gesetzt, Dragoner, Jäger, Hnsaren, Kürassiere und wildblickende, kampf- hungrige Spahis.
Eine Breite von 500 bis 600 Metern, das ist die ganze Angriffsfront eines jeden der kriegsmäßig aufgefüllten Regimenter. Spielraum oder tote Punkte zwischen den einzelnen Schützenwellen gibt es nicht. Nirgendwo eine Lücke, in die sich ein deutscher Stoßtrupp mit seinem Maschinengewehr schieben könnte. Kein Trichter, kein Sappenkopf, kein Unterstand bleibt undurchsucht, unberücksichtigt. Die Armee Rivelle leistet gründliche Arbeit. Und von hinten naht Duchesne mit seinen Verfolgungstruppen. Sie marschieren planmäßig und rasch, die Truppen Duchesnes, und gelangen sehr schnell nach vorne in den Bereich der Front, dorthin, wo nun längst französische Etappe sein soll. Aber nein, hier toben ja immer noch die Maschinengewehre, hier krachen die Handgranaten, hier spritzen die Gewehrgranaten, hier singt der Tod sein schauerlich Lied. Hier ist's furchtbar.
Meldungen schwirren nach hinten. Die vordersten Batterien der Verfolgungsarmee Duchesne sind in die zweite und dritte Angriffswelle geraten. Was nun? Es muß auf der Stelle getreten werden. Man müßte sogar, um diese Zusammenballung von Truppenmassen zu verhindern, wieder kehrtmachen, die Batterien und Regimenter zurücknehmen in den Schutz von Wäldern und Dörfern. Man muß auf jeden Fall die bereits vorreitende Kavallerie aufhalten. Halt, um alles in der Welt haltet ein, ihr Verderbengeweihten dort auf stolzen Rossen! Reitet nicht weiter. Da vorne steht der Tod---!
Aber noch haben die Kolonialtcuppen ihr ganzes Können nicht gezeigt. Nach dem Gefechtsplan soll das II. Kolonial-Korps die Straße zwischen Craonne und Vauclaire auf etwa fünf Kilometer Frontbreite durchstoße», um den geraden Weg auf Laon frei zu machen. In der Mitte dieser Angriffs- sront liegt die Hurtebise-Ferme. Um den Besitz des Damenweges auf dieser Höhe, mit der Hurtebise-Ferme als erstem Ziel, geht der Riesenkampf.
Zur „Stunde H" sind die Schwarzen des grimmen Mangin aus ihren Gräben geklettert, um schnell hinüberzueilen, um Besitz von den völlig zertrümmerten und erschütterten Stellungen der Deutschen zu ergreifen, von jenen erbärmlichen Löchern, in denen nicht ein Mensch, nicht eine Ratte mehr leben konnte, so urweltlich war das Trommelfeuer.
Es ist eisigkalt an diesem Morgen, doppelt kalt für die Senegalneger. Ihre Hände sind klamm und können die Gewehre kaum noch halten. Aber zwischen den gefletschten Zähnen tragen die Schwarzen das breite, blanke, scharfgeschliffene Faschinenmesser. So rennen sie gegen die deutschen Stellungen an der Hurtebise-Ferme, drängen durch wie ein Prellblock, kommen bis 400 Meter tief in das deutsche Grabensystem und dann---dann
krachen deutsche Maschinengewehre, Gewehte und Handgranaten.
Aus jedem Trichter, aus jeder Lücke, hinter jedem Baumstumpf hervor blitzt und kracht es in den vorrückenden schwarzen Menschenhaufen. Sperrfeuerraketen zischen hoch. Die Spitzgeschosse surren, peitschen und wühlen sich in die blauschwarze Angriffsmasse.
