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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 1939 Zreitag, den 6. Januar Nummer 2
Ar kerMacher von Sankt Stephan
ein helterer Llebeoroman von Alfons o. ltzlbulka
Sopyrlght by J. G. Äotla'sche Buchhandlung Nachfolger, Stuttgart
13. Fortsetzung.
Daß sie ihn liebte, mußte er ja fühlen. Er war wohl plötzlich auf Sache oder zu sonst einem Dienst befohlen worden und würde dafür lorgen um so sicherer kommen.
Im Laden zeterte wieder die Vielgratterin, als ihre Nichte so ver- ’ätet erschien. Doch die List hörte kaum hin, weil sie sogleich in die Wachstube ging, um am Fenster zu warten, ob der Leutnant von labenau nicht vielleicht seinen Posten auf dem Domplatz beziehe. Dann sollte sie ihm schon zu verstehen geben, daß sie morgen wieder vor dem karienbilde warten werde. Einen zweiten Brief zu schreiben, wagte sie icht. Sie hätte ja diesmal auch nicht gewußt, wie sie ihn befördern kllte, da doch unten im Laden die Alte neben den für den Burschen lereitgestellien Schachteln voll Lebzelten saß. Aber der Platz vor der Domkantorei blieb leer.
Nach einer halben Stunde des vergeblichen Ausschauens hörte sie »!>n der Stiege her das Rufen der Vielgratterin. Rasch schloß sie das zensier. Sie konnte gerade noch sehen, wie drüben vom Stock im Elsen eine Stafette über die regennassen Katzenköpfe gegen den Roten Turm und die Schlagbrucken ritt.
Der Herzog von Braunschweig-Bevern, Generalleutnant des preußischen Königs, stand vor der Kerzelmacherei von Sankt Stephan. Sein Wagen wartete einige Schritte weiter, jenseits der Domkantorei. Jnter- kfiert betrachtete er das kleine Haus, die zierliche Ladentüre, über der Don das Schild „Hoffournisseur der Kaiserin" hing, und das winzige Schaufenster, das kaum größer als ein Puppenzimmer war. Hinter einer btr vom Regen blinden Scheiben des Hauses mußte also die ver- winschene Prinzessin sitzenl
.Gestern, beim Abschiedssouper, das die Wiener Majestäten ihm zu Edren gegeben, hatte die Kaiserin dem Herzog von Braunschweig die 8 schichte mit dem Liebesbrief unter dem Lebkuchen mit dem silbernen Kckerherzen erzählt. Sogar etliche'Lebzelten aus der für den Leutnant brummt gewesenen Schachtel hatte sie ihn kosten lassen. Nicht gerade bei mit dem Silberherzen. Den hatte beklagenswerterweise statt des chnrrn von Rabenau, zwischen dessen Lippen ihn Elisabeth Brand schon geehen hatte, bereits die kleine Erzherzogin verschlungen. Doch auch die andern Lebzelten aus her Wachszieherei von Sankt Stephan schmeckten den Braunschweiger Herzog so gut, daß er davon dem König eine Pmbe mitzubringen beschloß. Gleichsam als ein Gegenstück zu den viirundzwanzig Paar weißlederner Handschuhe aus der berühmten Berliner Manufaktur, die sich der General von Hadik im vergangenen Herbst vorn berlinischen Bürgermeister für die Kaiserin-Königin erbeten halte. Schon während des Winters hatte Maria Theresia dem Herzog einmal lachend erzählt, wie der gute Hadik dann doch noch der Herein- güallene war, weil das Berliner Stadtoberhaupt sich diesem feinem piiriotischen Herzen widerstrebenden Ansinnen dadurch launig entzog, daß es dem General, ohne daL dieser es merkte, lauter linke Handschuhe, vier Dutzend also, verehren lckeß.
Wenn auch die wienerischen Lebzelten nicht unter so gloriösen Umstanden zu erwerben waren wie die Berliner Handschuhe, so würde Iptfl der König doch freuen, denn die Lebkuchen mären ein Gedicht. Der fj; mg beschloß, sie gleich am nächsten Tage zu kaufen.
