GiehenerZamilienblmer
Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger
Jahrgang 1939 Montag, den 9. Januar Nummer 5
Der kMlmcher von Sankt Stephan
ein heiterer Liebesroman von Alfons o. Lzibulka
Äopyrighl by A. G. «lotta'sche Buchhandlung Aachfolger, Stuttgart
14. Fortsetzung.
Als der Wirt wieder kam und sah, daß die beiden noch die Suppe »ffelten, trat er abermals an den Offizier heran und flüsterte besorgt: Ob's nicht am Ende Spioninnen sind."
Rabenau lachte: „Warum nicht gar, Wirt?" Unwillkürlich warf er lber doch einen Blick aus die Ordonnanztasche, die neben ihm aus der Zank lag. , r
Der Wirt begann zu schwätzen: „Erst voriges Jahr haben sie hier n Olmütz zwei Spioninnen arretiert, Herr Leutnant. Zwar waren es ionn keine. Aber immerhin: auf der Hut muß man sein." u
„Warum sollen denn dann grade die beiden dort welche sein?'
„Weil sie schon vor drei Stunden mit der Postchaise angekommen sind aus Wien, wie sie behaupten — und nicht ihre Namen sagen ..
Rabenau siel es jetzt ein, daß er kurz vor Olmütz mit seiner Stafette «ine Postkutsche überholt hatte.
Der Kaiserwirt redete weiter: „Und Französisch parlieren sie auch die «anze Zeit, Das ist doch verdächtig. Will morgen doch lieber gleich zum jl'ommanbo gehen."
„Tu Er das, Wirt! Uebrigens sag Er, logieren die Damen tm ,Hämischen Kaiser'?"
„Freilich, Herr Baron. Haben sogar die besten Zimmer belegt. Die Runge gleich neben dem Herrn LeuMant, die Alte gegenüber an der Stiege."
Die Frauen waren mit der Suppe fertig. Diensteifrig ging der Wirt tinüber. Spioninnen pflegen Geld zu haben. Und Leute mit Geld muß tm Wirt gut bedienen, auch wenn sie morgen vielleicht schon im Kotter itzen. Er dienerte und fragte, ob die Damen vielleicht vor dem Braten ivch einen Karpfen wünschten. Ein prächtiges Stück, gerade rechts für wei Personen. Man habe ihn erst mittags in der March gefangen — an er Wasserbastei.
Die beiden dankten. Der Braten genüge ihnen. Der Wirt ging gerankt. Waren also nicht nur verdächtig, sondern auch noch geizig, die frauenzimmer!
Der Leutnant von Rabenau hatte das Gespräch gehört. Eigentlich lütte er nichts essen wollen. Aber jetzt reizte ihn der Karpfen doch. Fisch iß er für sein Leben gern. Und sein junger Magen kümmerte sich nicht im die Qualen des Herzens. Rabenau bestellt« den Karpfen, wenn es euch einer für zwei Portionen war.
Schon während die Frauen die Suppe aßen, hatte Rabenau bemerkt, daß die Junge nicht böse wäre, wenn er die höfliche Frage fietlte, ob er den Damen Gesellschaft leisten dürfe. Defter und länger 0l5 nötig sah sie zu ihm herüber. Der junge, hochgewachsene Offizier mit dem ä merveille gepflegten und gepuderten Haarbeutel schien ihr gu gefallen. Immer häufiger hob sie die dunklen, ein wenig verschleierten Augen. Dann sagte die Alte etwas, und die Junge senkte gehorsam den funkelnden Blick.
Rabenau hatte der Karpfen geschmeckt, und eigentlich war es jetzt dumm, hier allein am Tische zu sitzen. Mit dem Wiener Mädel war es ji doch vorbei. Zwar hatte sogar Andreas von Hadik, der doch sonst keine Gespenster sah, vor dem Abreiten zu ihm gesagt: „Nehm Er sich unterwegs vor den Weibern in acht! Sind davon mehr in feind- lchem Sold, als wir denken." Aber warum sollten die beiden dort eigentlich Spioninnen sein? Würden sich doch wohl kaum in eine t? eftung wagen, wo jeder Paß zehnmal perlustriert und gewendet nurde, ehe man ihn in Ordnung befand Auch hätten sie wohl sicher einen Namen genannt, wenn auch einen falschen. Aber wer waren sie b.oß? Nach Frauenzimmern von Stand sahen sie eigentlich aus. Aber man konnte sich da auch irren. Für Mutter und Tochter schien der Altersunterschied zu groß. Vielleicht war es eine hochgestellte Dame mit ilrem Zöschen oder ihrer Gesellschafterin.
Wieder ließ das Persönchen die Augen blitzen. Das war wohl die siurnrne Frage, ob er sich nicht zu ihnen setzen wollte.
Sonst hätte der Leutnant von Rabenau diese Bekanntschaft auch schicht ausgeschlagen. Gerade im Kriege, wenn Tod und Leben Bruder- sihaft tranken, lockte das Abenteuer. Und das, was der Wirt von Spioninnen phantasierte, war ja doch nur Unsinn. Aber noch übertönte der Schmerz die Stimme der Jugend.
Mit raschem Entschluß trank Rabenau sein Glas leer, nahm die Ordonnanztasche, erhob sich, verbeugte sich knapp vor den Frauen und bat in den Hof hinaus. Den enttäuschten, verwunderten Blick, der ihm
folgte, sah er nicht mehr. Vorsichtig den Pfützen ausweichend, ging er an der neben der Mistgrube stehenden, mit Koffern vollgepackten Postkutsche vorbei, deren Deichsel ihm den Weg verstellte, zum Stall hinüber, um nach seinen Leuten zu sehen.
