leidenschast eines ganzen Volkes aus diesen öffentlichen Gärten Nahrung ziehen könnte, das macht man sich nur wenig klar. Die Kräfte, die aus dem edelsten Blumenleben in das Zueinander aller Seelen strömen, sind uns allen schon wunderlich in kleinen Erlebnissen zum Bewußtsein gekommen.
Wir kommen von den größten Gärten nun zu den kleinsten, nämlich zur wichtigen Laubengartensrage, Daß hier Menschen, die mit ihrer ganzen Familie an diesem Stückchen Land arbeiten und hängen, infolge Häuserbaues jederzeit plötzlich ohne jeden Sündenfall aus ihrem Paradiese jederzeit herausgeworfen werden können, macht diese Gärten nicht gerade zur Keimstätte hohen Gemeinschaftsgefühls, Die Stadt Frankfurt am Main hat unter Führung ihres hochverdienten Stadtgartendirektors ein Laubengartengesetz herausgebracht, wonach dem Laubengarteninhaber bei zwangsweisem Verlassen das Recht auf einen neuen Garten in nicht zu großer Entfernung zusteht. Das ist das Minimum, das eine Kulturstadt den gläubigen Kleingärtnern zu gewähren hat. Die Laubengarten- und Schrebergartenfrage ist und bleibt in alle Zeit hinaus eine menschliche Gemeinschaftsfrage ersten Ranges. Hier sind die Menschen, die iM großen Kampf mit dem Leben stehen, am ungestörtesten.
Bei den Gastgärten, den Kur- und Bädergärten empfindet der Fremde aus der Nähe oder Ferne besondere Pflanzen- oder Garten- fchönheit als warme Gastlichkeitsgebärde, die ihn freundlich mit fremdem Ort, mit neuem Volkstum und Stammestum verbindet. Niemand hat ein so gutes Gedächtnis wie der Kunde oder der Gast. Erinnerung haftet am Sichtbaren. Gast- und Kurstätten müßten also von Rechts wegen ein unvergleichliches Interesse an den Fortschritten des modernen Garten- und Blumenwesens nehmen. Sie haben auch eine wenig benutzte Möglichkeit, den Fremden mit dem ganzen wilden Natur- und Pflanzenwesen ihres Bereiches in Fühlung zu setzen und ihm auf diesem Wege auch schon Witterung für das besondere Volkstum der Gegend zu verschaffen. Meeresstrand-Kurhäuser sollten die edelsten Pflanzen der Strandwildnis zum Ausgangspunkt natürlicher Gartenanlagen machen, unbeschadet breiter Promenadewege und Ruheplätze. Daraus werden Stimmungen aufsteigen, welche die Menschen lösen und zueinander bringen und im tiefsten Gegensatz stehen zu den faden und steifen Kurgartenstimmungen bisheriger Zeiten.
Botanische Gärten waren bisher noch selten eine Angelegenheit der Gemeinschaftswärme und des feinen gemeinsamen Kulturstolzes. Sie können es aber werden. Für unser deutsches Heimatgefühl und Gemeinschaftsgefühl in diesen Gärten ist es von großer Wichtigkeit, daß alle diese fremden und vertrauten Schönheiten nicht durch eine fremde Sprache vergittert werden, sondern uns durch wohlerwogene deutsche Volkheitnamen nähergebracht werden. Auch hier wäre ein durchgreifender Befehl von oben an alle deutschen Botanischen Gärten ein Segen. Wo noch keine rechten Volkheitnamen vorhanden sind, müssen sie von den hierzu geeigneten Menschen gefunden werden.
Wir Menschen von heute ahnen erst dunkel, wie wohl es der träumespinnenden Einzelseele allgemach im Arme beseelter Gemeinschaft sein wird. Wir erquicken uns zu selten am inneren Anblick der Daseinshöhen, zu denen das Menschenleben in der Fülle der Zeiten emporwachsen wird. Unser Blick geht so tief in die Vergangenheit und allernächste Zukunft, aber zaghaft und unbeschwingt in die große Zukunft der Welt.
Der Traum.
Von Eberhard Meckel.
Wild, Tobias Wild, beinahe dreißigjährig, nicht gerade arbeitslos, nein, aber (eit einiger Zeit ohne Stellung und festes Einkommen, sich seither mit Arbeiten aller Art tapfer und mühsam durch das Leben schlagend, aus seiner süddeutschen Heimat vor mehreren Jahren nach Berlin gekommen und zur Mieke in einem kleinen Zimmer in der Altstadt wohnend — dieser Tobias Wild schläft jetzt. Er schläft nach einem Tag wie immer, einem Tag voll Hetze, Mißerfolg, Enttäuschung, aber auch kleinem Erfolg und Freude, Hoffnung und Niedergeschlagenheit, auf jeden Fall aber mit großer Müdigkeit abends. Die Arme unter dem Kopf verschränkt, liegt der große und kräftige Mensch da; und merkwürdig, wie im Schlaf alles, wie so ein Tag abfallen kann mit allem Gewesenen, und nichts bleibt zurück als etwas Friedliches, Stilles mit leisem Atem und festverschlossenen Lidern, hinter deren dünner feingeäderter Haut nur manchmal der bläulich durchschimmernde Augapfel zuckt.
