werden in Feindesland, weil wir uns ganz wie Kinder darauf freuen wieUeider schon lange nimmer. Hier ist einem die Friedensbotschaft recht lieb und in ihrer Grütze verständlich. Der Schrecken der Schlacht hat mein hartes Herz nicht erschüttern können. Ich bin blotz kaltblütig und gleichgültig gegen Gefahren geworden. Früher betete ich: ,Herr, erschüttere mich datz ich dich erkenne!' Aber nun geht's mir wie dem Propheten, daß Gott sich mir in stillem, sanftem Sausen kundtut. Es ist etwas Wunderbares und viel größer als die Schlachtenstürme, als der Kampfesmut der Krieger diese Liebe, die wir hier im Felde erfahren dürfen."
■ »Den Heiligen Abend", schrieb ein anderer 1915, „verbrachten wir in der Feuerstellung, jeden Augenblick gewärtig eines Angriffs. Ich war dazu noch Wachthabender, und nie vergesse ich den Zauber dieser Nacht auf der unermeßlich weiten Ebene im Scheine des Mondes. Viele Gedanken kamen einem da und kreuzten sich mit den Gedanken all der Lieben, die in dieser Nacht an uns dachten. Schwarz und drohend lagen
, die Geschütze. Aus einem beleuchteten Unterstand klang es trotzig: ,Ein' feste Burg ist unser Gott.' Das war unsere Weihnacht. Mit dem Feinde Äug' in Äug'. Die Feiertage verbrachten wir in der Stellung. Gestern war Rasttag, und heute sind wir schon wieder in der Stellung. Erst deuchte mich Weihnachten Hohn und Spott: .Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen!' Aber freilich, es ist der Friede des Herzens gemeint, und den haben mir; wenn's auch in diesen Tagen das Gemüt mehr als sonst nach der Heimat zog, immer wieder sagten wir uns: wofür wir hier kämpfen und entbehren, es ist die Gesamtheit, es ist gut, daß wir hier liegen; und wenn wir fallen, so ist's unsere schönste Vollendung. Das bringt den Frieden mit sich selbst."
Im Jahre 1811, also noch in trüber, schwerer Zeit, dichtete Ernst Moritz Arndt sein — seitdem wohl ungezählte Male unter dem Weihnachtsbaum gesprochenes — „Gebet eines kleinen Knaben an den heiligen Christ". Wer aufmerksam in die Verse hineinhorcht („ ... damit wir sollen weiß und rein ... damit wir sollen himmlisch sein ... o bade mir die Seele hell in deinem reichen Himmelsquell ... o mache mir den Busen rein .. !"), der muß ja svüren, daß hier Unkindliches ausgesagt wird. Es kommt uns vor — und das ist eine rührend-schöne Vorstellung — als stünde oder kniete im Lichterglanz hinter dem kleinen Sprecher ein erwachsener, von Leben und Lcbensnot geprüfter Mensch, halte seine Arme um den kleinen Leib, falte seine Hände über den Händchen und bringe das Anliegen seiner
. Seele durch das geliebte Kind vor Gottes Ohr
Weibnachtsfrübe.
Von Hans Friedrich Blunck.
So still der weiße Wald vor meinem Fenster Und ohne Wind der dunkle Tann im Norden; Es ist, als sei er müd der Heimlichkeit Des heil'gen Fests, das ihm zur Nacht geworden. Als hält' nicht nur in unfern Hellen Kammern, Als hält' im Walde auch viel Licht gegeistert Und alle Tiere, alle Bäume ruhten
Und fei’n noch müd, vom Schlummer mild gemeistert.
Und glaubten kaum dem neuen Tag, dem Glanz, Der aus der Höhe steigt, da Wald und Auen Noch von der Feier träumen — lächelnd schweigen Und viele Lichtlein ihrer Liebe schauen.
Der aold-ne Apfel.
Bon Annemarie von Puttkamer.
Bevor der junge Buchhändler Friedrich Perthes am Weihnachtstage des Jahres 1796 seinen Laden abschloß, warf er noch einen letzten . liebevollen Blick zurück auf seine Schätze, die da sauber aufgereiht standen in den hübschen Bänden, in denen er sie alle, zum größeren Anreiz der Käufer, hatte binden lassen. Ja, das Geschäft konnte sick> sehen lassen! Aber es lohnte auch alle Mühe, die er daraus verwandte. Zur Michaelis- Messe, vielleicht schon zu Ostern, konnte er seine Schulden abzahlen.