Als er, begleitet von dem Korporal, der ihm mit der Laterne über den Hof leuchtete, wieder den Stall verließ, sah in der nur von einer Oellampe schwach erhellten Torfahrt gerade ein Reiter ab. Rabenau hörte, wie er dem herbeieilenden Wirt zurief: „Kurier der allergnädigsten Kaiserin", vom Pferde glitt, ihn etwas zu fragen schien und bann in die Kavaliersstube ging.
Das war für Rabenau ein Grund mehr, sie nicht noch einmal zu betreten. Er hatte keine Lust, sich mit dem Kurier, den er nicht kannte, an einen Tisch zu setzen. Und das hätte er aus Höflichkeit wohl tun müssen. Aber zum Schwätzen war er nicht aufgelegt.
Er trat durch die Torfahrt auf die nachtdunkie Gasse hinaus, in der nur manchmal ein hallender Schritt oder ein Degen auf dem Pflaster zu hören war. Langsam ging er an den schlafenden Dorn- herrenhäusern, an der fürstbischöflichen Residenz und an der Domkirche vorbei, deren gewaltiger Turm sich in die klare, fternenfuntelnbe Nacht verlor, bis zum Theresientor. Dort kehrte er um, ging zum „Römischen Kaiser" zurück und stieg zu feinem Zimmer hinauf, das, wie der Wirt ihm gefagt" hatte, neben der Stube des hübschen Persönchens lag.t
Am gleichen Nachmittage, an dem die Stafette des Leutnants die Türme von Olmütz aus noch regenbnmpfenben Siedern und Hügeln vor sich auktauchen sah, kniete die schöne Elisabeth Brand zum vierten Male vor dem Marienbilde. Wohl begriff sie, als sie auch diesmal vergebens gewartet hatte, der weite, weiße Reitermantel nun schon seit Tagen nicht mehr vor der Domkantorei leuchtete und wehte und auch der Bursche nicht mehr erschien, daß der Geliebte nicht komme. Aber immer noch wehrte sie sich gegen den doch schon so naheliegenden Ge<- danken, daß er mit Absicht ferngeblieben. Auch daß er ohne ein Wort des Abschieds in den Krieg geritten sei, glaubte sie nicht. Es befiel sie vielmehr plötzlich die Angst, daß die Kaiserin den Leutnant wegen des Briefes mit Arrest bestraft oder am Ende gar auf den Spielberg gesetzt habe. Mit der Festung Spielberg bei Brünn war ja die Kaiserin rasch bei der Hand Das wußte man doch. Und vielleicht war es wirklich ein Verbrechen gegen die Majestät, einen Liebesbrief unter die Lebzelten einer Kaiserin zu legen. Wenn der Leutnant dieses Verbrechen auch nicht selbst begangen hatte, so war er, wie man aus dem Schreiben leicht zu ersehen vermochte, doch gleichsam der Anstifter gewesen.
Vielleicht war diese Angst aber auch nur ein letzter Damm, den Elisabeth Brand unbewußt vor ihrem verzagenden Herzen gegen die Erkenntnis aufrichtete, daß sie den Geliebten verloren habe. Denn so hart es auch war, wenn er wirklich auf dem Spielberg sah, so konnte doch ein Fußfall vor der Kaiserin, deren Zorn so jäh verging, wie er aufflammte, das Glück vielleicht noch einmal zurückrufen, das aber für immer verloren schien, wenn der Geliebte^ aus freiem Willen nicht kam.
Weil aber im Leben so oft ein eingebildetes Unheil ober ein nur von der Phantasie gezimmertes Leid nicht minder quälen als ein wirkliches, wurde es der Elisabeth Brand immer mehr zur Gewißheit, daß der Leutnant von Rabenau durch ihre Schuld in den Kasematten des Spielberges verschmachte.
Erst wollte sie wirklich zur Kaiserin gehen, doch dann ließ sie es sein, weil sie doch selber kein reines Gewissen hatte und fürchtete, daß die Monarchin bei ihrem Anblick von neuem erzürne. So beschloß sie, sich nach einer Fürsprache umzusehen. Aber das war nicht so leicht. Wohl hatte ihr erst vor zwei Tagen der Herzog von Braunschweig gesagt, daß sie auf ihn zählen könne. Doch der Brief an den Leutnant war ja nicht unter die Lebzelten des Königs von Preußen geraten, bei dem der Herzog wohl etwas gelten mochte, sondern in die Geburtstagsschachtel der Kaiserin Aus einen feindlichen Heerführer würde Maria Theresia nicht hören. Doch zu dem kleinen, freundlichen General wollte sie gehen, der ihr damals in der Hofburg leise gesagt hatte: „Wenn die Demoifelle einmal etwas braucht: Hadik, Feldinarschatteutnant Hadik ist mein Name ..." Gleich morgen wollte sie ihn bitten, daß er mit der Kaiserin rede.
Zu dem Hexenschuß, der die alte Vielgratterin alljährlich beim Nahen des Frühlings plagte, hatte sich diesmal auch noch ein gichtischer Anfall gesellt. Verdüsterten Antlitzes faß sie mit einem heißen Ziegelstein am Bein und einem Katzenfell auf der gepeinigten Rückseite schmerzgequält hinter dem Ladentisch. Die Versorgung des väterlichen Haushaltes mußte sie ganz der Lisi überlasten. Das fiel ihr um fo schwerer, als sie gerade jetzt mit den Nachbarinnen und Kräuilerinnen allerlei zu bereden hatte: die zu Ostern angesetzte Hochzeit, die für sie feststand, wenn die Lisi auch immer noch so tat, als wüßte sie von nichts, und die für einen . Klatsch nicht minder ergiebige Beobachtung, daß, feit die neben der