Alles fällt ab, auch das, was über den Tag hinaus den Schlafenden beherrscht, was er denkt und glaubt, hofft und weiß von diesem seinem Leben in dieser Zeit. Und nun ist er bald dreißig Jahre, er, Tobias Wild; früher, da mußte man mit Dreißig etwas [ein, denn dreißig Jahre sind eine gewichtige Schwelle im Leben eines Menschen, eines Mannes. Dreißig Jahre sein, das hieß früher, sich den Grund und Boden geschaffen zu haben, worauf es die nächsten dreißig Jahre immer mehr aufzubauen galt. Aber heute? Und dabei gibt es so viel, was man möchte. Man schafft, was man kann. Aber wer will immer allein fein, wer will nicht einmal Frau und Kind haben? Wer möchte nicht... Still! Genug davon! Tobias Wild schläft jetzt.
Und in der Nacht hat er einen seltsamen Traum. Ihm träumt, aus der Reihe seiner Vorfahren treten nacheinander ein paar vor ihn hin, hier vor fein Bett, wo er liegt. Sie, die längst Toten und Vermoderten, kann er wie leibhaftig und lebend vor sich sehen. Einzeln kommen sie aus dem Dunkel der Zimmerecke und bleiben, von einem unsichtbaren Licht angeleuchtet, stehen. Und der Träumende erkennt alles von ihnen, weiß plötzlich jedes einzelnen Geschick und Geschichte. Aber er selbst, traumgefangen, vermag sich weder zu bewegen noch die seltsamen Erscheinungen anzurufen; er muß alles über sich ergehen lassen, muß alles ansehen und anhören bis zum Ende.
Und der Erste, der als Traumgestalt vor sein Bett kommt, ist sein Vorfahr Bastian Wild, gewesener Bauer zu Leben im Breisgau, Mit
verantwortlich: l)r. Hans Tbvriot. — Druck und Derlag: Brühl
läufer beim Bundschuh und geendet wegen „beürischen uffrur" auf dem Hochgericht anläßlich der Niederwerfung des Bauernaufftandes im Ober- elfaß durch das Heer des lothringischen Herzogs im Jahre 1525. Der Vorfahr sagt nichts, stumm steht er im Zimmer hier, wie er gelebt. Aus seinem Gesicht blickt bittere Armut und furchtbare Not, die sich in tiefen Rinnen in die Haut eingruben. Die Hände, verarbeitet, mit Buckeln und Rissen und Schwielen, Hände, die ihr Lebtag um das kärgste Brot schufteten hinter dem Pflug, Hände, die Frau und neun Kinder ernähren mußten, bis sich die Unterdrückten empörten. Und dafür mußten sie dann büßen.
Nach einer Weile dreht sich die Gestalt um und verschwindet langsam ins Dunkel zurück.
Die zweite Traumgestalt, die dann erscheint, ist der Vorfahr Wolf Wild, ein Enkel des Vorigen. Ackerbürger zu Leben im Breisgau und Gütler zu Umkirch, gestorben eines natürlichen Todes im Alter von 74 Jahren auf Martini 1599. Der Mann hatte sich einst heraufgearbeitet, so mißgünstig auch die Zeit damals den Bauern war. Das Leben hatte es auch gut mit ihm gemeint, wenn es sich auch noch schwer genug gab. Aber in der Schwere liegt ja oft die tiefste Freude verborgen. Die Traumgestalt zeigt einen großen Mann, breit, im zeitlosen Aussehen und Gewand des Bauern. Und dann hört der Träumende die Borte von ihm Herkommen: „Ihr, und du Tobias Wild, glaubt nicht, daß wir vor euch längst und ganz vorbei sind. Was wir waren und schafften, gilt auch noch für euch. Ohne das wäret ihr nicht da. Wir leben noch mehr, als ihr denkt. Wir sind wacher, als ihr glauben mögt." Dann nach diesen Worten, die mit fester Stimme gesprochen sind, weicht auch diese Erscheinung des Wolf Wild zurück und löscht aus.
