„Ich meine mich dunkel zu erinnern, daft sich dein Abscheu verblüffend schnell gab" bemerkte Frift mit einem kleinen Grinsen.
„Uno wie ging es aus?" fragte ich bescheiden, um dem ehelichen Kampfspiel ein Ende zu machen.
Frift hüllte sich in Schweigen und beschäftigte sich eingehend mit dem füllen unserer Glaser, Hanna aber roarf mir einen triumphierenden
', Dieser Mann da, den ich in einer schwachen Stunde mal geheiratet habe und der als Ingenieur vielleicht nicht ganz aus den Kaps gefallen ist, hat In feiner bodenlosen Nachlässigkeit selbst dasiir gesorgt, das, schlieft- tich alles noch besser ausglng, als er verdient hatte Am Tage vor Weih, nachten erschien Fräulein Veronika In unserer Pension und wünschte mich zu sprechen, um mit ein Buch zurückzugeben, das mir gehöre. Ich war sehr erstaunt, beim Ich hatte Ihr nie ein Buch geliehen und Ihre Bekanntschaft aus begreiflichen Gründen bisher vermieden. Lächelnd packte (le es aus lind sagte dabei, Herr Thomsen habe es Ihr vor etlichen Wochen einmal gegeben. Ich schlug es auf und mein erster Blick fiel auf unser Bücherzelchen das wir vorn eingeklebt hatten. Und da stand es schwarz auf weift: „Exlibris Frlft und Hanna Thomsen." So etwas kann wirklich nur einem Manne, meinem Manne passterenl"
„Und bann?" fragte Ich lachend.
„Dann? — Oh, bann haben wir uns zu einer Tasse Tee zusammen, gefegt und sehr vernünftig miteinander geredet — über die Männer im allgemeinen und dieses Exemplar im besonderen, wobei herauskam, daft Fräulein Veronika gar nicht so erpicht war, die Pläne ihres Vaters zu erfüllen, weil sie Ihre Augen längst auf einen andern, aber richtigen Junggesellen geworfen hatte. Sie war uns sogar noch behilflich, auf nette Art dem alten Zupplnger unseren Notstand, wie sie es nannte, verständlich zu machen, lind am nächsten Abend feierte sie mit uns Weihnachten und war glücklich, daft ihr beinah Verlobter wieder mein Mann war.
„5a", sagte Frlft nachdenklich, „sie war unser rettender Engel,"
„Aber nein", fuhr Hanna auf, „dein rettender Enget war und bleibe ichl"
Abenteuer mit Andrea.
Eine Geschichte von Görge Spervogel.
„In Amerika", sagte Winne, als er und Asacks die Bretter zum erstenmal an diesem Morgen in beit Schnee gesteckt hatten, „in Amerika lassen sie Leute ohne Fallschirm au« Flugzeugen springen, nur, damit sie e« slimen können."
„Amerika", sagte Ajack«, „ist weit weg."
„Kein Unterschied!" rief Winne, ausgebracht durch die Gleichgültigkeit de« Freunde«. „ES sind neun Mädchen, und sieben von ihnen..."
.....darunter Andrea..
.....sieben von Ihnen standen vor ein paar Tagen znm erstenmal aus einem UebungShang. Heute sollen sie die Abfahrt bom Platt machen. Jemanden, der nicht fliegen kann, au« dem Flugzeug werfen und jemanden, der nicht laufen kann, über die verharschte Plattabsahrt jagen — waS ist da« für ein Unterschied?"
„Keiner", sagte Ajack« vergnügt. „Aber neun Mädchett müssen die Abfahrt machen, da« fleht im Drehbuch. Also must e« gedreht werden."
„lind Harsch? Steht in diesem Drehbuch etwa« von Harsch?"
„Ich habe e« nicht geschrieben."
„Ich sage dir, sie werden sich die Beine brechen."
Ajack« schnürte den Rucksack zu. „Niemand wird sich die Beine brechen. Keine Angst!"
„Alle neun werden sich alle Knochen brechen!"
„ttub du wirst die atme Andrea pflegen. Nicht?"
„Nein", erklärte Winne voller Wut, „ich werde den Mann, der daS Drehbuch schrieb, bei Harsch über die Plattabfahrt lagen.“
„Da« ist besser“, gab A>ack« zu, „denn Andrea liegt dann ja bi« an die Nasenspitze in Gips.“
Minne sah mit verkniffenen Augen hinüber zum Platt. Der Grat darüber, von silbernen Schneesahnen überschleiert, die der kalte Wind au ihm entlunatrieb, leuchtete schon im Licht. Wenn die Sonne den langen Hang bi« hinab in« Tal bestrahlte, würden neun Mädchen...
