Deutschland.
Von Ludwig Finckh.
Deutschland, ich muß dich lieben, Die weißen Vögel stieben Vom Meer ins graue Land. Was hab' ich dich verstoßen! Ein Hag von wilden Rosen Ist rot um dich entbrannt.
Die Füße muß ich spreiten, Ich trag' in Händen beiden Ein Herz voll Not und Weh: Die spitzen Dornen stechen; Wo sind die blauen Flächen Von Alb und Bodensee?
Steh' ich in fremdem Schwarme, O Deutschland, reck' die Arme, Nimm mich an deine Brust. Daß ich die Wurzeln habe In meines Vaters Grabe, Das hab' ich nicht gewußt.
Fahrt zur Marienburg.
Von Werner Schumann.
i Sie groß ist Deutschland?! Welches Leben reicht denn aus, es zu imjibreiten und ganz zu ergründen? Zwischen den Meeren im Norden toten Bergen im Süden, zwischen der Einsamkeit Masurens und des ilmaus weinfröhlicher Fruchtbarkeit liegt dieses wilde und milde, das stund brausende Deutschland; eine Winzigkeit nur aus dem Globus, litttine unermeßliche Welt für das sehnsüchtige Herz. Wer aber einen feitetr Teil davon, ein Tal oder einen Kirchturm oder eine Burg, mit iei Sinnen erlebt, der gewinnt sie vollends.
k: ist noch nicht lange her, als Turner gen Ostland suhren, alte und j nee Turner und Turnerinnen aller deutschen Gaue und Zungen, aus 5 n Büßern Thüringens kamen sie und dem Mansfeldischen, von den Vm3er Kurmark und den Mooren des Emslandes, Hamburger Jungen, Miche Mädels und Berliner — eine große, fröhliche Familie, die eine »NP Ostseereise unternahm.
ij llib jedweder lebte seinem heimlichen Traum... Frag den, frag i tttn worauf freust du dich am eisten, Kamerad? Auf das „Blut- 5iritti" in Königsberg! Und du, kleines blasses Mädel? Auf die Bern- kmlifte! (Und ihre Hände spielen unsichtbar mit der gelben Ambra.) i'n mit den sinnenden, ernsten Augen, was zieht dich denn am stärksten ' >ä Ostpreußen? Die Vögel, sagt er, die Vogelschwärme von Rossitten! Mi» Vater ist ein bekannter Ornithologe.) Viele wollen nichts als die mw. die blaue rätselhafte Ferne hinter den Horizonten, die sich grau Ws mövenüberrauschte Wasser senken.
। 6idj war eine unter ihnen, ein älteres, unscheinbares Fräulein, und 1 ’r i>m, dessen graue, unruhige Augen soviel verrieten, soll fortan die W sein. Man wußte zunächst nur, daß die altjüngferliche Reisegenossin ” Syrerin irgendwo in Niedersachsen amtierte. Warum sie sich immer ■fj &in hielt, die halbe Nacht in ihrem Lodenmantel auf Deck herum- Rierte, an der Reeling halblaute Selbstgespräche führte und dann und ? tim in einem Brevier las, wobei der Zwicker besorgniserregend auf dem s chmalen Nasenrücken balancierte — das blieb einige Zeit mel- I Weltes Geheimnis. Doch die Neugier der jungen, müßigen Seefahrer R nicht locker, und bald roar’s heraus, daß das zierliche, vielleicht o0- H» Persönchen sich seit unvorstellbar langer Zeit auf diese Reise nach M» vorbereitet hatte. Die Einspännerin stammte aus der früheren Wer Heide Der Vater, seines Zeichens Baumeister, hatte das einzige ’ ' '.ach dem frühen Tode seiner Frau zu Verwandten nach Mittel- < Maland geschickt, wo es auch feine Berufsausbildung empfing. Das Wchrzehnte zurück, und nun fuhr sie zum ersten Male in tue alte ‘ »hit.
