GichenerZamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 1939
Montag, den 9. Oktober
Nummer 78
Herz, wo liegst du im Quartier?
Ein heiterer Roman von Kurt Heynicke
Copyright by Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgart
13. Fortsetzung.
Die Männer lachten über seine lebhafte Art unt> hielten ihn für eine Art Bajazzo. Dann nahm er eine Flasche, entkorkte sie, trank und ging steifbeinig an den Soldaten vorbei zur Treppe.
Sie sahen ihm nach. Es schien sehr schwer für ihn zu fein, sich auf den Beinen zu halten. Man leuchtete ihm darum vorsorglich und menschenfreundlich mit einer Laterne,
Poiporence war der neuen Flasche noch gewachsen, er kämpfte zwar mit ihr, aber sie warf ihn nicht um.
Sie trat aber insofern in eine Beziehung zu Poiporence, als sie seine Sucht steigerte, den nüchternen Männern zu zeigen, daß er klüger war als sie.
Es ist so leicht, jemandem, der keinen Argwohn hat, etwas vorzu- spiegeln. Nur ein Narr oder ein Dummkopf bildet sich etwas darauf ein. In seinem Zustand war Poiporence beides.
Er schloß mit einiger Mühe das Schlafzimmer auf, stand an der schwelle, kicherte laut, dann stolperte er in das dunkle Gemach.
Eine Sekunde später hatte der Teufel, der ihn die ganze Zeit über geritten hatte, die letzte Hürde genommen.
Theophil zerrte Germaine, die schlaftrunken nicht begriff, was vor- gina in den Schein der Laterne.
Weidlich und seine Kameraden starrten die Griselle an wie eine gespenstische Erscheinung.
Sie stand im Nachtgewand und Häubchen an der Tür und starrte ebenso.
Außer dem Licht der Laterne, das sie anleuchtete, ging ihr noch ein anderes, ein unsichtbares Licht auf.
Die verklebten schlaftrunkenen Augen wurden klar und schossen Llitze.
Sie erkannte, daß Theophils Verstand im Wein ertrunken war und er den Kopf und jetzt das Geheimnis verloren hatte.
Poiporence aber stieß ein blödes meckerndes Lachen aus, das sich in immer neuen Stößen entlud.
Die Wut der Griselle aber löste sich in einer furchtbaren Ohrfeige, mit der sie Theophil und sein Lachen zu Boden streckte.
*
Eine Viertelstunde später sitzen die Griselle und der vermeintliche deauvisage in der Mairie. Weidlich und Kutschbach haben sie kurzerhand dorthin gebracht.
Der Unteroffizier wagt es, den Hauptmann zu wecken. Er wartet -efaßt auf das Gewitter, das nun mit Blitz und Donner losbrechen muß.
,Lch verstehe es nicht, Herr Hauptmann", beteuert er, „drei Mann haben gesehen, wie sie in die Postkutsche stieg — und auf einmal ist hie Person wieder da?l"
Das Donnerwetter steht zwar in Baernburgs Gesicht, aber es bleibt bei einem mürrisch fernen Wetterleuchten.
Hier liege mehr als ein bloßer Ungehorsam gegen den Ausweisungs- iefehl vor, aber er wolle das Geheimnis schon zerschlagen, meint der Hauptmann.
Er ist gegen seine Leute voller Milde. Kein Wunder, er sieht ein, haß nicht nur die Gruppe Weidlich dem Fall nicht gewachsen ist. Auch 'r hat sich täuschen lassen! Er wittert Hintergründe.
Die Griselle friert, sie hat in der Hast nicht genug Kleider überwerfen können, die kühle Nacht bringt in die Haut und macht die Ragd völlig wach.
, Theophil, den alle außer Germaine für Beauoisage halten, lehnt an
^r Wand und schnarcht. „
Baernburg blickt böse auf den Mann. Der Sachverständige Kutsch- "^>ch erklärt: „Herr Hauptmann, der Kerl ist betrunkeni Deshalb ist ja "uch alles herausgekommen. Er war es doch, der uns die Griselle ge-
Hail" , ...
„Das Schwein!" sagt die Griselle, als sie merkt, daß von Theophil d - Rede ist.
Kutschbach schiebt auf ein Zeichen Baernburgs den vermeintlichen Beauvisage von der Wand weg, da öffnet Theophil die Augen. Aber vor seinen Blicken verschwimmt alles. Er schwankt wie eine einsame Palme im Winde.
„Wo haben Sie die Postkutsche wieder verlassen — und wie ist Ihnen das überhaupt gelungen, Griselle?" fragte Baernburg.
Die Griselle dreht den Kopf zu Weidlich und grinst ihn an.