Zuerst fallen die Offiziere. Die führerlosen Kompanien der Senegalneger schieben sich im Laufschritt nach rechts auf Craonne zu. Dort soll die deutsche Front durchbrochen sein. Irgendwer hat es ihnen zugerufen, irgendeine Schlachtfeldparole, aufgekommen im Augenblick der Verzweiflung. Die von unseren Schüssen gepeitschten und gehetzten Farbigen suchen einen Ausweg. Nur weg, nur raus aus dieser Hölle! Nur nicht mehr dieses Johlen, Zischen und Pfeifen und Knattern der deutschen Geschosse, nicht mehr das satanische Krachen der deutschen Handgranaten!
Aber siehe, vor Craonne rennen die vorrückenden Schivarzen gegen eine neue, wenn auch dünne feldgraue Menschenmauer. Und auch hier belfern die Maschinengewehre. Auch hier krachen die Handgranaten. Wieder schnell zurück zur Hurtebise-Ferme!
Der deutsche Widerstand hat sich inzwischen dort noch verstärkt. Die Feldgrauen entladen ihre ganze Wut nun auf die anrückenden Soldaten des grimmen Mangin, jagen sie vor den Stellungen entlang hinüber nach Vauclaire. Aber auch dort ist kein Durchgang. Auch dort ist nur Tod und Verderben. Mehr als eine Stunde lang laufen ganze Regimenter irrsinnig im deutschen Feuer hin und her, wie Tiere, die man in einen Talkessel gehetzt und nun zusammenpeitscht, zusammenschießt. Und da bricht die nervenzerreißende Panik aus.
Mit ihrem unverfälschten Urinstinkt haben die halbwilden Soldaten endlich die einzige noch freie Lücke in dieseni Kessel von Tod und Verderben xrspäht. Und diese Lücke liegt im Rücken, liegt dort, wo man herkam, Ivo man um 6 Uhr in der Frühe siegesbewußt aufbrach, geführt von weißen Offizieren, die einen Angriff gegen die verhaßten Deutschen als harmlosen Spaziergang bezeichnet hatten.
„Zurück in die Stellung, zurück!" schreit einer der Schwarzen.
„Zurück in die Stellung, zurück!" antworten hundert, grölen tausend. Zwischen Craonne und Vauclaire und in den hartumstrittenen Gräben der Hurtebise-Ferme, wo ohne Unterbrechung die Handgranaten krachen, hebt eine wilde Uucht an.
sieheiierZamilienWtter
Unterhaltungsbeilage zum Siebener Anzeiger
Jahrgang 1(959 Montag, den 24. Juli Nummer 56
Eine Armee meutert
SGHICKSALSTAGE FRANKREICHS 1917
Ein Bericht üon p. 6. Ettighoffec
Copyright b y Bertelsmann Gütersloh
11. Fortsetzung.
Ja, was hat bas zu bedeuten, warum sind sie nicht vormarschiert? Warum? Weil die vordersten Wellen auch nicht planmäßig vorwärts- kamen. Die vorderste Linie, die erste Angriffsmauer, kämpft uoch immer drüben im Bereich der deutschen Schützenschleier, dort, wo vor zehn Tagen noch ein tiefer Graben das Gelände durchzog. Heute aber befindet sich dort nur ein totes, leeres Trichtergebiet. Ja, warum und weshalb und durch wen? Was ist geschehen? Was geschieht noch weiter, von Minute zu Minute. Quälend rasch rinnt die Zeit, und die kostbaren Viertelstunden des Vormarsches verfliegen ungenutzt. Was wird sein? — Was---?!
Um 6 Uhr 30 bekommt General Nivelle die ersten Meldungen aus der vordersten Linie. „Die Poilus sind überall in die deutschen Stellungen gedrungen. Erbitterte Nahkümpfe zwischen den beiden Infanterien sind int Gange", lauten diese erfreulichen Nachrichten.
