Oer Reisebecher.

Von Conrad Ferdinand Meyer.

Gestern sand ich, räumend eines langvergessnen Schrankes Fächer, Den vom Vater mir vererbten, meinen ersten Reisebecher.

Währenddes ich, leise singend, reinigt' ihn vom Staub der Jahre, War's, als höbe mir ein Bergwind aus der Stirn die grauen Haare, War's' als dufteten die Matten, drein ich schlummernd lag versunken, War's, als rauschten alle Quellen, draus ich wandernd einst getrunken.

Menschen unterwegs.

Von Helene Voigt-Diederichs.

Dreikäsehoch.

Der Wagen stoppt auf dem Kirchplatz, noch hämmert sein geschwindes starkes Herz. Blicke klimmen hoch: unerhört, wie frühes zwölftes Jahr­hundert diele Türme lichtsuchend aus sich herausbluhen laßt ... » besinnt sich auf seine Füße, staunt, wittert um Mauern und Giebel, fragt sich durch nach der Wohnung des Küsters.

Wie nicht anders zu erwarten, hat sich bei unserer Rückkehr aller­hand spielendes Kroppzeug um den Wagen gesammelt. Es ist so ver­tieft in Nummer, Stempel, Vierradbremse, Druckknöpfe von Verdeck und Taschen, dah unser Nahen unbemerkt bleibt. Der Gruppenalteste, em siebenjähriger Blohsuß, hat den kleinen blanken Löwen losgeschraubt, bohrt abwechselnd Nase und Augen in den Kühlerhals. Jetzt schreckt er herum. Zahnlücken, gesunder Mund, Schelmenaugen unter sonnen- fleckiger Stirn. Er schnieft verblüfft, doch er denkt nicht daran, sich zu drücken. Geschwind den Löwen festgedreht, und nun strafst sich bis in den zerfransten Strohschopf die schmale Lausbubengestalt. Rechte Hand vor die Brust, linke Hand in die Luft geschmissen — so steht er, leibhaftiges Wunschbild aller Jungen: in jedem Muskel sich selber zur Rettung Ver- kehrsschupo.

Es ist zu vermuten, daß sich hier aus der ersten Neugier weitere Kühnheiten entpuppt hätten. Aber jetzt, seine unerschrockene Haltung sänftigt das Mihtrauen. Man winkt ihn zu sich, macht ihm: klar dah da leicht kleine Nichtsnutze an so einem Auto herumsingern. Wie heißt er? Hans Schaumann — also, Hans, du paht jetzt aus, daß nichts an dem Wagen geschieht — läßt keinen anderen Jungen heran — verstanden?

O ja Hans versteht. Er grinst den Gefährten zu, ist seit einer Viertel­minute Autobesitzer, der bei gehörigem Abstand immerhin einiges Dienst­volk brauchen kann ... Uns selber sieht er mit Genugtuung unter dem Türbogen der Kirche verschwinden.

Der erste Blick aus birksndustiger Kühle in den warmen Tag gilt dem wartenden Wagen jenseits des Platzes. Wir haben uns nicht ge­täuscht, Hans Schaumann ist sest auf dem Posten. Er spürt wie ein Jagdhund ums Auto, gefahrenlüstern; jetzt hat er uns bemerkt, steht stramm, bringt den Beweis seiner Zuverlässigkeit, indem er der Lust widerstebt, uns nur einen einzigen Schritt entgegenzukommen.

Nun' hat er gut achtgehabt? Sein blanker gespannter Jungensblick frohlockt Antwort. Dann zählt er die Angriffe her, die er obgewehrt hat. Biel ist losgewesen. Diese hier (er weist aus zwei Knirpse neben sich) sind seine Kameraden, auf die kann er sich verlassen. Aber andere Jungen waren da, von allen Seiten kamen sie. Einer hat versucht zu hupen, em anderer mit voller Kraft am Reifen gedrückt. Zweie haben sich aus den Tritt gestellt, mit Stöcken aufs Polster geklopft, und hier — er hat es nicht weggewischt, damit wir uns selbst überzeugen: ein ganz Schlimmer hat hinten auf den verstaubten Koffer ein Tier mit drei Semen, außer­dem noch eine Fratze gemalt ... Na. der ist schön ausgerissen, wie er gemerkt hat, daß ein Wachmann dasteht ...Er selber, Hans, wäre hinterher und hätte ihn verwalkt, wenn er nicht zur Sicherheit hier beim Wagen hätte bleiben müssen ... .

Also Hans, das hast du tüchtig gemacht. Eine Tute mit Schokolade kommt zum Vorschein. Die spendende Hand füttert von Mund zu Mund. Dem Jungen ist's vollauf recht, daß auch seine Freunde was abkriechen — obgleich er allein die Arbeit geleistet hat. Gönnerisch lächeln seine eifrig kauenden Backen. Als wir einsteigen, scheuert er ehrbeflissen mit dem Hemdärmeln hinter uns den Koffer blank.

