„Nimm dich in acht! Du wirst ihn lieben."
"Ihn lieben", wiederholte Eugenie. „Ach, wenn du wüßtest, was der Vater gejagt hat." „ , , ..
Charles drehte sich um und bemerkte feine Tante und Counne.
Ich habe meinen Vater verloren, meinen armen Vater. Wenn er mit sein geheimes Unglück anvertraut hätte, hätten wir beide zufammenarbeiten können, um es wieder gutzumachen. Lieber Gott! Mein guter Vater. Ich habe so sicher damit gerechnet, ihn wiederzufehen, daß ich glaube, ,ch habe ihn kalt umarmt..."
Schluchzen schnitt ihm das Wort ab. ,
„Wir wollen viel für ihn beten", sagte Frau Gründet. „Ergeben Sie sich ^Liebe'^Vetter"^sagte Eugenie, „fassen Sie Mut. Ihr Verlust ist un- wiederbringlich. So denken Sie jetzt daran, Ihre Ehre zu retten...
Mit diesem Instinkt, diesem scharfsinnigen Feingefühl der Frau, die immer klug ist, felbst wenn sie tröstet, wollte Eugenie ihren Vetter über einen Schmerz wegtäuschen, indem sie ihn mit ich selbst beschjtigte.
„Meine Ehre?" schrie der junge Mann aus, indem er ich mit einer heftigen Bewegung das Haar zurückstrich. Er fetzte f,ch auf fein Bett und ° ist^wah?! Mein Onkel hat mir gefügt, daß mein Vater Bankrott
ihre Gedanken. ,
„Mama, wieviel Louis kriegt man für ein Stücksaß Wem-'
„Der Vater verkauft seine für hundert bis hundertsünszig Franken, manchmal für zweihundert, hab' ich faßen hören."
„Wenn nun die Ernte vierzehnhundert Stück Wem gibt?
„Bei Gott, Kind, ich weiß nicht, was das macht; dein Vater spricht me mit mit von seinen Geschäften."
„Dann muß Papa ja reich fein."
„Möglich. Doch Herr Cruchot hat mtt gesagt, daß er vor zwei Jahren Froidsond gekauft hat. Das wird ihn festgelegt haben."
Eugenie, die sich nicht mehr im Vermögen ihres Vaters auskannte, gab ihre Berechnungen aus. , ,
„Er hat mich überhaupt nicht mal angesehen, das Jungchen, sagte Ranon, die zurückkam. <_ . >
„Er liegt wie ein Kalb ausgestreckt auf fernem Bett und »eint tote Magdalena, es ist eine wahre Ueberschwemmung. Welchen Kummer hat doch diefer arme, liebe, junge Mann!"
„Gehen wir doch ganz fchnell hinaus, ihn zu trösten, Mama; und wenn es klopft, kommen wir herunter."
Frau Grandet war ungewappnet gegenüber dem einschmeichelnden Klang in der Stimme ihrer Tochter. Eugenie war wundervoll, sie war Frau. Alle beide stiegen sie mit klopfendem Herzen in Charles Zimmer hinauf. Die Tür war offen. Der junge Mann fah und hörte nichts. In Tränen gebadet, stieß er unartikulierte Klagelaute aus.
„Wie er seinen Vater liebt!" sagte Eugenie mit leiser Stimme.
Es war unmöglich, im Tonfall dieser Worte die Hoffnungen eines unbewußt leidenschaftlichen Herzens zu verkennen. Darum ließ Frau Grandet einen Blick voll Mütterlichkeit aus ihrer Tochter ruhen, dann sagte sie ihr ganz leise ins Ohr:
gemachh^ durchdringenden Schrei aus und verbarg das Gesicht in bCn„2aifen Sie mich, Cousine, lassen Sie mich! Mein Gott, mein Gott! vergib meinem Vater, er muß furchtbar gelitten haben.
Es hatte etwas grauenvoll Fesfelndes, bie Aeußerung dieses Schmerzes anzuhören, der kindlich, aufrichtig, ohne Berechnung, ohne Hintergedanken
Aus dem Schamgefübl des Schmerzes heraus, das die einfachen Herzen von Eugenie und ihrer Mutter begriffen, bat Charles fie durch eine Geste, ihn sich selbst zu überlafsen. Sie stiegen hinab, nahmen schweigend ihre Plätze am Fenster wieder ein und arbeiteten ungefähr eine Stunde lang, ohne ein Wort zu sprechen. Eugenie hatte mit einem verstohlenen Blick, den sie auf die Sachen des jungen Mannes warf, diesem Blick emes mngen Mädchens, der in einem Nu alles sieht, die hübschen Kleinigkeiten ,emes Toilettenkastens bemerkt, feine mit Gold verzierten Scheren und Rasier, melier. Dieser Ausblick in den Luxus, durch den Schmerz hindurchgesehen, machte ihr Charles nur noch interessanter, vielleicht nn Kontrast. N,e zuvor hatte ein so ernstes Ereignis, ein so dramatisches Schauspiel an d,e Einbildungskraft dieser beiden in eine ununterbrochene Ruhe und Emsamkeit versenkten Wesen gepocht. _ , , , *
„Mama", sagte Eugenie, „wir wollen Trauer um meinen Onkel anlegen. ''.Das wird der Vater entscheiden", antwortete Frau Gründet.
