Der gestrichene Gcheffel.
Von August Kopisch.
„O weh, o weh, ich armer Manul Ich hab kein Geld, was sang ich an? Und kann ich's nicht erschwingen, So mog’s der Teufel bringen!" — Da kam der Teusel, bot dem Mann Von Gold einen ganzen Schesfel a», Gehaust, und sprach mit Tücke: „Gib ihn im Jahr zurücke!
Du kriegst das Mast gehäuselt, Man«, Gestrichen nehm ich's wieder an." — Er denkt, das must versiihrcn, Er mirb's verjubilieren!
„Gern nehm ich's", sprach daraus der Mann — Und schrieb am Pakt — „doch sag mir an: Darf ich bir's dann nur eben. Nicht eher wicdergeben?"
„Auch eherl Ja, mein lieber Mannl" — „Gut, schön! so nimm es jetzo an: 3d) hab es abgestrichen;
So ist dos all verglichen!" —
Noch beut der Teusel unserm Mann Krumm, dumm und stumm den Schesfel an, Doch der sagt frisch und heiter: „Ich dank, ich brauch' nichts weiter!" Sejt-dieser Zeit sieht seinen Mann Der Teufel sich viel besser an!
Gar raffiniert im Takle Sind jetzt Kontrakt unb Pakte.
Oer rettende tirnflel
Von E. A. Greeven.
toeit ein paar Jahren lebt das Ehepaar Thomsen wieder in Deutschen!». Gor nicht weit von mir, nur drei Strasten entfernt, lo dast wir uns ie()l häufiger sehen als damals vor Thomsens plötzlichem Aufbruch in die Schweiz. Für einen tüchtigen Maschineningenieur gibt es jetzt wieder >enug zu tun bei uns, und Fritz Thomsen braucht nidjt mehr zu befürchten, nod» einmal stellungslos zu werde» wie im Frühjahr 1931, kurz nachdem tr Sie kleine Hanna geheiratet hatte, die weitläufig mit mir verwandt mit überhaupt ein nettes Mädchen ist.
An einem Donnerstagabend hatten wir noch ganz vergnügt zu britt bei Thomsens zufammengesesse» unb Pläne geschmiedet, bie um ein Lochenendhüuschen kreisten. Unb vierunbzwanzig Stunden später kam $rlu mit ber Bvtfchast nach Haus, bast ihm gekündigt worben sei, weil mangels Beschästiguug nbgebaut werben müsse. Die Aussicht, anderwärts Mrzukommen, war damals so gut wie nicht vorhanden, unb ihre Erspnr- itilfc gingen rasch zur Neige. Jedesmal, men» ich Fritz und Hanna besuchte, teile sich irgendein Möbelstück, von ber Standuhr bis zum Klavier, aus iislrete Wauderschast begeben. So was zählt bei gefunben, jungen Leuten jwer noch nicht als Tragik, aber es erhöht and) nicht gernbe bie Behag- Weit bes Levens.
Da traf id) eines Tages Hanna auf ber Strotze; halb freubifl unb halb Mummen erzählte sie mir, batz Fritz soeben ein Angebot aus ber Schweiz tetommen habe unb wohl schon Ende ber Woche (eine neue Stellung in Üec Maschinenfabrik von Oehri und Zuppinger antreleii würde. Ich gratulierte, denn die Firma war mir dem Namen nach als angesehen und We bekannt. „Freust du dich, nach Rorschad) zu kommen?" fragte ich .ljoima. Sie machte ein verlegenes Gesicht und wollte zunächst nicht mit Üer Sprache heraus.
„Fritz fährt allein Die Leute suchen nämlich einen unverheirateten .Jnjenieur, weiht du. Wir hielten es für besser, Ihnen nichts davon zu |agtn, datz Fritz verheiratet ist."
Ich bat sie, Fritz zu grüsten, falls ich ihn vor seiner Abreise nicht mehr lehr» sollte, und wünschte ihm alles Gute, obwohl mir bei der Geschichte nicht recht wohl zumute war. •
„Unb was machst du?" Hanna zuckte bie Achseln und lächelte ein bißchen Mhmütig. In meinen Gedanken sah ich, wieder einmal, eine glücklich begonnene Ehe durch das leidige Geld in bie Brüche gehen. Unterwegs fiel Mir ein, dast Fritz gelegentlich mal erzählt hatte, sein Vater sei mit dem eilen Zuppinger auf dem Polytechnikum befreundet gewesen. Daher also t»it Verbindung, dachte ich — aber sie mustte recht lose sein, denn Vater Thomsen war schon in jungen Jahren gestorben. Und daß Hannas Existenz I» ganz einfach unterschlagen und in ein Nebelwölkchen aufgelöst werden tonnte, sprach auch nicht für eine nähere Bekanntschaft zwischen den $«imllen.
