SietzenerZamilienbliitter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 1938
Montag, -en 9. Mai
Nummer 56
Hey im Ächllö
Roman von 4jon^<£ofpot von Zabeltitz
Copyright by Deutsche Aerlags-Anstall, Stuttgart
22. Fortsetzung.
Der Sekt kommt, die Holländer greifen nach den Gläsern. Bernd denkt an den Zweck seines seltsamen Auftrags, er lobt — sehr gegen seine Ueberzeugung — Berlin und das Leben der Großstadt, er spricht von einer neuen Blüte der deutschen Industrie, die konimen würde, und vom Wert der deutschen Qualitätsarbeit; er spricht nicht wie ein Mensch, sondern wie ein Leitartikel und läßt alle Schlagworte der Zeit einfließen, deren innere Unwahrhaftigkeit er längst erkannt hat. Der wohlbeleibte Mijnheer van der Straaten hört ihm ruhig zu, seine Augen gehen aber ganz anders Wege, verfolgen schlanke Frauenkörper, deren Formen' durch die dünnen Stoffe der Kleider kaum verhüllt sind, haften an tiefen Ausschnitten und an Frauenbeinen, die im Tanz von den hochge- schlitzten Röcken bis über die Knie freigegeben werden. Er hat sich eine daumenstarke Zigarre angezllndet und pafft genießerisch. Ab und zu zerquetscht er ein paar holländische Worte zwischen den Lippen, von denen Bernd nur „Meiskes" versteht; er weiß, das bedeutet „Mädchen — Frauen"; es ekelt ihn, aber er spricht weiter, krampfhaft, pausenlos. Schließlich sagt der Dicke: „Geben Sie sich doch keine Mühe, Herr Baron. Ihre Leute bekommen den Auftrag auch so. Qualitätsarbeit, das stimmt. Das ist aber auch das einzige, was stimmt. Uns kommt es aber nicht einmal so sehr auf die Qualität an wie auf den Preis, und der ist billig. Für ein paar Gulden kann man ja nächstens eure ganzen Werks kaufen." Er rückt seinen Stuhl etwas näher an den Bernds und beugt sich dichter zu ihm. „Stoßen wir erst mal an. So, und nun trinken Sie noch mal aus. Sie müssen ein bißchen vergnügter werden, scheint mir." Er schiebt seine Zigarre in den anderen Mundwinkel. „Wollen Sie ein paar Gulden verdienen? Gute holländische Gulden? Wir könnten ein Geschäft miteinander machen, glaub’ ich. Alle Welt macht jetzt Geschäfte. Wenn Sie Ihre Leute veranlassen, um zwanzig Prozent 'runterzugehen, iahte ich Ihnen zehn Prozent in holländischer Währung. Glatte Sache unter uns zweien."
Wallnitz richtet sich steif auf. „Sie wenden sich an eine falsche Adresse."
Der andere lächelt nur. „Ach so, unbestechlich. Dabei so ein schönes Geschäft. Schade. Also, nichts für ungut; mir gefällt auch so was. Ich l'iu im Grunde immer fürs Anständige, aber versuchen muß man das rndere auch. Oft genug glllckt's. Gestern war ich zum Beispiel in einem Ihrer Ministerien, da saß so 'n neuer Mann. Glatte Sache, sag' ich ahnen, einfach über'n Tisch. Hat keine fünf Minuten gedauert. Aber Sie — Sie können ja nicht mal lügen. Neue Blüte in Deutschland, daran stauben Sie doch selbst nicht. Ich habe Sie vorhin beobachtet, unten, als tiese Kerle uns anbettelten; ganz schlecht wurde Ihnen. Sie müssen sich 3 was nicht so zu Herzen nehmen. In Paris betteln sie in ihren berühmten Bleu du ciel und in London in Khaki, es ist bei den Siegern richt anders als hier." Wieder pafft er eine dicke Wolke und sieht durch ten Saal. „Sekt und Frauen und alle acht Tage ein gutes Geschäft, i'as ist für uns das einzig Richtige. Prost."'Er trinkt sein Glas mit anem Zuge leer, steht auf, drängt sich durch die Tische. Wenige Augen- rlicke später sieht ihn Bernd auf der Tanzfläche, er hat eine Frau im slrrm, hochblond, mit aufreizend geschminkten Lippen und in einem Kleid, 1:1 dessen flimmernden Pailettenstoff ihr Körper eingenäht zu sein scheint.
Auch der zweite Holländer und Notz sind nicht mehr am Tisch; richtig, Lallnitz entsinnt sich: der andere sagte zu Notz, bevor Straaten mit > iner Bestechungsrede begann: „Kommen Sie mit an die Bar? Ich stochte gern einen Whisky trinken." Ein sauber abgekartetes Spiel, Notz l; fortzulocken, damit er von dem gemeinen Versuch nichts hörte.
Vielleicht find die anderen klüger: besaufen müßte man sich, besaufen; ok den Schwindel vergessen und den seinen Kerl spielen, den großen Herrn.
»Er winkt einem Kellner und schiebt ihm sein leeres Glas zu. „Schen- ün Sie ein", befiehlt er in einem Ton, der ihm sonst ganz fremd ist.
Als er das Glas anfetzen will, fühlt er eine Hand auf feiner Schulter unb hört fine Frauenstimme: „Nun, Bernd, tanzen Sie nicht?" ' Er erkennt diese Stimme sofort, obgleich sie jahrelang nicht an sein l-rr schlug: Lore Schillings. Er springt aus.
