Gießener Zamilienbliitter

________Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgangs Zreitag, den 2«.Oktober ~~ Nummer8l

Herz, wo liegst du im Quartier?

Ein hellerer Roman von Kurt Heynlcke

Copyright by Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart

16. Fortsetzung.

Sie lacht:Nein, das nehme ich nicht ernst! Ich gebe zu, ich habe mich dumm benommen, vielleicht habe ich auch wer weiß welchen Ver­dacht erweckt! Aber für wen soll ich denn Spionage treiben? Ich bin eine Engländerin und Sie können Monsieur Labatut fragen, meine Kälte, die ich seinen patriotischen Sorgen entgegenbrachte, hat ihn manchmal verletzt. Und außerdem', fügt sie stolz hinzu:Ich liebe diesen Mann!"

Und damit stellt sie sich an Kellings Seite: ,Hag doch diesen häß­lichen Traum weg, ich bitte dich! Ihr habt mir jetzt Angst genug ge­macht! Ach was!" Und sie richtete sich wieder auf: ,Zch habe keine Angst!" Und wieder zu Baernburg gewandt:Wie wollen Sie mich bestrafen, daß ich statt der Griselle gefahren bin! Seien Sie überzeugt, schon die Fahrt war eine Strafe!"

Genug", sagt Baernburg,ich habe Befehl vom Oberkommando, Sie dort vorzuführenI"

Sie versteht nicht. Sie kann nicht fassen, was dieser strenge Mann lagt.

Und der Befehl ist nicht etwa nach meinem Bericht ergangen, sondern er beruht zweifellos auf anderen, mir unbekannten, aber be­stimmt sehr schweren Voraussetzungen!"

Unmöglich!" sagt sie mit so tiefem Unglauben und aus so erkennt- tisvoller Ueberraschung, daß Kelling ihr unwillkürlich zunickt.

Baernburg bemerkt es und befiehlt den Ulanen, die Ann gebracht toben, die Gefangene wieder in ihr Zimmer zu führen und sie zu be­wachen.

Kelling und Baernburg sind allein. Baernburg steht auf und legt kelling beide Hände auf die Schultern:E)err Premierleutnant, ich bin älter als Sie. Ich bin auch Ihr Vorgesetzter. Ich befehle nicht. Ich möchte Cie überzeugen!"

Kelling wehrt ab:Ann Moreland hat mir die natürlichsten Er­klärungen ihrer Flucht aus Paris gegeben. Sie hat mir gesagt, wie daurig sie war, daß sie unfreiwillig in Mereville Station machen wußte! Ich fühlte, daß ihr die Fürsorge dieses Labatut peinlich war! Lauter Gründe für einen dummen streich! Alles einleuchtend!" ,Und alles Schwindel", ergänzt Baernburg,bedenken Sie: sie will A ein Gebiet, das von unfern Truppen noch nicht besetzt ist! Will viel- uicht nach England! Ist vielleicht wirklich Engländerin, denn ihre iprachfärbung deutet es an. Kam wirklich von Paris! Wurde scheinbar unfreiwillig in Märeville unterbrochen aber vielleicht auch unabsicht- äch! Ich bitte Sie: welche junge Dame reift allein von Paris in solchen Zeitläuften!"

Sie ist vor einem verliebten Landsmann ausgerissen!"

Hat sie mir auch erzählt! Schwindel! Sie konnte sich doch in Paris Hecken oder über RouenLe Havre fahren, wenn sie schon nach Eng-

wolltel Sehen Sie: von der bösen Seite gesehen, ist auch alles einfach!"

Mein Gott!" sagt Kelling verzweifelt.

Und Sie verfallen ihr auch noch! Sie lieben sie? Ich meine: ich erstehe, nun Sie wissen ja ..."

_Ich liebe sie. Ich will ich wollte nein ich will sie heiraten! Äe sagt, daß sie aus einer ersten englischen Familie stammt. Ihr ?»ter hat enge Beziehungen zum Hofe!" fiebert Kelling heftig. Es ist !|1 banger Unterton in seiner Stimme. Er weiß, es sind armselige Be- Mndungen, mit denen er sein Gefühl verteidigt.

»Nehmen Sie Ihre rosenrote Brille ab, Premierleutnant Kelling. «e wissen nicht, was Ihnen Ihr Gefühl für einen Streich spielt! Setzen

Herz für eine Spionin ein, in einem Augenblick, in dem dieses Herz Uiem der Pflicht gehört, die Spionin unschädlich zu machen!" . Langsam kriecht Ermattung in Kellings Herz, es ist alles in ihm wtnpf, hohl, ausgeleert.

Glaube, Liebe, Pflicht, Lüge, Verrat, Verwirrung: welch eine schmerz- r« Mischung in feiner Brust.Was soll ich tun, Herr Hauptmann?" r°St Kelling.