Dann hörte ich geraume Zeit nichts mehr von dem Ehepaar Thomsen. •6» kam kein Brief aus Rorschach, die kleine Hanna war wie vom Erdboden »estchwunden, und an den Fenstern ihrer Wohnung klebten weihe Zettel, 'M sie „per sofort" zu vermieten sei. Ich erkundigte mich bei gemeinsamen Smoanbten, aber sie wußten nicht mehr als ich. Nach Jahressrist ungefähr Wuptete eine Tante, deren Aussagen niemals historischen Duellenroert Hessen hatten, daß Hanna einem älteren Herrn in Dresden den Hans- IW führe.
Ja — so war das in jenen vergangenen Tagen, und nun fitzt das ühevaar Thomson wieder in Deutschland, gar nicht weit von mir, nur 3r»i Straßen entfernt, und ber ältere Herr in Dresden scheint wieder ein- ml eine Gefchichtssälschung meiner Tante Friederike gewesen zu fein. ■®as allerdings in Rorschach geschehen ist, und wie es dem Ehemanns !$rif) als „Junggeselle" dort erging, das habe ich erst gestern abend
erfahren. Wir faßen in Thomsens hübscher Wohnung, wo rot eher eine Standuhr bie Zeit mit Domierschlägen verkündet unb ein Flügel auf »och ungeborene Genies wartet, und ein guter Wein löste allmählich des Ehemannes Zunge, al» Hanna mit dem Ausruf: „Wenn id) noch an den Weihnachtsabend in Norfcl)ach denke!" das Signal zu Geständnisse« gegeben hatte.
„Heute kann id) cs dir ja sagen", Hub Fritz an, „dast damals eine schwere Zeit für uns war und dast sie in mancher Beziehung bürd; das Verschweigen unserer Heirat am allerfchwersten wurde. Aber was sollte«» »vir in unserer trostlosen Lage machen? Dursten wir die einzig« Chance, die |id) uns bot, abweisen? Es wurde mir verdammt schwer, damals Hanna zurückzulassen."
„Na, na", machte Hanna und löd-elte ein bißchen spöttisch, „das sagst du heute!"
Fritz nahm einen überzeugten Schluck, gleichsam zur Bekräftigung seiner Worte: „Doch, es war so, und bas Gefühl, ben alten Herrn Zuppinger zu belügen, machte die Situation wahrhaftig nid)f angenehmer. Aber, wie gefügt, verhungern wäre auch nicht fdiön gewesen. Der alle Zuppinger, fo ein richtiger, ehrenfester Eidgenosse mit einer Portio«) Bauernfchläue, nahm mich schon am Bahnhof in Empfang, und ich must sagen: herzlicher bin ich niemals in einer Stellung empfangen worben. Gearbeitet würbe beim alten Zuppinger, dast es nur fo dampfte, da hätte sogar Henry Forb noch) roas lernen können. Aber das machte mir nichts, ich war heilfroh, endlich wieder Arbeit zu haben. Id) merkte, dast ber Alte meine Arbeit scharf unter die Lupe nahm und mid) mal hier und mal dort einfetzte, wo ihm irgenbetmas verbesserungsbedürftig zu Jein schien. Nach kurzer Zeit schon kamen Bemerkungen von den Herren Kollegen, dast ber Alte anfcheinend besondere '2lbfid)te«i mit mir habe Er lud mich auch des Öfteren in fein Hans ein, wo ich feine Frau und bie beiden Töchter kennenlernte."
„Hört, hört!" ladjtc Hanna unb nickte mir uieljagenb zu.
„Von der Frau des Hanfes ist nicht viel zu sagen. Ich glaube, sie war in ihren Gedanken immer damit beschäftigt, Wäsche zu zahlen. Die ältere Tochter war verlobt mit einem Rohseideuhiiiidler aus Zürich, aber die jüngere — die war noch nicht verlobt! Söhne hatten Zuppinger» nicht, was den Alten wegen der Fabrik rourmte. Siehst du, id) bin in solchen Dingen etwas schwer von Begrisf."
„Wie bie meisten Männer; tröste bid), Fritzchen", sagte Hanna.