,,Ia, da staunen Sie. was?" Sie lacht. „Zu komisch, was für ein .glicht Sie machen. Haben Sie mich denn nach nicht gesehen? Wir sitzen »ruben in einem großen Kreis: ein paar Bekannte, ein paar Freunde, überdies auch von Ihnen: die Isenbecks, wissen Sie, die auch immer bei
fcen Eltern waren, die Herta Grömtz mit ihrem Mann und noch ein paar Jungllnge, die nur uns zum Tanzen mitgenommen haben. Lauter fidele
haben Sie sich denn hier für einen Koloß angebändigt?
Ich beobachte Sie schon eine ganze Weile." b y
„Hollander, gnädige Frau, ich erhielt den Auftrag ..."
„Richtig, mein Mann erzählte mir. Wallnitz als Bärenführer durch das Sundenbabes Berlin. Großartig. Ueberdies: .Gnädige Frau!' Was ist das für n Unsinn, Bernd? Wir find doch alte Freunde und ich Heike . immer noch Lore. Und nun tanzen, wir." ’ ”
"Ich kann das moderne Zeug nicht tanzen." '
«!^“nn nid)t' ift ja wieder Unsinn, Bernd. Ein Tänzer wie Sie Einfach auf die Musik hören, bann machen die Beine schon von selbst
$tDei—bm' mie Öer “Ue P°lka, bloß mit 'nem Hopser da-
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Sie trägt auch eines dieser gewickelten Kleider; sie ist voller geworden reifer, fraulich und trotzdem schlank. Und sie ist schön geworden, sehr lch°"' ^Eeizend: das Gesicht hat eine verführerisch weiche Rundung, Uefe Grübchen legen sich ,n die Wangen, wenn sie lacht und spricht, der kennend rot, und die Zähne sind blendend weiß. Eine Perlen- kette ist doppelt um ihren Hals geschlungen und fällt mit ihrem Ende in den Ausschnitt, an ihren Armen klappern viele Reifen, und von ihren Ohren hangen blitzende Boutons. '
Eine schöne Frau, aber zu grell, zu laut. Nicht mehr die alte Lore m s taÄ; Sie hat recht: es ist wirklich keine Kunst, der scharfe Takt der Musik zwingt zu den richtigen Schritten. .
„®ut, Bernd", lobt sie, „aber Sie müssen mich fester führen, wir tanzen hier keinen Hofwalzer." '
Er Zieht sie dichter an sich, ihr Körper liegt sehr weich in seiner Hand, er fühlt die Bewegungen ihres Rückgrates durch den Stoff.
"i?°.Äab£.n, ?ie denn Ihre Frau? Nicht mitgenommen auf diese Dienstreise? Schade. Ich weiß genau Bescheid: zwei Kinder, Junge und Madel. Sehr brav, Bernd. Großes Arbeitstier in den Schillingswerken angehender Herr Generaldirektor. Neid im ganzen Hause. Protege des Herrn Papa." Und bann ernster: „Ich habe Sie nie aus ben Augen verloren." a
Der TaNz ist zu Enbe.
Sie nimmt ihn mit an ihren Tisch. „Kinber, macht Platz. Ein guter alter Bekannter, Herr von Wallnitz, wer es noch nicht wissen sollte, aber >hr wlßt's ja schon. Lügt nicht. Ihr habt boch alle gefragt: mit wem tanzt bie Lore denn ba?"
Der Stuhl neben ihrem Platz wird frei gemacht. „Felix, schenken Sie ein", ruft sie einem jungen Herrn zu, „und Zigaretten, Felix." Wieder ist ihr helles Lachen da. „Er heißt zwar nicht Felix, aber ich nenne ihn so, weil er so glücklich ist. Er liebt mich nämlich, der arme Junge. Prost Bernd, wie lange haben wir nicht miteinander angestoßen?" Die Gläser klingen. „Und nun erzählen Sie mal, ganz ernsthaft. Wie geht es Ihnen?"
Und wirklich, er kann berichten. Trotz dem Lärm der Musik und der vielen Menschen ringsum. Vom Krieg, vom Baltikum, von Notz und sogar von Lexe und den Kindern.
„Und Dapper?" fragt sie.
„Dapper bewirtschaftet mein Bruder. Mutter ist tot, und Vater hat sich zur Ruhe gesetzt."
„Schade, ich dachte immer, wir würden wenigstens mal Nachbarn werden."
„Und wie geht's Ihnen?"
„Herrlich! Mein Mädel ist fetzt zehn geworden. Ich krieg manchmal Angst, daß sie mir zu schnell über den Kopf wächst. Und meinen Mann kennen Sie ja. Wissen Sie. Bernd, ihr müßt mal zu uns kommen, Sie und Ihre Frau. Ja? Alte Freundschaften soll man nicht einrosten lassen." Sie dreht sich um. „Felix! Ach, Fefix, bestellen Sie mir einen Walzer. Sagen Sie dem Veri Vargas, es sei für mich. Einen alten Walzer soll er spielen, einen alten von früher."
Von neuem tanzen sie. „Links herum, Bernd, immer links herum. Das konnte doch keiner so gut wie Sie. Eine ganze Runde durch den Saal links herum, wissen Sie noch? Betrunken kann man dabei werden, verrückt." Wieder faßt er sie fester, sein alter Walzerschritt ist da. Sie läßt sich führen, schließt die Augen. „Sie können's ja noch, Bernd. Was waren wir doch dumm damals, Bernd, was waren wir dumm." Er ändert den Schritt, denn ihr Atem fliegt. Er sieht zu ihr hinab, sieht, wie ihre Brust sich hebt und senkt. „Jetzt ruhig, Bernd", bittet sie, „ganz ruhig. Links herum, rechts herum, immer im Wechsel. Die jungen Bengels können ja alle nicht mehr richtig Walzer tanzen. — Wissen Sie, daß ich Ihnen noch döse bin?"
„Mir böse? Warum?"