Der Wind spielt einen Papierfetzen über das Pflaster. Das Kind springt ihm nach, holt einen Bleistiftstummel aus der Tasche, kritzelt und überreicht stolz, zu besserem Gedächtnis, seine Namenskarte.

Nun aber los. Neben dem Wagen steht Hans Schaumann, bolzen­gerade, klappt die Arme, weist an der Kirche vorbei — Diener, Amt­mann, Fürst, kurzum: Verkehrsschupo.

Werkmann.

Sehr viel gute Straße. Gerade weil es so wenig Wedjte gibt, überrennt man die paar Kilometer leicht ein bißchen scharf. Rollt flott darüber hinaus, weiter auf glatter breitgeteerter Bahn.

Ausgang des Dorfes. Krach — ein Stein schleudert unterwärts gegen den Wagen? Stopp. Untersuchung. Nun ja, da haben wir s. Federbruch vorn links .. Am Grasrand der Straße kauern Mädchen, aroeitslose Burschen um sie herum. Sie bemerken unser Pech, halten Maulaffen feil, lachen Beifall. Man betrachtet die Landkarte. Zehn Kilometer bis zum nächsten größeren Ort ... Lange Gesichter, Ratschlage. Beides hilft "'^Ein^alte'r^Marin^schlurft vorüber Filzschuhe, Filzpfropfen unter dem Stock, auch in der Kehle Filz. Er dreht bei. befummelt den Schaden, heisert zum Straßenrand: Willy! .

Der Gerufene springt vor. Schirmmütze und verschlissene Jacke, em munterer wohlgewachsener Bursche. Glück Eß man haben es f e sich heraus; Willy ist tatsächlich Autoschlosser. Wahrscheinlich war er es vorhin, der am lautesten gegrinst hat. Jetzt wo man ihn ruft und braucht, grinst er durchaus nicht. Ist nicht mehr und nicht weniger

gelernter Arbeiter, das ist beileibe genug — noch dazu im vorliegenden Fall des lahmen Wagens auf freier Straße.

Er beugt sich, prüft, wirft sich bäuchlings in den Staub. Seine Ge­fährten treten ebenfalls näher, einer biegt dem Liegenden vor dem über­holenden Auto geschwind die Beine beiseite. Willy späht hin und her, wackelt und klopft, versucht bald von hier, bald von dort der Bruch­stelle beizukommen. Er beachtet Fragen nicht, verliert auch seinerseits kein Wort, schwitzt und schnauft. Nicht zu reparieren! verkündet er schließlich. Freilich, er will den Versuch machen, mit dickem Kupferdraht die böse Stelle soweit zu flicken, dah die Feder hält, der Wagen nicht gleich beim ersten Stoß auf der Achse liegt ...

Er springt ins Haus; nicht nur seine Person, auch sein Werkzeug ist genau im rechten Augenblick zur Hand. Wieder liegt er unter dem Wagen, keucht und windet sich; um ihn herum schart sich vielköpfig die Freund­schaft. Keiner ist gelangweilt, keiner mehr eindeutig schadenfroh — hier ist eine Maschine, die den rettenden Mann braucht; jeder Gaffer be­feuert, aufs Gelingen gespannt, Hände, Zange und Draht des Kundigen.

Nach wenigen Minuten ist der Schaden behelfsmäßig geheilt. Nun aber Schritt fahren bis zur nächsten Stadt. Behutsam humpelt der Wagen an, die vielen Augenpaare blicken Billigung. Ganz hell des Schlossers Gesicht, nicht zuerst wegen der Münze, die in seiner Hand liegt.

Die Feder bleibt beisammen, durch die ganze folgende Schneckenstunde. Endlich schickt die Stadt den ersten freundlichen Häuserarm, bald auch einen Postboten uns entgegen. Bereitwillig gibt er Auskunft. Eine Werk­statt — gleich hier links, eine weitere rechts, unterhalb der Gärten ... Die Bessere? Nun, die erste ist gut! Hier paßt offenbar dem Gewährs­mann das Menschliche; gern nimmt er Gelegenheit, einen Kunden hin- zuweisen. Aber, berichtigt ihn sein Sachgewissen, wir sollen denn man schon zur zweiten fahren. Hat vielleicht mehr Vorrat — kann sich ja nicht ein jeder in dielen Zeiten hinlegen, was etwa gebraucht wird ...

Schon bei der Anfahrt wird deutlich, daß die rechte Zuflucht winkt. Kranke und genesene Fahrzeuge spreizen und straffen sich im Hof. Als wir halten, steht auch schon der waschblaue Oberdoktor da. Ein Blick, ein Griff, die Diagnose ist gestellt.