„Aber nad) zwei Monaten wurde es sogar mir klar, warum der Alle einen unverheirateten Ingenieur gesucht hatte. Und bie ehemalige Bekanntschaft mit meinem Vater mochte wohl aud; ein bißchen mitgefpielt haben. Es ist nie deutlich ausgesprochen worden, aber ein blindes Pferd konnte es mit dem Spazierftock merken: id« sollte Veronika heiraten. Da fast ich nun — verheiratet und gleichzeitig aus dem besten Wege zur Verlobung. An und für sich, verstehst du, unter andern Umständen, wenn ich nidjt schon mit Hanna.—"
„Ist es nicht gemein, wie dieses Scheusal von Mann meine Existenz bereut hat", unterbrach ihn Hanna — „kaum drei Monate meiner lieben Brust entwöhnt!"
„Schweig, holdes Weib!" bornierte Fritz, „ich sagte klar und beutlid): unter andern Umständen. Zugegeben, dast Veronika ein kluges und |t)«n<- pathisches Mädchen war, man konnte sie sogar ohne Uebertreibung hübsd) nennen, wenn Hanna aud) hundertmal die Nase kraus zieht, weil Vero- <nika ein paar Gramm mehr wog als ..
„Wenn du das Schlachlrost von Heinrid) dem Löwen kennst, |o weißt du Bescheid", bemerkte Hanna trocken unb sah mid) blitzend und schelmisch an.
„Jedenfalls", fuhr Fritz unbeirrt fort, „wurde bie Sache für mid) sehr ungemütlich. Kein Mensd) begriff mein Zögern, bie Kollegen schüttelten den Kaps ob meiner Dummheit unb in der Pension, wo id) wohnte, im „Chalet Erica", schloß man fchon Weiten auf das bevorstehende Ereignis ab. In dieser Not kam mir ein rettender Gedanke!"
„Das ist eine echt männliche und lächerliche Anmaßung", fiel Hanna ein; „den Gedanken hatte ich, wenn du gütigst gestattest, weil ich nämlich dein Malheur längst vorausgeahnt hatte."
Da fetzte Fritz fid) würdevoll in Positur unb hob roarnenb den Zeigesinger: „Bitte, [oll id) vielleicht hier erzählen, weshalb bu es plötzlich |o eilig hattest, Dresden zu verlassen?!"
„Meinetwegen", maulte Hanna. „Es ist doch nicht meine Schult», dast ber ältere Herr in meiner Gegenwart immer jünger wurde."
„Sage lieber, durch deine Gegenwart. Wer Schuld hat, wenn Männer eines schönen Tages wild werden, wollen wir hier nicht erörtern. Jedenfalls beschlossen wir, daß Hanna so schnell als irgend möglich nach Ror- schach kommen müsse und sich im „Chalet Erica" einquartieren solle, aber «ich! als Frau Thomsen, sondern unter ihrem Mädchennamen, als Fräulein Hanna Rückert. Damals nahm man es in kleinen Orten noch nicht so streng mit den Anmeldungen."
„Jawohl", nickte Hanna, „mir wurde bie angenehme Ausgabe zuteil, mit meinem eigenen Mann aus Tob unb Leben zu flirten und meinen guten Ruf in Grunb unb »oben zu ruinieren, nur damit dieser Familien- täuscher aus (einem Lügengewebe herauskäme!"
„Hanna, haben wir uns nicht beide gefreut, als du kamst? wogte Fritz in sanftestem Tone zu bemerken. „Weißt bu noch, wie du in dem lachssarbenen..." _ _
„Keine Indiskretionen, bitte!" unterbrach ihn Hanna. „Heitere Zustände traf ich in Rorschach an. Es war kurz vor Weihnachten, Fritz natürlich windelweich wie alle Sünder, die kein Talent dazu haben, und das ganze „Chalet Erica" von der Besitzerin bis zur Köchin, in stünd- licher Erwartung feinex Verlobungsexplosion. Täglich Anspielungen von allen Seiten, alle drei Tage eine Einladung aus der Villa Zuppinger, zweimal wurde eine fette Gans in bie Pension geschickt..."
„Die du dir vorzüglich host schmecke,, lassen", (chmunzelie Sriji
„'Meinst bu vielleicht, eine Frau bekäme keinen Hunger, wenn sie von morgens bis abends die Komödie einer versiihrerifchen Circe spielen must, die fid) einen angeblichen Junggefellen erobert? Wo ich doch von Dresden her so genug von allen Mannern hatte."


