den mächtigen Eindruck wieder, den der alte Dichter auf die jungen Maler machte:

So mag vieler veicheioene Beitrag zuGoethes Gesprächen' nicht nur dem Goethevcrehrer willkommen sein, sondern auch den Quellenkritiker in seinem Mißtrauen gegen alle aus dem Gedächtnis niedergeschriebenen Erinnerungen bestärken,

Oer Meisterschütze.

Erzählung aus oem Schwarzwald von Eberhard Meckel.

In den riesigen Wäldern, die sich im Schwarzwald vom Talgrund des Zastler steil und unwegsam gegen die Höhe hinziehen, welche den Namen Todter Mann" trägt, liegt gleich vielen anderen Felslrümmern ein mächtiger Granitblock, bemoost und bewachsen: keinem Menschen würde er weiter auffallen, wenn jemand da vorbeikäme. Es kommt aber niemand da vorbei. Aus diesem Block ist an eine Seite, die ziemlich spitz und scharf­kantig ausläuft, eine Kerbe herausgeschlagen, eine halbmondsörmige, faustgroße Ecke sähe dies einer und beachte es überhaupt, könnte er es für eine der gewöhnlichen Verwitterungen halten und sich keine Ge­danken darüber machen. Aber in Wahrheit fuhr da einmal ein Schutz hin und brach die Kante patschend weg: das herausgebrochene Gestein, in einem Stück erhalten, lag siebzig Jahre lang auf dem Arbeitstisch eines Försters, der, sich den Fünsundneunzig nähernd, seit Geraumem im badi­schen Unterland im verdienten Ruhestand lebte und unlängst starb.

Als ganz junger Gehilfe war, wenige Jahre vor Ausbruch des Sieb­ziger Krieges, der Förster nach Oberried, ausgangs des Zastlertales, ins Revier gekommen. Dieses galt damals als ziemlich vernachlässigt, weniger durch Unfähigkeit als durch Alter des Oberförsters, dem man nicht genug Hilfe zur Seite gab, bis es einfach nicht mehr weiterging. Die Bauern fällten, wo sie wollten, und sorgten nicht für Nachwuchs, und vor allem das Wildern nahm so überhand, daß der Wildbestand in dem Gebiet ernsthaft gefährdet schien. Die Holzknechte machten sich einen Spatz daraus, abzuschießen, was ihnen vor den Lauf geriet, und keine Langholzfuhre, die zu Tal knarrte, und die langschäftigen, harzigen Tannen nach Freiburg in den Handel brachte, barg nicht, unter Reisig versteckt, frisch blutendes Wild, das sich unter der Hand in der Stadt zu gutem Geld absetzen ließ.

Da sollte nun derfröhliche Friedrich", wie der neue Forstgehilse wegen seines lustigen Wesens genannt wurde, ein wenig Ordnung schaffen. Freilich, tat er sich ohnedies nicht leicht, weil er aus einer anderen Gegend, aus dem Unterland, stammte und ihn die Wäldler wegen seiner etwas anderen Sprache gern hochnahmen, so verging ihm seine Fröhlichkeit bald wie der Schnee im März: Nacht für Nacht fast nach anstrengenden Tagstreifen war er unterwegs, und als aussichtlos galt sein Unternehmen, dem wildernden Bolk das Handwerk zu legen. Doch am Ende gelang es ihm schließlich, und nach anderthalb Jahren war ziemlich Ruhe im ihm unterstellten Revier.

Nur in einem Falle glückte es ihm nie, Wilderer zu stellen. Konnte er, derfröhliche Friedrich , getrost für einen Teufelskerl und verwegenen Burschen und Draufgänger gelten, dann der andere, dem er nachfetzte, erst rechtl Der entzog sich jeglicher Verfolgung und wußte sich unsichtbar zu machen, wann und wie es ihm beliebte. Er war ein wundervoller Schütze, ein Meisterschütze, und mehrmals hatte sich der junge Förster­gehilfe hinterher, wenn er, wie jedesmal bei dem geheimnisvollen Wild­dieb, zu spät kam, davon überzeuge» können, daß dieser auf Entfernungen traf, wo ein zweiter schon lange nichts mehr sah.

Wer mochte es wohl sein? Vergeblich hörte er sich überall um, wo man von guten Schützen zu erzählen wußte: bei keinem, den er heimlich aus seine Schießkunst prüfte, konnte es sich um den Gesuchten handeln. Bis er eines Tages in seinem Perspektiv, einem ineinanderschiebbaren Fernrohr, das ihm der alte Förster überlassen hatte, und mit dem er zuweilen das Gelände abzusuchen pflegte, einen merkwürdigen Fang tat: Halb zufällig entdeckte er im schweifenden Glase, das ihm die Ferne näher heranzauberte, drüben an einem entlegenen Waldrand die ihm bis zur Unheimlichkeit vertraute Gestalt des meisterlichen Wildschützen; er vermochte zu erkennen, wie dieser langsam in den Anschlag ging und auf ein nicht auszumachendes Ziel hinhielt; dabei war deutlich zu sehen, daß er seine Wildererwaffe nicht zur rechten, sondern bei dieser Ent­deckung stockte demfröhlichen Friedrich" einen Augenblick lang der Herz­schlagzur linken Schulter hob. Der Unbekannte zielte und schoß also links.