Gut, alles planmäßig, alles so, wie es sein muß. „Geueral Durchbruch" ist zufrieden. Die französischen Regimenter werden mit dieser deutschen Kampflinie, mit diesen zahlreichen Sappenköpfen, Verbindungsstücken und Naturhöhlen schon fertig worden. Ein Katz- und Mausspiel, weiter nichts. Den greifbaren Erfolg, etwas, das in die Tiefe geht, wird man erst um 7 Uhr feststellen können. Und bis dahin ist ja auch Duchesne mit seiner Kavallerie unterwegs. Um 7 Uhr 15, spätestens um 7 Uhr 30, so schätzt Nivelle, werden die fünf Kavallerie-Divisionen antraben nud spätestens um 8 Uhr den Damenweg überritten haben.
Und dann — — —
„General Duchesne soll sofort das Ueberreiten des Damenweges melden. General Duchesne soll rücksichtslos angreifen, so wie es allgemein im strategischen Befehl und besonders für die Berfolgnngsarmee vorgesehen ist."
Nivelle spricht's und wendet sich wieder seinen Karten zu. Noch stehen die Hauptmeldungen aus, noch weiß er nicht, was die Armee Mangin vollbracht und welch blutige Arbeit die Schwarzen inzwischen wohl geleistet haben. Ja, was mag sich da vorne abspielen, da auf den Höhen der nebelfernen Front, deren Brodeln und Toben nur schwach durch einen dichter werdenden Schneefall und eilten weißen- Flockentanz bis ins ferne Hauptquartier des Oberbefehlshabers bringen? Kein Zweifel, Mangin Packt in diesem Augenblick hart zu. Er hat sich Laon in den sturen Schädel gesetzt, dieser hartnäckige Lothringer, wie er sich int Herbst 1916 auf den Douanmont verschwor. Er hat den Perg damals geholt; er wird diesmal auch Laon pflücken. Ja, das wird er, bet grimme Mangin.
Unb was geschieht um biese Stunbe an ber nebelfernen Front? Was geschieht wirklich, nüchtern, blutig unb ohne Beschönigung?
Um 6 Uhr hat sich bie Mauer in Bewegung gesetzt, dicht hinter der Feuerwalze.
Um 6 Uhr 15 sind die deutschen Schützenschleier erreicht, überrumpelt unb mebergetrampelt.
Um 6 Uhr 30 ist auf ber ganzen breiten Front ein erbitterter Nahkampf entbrannt in ber beutschett Hauptlinie.
Und eine Viertelstunbe später, um 6 Uhr 45, schieben sich unaufhaltsam die französischen Reserven in breiten Wellen nach vorne.
Vergebens! Um 7 Uhr ist bie Schlacht verloren---!
Jawohl, bie Schlacht ist um 7 Uhr verloren!
Herr General Nivelle, Herr „General Durchbruch", Ihre Schlacht tst verloren! Hören Sie — — verloren! Es hat keinen Zweck mehr, zu hoffen. Hier an biefer Mauer von Willen unb Disziplin, an bet feldgrauen Front zerschellt jede Tapferkeit. Und jeder weitere Angriffsversuch ist zwecklos!
Inzwischen aber reiten die Kavallerie-Divisionen des Generals Duchesne in bie planmäßige Verfolgungsschlacht. Zwanzigtausend Menschen und Pferde bilden eine erste und gewaltige Welle. Dragoner, Kürassiere, Husaren sind's und auch Spahis mit wildslatternden Burnussen. Dahinter die Regt- menter der berittenen Jäger, deren Handpfetde Maschinengewehre unb leid)te Minenwerfet am Sattel mit sich schleppen. Und dazwischen die leichten Tanks, dann die schweren Tanks, deren Schuppenrädet fast kmettef den aufgeweichten Boden nmwühleit.
Die Verfolgungsatmee marschiert, so wie General Nivelle es will. Duchesne wird sofort das Ueberreiten des Damenweges melden. Eine Kleinigkeit, dieser Ritt gegen den Feind, weil man mit der vorgeschriebenen Brutalität, Rücksichtslosigkeit und Geschwindigkeit Vorgehen wird. Zwanzig- tausend Reiter ber vorbersten Verfolgungswelle haben sich in Bewegung