* . Dis süßen Erzeugnisse des Meisters Äloisius Brand waren freilich nicht die einzige Ursache dieses Entschlusses. Der Herzog von Braun- chmeig, selbst noch bin junger, lebenslustiger Herr, wollte das Mädel chin, das eitlem der vornehmsten Offiziere der Kaiserin so erstaunlich dm Kopf verdrehte. Der Feldmarschalleutnant von Hadik, mit dem ei «ährend seiner Gefangenschaft in kameradschaftlichem Geplauder manch- inial des Abends über die Basteien promenierte, hatte ihm nämlich schon wt Wvchen von der Liebe zwischen der schönen Wachszieherstochter und Wt Leutnant von Rabenau erzählt. Auch davon war die Rede gewesen, in« der sonst so brave Offizier um dieser Liebe willen sich einmal sogar । Dor dem Wachtdienst in der Burg absentiert und nur die gute Laune b-s Gen-^als ihn-vor Arrest oder gar Festung bewahrt habe. Hadik hatte am ugefrat, daß er sich Sorge mache, wie die Kaiserin dieses Ausbrechen !in-s ihrer besten Offiziere'aufnehmen werde. Mariagen zwischen dem Wkl und der Bürgerschaft liebe sie nicht.
[ Daß General von Hadik sich inzwischen durch die freiwillige Meldung be; Leutnants von Rabenau dieser Sorge enthoben fühlte, hatte der Her-
|p ”m f° weniger erfahren, als einem feindlichen General niemand auf )k Nase band, daß morgen oder übermorgen ein Kurier abreiten werde,
um die kaiserlichen Regimenter in Marsch zu setzen. Auch einem Herzog von Braunschweig mußte diese Liebe des Rabenau wider die geheiligte Ordnung der Dinge erscheinen. Er wollte das Mädel sehen. Mußte schon ein wahres Meerwunder oder eine verwunschene Prinzessin sein. Denn schöne Frauenzimmer gab es in der Wienerstadt wahrhaftig auch im zlbel genug. Das hatte der Herzog den Winter über zur Genüge bemerkt.
Den Tag über hatte er allerlei Abschiedsvisiten gemacht. Man war tn Wien gegen den kriegsgefangenen Generalleutnant sehr zuvorkommend gewesen. Es gab kaum ein adeliges Haus, das sich ihm nicht gastfreund, lich geöffnet hatte. Die Kirchenuhren schlugen schon ein Viertel vor sieben, als er endlich vor dem Wachszieherladen stand. Er kam allein. Er war ja nicht mehr Gefangener. Er hatte den kaiserlichen Major, den man ihm als Ehrendienst zugeteilt hatte, gebeten, ihn allein zu lassen.
Den Herzog von Braunschweig kannte in Wien jedes Kind. Seine silberbetreßte, dunkelblaue Uniform hatte man den Winter über bei allen Festen, bei Schlittenfahrten und Lustpartien sehen können. Er hatte sich in Wien nicht anders bewegt als irgendein hoher kaiserlicher General. Nur daß der Major fein steter Begleiter gewesen war. So begrüßte ihn auch die Vielgratterin mit einem erfreuten, wenn auch lendenlahmen Knicks, als er den Laden betrat. Sie beeilte sich auch sogleich, seinen Wunsch zu erfüllen, als er sie bat, den Meister zu rufen. Aufgeregt trompetete sie in die Werkstatt: „Ein Glück hast schon, Brand! Draußen im Laden steht der preußische Herzog und will mit dir reden.. Paß auf, jetzt wirst auch noch braunschweigischer Hoffournisseur!"
