiflicher ist es mir, daß man sie drüben läßt. So was Apartes gehört in die Hauptstadt."

Botho, den das enorme Sprechtalent feiner Frau zu genieren anfing, suchte durch kleine Schraubereieu ihrer Schwatzhaftigkeit Einhalt zu tun. Aber feine Gäste waren viel unkritischer als er, ja erheiterten sich mehr denn je über diereizende kleine Frau", und Balafre, der in Kälhe- bewunderung obenan stand, sagte:Rienäcker, wenn Sie nach ein Wort gegen Ihre Frau sagen, so sind Sie des Todes. Meine Gnädigste, was dieser Oger von Ehemann nur überhaupt will, was er nur krittelt? Ich weiß es nicht. Und am Ende muß ich gar glauben, daß er sich in feiner Schwerenkavallerie-Ehre gekränkt fühlt und Pardon wegen der Wort- fpielerei! lediglich um feines Harnisch willen in Harnisch gerät Rie­näcker, ich beschwöre Sie! Wenn ich solche Frau hätte wie Sie, so wäre mir jede Laune Befehl, und wenn mich die Gnädigste zum Husaren machen wollte, nun, so würd ich schlankweg Husar, und damit basta. Soviel aber weiß ich gewiß und möchte Leben urtb Ehre darauf ver­wetten, wenn Seine Majestät solche beredten Worte hören könnte, so hätten die Gardehufaren drüben keine ruhige Stunde mehr, lägen mor­gen schon im Marschquortier in Zehlendorf und rückten übermorgen durchs Brandenburger Tor hier ein. Oh, dies Haus Sellenthin, das ich, die Gelegenheit beim Schopf ergreifend, in diesem ersten Toaste zum ersten, zum zweiten und zum dritten Male leben lasse! Warum haben Sie keine Schwester mehr, meine Gnädigste? Warum hat sich Fräulein Ine bereits verlobt? Bor der Zeit und jedenfalls mir zum Tort."

Käthe war glücklich über derlei kleine Huldigungen und versicherte, daß sie, trotz Ine, die nun freilich rettungslos für ihn verloren fei, alles tun wolle, was sich tun lasse, wiewohl sie recht gut wisse, daß er, als ein unverbesserlicher Junggeselle, nur bloß fo rede. Gleich danach aber ließ sie die Neckerei mit Balafre fallen und nahm das Reisegespräch wieder auf, am eingehendsten das Thema, wie sie sich die Korrespondenz eigentlich denke. Sie hoffe, wie sie nur Wiederholen könne, jeden Tag einen Brief zu empfan­gen, das sei nun mal Pflicht eines zärtlichen Gatten, werd es aber ihrerseits an sich kommen lassen und nur am ersten Tage von Station zu Station ein Lebenszeichen geben. Dieser Vorschlag sand Beifall sogar bei Rienäcker, und wurde nur schließlich dahin abgeändert, daß sie zwar aus jeder Haupt­station bis Köln hin, über das sie trotz des Umwegs ihre Route nahm, eine Karte schreiben, alle ihre Karten ober, fo viel ober fo wenig ihrer fein möchten, in ein gemeinschaftliches Kuvert stecken solle. Das habe bann ben Vorzug, baß sie sich ohne Furcht vor Postexpebienten unb Briefträgern über ihre Reisegenossen in aller Ungeniertheit aussprechen könne.

Rach betn Diner nahm man braußen auf bem Balkon ben Kaffee, bei welcher Gelegenheit sich Käthe, nachbem sie sich eine Weile gesträubt, in ihrem Reisekostüm- in Rembranbthut unb Staubmantel samt umgehängter Reisetasche präsentierte. Sie sah reizend aus. Balafre war entzückter benn je unb bat sie, nicht allzusehr überrascht fein zu wollen, wenn sie ihn Am anbern Morgen, ängstlich in eine Coupeecke gebrückt, als Reifekavalier vor- finben sollte.

Vorausgesetzt, baß er Urlaub kriegt", lachte Pitt.

Oder beiertiert", setzte Serge hinzu,was ben Hulbigungsakt freilich erst vollkommen machen würbe." '

So ging bie Plauberei noch eine Weile. Dann verabschiebete man sich bei ben liebenswürbigen Wirten unb kam überein, bis zur Lützowplatzbrücke zusammenzubleiben. Hier aber teilte man sich in zwei Parteien, unb wüh- renb Balafre samt Webell unb Osten am Kanal hin weiter schlenderten, gingen Pitt unb Serge, bie noch zu Kroll wollten, auf ben Tiergarten zu.

