Meyer konnte es aber nicht erkennen, und als er aufstehen wollte, um Licht ,311 schlagen, drückte ihn die schwere Hand des anderen auf den Stuhl nicbcr
„Bleiben Sie, lassen Sie. Es muh ja von den Türmen schlagen, dann werden wir es hören." , _ , .
Vor dem Fenster balgten sich kreischend drei Spatzen um einen Bissen Semmel, den Rest des Brotes, das der Diener hinausgelegt hatte. Goethe beugte sich vor, um dem Kampf bester zufehen zu können. Als eins der Tiere mit dem Bisten im weit gesperrten Schnabel entfloh, sank er in den Stuhl zurück und beschattete die Augen mit der Hand. Er stöhnte IClfC„äen Sie von Herrn Hofrat Schiller Nachricht?" durchfchnitt es plötzlich die Stille. Meyer fuhr zusammen. Nun war doch das Wort aU59freuted)— heute noch nicht —", antwortete er verwirrt und schlug den Blick zu Boden, denn er fühlte, daß des Fragenden Auge schwer auf ihm ruhte. Noch während er stammelte, wandte Goethe sich schnell wieder von ihm ab, als ob ihm die Lüge ekle.
Dann fiel alles wieder in Stille zusammen. Bon der Straße drang fernes Summen menschlicher Stimmen ins Zimmer und ab und zu das harte Klappern von Schritten auf dem Pflaster vor der Hausfront.
„Viel Lärm heute draußen", äußerte Goethe, und Aerger lag m seiner Stimme. „Was haben die Menschen heute abend? Warum liegen sie nicht 'n ',M"sind"die?ersten warmen Nächte, Exzellenz. Das Volk freut sich des ^S^oben recht, die Leute, - sollen sie" Aus einmal klang die Stimme wieder mild, und seine Hand, die auf der Lehne des Sessels lag und weiß aus dem Dunkel aufleuchtete, machte eine lästige müde Be- m<!Ger wagte nicht zu reden. Er faß da, ohne fich zu rühren. Seine Nerven waren zum Zerspringen gespannt. Aber es geschah nichts. Auch der Lärm von der Straße war erstorben. Nur des Geheimrats schwerer» ein wenig röchelnder Atem klang durch den Raum. , .
„Ob wir die Fenster schließen, Meyer?" fragte nach einer Weile seine Stimme aus dem Dunkel. „Sehen Sie, — Wind hat sich aufgemacht, es ""meyer n-hob°sich und schloß klirrend die kleinen Scheiben. Im Augenblick, als er sich wieder auf den Stuhl neben Goethe setzen wollte, klopfte es mehrmals, kaum hörbar, an der Tür, die nach dem Flur zu führte. Meyer erschrak; er katte keine Schritte kommen hören.
Goethe schien das Klopfen nicht gehört zu Huben; er rührte sich mcht Er hatte die Augen geschlossen. Langsam, wie gelahmt, tastete sich Meyer durch das dunkle Zimmer zur Tür. Seme Hand streifte gleitend Blatter, die vom Diktat des Nachmittags noch auf dem Tisch lagen. Dann war der Tisch zu Ende; dann kam ein freies Stuck; dann das Bücherregal, dann rechts der Ofen, dann wieder ein freies Stück, nun die Tur; dunkel ununterscheidbare W^nie, dumpfe Luft schlug ihm entgegen. Matter Kerzenschein flackerte von irgendwo über die abgetretenen Dielen. Cme leife, halb erstickte Stimme flüsterte:
„Herr Hofrat, kommen Sie — kommen Sie doch —! .
Er trat hinaus und schloß leife hinter sich die Tur. Die Bulpius trat auf ihn zu. Sie trug ein leichtes, weites, fallendes Gewand aus hellem Stoff und gestickte Pantoffeln an den Füßen. Ihr Gesicht, das von der Kerze, die sie in der Hand hielt, voll beleuchtet wurde, war rot und
8 '’sie Erwachsenen sprachen nur gedämpft heute abend; ihre Gesten naren hastig und verhalten. Unruhe lag über allen.
Am Markt, der sich in der Dämmerung übergroß ausnahm, war ssugend versammelt. Wagen waren auf der einen Seite aufgefahren, die Ritte des Marktes jedoch war schwarz von einer Kops an Kopf sich d- äugenden Menge. Studenten aus Jena waren herüber gekommen, und Mischen ihnen standen eingekeilt die Jüngeren: Gymnasiasten und Hand- llerksburschen. Keiner mochte nach Hause gehen.