Als Äloisius Brand wieder in der kleinen Tapetentüre dienerte, wie vor zwei Tagen vor der Kaiserin, saß der Herzog und Generalleutnant auf einem kleinen, rotgepolsterten Taburett, hatte den rechten Arm auf den Ladentisch gestützt, nickte Brand freundlich zu und sagte: „Ich habe gestern Gelegenheit gehabt, bei Ihrer Majestät der Kaiserin Seine delikaten Psefferkuchen zu kosten, und möchte gern ein Dutzend solcher Schachteln, wie die Kaiserin sie gekauft hat, mit nach Berlin nehmen... Hat Er so viele? Denn ich muß morgen schon reifen."
Brand verneigte sich tief: „Soviel Eure Hoheit wünschen." Er rückte sich die kleine Leiter zurecht. Auf der Ladenpudel standen ja wieder nur i>ie drei Schachteln für den Burschen, der aber anscheinend heute nicht kam.
Der Herzog zog langsam feine gelbledernen Stulphandschuhe aus, legte sie sorgsam über sein Knie und sprach weiter: „Aber ich habe noch einen änderest Wunsch, lieber Meister ..."
„Hoheit befehlen?"
„Die Kaiserin erzählte mir Nicht nur von Seinen meroeilleufen Pfefferkuchen, sondern auch von Seiner Tochter... Darf ich sie sehen?"
Brand auf seiner Leiter runzelte die Stirn. Der Herzog sah es ja nicht. Dieses Paradieren mit der Schönheit der Lisi liebte er nicht. Es machte sie nur eitel. Der Herzog war noch ein stattlicher Mann. Was wollte der? Aber abschiagen konnte er es einem so hohen Herrn wohl auch wieder nicht. Er kletterte mit feinen Schachteln unterm Arm die Sprossen herunter, sagte: „Sehr wohl. Eure Hoheit" und trug der Vielgratterin auf, seine Tochter zu rufen.
Dieses Rufen war es gewesen, das Elisabeth Brand oben in der Dachkammer gehört hatte.
Das Keppeln vergaß die Alte auch jetzt nicht: „Möcht nur wissen, was du allerweil in der Dachstuben zu suchen hast!" Dann aber klärte sie ihre Nichte über Rang und Vornehmheit des Besuchers auf und schloß: „Wirst sehen, jetzt wird der Vater noch ein zweites Mal Hoffournisseur."
Als die Türe ging, sah der Herzog erwartungsvoll auf. In feine Augen traten Entzücken und Staunen. Er wiegte lächelnd den Kopf, sagte leise vor sich hin: „Tja, dann allerdings", erhob sich, legte die rechte Hand an sein Herz, ließ sie mit großer Gebärde sinken und verneigte sich.
Elisabeth Braud errötete und knickste tief.
Der Herzog setzte sich wieder, nahm sie an der Hand, zog sie zu sich heran und sagte: „Die Frau Kaiserin, wie ihr Wiener wohl sagt, hatte schon recht, als sie mir erzählte, daß die Demoiselle sehr schön sei. Den künftigen Eheliebsten kann man nur beglückwünschen..."
Katharina Vielgratterin dachte, daß der Franzi vom Kirndorfer für fein Geld schließlich auch was verlangen könne. Die Lisi aber sah ihn unsicher an: was wußte der Herr?
Doch der Herzog lächelte nur: „Wenn ich daheim über Wien berichten werde, werde ich von nichts beredter erzählen als von der Schönheit der Demoiselle. Um dieser Schönheit willen könnte ich es verstehen, wenn wir Preußen einmal Wien belagerten, wie die Griechen einst Troja wegen der Helena."
Elisabeth Brand senkte den Kopf und warf dabei einen Blick auf den Vater, der gerade einen Bogen Papier zurechtlegte und nach den drei für den Burschen bestimmten Schachteln griff. Nur ein Glück, barfite sie, daß nicht wieder ein Brief in der obersten lag. Der Herzog würde sich wundern. Daß es eben sieben schlug und auch der Dragoner heute nicht gekommen war, betrübte sie nicht. Es war ihr nur der Beweis, daß der Leutnant auf Wache war. Da nahm er feinen Burschen wohl mit.