Reizenbes Geschöpf, biefe Käthe", sagte Serge.Rienäcker wirkt etwas prosaisch baneben, unb mitunter sieht er so sauertöpsisch unb neunmalroeife brein, als ob er bie kleine Frau, bie, bei Lichte besehen, eigentlich klüger ist als er, vor aller Welt entschuldigen müsse."

Pitt schwieg.

Unb was sie nur in Schwalbach ober Schlangenbad soll?" fuhr Serge fort.Es Hilst doch nichts. Und wenn es Hilst, ist es meist eine sehr sonder­bare Hilfe."

Pitt sah ihn von der Seite her an.Ich finde, Serge, du russifizierst dich immer mehr, ober was dasselbe sagen will, wächst dich immer mehr in deinen Namen hinein."

Immer noch nicht genug. Aber Scherz beiseite, Freund, eines ist Ernst in der Sache: Rienäcker ärgert mich. Was hat er gegen die reizende, kleine Frau. Weißt du's?"

Ja."

Nun?"

She is rather a little silly. Oder, wenn du's deutsch hören willst: sie dalbert ein bißchen. Jedenfalls ihm zuviel:"

Neunzehntes Kapitel. »

Käthe zog zwischen Berlin und Potsdam schon die gelben Vorhänge vor ihr Coupesenster, um Schutz gegen bie beftänbig stärker roerbenbe Blen- bung zu haben, am Lnisenufer aber waren an bemselben Tage keine Vor­hänge herabgelassen, unb bie Vormittagssonne schien hell in bie Fenster ber Fran Nimptsch unb füllte bie ganze Stube mit Licht. Nur bet Hinter- grunb lag im Schatten, unb hier ftanb ein altmodisches Bett mit hoch aus­getürmten unb rot- unb weißkarierten Kissen, an bie Frau Nimptsch sich lehnte. Sie saß mehr als sie lag, benn sie hatte Wasser in ber Brust unb litt heftig an asthmatischen Beschwerden. Immer wieder wandte sie den

Kops nach bem einen offenstehenbei: Fenster, aber doch noch häufiger nach bem Kaminofen, auf besten Herbstelle heute kein Feuer brannte.

Lene faß neben ihr, ihre Hanb haltend, unb als sie sah, baß der Blick der Alten immer in derselben Richtung ging, sagte sie:Soll ich Feuer machen, Mutter? Ich dachte, weil du liegst und die Bettwärme hast, und weil es so heiß ist

Die Alte sagte nichts, aber es kam Lenen doch so vor, als ob ste's wohl gern hätte. So ging sie denn hin und bückte sich und machte ein Feger.

Als sie wieder ans Bett kam, lächelte die Alte zusrieden und sagte: Ja, Lene, heiß ist es. Aber du weißt ja, ich muß eS immer sehn. Und wenn ich es nicht sehe, bann denk ich, es ist alles aus, unb fein Leben und kein Funke mehr. Und man hat doch so feine Angst hier..."

Und dabei wies sie nach Brust und Herz.

Ach, Mutter, du denkst immer gleich an Sterben. Und ist doch so oft fchon Dorübergegangen."

Ja, Kind, oft is es vorübergegangen, aber mal kommt es, unb nut Siebzig da kann es jeden Tag kommen. Weißt du, mache das andere Fenster auch noch auf, dann is mehr Luft hier, und das Feuer brennt bester. Sieh doch bloß, es will nicht mehr recht, es raucht so..."

Das macht die Sonne, die grabe braufsteht..."

Unb bann gibt mit von ben grünen Tropfen, bie mir bie Dörr gebracht hat. Ein bißchen hilft es boch immer."

Lene tat wie geheißen, unb ber Kranken, als sie bie Tropfen genommen hatte, schien wirklich etwas besser unb leichter ums Herz zu werben. Sie stemmte bie Hanb aufs Bett unb schob sich höher hinauf, unb als ihr £ ne noch ein Kissen ins Kreuz gestopft hatte, sagte sie:War Franke schon hier?"

Ja, gleich heute srüh. Er fragte immer, eh er in bie Fabrik geht."

Is ein sehr guter Mann."

Ja, bas ist er."

Unb mit bas Konventikelsche..."

... Wirb es fo schlimm nicht fein. Unb ich glaube beinah, baß er feine guten Grunbsätze ba her hat. Glaubst bu nicht auch?"

Die Alte lächelte.Nein, Seite, bie kommen vom lieben Gott. Unb ber eine hat sie, unb ber andere hat sie nicht. Ich glaube nich recht ans Lernen un Erziehen ... Und hat er noch nichts gesagt?"

Ja, gestern abend."

Un was hast du ihm geantwortet?"