Sie verharrten wieder in Schweigen. Eugenie machte ihre Stiche mit einer Regelmäßigkeit, die dem Beobachter bte emsigen Gedanken ihres Nachsinnens enthüllt hätten. Der Hauptwunsch dieses prachtvollen Mädchens war, die Trauer ihres Vetters zu teilen. Gegen vier Uhr suhr cm heftiger Hammerschlag Frau Grandet in die Glieder.
„Was hat denn der Vater?" sagte sie zu ihrer Tochter.
Der Winzer trat fröblich ein. Nachdem er die Handschuhe ausgezogen hatte, rieb er sich die Hände, daß die Haut hätte abgehen können, wäre seine Epidermis nicht gegerbt gewesen wie Juchtenleder ohne den Geruch von Lärchenholz und Weihrauch. Er spazierte aus und ab, sah nach dem Wetter. Endlich gab er sein Geheimnis preis.
„Liebe Frau", sagte er, ohne zu stottern, „ich habe sie alle erwischt. Unser Wein ist verkauft. Die Holländer und Belgier wollten heut früh abreisen, ich bin auf dem Marktplatz vor ihrem Hotel herumspaztert unb gab mir beit Anschein eines Dummerjahns. Die Sache, bte bu kennst, wickelte sich ab. Die Besitzer aller guten Weinberge behalten ihre Ernte und wollen abwarten, ich habe sie nicht daran gehindert. Unser Belgier war außer sich. Das hab' ich gemerkt. Das Geschäft ist gemacht. Er nimmt unsere Ernte zu zweihundert Franken das Stückfaß, im Durchschnitt gerechnet. Ich werde in Gold bezahlt. Die Wechsel sind ausgestellt; hier smd sechs Loms sur dich. In drei Monaten werden die Weine fallen."
Diese letzten Worte wurden in ruhigem Ton gesprochen, aber mit so vollendeter Ironie, daß, wenn die Leute von Saumur s,e gehört hatten, die jetzt in Gruppen auf dem Marktplatz standen, bestürzt über die Nachricht von Grandets eben abgeschlossenen Verkauf, fie gezittert hatten; der Wein wäre infolge einer panischen Furcht um fünfzig Prozent gefallen.
„Sie haben taufend Stück , Wein drefes Jahr, lieber Vater? sag Eugenie.
Dies Wort war der höchste Ausdruck der Freude des alten Wmzers.
„Das macht zweihunderttausend Zwanzig-Sous-Stücke?" „Jawohl, Fräulein Grandet."
„Na bann, lieber Vater, können Sie ja leicht Charles helfen.
Das Erstaunen, bie Wut, bie Bestürzung Belsazars, als er bas Menetekel sah, kann sich nicht mit bem kalten Zorn Granbets messen, der seinen Neffen schon vergesfen hatte und ihn nun im Herzen und m den Berechnungen seiner Tochter toieberfanb. , . . - ,
„Was soll bas heißen! Seitbem bieser Geck bett Fuß in mein Haus gesetzt hat, geht alles quer. Ihr macht euch üppig mit Kausen von 3udet- werk, mit Gelagen unb Schmausereien. Ich will solche Sachen nicht. Ich weiß in meinem Alter, wie ich mich zu benehmen habe, sollt ich meinen. Unb ich brauche gute Lehren Weber von meiner Tochter noch von son iemanbem. Ich werde für meinen Neffen tun, was fich gehört, und ihr ha nicht bie Nase 'reinzustecken. - Unb bu, Eugenie" fügte er zu it)t getoanb hinzu, „sprich mir nicht mehr von so was, ober ich schicke bich in bte Av-e> von Royers mit Nanon, bamit bu mich kennenlernst, unb zwar schon morgen, wenn bu muckst. — Wo ist eigentlich ber Junge? Ist er nicht ’runterge kommen?" „
„Rein, mein Freunb", antwortete Frau Granbet.
„Na, was treibt er beim?"
„Er beweint seinen Vater", antwortete Eugeme.
(Fortsetzung folgt)
Da ta ta, ta", sagte ber Böttcher in vier ansteigenden Tönen, „der . Sohn meines Bruders hier, mein Neffe da. Charles geht uns nichts an, er fint weder Deller noch Pfennig. Sein Vater hat Bankrott gemacht, und I wenn dieser Geck fich ausgeweint hat, wird er hier das Feld räumen; ich will nicht, daß er mein Haus aufrührerisch macht.