Wie großartig hat sie Weidlich und die Männer getäuscht! Wenn es sich geschickt hätte, hätte sie sich vor Vergnügen auf ihre starken Schenkel geschlagen, teuselauchl Aber sie zieht es vor, demütig zu scheinen.
,Lch habe tue in der Postkutsche gesessen", seufzt sie.
„Weidlich!" Baernburg erinnert den Unteroffizier an feine Aussage.
„Herr Hauptmann, wir haben gesehen, daß sie einftieg! Und als sie abfuhr, hat sich auch der Landwehrmann noch einmal überzeugt, daß sie tu der Kutsche saß! Ick) weiß es ganz bestimmt!"
„Nun, Griselle? Der Unteroffizier lügt nicht! Sagen Sie uns die Wahrheit!"
2kf) die Wahrheit! Germaine hätte gern einen großen Bogen um die Wahrheit gemacht, um den Hauptmann zu ärgern, aber das lohnt nun nicht mehr.
„In, wenn ich es gewesen märe, die in den Wagen stieg! Mer ich war es nicht!"
Sie sagt das sehr langsam. Jedes Wort ein Tropfen.
Jetzt schwebt, miestnan jagt, ein Engel durch das Zimmer, aber hier ist es kein guter Engel.
Da poltert aber Weidlich ungefragt heraus: „Unsinn! Was ich ge- fehn habe, habe ich gesehen!"
Mittlerweile stürzt sich der Schlaf wieder auf Theophil, er übermannt ihn, daß er umfällt und am Boden liegen bleibt.
Die Griselle stößt mit dem Fuß nach ihm. Baernburg- aber befiehlt, den Betrunkenen liegen zu lassen.
Schon lichtet sich für den Hauptmann das Dunkel: „Bann ist also jemand an Ihre Stelle getreten und statt Ihrer mit der Feldpost atM gefahren?"
Sie nickt
„Himmeldonnerwetter! Wer? Wer sieht so ähnlich aus wie Sie?"
„Ich hatte ja den Mantel und das Kopftuch mit ihr gewechselt!" beantwortet Germaine die Frage jur Hälfte.
„Mit ihr?'Wer ist das? Wer bringt Ihnen das Opfer, sich für Sie ausweifen zu lassen?" fragt er.
„Ein Opfer? Im Gegenteil! Ich tat ihr einen Gefallen. Sie wollte ja schleunigst fort!" lacht die Griselle.
„Wer wollte fort?"
„Nun, die Engländerin! Ich wollte hierbleiben, dem zuliebe", sie stößt wieder mit dem Fuß, diesmal aber derb, gegen den schlafenden Theophil, „und Miß Moreland wollte an die Küste — und rüber nach England! So hatte jeder, was er wollte!"
Die Griselle glaubt, daß sie kein großes Geheimnis lüftet, denn dl« Abwesenheit Ann Morelands muh längst entdeckt fein.
Hierin täuscht sie sich jedoch. Nur Gabatut wälzt sich um die gleiche Stunde schlaflos in seinem Bett und schwebt in Angst und Höllenpein, denn er weiß, daß Ann Moreland fort ist, er hat das leere Zimmer richtig gedeutet.
Doch kommt er nicht auf den Gedanken, daß die Griselle und Ann die Nollen getauscht haben, auf soviel Kühnheit zweier Weiber kann sein ängstliches Herz von Natur nicht schließen.
Natürlich wagt er nicht, den Hauptmann zu verständigen! Ist er doch Bürge für Ann Moreland! Nein, er baut eine bestimmte Hoffnung in diesen angstvollen Stunden auf: genau wie die Flucht unter Führung Bregnons mißlungen ist, wird auch diese neue Vermessenheit mit der kleinmütigen Rückkehr Ann Morelands enden.
Schon will er eine Zahlenreihe hersagen oder an ein wogendes Kornfeld denken, um mit solchem Kunstgriff für den Rest der Nacht ein Stück Schlummer herbeizurufen, da läßt Baernburg ihn vorladen.
Ah, da hat man sie schon eingefangen, denkt Labatut. Er ist beides: glücklich und unglücklich. Wenn er doch nicht gebürgt hätte! Er wäscht sich mit harten Händen, um die übernächtige Blässe aus dem Gesicht zu entfernen. Dann kleidet er sich an.
Unterdes überlegt Baernburg blitzschnell: Ann Moreland ist verdächtig. Er hat über diese Perstin dem Armeeoberkommando berichtet (viel zu milde war er, daß er sie nicht sofort verhaftet hat), der Mair« hat die Komödie mit der Bürgschaft gespielt, offenbar, um eine Verhaftung zu verhindern und der Moreland eine Gelegenheit zur Flucht zu geben.
Wenn die Engländerin ein reines Gewissen hat, weshalb flieht sie? Aber sie ist die Gerifsenste von allen!