. ilincherlei Baumeister gibt es auf dieser Welt. Biele sind berufen w. nigen Auserwählten aber haben etwas vom Glanz und Geist oes SN Meisters Erwin von Steinbach, der vor Jahrhunderten das
1 jNurger Münster mit erbauen half. Solcher Art also war ihr geheb= fe«* hochverehrter Vater, erzählte die langsam gesprächiger werdende 'N: in mit brennenden Augen auf der Reise nach Kopenhagen, wer ü’Jr ihren jungen Gefährten könne denn auch wissen, daß er in
nach 1900 an der umfangreichen Renovierung des Deutschordcn- I ’iMis in Marienburg, dieser gewaltigsten europäischen Burg, habe mit- iN1 dürfen? Durch tausend wundersame Erzählungen die alle um s "liiert kreisten, habe er ihr unbefangen-heiteres Kmdsein ut « . sagende und Ewige aufgeschlossen. Und noch Jeut e, nachüber 3o Nti, bewege sie in ihrem Innern des Vaters plastische Aben g p G -
3 er nach wochenlanger Abwesenheit heimkam zu den «emerN noch jwandle sie wie im Traum an seiner sicheren Hand aus des Schlosst- l* und höre sein Wort, das ihr das Tiesste und Höchste ‘’^nburt
Das Auge, so wußte er zu berichten, schweife vom hoher^Schloß- x Akief ms deutsche Land, ja bis zum Schornstein ihres Haschens ^n JiWler Heide Das Schloß rage in die Wolken, es beherrsche die N Von den jahrtausendtrotzenden Mauern erzah te d 6 .
> „hr; von der schwingenden Fülle der Türme und Pfeiler und Port l, r. ier Bogenpracht im großen Remter des ?h * gg'inrid)
t ornben Sternen über der nachtschwarzen Iruöburg, •
Probe in weißem Mantel mit schwarzem Kreuz b‘e 6em
7 halte, und endlich auch von Max °on Schenkendorf und_ b m
Karl Friedrich Schinckel, denen die Erhaltung der Burg >m -*n Osten vornehmlich zu danken fei.
So wurde dem lauschenden und erregten Kinde die Marienburg zur himmlischen Feste, die ungeheuer das Meer Überschattete. Und hingerissen von des Vaters entflammender Phantasie war es heimlich auf das Dach des Elternhause» geklettert, nicht unähnlich einer Traumwandlerin, die eine magische Kraft aus der Ferne anzieht. Aber allzu weit war die Burg, unerreichbar für das einsame Heidekind. Das Schicksal hatte es mit der bald daraus Mutterlosen anders vor, entführte es hierhin und dorthin im deutschen Lande und sachte doch nur eins immer mächtiger in der jungen Erzieherin an: die Sehnsucht nach der alten Burg am Meer.
Wenn mar^älter wird, beschränkt sich, was wir vom Leben erhoffen, weise auf Weniges.
Die Lehrerin hatte, wie sie ihren jungen Freunden lächelnd eingestand, nur noch einen Wunsch. Dem Deutschordenschloß im Osten des Vaterlandes, dem sie entstammte, habe ihr Herz ein Leben lang immer begehrlicher entgegengeschlagen. Bald sei sie ja am Ziel, und sie wisse, daß sich damit ihr Dasein erfülle.
Alle fühlten: hier wurde Heimat zur Gottesflamme. Und niemand spöttelte mehr nach der Erzählung der kleinen Lehrerin, als der Dampstr mit den anderthalbtausend Menschen sich der Danziger Bucht näherte.
Freilich wurde sie auch bald. wieder vergessen. Des Meeres, der Küsten und Städte wechselnde Bilder lassen der schweifenden Jugend nicht Zeit, einem Einzelschicksal lange nachzusinnen.
Winde und Wellen, das schrille ha-ha-ha der Sturmmöven und der scharfe Salzwassergeruch durchschauerten die Reisenden, die sich anschickten, bas alte Danzig zu durchstreifen. Auch die Lehrerin war dabei, unermüdlich, doch hatte ihre Lustigkeit etwas Nervöses, ja Gewaltsames auf dieser letzten Wegstrecke norm Ziel.
Der Tag brach endlich an, der die Marienburg verhieß. Wer mochte wissen, wie die Lehrerin die letzte Nacht verbrachte? Sie wanderten und labten sich, sic staunten und plauschten, sie waren alle guter Singe.
Lange vor dem Weckruf war sie schon auf den Beinen, die erste am Frühstückstisch, ein wenig blasser und wortkarger als gewöhnlich. Alle sangen — und sie sang mit.