Bei Goethe am Frauenplan brannte nur noch nach der Straße Licht. Gin einziges Fenster hart unterm Dach war erleuchtet, l°nst lag das reite Haus in völliger Dunkelheit. Im Arbeitszimmer standen die beiden keinen Fenster nach dem Garten offen; fliederschwere Abendluft drang Vorrat Meyer hatte den Stuhl des. Alten nahe an das rechte Fenster «-rückt. Er hatte es fo gewollt. Auch daß kein Licht angebrannt ^rde htte er befohlen. Niemand sollte vorgelasten werden. Boten >edoch, die Nachricht für ihn hätten, feien keinesfalls abzuweisen. , . p-h hT
Seitdem Abendbrot saß er nun, ohne sich 3» beweg nm semem Stuhl «m offenen Fenster und schaute hinaus in das dichte Gezweig des Gartens
«tlprw,. Ob man gl«, unb ibn «ton IW
--macht, daß seit gestern nachmittag sich das Leiden Schillers z schlimmen gewendet hatte, und daß nichts mehr zu bof • „9 l»n zu schonen, denn noch zeigten die blauen Ringe d,e seine Augen Unterhöhlten, von der kaum überstandenen eignen Krankheit Wurde ier riesenhafte Wille auch diesmal wieder Herr über den kranken Korpe
D» Hoftat ging im dunklen Zimmer auf und ab. Dw regte sich die lroße Gestalt im Sestel am Fenster, und seine Stimme, die heute milder 'nd weicher klang als sonst und alle Scharfe vermissen ließ, tagte. .Kommen Sie, Meyer, fetzen Sie sich zu mir, hier steht Ihr Stuhl, “Är von Goethes Schoß herabgeglitten Meyer hob^si^ auf । tnb legte sie von neuem über feine Knie. Ohne ben Versuch -
’«er sonst nicht fehlte, ließ er es geschehen. Spater fragte er. „Wie spat ist es?"
DCrnUms Himmels willen, Herr Hofrat, was tun wir? Schiller ift eben gestorben. Man hat geschickt. Wie sagen wir es ihm? Sie s, Freund, tun Sie's! Ich bitte Sie bei allem, was Ihnen heilig ist: helfen Sie nu« Gr war der Einzige, den er noch hatte. Nun versteht ihn keiner mehr. Er trägt es nicht, er stirbt mir. Sie werden sehen, Meyer, wenn ef» Cr^Schlud),3en erstickte ihre Stimme nun vollends. Sie lehnte mit geschloffenen Augen an der kahlen, grauen 2Banb, wahrend Strome von Tränen über ihre Wangen rannen. Das Licht, bas ihre Hand schief hielt, tropfte und war am Verlöschen. , . .
Meyer war fahl im Gesicht geworden, seine Augen starrten \ns £em. Mit der Rechten stützte er die wankende Frau, seine Linke ergriff den Leuchter der ihrer Hand entsinken wollte. Um feine ßippen fpielte ein Lächeln 'wie es Kinder haben, bevor bas ®einen aus ihnen hervorbncht.
„Sie können es, ihm nicht sagen, Demoiselle Vulpius, Sie nicht und auch ich nicht. Er wirb es ohnehin wissen, wir brauchen es ihm nicht ztt sagen er wird es fühlen, er fühlt ja alles. Ich weiß keinen anderen Rat
Flüsternd, drängend hatte er es zu ihr gesagt. Schweigend zog er sie "“©äVe 1)0«? iS nicht^bemerkt, daß der Hofrat nicht mehr neben ihm faß Seine Gedanken waren fern, bei ihm, dem Kranken. Es war kein Zweifel, es konnte kein Zweifel mehr fein: Schiller war sehr Ank Er wußte nichts Bestimmtes, er hatte nut niemandem darüber gesprochen, man sagte es ihm ja nicht. Aber es war sicher, daß es schlimm stand und bnft man es ihm verheimlichte. Seit Tagen keine Nachricht, kein -Brief, fein Zettel, wie sonst immer. Dieses Schweigen war hart, es war das Schlimmste! Wenn er wenigstens wüßte, wie es stand um ihn. Dann wara alles so viel leichter zu ertragen ... Sie Toren, die glaubten, ihn dadurch -»SSÄ» S4.W« ”»*
der Platz war leer, die Kanten des Stuhles gleißten ihn an. Er wendet sich um, nach dem Zimmer:
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Mener'" ruft er in die Gänge hinaus. „Meyer! ___
Aber es hallt nur seine eigene Stimme ihm aus dem ©unte ( entgeg<em Dach nein — da ist noch ein anderes zu Horen, vor- 1m Treppenhaus ...
Oie traurige Krönung.
Don Eduard M ö r i ke.
Es war ein König Milesint, Von dem will ich euch sagen: Der meuchelte sein Bruderskind, Wollte selbst die Krone tragen. Die Krönung ward mit Prangen Aus Lifsey-Schloß begangen. O Irland! Irland! Wärest du so blind?
Der König sitzt um Mitternacht Im leeren Marmorsaale, Sieht irr in all die neue Pracht, Wie trunken von dem Mahle; Er spricht zu seinem Sohne: „Noch einmal bring die Krone! Doch schau, wer hat die Pforten ausgemacht?"
Da kommt ein seltsam Totenspiel, Ein Zug mit leisen Tritten, Vermummte Gäste groß und klein, Eine Krone schwankt inmitten; Es drängt sich durch die Pforte Mft Flüstern ohne Worte;
Dem Könige, dem wird fo geisterschwül.
Und aus der schwarzen Menge blickt Ein Kind mit frischer Wunde, Es lächelt sterbensweh und nickt, Es macht im Saal die Runde, Es trippelt zu dem Throne, Es reichet eine Krone Dem Könige, des Herze tief erschrickt.
Daraus der Zug von dannen strich, Von Morgenluft berauschet, Die Kerzen flackern wunderlich, Der Mond am Fenster lauschet;
Der Sohn mit Angst und Schweigen Zum Vater tät sich neigen, — Er neiget über eine Leiche sich.
Schillers Tod.
Von Erich Ebermayer.
Ein sonniger Maitag des Jahres 1805 ging endlich zur Neige. Vor bin Haustüren hatten sich allerorts Gruppen schwatzender Burger gebildet. Kinder spielten in den Gärten ihre letzten heißen Spiele vor dem Schlafen-