Die dritte Erscheinung, die kommt, ist der Sohn des Vorigen, der erste mit Namen Tobias Wild. Ein alter Mann, zerlumpt, hinfällig. Seine tief in den Höhlen liegenden Augen verraten unsägliche Sorge und Kummer. Diese Augen, unverwandt und starr auf den Träumenden gerichtet! Im Lause des Dreißigjährigen Krieges haben ihm die Kriegsvölker Mansfelds, die Schwedischen, das Heer des weimarischen Herzogs und die Welschen, die übel mit Morden und Sengen im Breisgau hausten, alles weggenommen, geplündert, gestohlen, das Haus über dem Kopf angezündet und die Meder verheert, lieber zwanzig Jahre in ständiger Aufregung und Not — und mit Mühe vermochte damals der Tobias Wild, nachdem ihm noch zuletzt feine Frau erschlagen worden war, feine Kinder in die Stadd zu retten und von sich selbst nichts außer dem nackten Leben, bis er elendiglich starb „im siechenhus ze Friburg im Brißgow", voll innerer Unruhe und Kummer. Den Frieden nach der Entscheidungsschlacht und den Sieg der Kaiserlichen hatte er nicht mehr erlebt.
Seine Gestatt bleibt einen Augenblick reglos stehen, seine Gestatt, Zeugnis eines bitteren Lebens, und ehe sie wieder verschwindet, stoßen sich seltsam hart und wild im alemannischen Dialekt ein paar Worte aus seinem Mund hervor: „Schaut mich an, die ihr jetzt lebt. So wie mir ging es damals den meisten. Denkt daran. Jammert und klagt nicht!"
Der nächste, der erscheint, ist der Vorfahr Hermann Wild, einst Doktor juris und Bürger in der vorderösterreichischen Stadt Freiburg, verhältnismäßig jung gestorben am Schlagfluß im Jahre 1749. Wahrscheinlich hatte er ein wenig zu schnell gelebt. Während fein Vater und feine Brüder noch in Lehen ackerten, war er in die Stadt gegangen, hatte studiert und sich mit Fleiß zum „Herrn" heraufgearbeitet. Weltgewandt, ein Schützling des Bischofs, mit zierlichem Degen an der Seite, mit feinem Schuhwerk und gepflegten Händen steht er da. Nach dem Tode wurde zu seinem Andenken eine schön gedrehte barocke Tafel in die schlichte Lehener Dorfkirche gehängt: So weit hatte es noch keiner seiner Vorfahren bisher gebracht. Seine Söhne wurden Städter, lind er sagte zu seinem träumenden Nachfahren: „So, Tobias Wild, so". Mehr sagte er nicht, aber es klingt wie ein Trost und eine Mahnung zugleich. Dann nimmt auch diese Erscheinung wieder das ewige Dunkel auf.
Danach kommen bann kurz aufeinander ein paar Frauen. Der Träumende sieht sie wie Schatten vorübergleiten. Meist sind sie verhärmt, verbraucht, alt. Sie weisen nur ihre Hände deutlich vor, verarbeitete Hände, und sagen nur, wie viele Kinder sie hatten. Sonst sagen sie nichts. „Elf", sagt die erste, „sechs", sagt die zweite, „neun", sagt die dritte und so fort. Zum Schluß huscht eine ganz junge Frau vorbei, scheu und zart. „Eins" sagt sie. An dem einen starb sie auch, aber das eine blieb leben, und ohne dieses eine träumte Tobias Wild jetzt nicht.
Das waren die Mütter ...
Und die letzte vor den Schlafenden hintretende Erscheinung "ist fein eigener Vater, gefallen durch Kopfschuß am Reichsackerkopf im Elsaß in den heftigen Kämpfen Ende 1915. Er, der Sohn, der Schlafende, hat ihn nicht mehr sehr deutlich in der Erinnerung, aber nun ist er ihm seltsam nahe, wie lebendig, zum Greisen. Und des Vaters Blick ruht auf ihm, verstehend, gütig. Und dann hört der Sohn feines Vaters Stimme wieder, die er vor bald zwanzig Jahren beim Auszug der Truppen zur Ü3erteibigung der Heimat zum letzten Male hörte. Der Vater beugt sich zu ihm herab und flüstert ihm unfagbar leise, aber deutlich zu: „Schau, so ist das alles. Die Kette, die Kette, an der wir alle hängen und von der wir Glieder sind. Und alles kommt und geht. Und nichts, nichts ist umsonst, was immer war und was jetzt dir, was jetzt allen, was unserem Volk geschieht. Nichts ist umsonst, für die, die nach dir kommen; vergiß nie, bedenke es genau. Habe Mut und glaube!" — Und nachher, als er sich wieder aufgerichtet hat, sagt der Vater noch: „Mein lieber Sohn". Mehr, nein, mehr sagt er nicht. Aber alles ist in diesen Worten, was ein Vater seinem Sohn sagen und sein kann. — Dann ist auch diese Traumgestalt plötzlich fort ...
Und Tobias Wild will jäh ausfahren aus dem Traum, will rufen, schreien, will alles, was er auch sah und hörte, halten und darauf antworten. Aber er wacht nur auf, und Dunkel ist um ihn und die Stille des Zimmers. Und während er wieder in kurzen Schlaf versinkt, kommt ihm alles gut vor, das ganze Leden, wie es auch fei, gut wie noch nie...
'[che Univerfitäts-Buch- und Steindruckeret.B. Lange, Gießen.