»Endlich", sagt Baernburg erlöst.Sie reiten ohnedies mit Ihren

Leuten ins Hauptquartier, nehmen Sie also Labatut, Poiporence, die Griselle und Ann Moreland mit! Ein genaues Protokoll schicke ich könn Ni"' mer^en es durch Ihre eigenen Beobachtungen ergänzen Kelling ^s &en ^fehl des Oberkommandos noch einmal sehen?" fragt Baernburg reicht ihm das Papier:Lernen Sie ihn auswendig. Sie ungläubiger Thomas!" *

Der Premierleutnant gibt den Befehl verlegen zurück: dachte

... ein Anhaltspunkt ..."

,,... für die Schuldlosigkeit Ihres Schützlings?" poltert Baernburg. Aein! Herrgott, Kelling Ihre Zweifel spielen mit Ihrer Karriere! Mit Ihrer Ehre als Offizier", fetzt er leise hinzu.

Ich danke Ihnen, Herr Hauptmann!" sagt Kelling.Ich habe ver- jtanoen.

Langsam geht Kelling die Treppe hinauf. Die Füße sind schwer, die Stufen feurige Kohlen. Ein Martergang.

. Aa, wenn er aus ganzem Herzen' in den Verdacht des Hauptmanns elnstimmen konnte!

Warum vermag er es nicht?

Tanzt die Liebe mit der Lüge? Täuscht ihn sein Gefühl, spielt der Teufel auf?

Wenn er nicht gehorcht, ist er verloren. Er muß gehorchen, selbst wenn Baernburgs Verdacht nur ein Gebilde der Phantasie ist.

Ann umschließt seinen Hals:O Hans, was sind das für furchtbare Singe! Wie wirst du dem bösen Mann da unten beibringen, daß ich ungefährlich bin?" 0 w

Er macht sich los:Ann Moreland, ich habe den Auftrag, Sie zu verhaften." 0

Er reißt die Tür auf und ruft die Posten:Auf den Leiterwagen, zu den andern!" v

Sie läßt sich abführen. Sie ist willenlos. Sie sieht nicht fein Ge­sicht- In diesem Gesicht hätte sie auch nichts lesen können.

Kelling sieht aus wie jemand, dem der liebe,@ott den Auftrag ge­geben hat, eine neue Welt zu schaffen, und dem das auch prächtig ge­lungen ist.

Aber diese Welt ist ihm aus der Hand gefallen wie eine dünne Glas­kugel, die den Weihnachtsbaum des Lebens zieren sollte und zersplittert ist in tausend Teile.

In seinem Bett in Paris, einem altertümlichen geschnitzten breiten Himmelbett, das eigentlich nicht in das Hotel in der Rue Lafayette paßt, fliegt Gilbert Jllington auf den Flügeln eines seltsamen Traumes bis an die Sterne.

Er steht in der Gondel eines Luftballons neben dem Luftschiffer Godard. Je höher der Ballon steigt, desto kleiner wird Herr Godard, und als die Gondel mitten unter den Sternen dahinstreicht, ist der Luftschifser verschwunden und Gilbert allein.

Der Ballon fliegt wie durch das himmlische Geäst eines Zauber­baumes, an dem die Sterne als Millionen silberne Aepfel hängen. Als Gilbert so dahinschwebt, überkommt ihn das Verlangen, einen Stern zu greifen, aber muß ihn gleich fallen lassen, so glühend ist er.

Der Stern trifft in rasendem Fall auf die Erde, da vergeht er in lauter Licht. Aber die Erde, die vorher im Dunkel gelegen hat, strahlt nun hell auf.'

Da sieht der fliegende Gilbert Frankreich liegen, genau wie es sich Kauf der Landkarte ausnimmt, nut Flüssen, Städten, Dörfern, den jen und der Meeresküste.

Und mitten in Frankreich steht Ann Moreland und winkt herauf.

Aber Gilbert kann sich nicht verständlich machen, der Entfernung wegen nicht und well es ja auch ein Traum ist.

Das Merkwürdige an diesem Traum aber ist, daß Gilbert den Luft­schiffer Godard kennt und daß er früher einmal aus Uebermut, um Aufsehen zu erregen und vor allem, um auf Denise, die feinem heißen Werben noch den Rücken zukehrt, Eindruck zu machen, mit Godard in Paris aufgeftiegen ift

Die erste Fahrt geht ohne (Ereignis vorüber, der Ballon landet glatt am Fuße der Pyrenäen.

Bald daraus erhört Denise den glücklichen Gilbert, nicht aus Be­wunderung, sondern weil ihr Sinn genau wie die Füllung eines Ballons leichter als Lust ist.

Gilbert belächelt heute jene Fahrt oder vielmehr den Anlaß dazu.

Denise ist durch sein Herz gegangen, wie der Wind durch Baum­kronen, die Liebe hat das Herz geschüttelt, aber es hat Gilbert nichts geschadet und ihr auch nicht. Denise ist die glückliche Gattin eines kleinen Beamten in Bordeaux. Sie ist rundlich und sittenstreng geworden und warnt die jungen Mädchen vor Paris, denn nichts biedert sich so leicht in eine brave Ordnung ein, als ein Herz, das von viel Leichtsinn schwer geworden ist.