Ich habe- ihm geantwortet, daß ich ihn nehmen wolle, weil ich ihn für einen ehrlichen und zuverlässigen Mann hielte, der nicht bloß für mich, sondern auch für dich sorgen würde..." 0

Die Alte nickte zustimmend.

Und", fuhr Lene fort,als ich das so gesagt hatte, nahm er meine Hand und ries in guter Laune: ,91a, Lene, benn also abgemacht!' Ich aber schüttelte ben Kops unb sagte, baß bas so schnell nicht ginge, benn ich hätt ihm noch was zu bekennen. Unb als er fragte: was? erzählt ich ihm, ich hätte zweimal ein Verhältnis gehabt: erst... na, bu weißt ja, Mutter... unb ben ersten hätt ich ganz gern gehabt, unb ben anbern hätt ich sehr geliebt, und mein Herz hinge noch an ihm. Aber er fei jetzt glücklich verheiratet unb ich hätt ihn nie wieber gesehen, außer ein einzig Mal, unb ich wollt ihn auch nicht wiebersehn. Ihm aber, ber es fo gut mit uns meine, hätt ich bas alles sagen müssen, weil ich keinen unb am wenigsten ihn hintergehen wolle..."

,;Jott, Jott", weimerte bie Alte bazwischen.

... Unb gleich banach ist er ausgestanben unb in feine Wohnung rubergegangen. Aber er war nicht böse, was ich ganz beutlich sehen konnte. 9iur litt er's nicht, als ich ihn, wie sonst, bis an bie Flurtür bringen wollte."

Frau Nimptsch war ersichtlich in Angst unb Unruhe, wobei sich sreilich nicht recht erkennen ließ, ob es um bes eben Gehörten willen ober aus Atemnot war. Es schien aber säst bas letztere, benn mit einem Male sagte sie: Lene, Kinb, ich liege nicht hoch genug. Du mußt mir noch bas Gesangbuch unterlegen."

Lene wibersprach nicht, ging vielmehr unb holte bas Gesangbuch. Als sie's aber brachte, sagte bie Alte:Nein, nich bas, bas ist bas neue. Das alte will ich, bas bi de mit ben zwei Klappen." Unb erst als Lene mit bem bitten Gesangbuche wieber ba war, fuhr bie Alte fort:Das hab ich meiner Mutter selig auch holen müssen unb war noch ein halbes Kinb bamals unb meine Mutter noch keine fufszig unb saß ihr auch hier unb konnte keine Lust kriegen, unb bie großen Angstaugen guckten mich immer so an. Als ich ihr aber bas Porstsche, bas sie bei ber Einsegnung gehabt, unterschob, ba würbe sie ganz still unb ist ruhig eingeschlafeu. Unb bas möcht ich auch. Ach, Lene. Der Tob ist es nich ... Aber bas Sterben ... So, so. Ah, bas Hilst."

Lene weinte still vor sich hin, unb weil sie nun wohl sah, daß der guten alten Frau letzte Stunde nahe fei, schickte sie zu Frau Dörr unb ließ sagen, es stehe schlecht unb ob Frau Dörr nicht kommen wolle". Die ließ benn auch zurücksagen,ja, sie werbe kommen ..." unb um bie sechste Stunde kam sie wirklich mit Lärm und Trara, weil Seifefein, auch bei Kranken, nicht ihre Sache war. Sie stappste nur fo durch die Stube hin, daß alles fchütterte und klirrte, was auf und neben dem Herde lag, und dabei ver­klagte sie Dörr, der immer grab in ber Stabt sei, wenn er mal zu Hause fein solle, unb immer zu Hause wär, wenn sie ihn zum Kuckuck wünsche. Dabei hatte sie ber Kranken bie Hanb gebrückt unb Sene gefragt, ob sie benn auch tüchtig von ben Tropfen eingegeben habe.

Ja."

ff Wieviel benn?"

Fünf... fünf alle zwei Stunden."

Das fei zu wenig, hatte die Dörr darauf versichert und unter Aus- kramung ihrer gesamten medizinischen Kenntnis hinzugefetzt:fie habe bie Tropfen vierzehn Tage lang in ber Sonne zieh» lassen, unb wenn man fie richtig einnahrne, fo ginge bas Wasser weg wie mit ner Plumpe. Der alte Seite brüben im Zoologischen sei schon wie ne Tonne gewesen unb habe fchon ein Vierteljahr lang keinen Bettzipvel mehr gefehn, immer aufrecht inn Stuhl un alle Fenster weit ausgerisfeu, als er aber vier Tage lang bie Tropfen genommen, sei's gewesen, wie wenn man auf eine Schweins­blase brücke: hast bu nicht gesehen, alles raus un wieber lapp un schlapp."

(Fortsetzung folgt.)