Was heißt das, Bankrott machen, Vater? fragte Eugeme.
"Bankrott machen", versetzte der Vater, „heißt bte ehrloseste von allen Danblunaen begehen, die einen Menschen entehren können.
„Das muß eine große Sünde sein", sagte Frau Grandet, „unb unser Bruber wirb verbammt werben."
Wa ja, bas sinb roieber beine Litaneien", sagte er zu feiner Frau.
"Bankrott machen, Eugenie", fuhr er fort, ift ein ®iebftaljl, den das ßjefeh [eiber unter seinen Schutz nimmt. Leute haben Guillaume Grandet ihre Waren geliefert, auf seinen guten und ehrlichen Ruf; bann hat er attes weggewirtschaftet unb läßt ihnen nur noch ihre Augen zum toemen. Der Straßenräuber ist noch bem Bankrotteur vorzuziehen, benn ber greift dich an, du kannst dich zur Wehr fetzen, er riskiert feinen Kopf, wahrend d-r andre ... Jedenfalls, Charles ist entehrt. ,
Diese Worte drangen dem jungen Mädchen ms Herz und.lasteten da mit ihrem ganzen Schwergewicht. So rechtlich gesinnt, wie eme im Waldes- grund erblühte Blume zart ist, kannte Eugeme bte Grundsätze ber Welt nicht nicht ihre arglistigen Urteile noch ihre Sophismen; sie nahm daher btt entsetzliche Erklärung an, bie ihr Vater ihr Über den Bankrott gab, ohne bah er sie ben Unterschied wissen ließ, ber zwischen einem unfreiwilligen Bankrott unb einem aus Berechnung besteht. . ™
Ach, Vater, konnten Sie benn das Unglück nicht verhindern-"
"Mein Bruder hat mich nicht um Rat gefragt; außerdem hat er vier MittioneniSchulden. eine Million, Vater?" fragte fie mit der
Naivität eines Kindes, das glaubt, unverzüglich haben zu können, was es sich wunsch^Eo^,^ 1aflte Grandet, „nun, das heißt, eine Million von Zwänzig-Sous-Stücken, und man braucht fünf Zwanzig-Sous-Stücke, um
itein11®ott*l ^Mein Gott!" rief Eugenie aus. „Wie konnte benn mein Onkel selber vier Millionen gehabt haben? Gibt's noch trgenbetnen andern * Menschen in Frankreich, ber so viel Millionen hat?"
Vater Granbet strich sich bas Kinn, lächelte unb sem Geschwür schien
sich zu blähen. , 3O,,
„Aber was wird aus meutern Vetter Charles?'
Er wird nach Ostindien reisen, wo et nach dem Wunsch semes Vaters versuchen soll, Geld zp verdienen."
„Aber hat er Geld, um dorthin zu reisen?'
„Ich werde ihm seine Reise bezahlen, bis ... ja b,s Nantes.
Eugenie fiel ihrem Vater um den Hals."
„Ach, lieber Vater, Sie sind so gut." . _
Sie umarmte ihn in einer Weise, die Grandet, den sem Gewissen doch ein bißchen beunruhigte, beinah beschämte. .
..Braucht man viel Zeit, um eine Million zusammen zu haben? fragte fte.
Na, ich denke", sagte der Böttcher, „du weißt, was em Napoleon ift; nun gut, man braucht davon fünfzigtausend, um eine Million zu haben.
„Mama, wir wollen Messen für ihn lesen lassen.
„Ich dachte auch schon daran", antwortete die Mutter.
„Da haben toir's wieder! Immer Geld ausgeben , rief der SBater au8. „Also hört mal, glaubt ihr, daß hier Hunderttausende zu haben fmb?
In bie,em Augenblick ertönte ein burnpfer Klagelaut, noch unheimlicher als bie andern, schallte von ben Bodenräumen zurück unb ließ Eugeme und ihre Mutter vor Schreck erstarren.
„Nanon, geh 'rauf nachsehen, baß er sich nichts antut , sagte Grandet.
„Na, na", fuhr er zu Frau unb Tochter getoanbt fort, bte bet Jemen Worten blaß geworben waren, „keine Dummheiten, ihr zwei. Ich lasse euch allein. Ich will einmal um unsre Hollänber herumstreichen, die heut Weggehen. Dann werbe ich Cruchot aufsuchen, um mit ihm über alles bres ÄU erging. Als Granbet bie Tür hinter sich geschlossen hatte, atmeten Eugenie unb ihre Mutter erleichtert auf. Vor biesem Morgen hatte bas junge Mädchen niemals eine Hemmung in Gegenwart ihres Vaters gespurt; aber seit ein paar Stunben änberten sich jeben Augenblick ihre Gefühle unb