Der Wagen rollt in den Schuppen, sozusagen geradewegs auf den Operationstisch. Blaue Wärter springen herzu; oberhalb am eisernen Balken schnattert ein Haken, zielt, senkt sich, angelt nach der Vorderachse. Gleichzeitig öffnet sich die Erde, mittels einer kleinen Leiter hastet er hinab, blaulinnen, augenweiß unter berußter Stirn ...

Dankbar, des glückhaften Ausgangs sicher, begeben wir uns aus Rattern, Kreischen und klingendem Hammerschlag, aus Gestank und Dunst von Eisen, Feuer und Del zur Stadt hinauf. Zu Markt, Schloß­hügel altwucherndem Park, Nachtigall und Feierabendvolk.

Nach drei schnell vergangenen Stunden sind wir wieder zur Stelle; der Oberdoktor entläßt mit gutem Wort seinen Pflegling. Wir steigen ein, steuern ihn behutsam vom Hofe. Doch über ein kleines mag er sich nicht mehr halten, fängt an brummend und brausend, bei gesundem Appetit, die nächtliche Straße zu fressen.

Der Garien als Oemeinschastsraum.

Von Karl Foerster.

Unser Volk ist im Begriffe, den Garten als Gemeinschaftsraum und als gemeinschaftsbildende Kraft so ernst zu nehmen, wie das noch nie geschah. Es handelt sich hier um den Wohn- und Nutzgarten der Familie, um Schul- und Schülergarten, kleine und große Anlagen, Volksgärten und Volksparks in und außer der Stadt, um die Lauben- und Sportplatz­gärten, ferner um Gastgärten, Kur- und Krankenhausgärten, schließlich um Botanische Gärten mit der neuen Schaugartenerweiterung.

Gartenwesen muß immer mehr ein heiliger Volksbegriff und Bildungs­begriff für Glück und Wirtschaft werden, immer tiefer als Verföhnungs- ftätte zwischen klein und groß, zwischen Familie und dem übrigen Gemein­schaftsleben erkannt und ausgebaut werden. Wir gehen jetzt in unserem Volk ganz neuen Bindungen zwischen dem Leben der Persönlichkeit und der Volksgemeinschaft entgegen, ganz neuen gegenseitigen Anerkennungen der beiden.

Der Nutz - und Wohngarten der Familie gehört so recht zum Leben der Familienzelle mit ihrer tiefsten Besonderheit. Daß ein Garten neuer Art durch seine Verwandlung von Woche zu Woche Mittel­punkt einer Familie sein kann, die noch vor kurzem gartenfremd war, dies Wunder bringt erst unsere neue Gartenherrlichkeit unserer Tage zu­stande. Gemeinsamkeit der Naturfreude auf Reise und Wanderung ist für die Familie säst nur auf Ferien beschränkt. Aber gemeinsame Naturfreude am Garten erfüllt tausendstündige Breiten des Alltagslebens.

Naher Umgang mit Pflanzen und Tieren erschließt auch immer wieder neue Erkenntnisse und Anblick tiefer Eigenart unserer Nächsten, ja, Hilst frühzeitig Begabung entdecken und ans Licht holen. Gartenbeschäftigungen der Kinder können schon bedeutsame Abbilder der Zukunftsentwicklung in sich tragen. Und wunderbar ist nun der Verkehr der Kinderseele mit der Bodenfeele des Heimatgartens durch die Riefenfülle schon allein der boden­ständigen Klein- und Strauchvegetation geworden. Unfaßbare Reichtümer und Kräfte vermag der Garten von heute dem Kinde auf 80 Jahre Lebensweg mitzugeben, schöpferische Gaben anregend, die eben früher von öer Gartennatur noch nicht angesprochen und ans Licht gehoben wurden.

Unglaublich früh setzt sehr reife Blumenfreude oft schon bei Kindern ein, unb welche Urfrifche und Jungsräulirbkeit des Weltgefühls, welche Unter­scheidungsfreudigkeit und wachsende Begeisterung für den Weltfortschritt der Blume findet man immer wieder in Menschen, die schon 70 oder 80 Frühlinge erlebten! Wir treffen also hier im Garten auf neue aemein- schaftwirkende Bande zwischen Alter und Jungen, Hochalter und Kindheit.

In welchem Maße die öffentlichen Anlagen und Volksgärten den angrenzenden Stadtgartieren alles Kalte und Unverfönliche benehmen und ihnen Gesicht, Wärme und freundliches Lokalgefühl, alG mit anderen Worten, schon unbestimmtes keimendes Gemeinschaftsgefühl verleihen können, ist wohl bekannt genug. In welchem Maße aber die Garten-