Der junge Mann konnte ein Gefühl überlegener Zufriedenheit nicht unterdrücken, als er jetzt auf die schon völlig nachtdunkle Straße hinaustrat. Hatten nicht alle den Kopf geschüttelt, als er vor einem halben Jahr, ohne einen Taler eigenes Kapital, aber mit dem ganzen unbekümmerten . Mut seiner 24 Jahre, hier in Hamburg eine Sortiments buchhandlung eröffnete! Oh, er wußte, was er tat und was er wollte! Wie viele große Gedanken wurden jedes Jahr in Deutschland gedacht, wie viele herrliche Werke geschrieben! Was nützte das aber, wenn das breite Publikum sie nicht las, sondern sich stattdessen an schmutzigen und seichten Romanen ergötzte! Der Buchhändler war der Mann, der die Werke der Dichter und Philosophen unter das Volk bringen mußte, ein getreuer Diener des Geistes. Der Geist brauchte solche Diener. Spielte doch auch der größte Orgelspieler vergeblich, wenn der Bälgetreter fehlte!
Unter diesen Gedanken hatte Perthes die noch recht belebten Straßen der Stadt verlassen und war aus die einsame Landstraße hinausgelangt. Cs lag nur spärlicher Schnee, aber dieser war festgefroren und knirschte unter den Schritten. Droben sunkelten die Sterne am Winterhimmel in. unwahrscheinlicher Pracht. Der Wanderer schritt rüstig aus. Es war em tüchtiger Fußmarsch bis Wandsbeck, wohin fein väterlicher Freund I a - t o b i ihn eingeladen hatte, um den Weihnachtsabend mit ihm und einigen Freunden zu feiern. Den Tag, als dieser verehrte Mann zum ttftenmal seinen Laden betreten hatte, rechnete er zu den glucknchsten seines Lebens. Jacobi hatte ihn gelehrt, daß nicht der Verstand das Höchste vollbringt, sondern allein das Gefühl, er hatte ihn gelehrt. Den Impulsen dieses Gefühls, das er bisher immer unter Kontrolle gehalten hatte, zu »«■trauen und nachzugeben. Durch Jacobi roar er auch m den Kreis dedeutender Menschen gekommen, die in Hamburg oder Wandsbeck oder Mtreut im Holsteiner Land lebten. . , .
.. Da roar Claudius zum Beispiel, der „W a_niD s b e cf e r ® ot e , Ml en Haus dort fast am Eingang des reinlichen Ortes auftauchte, aber
heute stumm in Dunkel gehüllt lag, -in Beweis dafür, daß «r mit keiner ganzen Familie sich heute ebenfalls bei Jacobi im „Schlößchen" befand Eine seltsame Freundschaft zwischen den beiden Männern! Der reiche weltgewandte Kaufmann und Philosoph, der edle Menschenfreund, der sicy ausschließlich von dem Gefühl in seiner eigenen Brust leiten ließ, und der blutarme fröhliche Dichter, der fast ganz im Kreise seiner eigenen v<mutte aufging, dem aber auch das menschliche Herz noch ein unsicheres und schwankendes Ding schien, und der nur auf eine Sache in der Welt baute: auf Gottes Offenbarung und auf die göttliche Erlösung.
Nun stand Perthes vor dem Schlößchen, aus dessen Fenstern trauter Lampenschimmer in die Winternacht fiel. Der Diener wies ihn sofort in einen Raum, in Dem schon eine große Anzahl Gäste Derfammelt waren. Da saß Vater Klop stock behäbig im Sessel und blickte lächelnd auf das junge Volk rings um sich. Da war der Graf Friedrich Leopold von S t o I- b er g .voll edlen Feuers, und fein Bruder Christian. Da war in hoheits. voller Lieblichkeit Frau Rebekka Claudius, die Gatttn des „Boten" und Mutter der zahlreichen Kinder, die sie umgaben, von der zweiundzwanzig- lahrigen Caroline bis zum jüngsten Buben. Der Hausherr und Claudius fehlten. Sie seien nebenan im Festsaal, wurde Perthes mit geheimnis. voller Miene bedeutet. Nun erst erinnerte er sich, daß ihm Jacobi für heute abend eine ganz besondere Uederraschung versprochen hatte Ja, eigentlich erinnerte er sich setzt erst recht, daß heute Weihnachtsabend sei.
Um sich zu sammeln, trat er in das anstoßende kleine Gemach. Dieses aber hatte sich schon jemand aus dem Menschengewühl als einsame Zuflucht erwählt — Caroline. Ungewiß, ob er sich zurückziehen sollte, zögerte er auf der Schwelle. Sie schaute ihn ruhig und freundlich an, und mit dem Strahl dieses Auges fühlte er eine unsagbar süße Harmonie, wie er sie nie zuvor gekannt, sein Herz durchdringen.
