Jahrgang My
Montag, den 10. Juli
Nummer 52
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Technik unter Berücksichtigung der graften, inzwischen gesammelten Stampft, erfahrung. Erst am „Tage I" sollen, sie überraschend eingesetzt werden und wie em Hornissenschwarm die deutsche Front überfliegen, alle feindlichen Kampfgeschwader vor sich hertreibend und vernichtend Vierhundert beste Maschinen warten. Auch die Piloten sind schon eingeteilt und warten auf den Befehl zum Abholen der Maschinen.
Ostersonntag erteilt Nivelle den 400 Piloten den Befehl, nach Le Bour- get zu fahren und dort ihre Maschinen in Empfang zu nehmen, um dann unverzüglich wieder zu der Flugzeugbasis hinter der Angrifssfront zurück- zukehren. Vierhundert junge, lebenslustige Piloten, ausgesuchtes Men- schenmaterial, fahren nach Paris, eine wundervolle, geradezu glänzende Abwechslung im rauhen Dienst, den diese Offensive erfordert. Es herrscht ja sowieso fein Flugwetter. Immer wieder schneit es, immer wieder schütteln dunkle Wolken aus Nordwest ihr Schneegestöber über die Landschaft.
3n Paris dagegen ijt’s schön trotz der Schlacht, die in nicht viel mehr als 100 Kilometer Luftlinie Entfernung tobt. Vielleicht ift's gerade deshalb in Paris so lustig und so nett in diesen Apriltagen 1917.
Wenn die Schlachr seit Tagen unvermindert rollt und tobt, so bedeutet das doch die bevorstehende Befreiung Frankreichs. Dos weift jeder Pariser Straftenjunge, das wissen erst recht die jungen, schneidigen Flieger. Man feiert sie vielleicht etwas zu früh. Aber sie sind mit diesen Vorschuftlorbeeren zufrieden. Paris bereitet ihnen Ovationen, wo sie sich nur sehen lassen. Und sie lassen sich gern blicken.
Tage vergehen Langst müßten sie wieder zurück sein mit ihren neuen Maschinen, längst müßten sie wieder bereitstehen. Denn siehe, inzwischen sind die Stunden des Trommelfeuers an der Aisne abgelaufen. Unaufhaltsam ist der „Tag I" nähergerückt. Unaufhaltsam wird der Tag versinken. Ja, er wird da sein, er wird mit allen seinen Ereignissen, die jetzt im Schoß der Ungewißheit liegen, bald vorübersein und der Vergangen- 'heit angehören. Aber die jungen Flieger werden immer noch Paris mitnehmen, Paris und seine ewige Jugend werden sie schlürfen in vollen Zügen. Und die 400 funkelnagelneuen Maschinen werden keine eherne Luftsperre gegen die Deutschen bilden.
Ja, warum und wie und weshalb? Wieso wird dies möglich sein? Warum werden 400 Männer und Soldaten zu spät zum großen Einsatz kommen, 24, ja sogar 48 Stunden zu spat? Warum, wie, weshalb? Jst's das Schicksal des Generals Nivelle, von seinen Besten im wichtigsten Augenblick verlassen zu werden?
Vorerst weiß Nivelle noch nichts von der Enttäuschung, die ihm durch das immerhin disziplinlose Verhalten seiner 400 Piloten bereitet wird. Er hat andere Dinge zu Überdenken und zu überlegen. Seine Augen sind nicht nur auf die Durchbruchsfront gerichtet, wo das Trommelfeuer eine satanische, eine unausdenkbare Wucht erreicht hat. Nein, der Oberbefehlshaber blickt gegen Nordweften, wo die Winterftürme immer noch Herrchen. Diese Winterstürme bringen ihm das ferne Brummen, Toben und Rollen des britischen Trommelfeuers. Die Kanoniere des Marschall Haig da oben leisten noch bessere Arbeit als die Poilus an der Aisne. So will's manchmal scheinen. Und bann wird Nivelles Aufmerksamkeit weiterhin in Anspruch genommen durch das Verhalten der Deutschen auf seiner Durch- druchsfront.