Der Schuß, der entfernt heranrollte und sich an den Waldwänden viel­fach brach, die Gestalt, die sich jetzt aus dem Gesichtskreis des Fernrohres schob und hinter Gesträuch verschwand dies alles ließ den Jagdgehilfen unberührt. Zu weit weg war überdies der andere, als daß er ihn hätte erwischen können. Mochte er entkommen! Wichtiger war, daß ungewollt der Meisterschütze ein entscheidendes Kennzeichen verraten hatte, daß er links schoß. Das mußte die Handhabe fein, ihn zu entdecken!

Zum erstenmal wieder seit langer Zeit in alter Fröhlichkeit, beendete Friedrich seinen Reviergang, um unverzüglich Nachforschungen anzustellen nach einem, der das ausgefallene Linksschießen betrieb. Er erkundigte sich selbstverständlich nicht offen, sondern mit äußerster Vorsicht, um den gerissenen Wilddieb nicht vielleicht durch*Zuträger und eingeweihte Mit­telsleute stutzig zu machen und zu warnen freilich, so sehr er auch burrf; Tage und Wochen sich darum bemühte, nirgends ward ihm eine Kunde ober ein Anzeichen dafür, wo der Linksschütze stecken konnte, währenddessen knallte es weiter hier und dort in den Bergen, und manches Reh und mancher Hirsch brachen, von einem linken Äuge gut über Kimme und Korn anvisiert, vorzeitig im Feuer zusammen

lieber alledem wurde derfröhliche Friedrich" bald schwermütig. Er war nahe daran, alle Lust an der Försterei zu verlieren, und gedachte sich wegzumelden. Da kaum ihm auf einmal ein Zufall zu Hilfe: In dem naheaelegenen Kirchgarten feierte man die Kirchweih, und es gab Tanz in allen Wirtschaften, Musik und Budenbetrieb, und da mußte' man als

junger Mensch dabei sein, Und also machte er sich, zwar keineswegs in Festtaune, dorthin auf.

Der Nachmittag verging ihm auch dementiprecyeno ogue bejonoeren Spaß und rechte Freude, und schon wollte er wieder, gelangweilt und auch keinem heiteren Kreise zugesellt, sich gen Oberried Heimwenden, da zog ihn zu guter Letzt noch ein Auflauf von einem Schießzelt an.

Da standen, von einer Menge Schaulustiger umgeben, vier Burschen, ihm flüchtig als Holzfäller bekannt, und schossen um die Wette, luden und schossen, luden und schossen, was das Zeug hielt. Einer von ihnen schien ziemlich ins Hintertreffen zu geraten, denn während vor jedem der anderen drei schon verschiedene Preise in Gestalt von Knackwürsten und kleinen Fläschchen Kirschwasser lagen, blieb sein Platz noch leer. Man sah es ihm an, daß er sich sehr darüber ärgerte, und auch dem Mädchen neben ihm bereitete das gerade keinen Kirchweihspaß.

Da hörte man ihn nach einem weiteren unglücklichen Treffer plötzlich jäh fluchen, und unter dem wütenden Ausruf:Nun will ich euch einmal zeigen, daß der Joggelebub doch schießen kann!" sah Friedrich, von den Umstehenden gut gedeckt, ihn das Gewehr an die Unke Wange anlegen, nun unter dem Staunen der Leute Schuch um Schuß mitten ins Schwarze treffend, so daß er binnen kurzem das halbe Zelt an Preisen ausgeräumt hatte. Dann hielt er plötzlich inne, strich sich, wie, als wollte er eine Unüberlegtheit wegwischen, mit dem Handrücken über die Stirn und blickte sich erschrocken und mißtrauisch zugleich im Kreise der überraschten und bewundernden Zuschauer um.

Aber der, nach dem er wie nach einem unliebsamen Zeugen seiner Schießkunst unbewußt Ausschau hielt erst als er ihn nicht erblickte, beruhigte er sich wieder, der hatte sich bereits unauffällig entfernt und davongemacht. Der junge Forstgehllfe eilte wie mit einem Geheimnis nach Haufe, indem er immer wieder frohlockend vor sich hersagte:Jetzt habe ich ihn, den Wilderer, den Meisterschützen! Der entgeht mir jetzt nicht mehr!" Ja, er hatte ihn jetzt gesehen, den rätselhaften Linksschützen, der ihm die letzten Wochen und Monaten vergällte. Nun wird er ihn sassen, nun wird er ihm das Wildererhandwerk legen für alle Zeiten ... Mit diesem Entschluß betrat er das im sonntäglichen Abendfrieden liegende Forsthaus. ,

Die nächsten Tage, sogar die folgenden zwei Wochen unternahm er nichts anderes als seine gewöhnlichen Reviergänge, um den Joggelebub, den Sohn des in einem nahen Seitentälchen gelegenen Joggelebauern, nicht irgendwie aufmerken zu kaffen, daß er, der Förster, etwas ahne ober wisse.

Insgeheim beobachtete er ihn aber und kundschaftete aus, wie er am besten den Beweis von dessen Wilddiebereien erbrächte, denn ohne einen solchen Beweis war gegen ihn nichts auszurichten. Und da eines Tages war ihm das Glück günstig; er hatte sich dem Meisterschützen nachgeschlichen, alle seine Deckungen mitbenutzt und Pirschkniffe auf verbotenen Schleich- pfaden nachgemacht und ihn im wildernden Schuß auf der Tat ertappt und gestellt eine Sekunde zu früh! Denn es gelang dem Wildschützen, noch eben schnell hinter einen Felsen zu springen, und Friedrich muhte nun seinerseits selbst sehen, wie er selbst in Sicherheit kam, denn dem anderen war alles zuzutrauen.

So lagen sich die beiden auf etwa dreißig Schritt Entfernung gegen­über; keiner konnte dem anderen auskommen, ohne daß er entdeckt und von einer Kugel verfolgt worden wäre. Vorsichtig lugte Friedrich links hinter dem Granitblock, der ihm Schutz geboten hatte, hervor; er sah ein kleines Stück von des Wilderers rußigem Gesicht rechts von dem Felsen hervorlugen, sah den blitzenden Lauf auf sich gerichtet ach, Unsinn, der da drüben konnte ihn wohl erspähen, aber auf ihn schießen, nein, da mußte er erst mit dem ganzen Kops heraus zum Zielen! Und dann war er auch, der Forstgehilse, schon da und hatte de» Gegner auf dem Korn! Langsam schob derfröhliche Friedrich" sich weiter vor; gewiß, die Stellung war ungünstig, aber dem Joggelebub ging es ebenso. So, nun hob er die Büchse, bald durfte der Schuß heraus, da fiel ihm jäh im sekundenflüchtigen Gedanken daran, büß sie in ben Wölbern um ben Tobten Mann" lagen unb vielleicht wirklich sehr halb schon noch ein toter Mann hier läge, ein, baß ber Meisterschütze ja links schoß, also nicht ' üt bem Kopf voll herausbrauchte, währenb er biesem volles Ziel bot!

Daß er wie im Traume zurllckzuckte unb brüben ber Schuß fiel, w -r eines. Haargenau ritzte die Kugel die Felskante und brach ganz leicht unb ohne Splittern ein fast hcmbgroßes, halbkreisartiges Steinstück heraus unb fuhr ins Leere.

So habt Ihr boch gewußt, baß ich links schieße!" tönte bie Stimme des Meisterschützen zu bem knapp dem Tobe entronnenen Gehilfen her­über, unb gleichzeitig warb besten Gestalt, bas Gewehr wenwerfend, sichtbar. Der Joggelebub trat hinter seinem Versteck vor unb auf Friebrich, ber sich erhob, zu.Sonst wäret Ihr nicht mehr lebenb", fügte er hinzu, aber so habe ich fehlen müssen, bas erste Mal, baß mir bas links geschah, und nun tu ich keinen Schuß mehr. Macht mit wir. was Ihr wollt!" Als ber junge Förster sah, baß ber anbere, ber sich freimütig stellte, es ehrlich meinte, ließ er bie in Anschlag gebrachte Büchse sinken und sagte in einem plötzlichen Einfall:Sann wollen wir nicht mehr barüber rebenl*

Unb dabei blieb es. Der Joggelebub tat keinen Schuß mehr; er hielt fein Wort. Derfröhliche Friedrich", der nun bas Lachen roieber lernte, zeigte ihn nicht an, unb bie beiben würben bie beiten Freunbe. Wenige Jahre später, beim Sturm auf Nuits, fand ber Meisterschütze bann feinen Meister; ein französischer Geniesolbat schoß noch besser als er Erschüttert über ben Verlust feines Kameraben verließ ber Forstgehilse, ber in zwilchen zum wohlbestallten Förster aufgerückt war, Dberrieb unb bas Zastlertal unb bewarb sich um eine Försterei im Unterland. Nur ben Stein, bas halbmonbförmig berausgebrochene Stück Granit, bas er bamals zur (Er­innerung an bie Begegnung mit bem lange vergebens gesuchten Wild­schützen unb besten letzten fehlgegangenen Schuß zu sich gesteckt hatte, nahm er mit. Aber -n»n ist auch biefer fort ...

(verantwortlich: vr. Hans Thhriot. Druck unb Verlag: Brühlsche Universitätsdruckerei R. Lange, Gießen.