Anderthalb Tausend wallfahrten zur Marienburg und sahen nicht, daß eine unter ihnen immer stiller, immer feierlicher wurde, daß ihre grauen, unruhigen Augen sich weiter auftaten und von ihren trockenen Lippen manchmal Worte fielen, die vielleicht aus der Tiefe der Kindheitserinnerungen emporgestiegen waren. Stumm und glühend saß sie da in ihrem grünen, abgetragenen Lodenmantel. Keiner störte sie in ihrer schweigenden Versunkenheit.
Plötzlich aber, wie auf ein geheimes Signal hin, starrten sie die Nächftsitzenden an. Und was sie in wundersamem Erschrecken erlebten, war dies:
Die Lehrerin sieht im Schimmer des Mittags das hochgetürmte Steingebirge der Marienburg, die sich in ihrem glühenden Auge spiegelt, bis es langsam bricht und die Feste, während ihr Mund mit den ein wenig Dorgeroölbten Lippen in diesen Augenblicken der höchsten Lust stumm bleibt, mit hinab nimmt in den ewigen Schlaf.
Eine Tote ist unter den Ostlandpilgern. Eine Tote, die nicht Furcht verbreitet, sondern nur die Worte dämpft und den Schritt, der durch die Hallen, Säle und Verließe wandelt.
Fünf Jahrzehnte sind gewesen wie eine einzige Minute der Vorfreude. Kann ein Dasein schöner sein? Ein Vogel war ihr Herz, der sich, als es Abend werden wollte, zum letzten Flug auf die Zinnen des Wunschschlosses kühn erhob — und dann zur Tiefe stürzte.
Wie groß ist Deutschland! Ein Leben reicht nicht aus, es zu durchschreiten und ganz zu ergründen. Wer aber einen kleinen Teil davon liebt mit ganzer Seele, der gewinnt es vollends. Diese hier, unbekannte Leh- rern, ist auf eine felige Weise mit ihrer Lebensreise zu Ende gekommen.
Lederstrumvf.
Zum 150. Geburtslage James Jennimore Coopers.
Von Rudolf Adrian Dietrich.
Jeder kennt den Lederstrumpf — dem Namen nach. Die matte Erinnerung an irgendeine Jugendbearbeitung, die aus jenen ursprünglichen fünf Romanen eine blutige Jndianergeschichte machte, ist dabei für die meisten das einzige, was sie von James Fennimore Cooper wissen. Dabei umfaßte die vor rund hundert Jahren erschienene erste deutsche lieber- stizung über 250 Bändchen — ohne Coopers Briefe, die erst in den letzten^ Jahrzehnten in Amerika herausgegeben wurden. Bedeutet Cooper wirklich so Diel, daß uns heute selbst seine Briefe noch interessieren können? „ m ,
Es ist kein Zufall, daß zu den schönsten Alterswerken des Malers Max Slevogt seine Lederstrumpf-Jlluftrationen gehören. Denn in diesem Romanzyklus, der mit dem „Wildtöter" anfängt, steckt bis zum letzten, abschließenden Band „Der Pfadsinder" das echte, große und von Begeisterung erfüllte Leben, wie es nur aus unmittelbarer Anschauung wiedergegeben werden kann. Darin liegt ein wesentlicher Unterschied gegenüber der heutigen Mode amerikanischer Geschichtsromane. Bleiben diese doch immer nur eine wehmütige Beschwörung der heroischen Vergangenheit und ein Ersatz für den Mangel an mitreißendem Gegea- wart-sttosf. Bei Cooper dagegen bedeuteten die Kämpfe zwischen den Jn- bianerftämmen der Irokesen und der Delawaren eben erst wenige Jahre zurückliegende Zeitgeschichte. Er sah die Menschen deutlich vor Augen wie die Landschaft, in der sich jene Kampfe abspielten, als er 1820 im Alter von 31 Jahren zu schreiben begann. Das Vorbild feiner ßeberftrumpfgeftalt „Natty Bumppo", Daniel B o o n e, war damals qerade gestorben, und Coopers Vater gehörte zu den Städte gründenden Pionieren des Westens. In dem mach ihm genannten Cooperstown ist der Sobn der große Erzähler, 1851 gestorben. So ruhte fein Blick bis zuletzt auf bem grenzenlos weiten Lanb, dessen Heldenlied er ausgezeichnet hatte.
Schon der dokumentarische Wert der Romane Coopers erhebt sie weit über die Erzeugnisse seiner Nachfolger auf dem Gebiete der historischen Abenteuer-Erzählung Amerikas. Vcr allem aber ist es die innere Echt-