General Mangin hak seine Senegalneger vorgeschickt, um die deutschen Linien abzutasten. Er muß den Schwarzen, die nächtlich unter dem Schneesturm leiden, etwas bieten, irgendeine Tätigkeit. Durch Berichte und durch Versprechungen sind die Farbigen bis zur Siedehitze aufgestachelk. Ihren Ehrgeiz und ihren Tatendrang hat man geweckt. Sie wollen jetzt endlich handeln. Kaum können die klammen Negerfäuste bas Gewehr noch halten, so bläft's über die schneebedeckte Hochfläche. Aber nun dürfen sie aus ihren Gräben, dürfen sich betätigen und werden dann, nach Beendigung des Unternehmens, in die warmen Quartiere Südfrankreichs zurllck- befördert. So hat man’s ihnen versprochen.
Die Senegalneger des Generals Mangin unternehmen einen mit Wucht durchgefllhrten Vorstoß. Sie kommen gerade recht, ja, auf sie hak man in den zermalmten deutschen Stellungen gewartet. Der seit Tagen und Nächten ohnmächtig äaliegenbe Feldgraue fühlt in sich eine unerträgliche Wut aufgespeichert. Auch er ist geladen mit Tatendrang, geladen bis 3um Platzen. Das Trommelfeuer hat ihn mit bitterem Zorn erfüllt. Und nun kommen sie, die verhaßten Schwarzen, die Kulturschcmde der Welt.
Vertierte Senegalneger rücken gegen die deutschen Linien vor, geduckt, bas Fafchinenmesser zwischen ben Zähnen, bas Gewehr mit dem aufgepflanzten Sreifantbnjonett in ben schwarzen Fäusten. Und da bricht aus den Trichtern, aus den zerschlagenen Unterstünden, aus verschlammten und halbgefrorenen Sappenköpfen, aus Mauertrümmern unb hinter Baumstümpfen hervor das wohlgezielte deutsche Jnfanterieseuer in die Linien der Angreifer. Die Neger kommen bis über die ersten deutschen Trichterstellungen hinweg und brechen in die zweite Kampslinie ein. Und da finden sie ihr Ende.
Eine Armee meutert
SCHICKSALSTAGE FRANKREICHS 1917
Ein Bericht von p. 8. Ettighoffer
Copyright b y Bertelsmann Gütersloh
7 Fortsetzung
Und dann haben sich plötzlich einige Spezialisten herausgebildet. Die französischen Fesselballone stehen ruhig und sicher am Horizont, dicht an dicht. Sie stehen da wie die langstieligen Augen der Schlacht und spähen weit ins deutsche Hinterland. Und die Beobachter in den Ballon- törben melden jede Munitionskolonne, jede anmarschierende Kompanie, jeden Trügerzug, der durch das Trichterfeld hastet. Melden sogar einzelne Gefechtsläufer und lenken das unerbittliche Feuer der Batterien sicher und rasch auf das erkannte Ziel.
Irgendeine Gefahr kennen sie nicht, diese Fesselballone, denn sie stehen ja weitab hinter der Front. Sie schweben etwa 900 Meter hoch über dem Erdboden. Kein deutsches Geschütz wird je feine Granaten bis zu ihnen hinjagen können. Deutsche Flieger? Bah — keine Gefahr! Niemals werden deutsche Flieger in dieser geringen Höhe die brodelnde Front überfliegen und sich in das Bellen des Abwehrfeuers wagen. Und doch gefchieht's!