„Los 1" sagte et und sprang von dem FelSblock, auf dem sie gesessen hatten, hinab hi den Schnee. Er schnallte au und spurte voran«, ohne aus den Freund zu warten. War da« noch ein Freund? Dort drüben sollten in ein paar Stunden nenn Mädchen einer Gefahr ausgesetzt lverden, von der sie nicht« mußten. Die Hangsttecke war gestern abgesteckt ivorben, die Plätze für die Aufnahmegeräte lagen fest — alle« gut, e« gab längere Abfahrten und schwierigere, Teip Grund im ganzen, eine bewährte Freundschaft in« Wanken zu bringen.
Kein Grund? Gründe genug.
Gestern schien die Sonne. Der Schnee wurde naß. In der Nacht fror er zu eisglattem Harsch. Winne, al« et heute morgen vor die Tür der Hütte trat, erschien dieser Harsch beinahe wie das gröstte Unglück seine« Leben«.
Winne überlegte im eiligen Lausen, wa« er für Andrea tun könnte. Er muhte verhindern, dass sie die Bretter überhaupt anschnallte. Die Draht« seilbahn würde herausgeschtvebt kommen, und irgendwo mühten die Mädchen bann anschnallen. In diesem Augenblick mußte er zur Stelle fein. Da« einfachste war, et ließ einen ihrer Schier mit Schwung den Hang hinab- sausen. Wa« dann? In der Platthütte gab e« viele Bretter zu leihen, zu viele, um sie alle dem ersten nachzuschicken. Winne grübelte und überlegte vor sich hin, aber alle« Nachdenken blieb umsonst. Hätte er doch mit Andrea sprechen können! Er hatte sie bisher immer nur von weitem gesehen...
„Willst du mir helfen oder nicht?“ fragte er Ajack«, al« die Bretter zcim auberumal mit den Schaufeln im Schnee staken. Sie luaren jetzt mit dem Platt auf einer Höhe, nut eine breite Mulde voller Geröll und vereister Feistrümmet trennte sie noch von ihm.
„Dir? Immer, fo gut ich kann.“
„Ach, mir... Willst du zulassen, daß Andrea etwa« geschieht?"
„Ich sagte dir doch, e« geschieht ihr nichts.“
„Ja, ich werde dafür sorgen.“ c
, Hör einmal zu, kleiner Winne“, sagte A,ack« und drückte mit einem Stockteller Sternmiister in den körnigen Schnee. „Wir haben un« mit. einander immer so gut vertragen, Ivie viele Jahre schon, seit der ersten Schulzeit. Und nun diese Andrea. Bor ein paar Tagen muhtest du noch g«, nicht, daß e« sie überhaupt gibt. Morgen fährt sie mit der ganzen Gesellschaft wieder weg. WaS weiter? Was soll dann werden?
Keine Antwort. „
„Sag mal... warst du... warst du schon einmal verliebt?'
Zögern. Ein kleine« Kopsschütteln.
„Ach so!“
„Warum... dachtest du?“
„Mann, und du hast noch kein Wort mit ihr geredet?'
Nein. E« ging nie.“
Ajack« nach einem Schweigen: „Weiht du, wir lassen das Platt, wii steigen zur Fladeralm aus und haben nachher die lange Abfahrt auf bet Schattenfeite, wo der Schnee trocken und fübrig ist."
Sie begannen die Mulde zu queren, und jetzt war e« Ajacks, den schwere Gedanken bedrückten. Muhte sich denn immer Scherz in Ernst verwandeln? Vielleicht lag es noch in feiner Hand, diesem Ernst ein Ende zu machens es war wohl auch an der Zeit dafür.
Winne war weit voran«. Er hatte schon die kräftiger besonnte Seite bet Mulbe erreicht, wo der Harsch körnig und hart war. Al« Ajacks auf die rauhe Eiskruste kam, hörteii seine Bretter auf, ihm zu gehorchen. Falsch gewachst, dachte er ärgerlich und versuchte, ob der Harsch ihn ohne die Schneeschuh« tragen würde. E» mochte gehen. Er schulterte die Latten und zog Winne nach. Jetzt begriff et, wo das ganze dickflüssige Skarewachs geblieben war. Winn- mufite es aufgebraucht haben, kein Wunder, daß fein Vorsprung sich immet mehr vergrößerte. Ajack« begann zu rufen und zu laufen, er brach ein und stürzte; kaum wieder auf den Füßen, glitt er ans und rutschte ein Stüst bergab. Schliehllch sah er den Freund hinter dem Rand der Mulde »et- schwinden.
Mit einem Blick übersah Winne das leuchtende Platt und bte Werte bei gewellten Hanges bis in« Tal. Er sah die vielen Menschen, die Gruppe bet Mädchen und unter ihnen Andrea in ihrem blanweihen Isländer. Er sah, bufi oie Abfahrtstrecke nicht anders abgesteckt worden Ivar. Er kannte diesen Hang. Hie Strecke mußte bei diesem vereisten Schnee anders gelegt werben. Aucb dann war sie noch halsbrecherisch genug. Er sah die Leute an den Aufnahmegeräten, hier und da über die Bergflanke verteilt. Auf dem Plast winkten sie ein Flaggenzeichen. Aus dem Tal, einem winzigen, hüpfenden Farbpnnkt, kam Antwort. Die Mädchen stellten sich auf. Winne tat ein paar | gleitende Schritte, die Lust um ihn her begann zu zischen. Im felben Augenblick löste sich Andrea au« der Mädchengruppe, und nun jagte daS Rubel ihr nach.
Winne ließ e« auf alles ankommen. Die Strecke, schräg znm Hang gelegt, führte anfangs auf ihn zu. So konnte et sie vor Andrea erreichen. Laugfamcr, langsamer! Die Bretter rannten ihm unter den Beinen weg; Köruerharsch, der schollig barst, firner Schnee, gleich darauf blankes Eis, dann Windharsch, der die Füße nach hinten und den Körper üoranriß... aber da kam Andren, sie fchoß dahin, und e« gab kein Wort, das kurz genug war, um von Ihr verstanden zu werden.
Ich muß sie einholen, dachte Winne, ich muß es, um ihr den richtigen Weg und die Wenden zu zeigen, um aus den Brettern, die ihr längst nicht mehr gehorchen, die Fahrt zu bringen. Wieder schpitt er einen Winkel bet Strecke ab, er verschwand zwischen Felsblöcken und tauchte, eine Fahne Pulverschnee hinter sich herziehend, wieder aus, die Stauten seiner Hölzer flatterten übet die Glätte und schrien über Wehen von Graupeln dahin — Andrea! Andrea!
Immer nähet kam da« Mädchen, aber noch war es zu schnell. Als er in einer kleinen Senke griffigem Schnee spürte, setzte er zum Christiania an, und da polterte e« schon wieder unter den Latten; quer zur Fahrt stauben sie, nun war nichts mehr zu ändern, mit allen Gliedern schliss Winne über den härtesten, rauhesten Harsch dahin, Skier, Beine und Stöcke miteinanbri verflochten, den Rucksack im Genick. Etwa« sirrte vorüber, blau und weist, acht Schatten hinterdrein.
Von nun an wußte der Große Junge nicht mehr, was er tat. Wieder fang der Fahrtwind um ihn her. Von nun an war es Fliegen ohne Gewicht, Schnelligkeit ohne Rausch und Wille ohne Besinnung. Er Ivar leicht wie nie, und alle« Gelingen war leicht, es wär ein Spiel, in dem seine Glieder sich leise und schwebend rührten. Vor ihm lief Andrea: er war in ihr, sein Wille lenkte sie, so konnte Ihr nicht« geschehen. Al« fie zwischen den Tannen im steilen Hohlweg verschwand, erlebte er Sekunden entsetzlicher Angst, bi« et sie dann wieder sah und seine Augen sie wieder hielten.
Nein, e« geschah ihr nichts... der Steilhang, die welligen Kessel, bet Hohlweg und endlich das Hineinschießen in die sauste Hemmung de- fladjcrn Auslauf«, ES geschah Andrea nicht«. Sie hielt in einer silbern aufftäubenben Wolke, nnd er glitt an ihr Vorüber. Die Wolke kühlte fein brennendes Gesicht-
Er wendete, immer noch von der Verzaubernng betäubt. Sein Bli<l ging hinauf zu der blendenden Höhe des Grates, über den bet Wind flackernd« Schneefahnen gegen den stählern blauen Himmel trieb, und wieder hinab über die felsnarbigen Hänge der Abfahrt. Da kam noch jemand durch bim Hohlweg und schoß den Auslauf herab, e« war Ajack«; Winne wartete auf ihn, ein wenig traurig, denn die Verzauberung wich. Al« der Freund an dem Mädchen vorüberkam, nickte e« ihm zu, Andrea nickte.
Andrea nickte und zog eine Pfeise hervor, eine Tabakspfeife mit gerliu« migem Kops und geschwungenem Stiel, fie stopfte Tabak hinein und »tim bete ihn an mit einem Feuerzeug und gegen den Wind, was an Damen noch.niemals gesehen worden ist. Und bann, bann nahm sie die Kappe ab- feit wann trug Andrea geschorene« Haar?
nt®n wenig abseits, dicht vor der Reihe der Zuschauer, stand eine Sch-'- Mädchen. Unter ihnen Andrea. Sie wat dünn und fror. Alle die nett« hmgen Kerle au« dem Dorf rauchten au« ihren Pfeifen.
Betontwottlich: Dr. Han« Thyriot. - Druck und Verlag: Brühlsche Universitätsdruckerei R. Lange, Gießen.