In diesem Augenblick rief ein silberhelles Glöckchen alle zurück. Gleich darauf öffneten sich die Flügeltüren zum Festsaal. Ein Seufzer der entzückten Ueberraschung ging durch alle Anwesenden, denn drinnen erwartete sie ein feenhafter Anblick: ein Tannenbaum, über und über mit brennenden Kerzen besteckt, mit vergoldeten Aepfeln und Nüssen und Zuckerwerk behangen. Langsam trat die Gesellschaft in den strahlend hellen Saal, selbst die Kinder, auf Deren Gesichtern ein verklärtes Lächeln lag, hielten sich scheu am Rockschoß Der Mutter. Auf dem Tisch unter dem Baum lag für jeden ein Geschenk. Nachdem die erste Bangigkeit überwunden, stürzten die kleinen Mädchen sich mit hellem Jubel aus ihre Puppen, Hans auf sein Pferd, Fritz auf seinen Kasten mit Bauklötzen. Auch die Erwachsenen fanden jedes eine Gabe.
Perthes Blick suchte Caroline. Sie stand mit gefalteten Händen und schaute voll stiller Freude in die Kerzen. Auf einmal begriff der junge Mann, warum ihm im Hause des „Boten" von Anfang an so unaussprechlich wohl gewesen war: um dieses Mädchens willen, dessen natürliche Harmonie und einfach-heitere Bescheidenheit den stillen Adel ihrer Seele einschloh. Um ihretwillen fühlte er sich an diesem Abend so glücklich und gut, wie seit seinen Kindertagen nicht mehr. Gern hätte er ihr eine Gabe dargebracht, die sie vor allen anderen auszeichnete, aber er war mit leeren Händen gekommen. Und war bas Geschenk, das sie erhalten hatte, wirklich so schön, wie sie es verdiente? War nicht das Tüchlein ihrer jüngeren Schwester schöner als Das Nähkästchen, das Caroline in Händen hielt? Wie arm tarn er sich vor, daß er nichts zu bieten hatte, was ihrer wert roar! Sein Auge schweifte umher und blieb an einem Apfel hängen, so schön, so kunstreich vergoldet wie keiner. Der hoch oben in Den Zweigen des Lichterbaumes hing. Und plötzlich, zum Erstaunen der Anwesenden, stieg er auf einen Stuhl, reifte sich auf Die Zehenspitzen, streckte Die Hand aus nach Diesem Apfel, bis er endlich, wenn auch der Baum ein wenig geschwankt hatte, unversehrt in seinen Händen lag» Tief errötend bot er Dem Mädchen die goldene Frucht.
Caroline nahm sie und dankte ihm mit demselben klaren Blick, her ihn schon vor der Bescherung getroffen, in dem aber jetzt eine verhaltene Innigkeit leuchtete. Und wieder fühlte Perthes sich von der gleichen stillen Seligkeit durchströmt. Er wußte nicht, daß fast alle Blicke im Saal auf ihn gerichtet waren. Vater Klopsiock in seinem Sessel schmunzelte zu dem Treiben des jungen Mannes, ihm zur Seite standen in lächelnder Teilnahme Die beiden Brüder Stolberg, hinter dem Weihnachtsbaum hervor spähte listig Jacobi, Carolines jüngere Schwestern Drängten sich wispernd zusammen. Nur die Kinder tollten, unbekümmert um das Tun der Erwachsenen, mit ihren Spielsachen weiter Und noch zwei hatten von allem, was um sie her vorging, nichts bemerkt: Matthias und Rebekka Claudius, das Paar, Das in wenigen Monaten Silberhochzeit feierte und doch noch so kindlich roar wie ihre jüngsten Kinder, Sie standen eng umschlungen und sahen nichts als den Glanz des Weihnachtslichtes, sie vernahmen im Geist die Botschaft der Engel an die Hirten: „Friede -1 Friede auf Erden!"
Maria bei »er Krippe.
Von Hedwig Forst reute r. Tieserschöpst vom langen Wege Sahen sie des Stalles First Und die Engel fangen: „Selig, Der du hier geboren wirst!" Mattes Leuchten roar im Raume, Als Maria nieberfanf Und ihr Blick des Kinbes Liebreiz Froh zum ersten Male trank.
In das Dämmer und Die Stille Brach nun Licht und Ton herein, Von Den hohen Strahlenstufen Klang Das Singen und Schalmein. Doch am tröstlichsten und wärmsten Nach der Wandrung langem Grauen War das fromme Knien Der Hirten Und Der Tiere sanftes Schauen.