Wenige Tage nach Ostern brechen zwei deutsche Flieger am Hellen Tage durch die strenge Frontsperre. Ganz niedrig fliegen sie, durcheilen die Wand der jagenden Geschosse. Wie schwere Brummer, wie gefährliche Hornissen jagen sie daher, sind verschwunden, vom Horizont verschluckt, ehe die Abwehr richtig zum Schuß kommt. Wenige Minuten später tauchen sie plötzlich überraschend hinten bei den Fesselballonen auf. Es geht alles fa rasend schnell, daß man erst aufmerksam wird, als der erste Fesselballon in Flammen steht.
Schon sind die Flieger beim zweiten Ballon. Kurz tacken ihre Maschinengewehre. Die Brandmunition bohrt sich in die weiche Masse der Gas- hüllen. Kurzes, trockenes Aufpraffeln. Die Flamme springt auch hier auf, Zischt fteilgrabe gegen den Himmel, frißt sich in rasender Eile über die ganze obere Hälfte des gelben Riefenkörpers hinweg, unb dann beginnt der Korb zu fallen, fällt mit atemraubenber Geschwindigkeit. Noch in letzter Sekunde lösen sich zwei weiße Fallschirme aus der rettungslos ab« sinkenden Gondel, und die Beobachter schweben langsam zur Erbe nieber. Nicht jedem gelingt es, ungeschunden ben Erdboden zu erreichen. Hie und >a wird einer von der nachfallenden brennenden Ballonhülle erfaßt und geht selbst als lebendige Fackel in die grausige Tiefe.
An diesem Vormittag, innerhalb weniger Minuten, stören die beiden deutschen Flieger die ganze feindliche Fernbeobachtung. Sie bringen iwischen Reims und Soiffons die gesamte französische Fesfelballonaufstel- lung durcheinander. Unberührt vom rasenden Abwehrfeuer zahlreicher Batterien und Maschinengewehre, kehren die Flieger siegreich wieder Iber die Stellungen ins eigene Hinterland zurück. Und noch stundenlang 'sickert bei den französischen Fesselballonbeobachtungen die Erregung nach. Me Ballone, die nicht getroffen worden sind, bleiben an diesem Tage tingegogen. Der ungebrochene deutsche Angriffsgeist in der Luft hat fein Sännen bewiesen.
Noch am selben Abend wird dem Oberbefehlshaber Meldung über das Auftreten starker deutscher Lufteinheiten mit neuen schnellen Maschinen zemacht.
„Wo bleiben die französischen Jagdflieger?" fragt General Mangin in siner Meldung an General Micheler. „Deutsche Fokkermaschinen sind im £auf des Tages durchgebrochen und haben die Barackenlager der Senegal« "eger unb anderer Kolonialsoldaten meiner Armee unter Mafchinen- sewehrfeuer genommen. Und kein französischer Flieger weit und breit, 'er es gewagt hätte, sie daran zu hindern. Wo bleibt die bisher so Gütliche französische Ueberlegentjeit in der Luft?"
Micheler gibt diese Meldung mit den entsprechenden Nachsätzen sofort »eiter, an den Oberbefehlshaber. Auch er verlangt dringend französische mieger. Obendrein beschwert sich Micheler, daß es der deutschen Flieger- ruppe möglich fein konnte, mit dem geringen Einsatz von nur zwei Maschinen die ganze französische Erdbeobachtung durch Fesselballone auf ‘et 2ingriffsfront zu terrorisieren, ja teilweise sogar zu vernichten. Ein -»magticher Zustand.
^. Nivelle antwortet sofort. Nivelle ist mit dem bisherigen Verlauf dieser schlacht zufrieden. Daß die Deutschen kräftiger antworten, kann ihn »meswegs beunruhigen. Er hat noch eine große, ja eine ganz große teberrafchung im Hintergrund. Vorläufig hält er noch damit zurück, rber nun ift’s so weit. Vierhundert herrliche neue Kampfmaschinen stehen ?ut dem Flughafen von Le Bourget bei Paris bereit. Sie sind besonders r“r die Offensive gebaut worden nach den neusten Errungenschaften der
Siebener ^amilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger


