Ausgabe 
23.11.1934
 
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Nummer 91

Zreitag, den 23. November

Jahrgang 1934

sah, daß hier bei allem Unglück noch Glück gewaltet hatte. Es hatte schlimmer kommen können. Wohl hatte die Orkanwelle Teile des Schuppens sortgeschleudert, aber im Raum selbst nichts Wesentliches zerstört.

Er wollte wieder hinaus ins Freie, doch tiefe Dunkelheit hemmte seinen Schritt. Seine Augen, durch das reichliche Licht in dem Schuppen verwöhnt, vermochten hier draußen nichts mehr zu erkennen. Einen Augenblick überlegte er, begann dann in den Regalen zu kramen, bis er fand was er suchte. Eine Rolle biegsamen Kabels und eine Reflektor­lampe. Schnell war das Kabel an die Schalttafel angeschlossen, die Leuchte in seiner Hand flammte aus. So ausgerüstet, das Kabel von der Rolle ab und hinter sich herziehend, ging er aus die Suche. Wie ein langer leuchtender Balken huschte das Licht der Handlampe über den Hof hin und her. In dessen Schein sah er die Trümmer der meder- gebrochenen Maste, sah, daß die zentnerschweren Kondensatoren umge­rissen und nach allen Seiten hin verstreut waren. Sah dazwischen nach der Wand des Mittelbaues hoch aufgeschichtet endlose Schneemassen.

Gerade wollte er den Lichtkegel weitergleiten lassen, als er stockte. Etwas Dunkles, Unbestimmtes hatte er auf dem Schnee erblickt. Er schritt darauf zu, leuchtete es stärker an und stutzte. Nichts anderes konnte das Ding da sein, als die Pelzmütze von Dr. Schmidt, ein Kleidungsstuck, durch seine Form und Größe ebenso auffallend wie der ganze Doktor.

Er stand und überlegte. Wie kam die Mütze hier ins Freie? Er hatte die beiden Gelehrten in ihrem Observatorium vermutet. Sollten sie aus irgendwelchen Gründen ins Freie gegangen und hier von der Katastrophe überrascht worden sein? Dann lagen sie am Ende in den Schneemassen an der Hauswand begraben, waren vielleicht schon langst erstickt oder erfroren.

Erfroren? Ah, bah! Er schob den Gedanken von sich in der Erinne­rung daran, wie warm ihn selbst der Schnee eingehüllt hatte. Erstickt?! Die Vorstellung beunruhigte ihn.

Die Mütze ... die Mütze, ging es ihm fortwährend durch den Kopf, wo die Mütze liegt, kann Dr. Schmidt nicht weit ab sein. In ihrer nächsten Nähe begann er den Schnee fortzuschaufein; schnell, aber doch vorsichtig, damit er die Verunglückten nicht verletzte. Die Vorsicht war sehr am Platze. Kaum ein Dutzend Schauseln Schnee hatte er beiseite geschafft, als er auf etwas Hartes stieß. Vorsichtig grub er weiter, griff mit den Händen zu, faßte einen Pelz. Er zog und hob daran. Eine Schulter kam zum Vorschein, ein Arm, ein ganzer Mensch schließlich. Es war Dr Schmidt. Er zog ihn vollends aus dem Schnee, wollte ihn aufrichten. Aber der Doktor rückte und rührte sich nicht. Er packte den regungslosen Körper, schleppte ihn in das Maschinenbaus und legte ihn auf eine Werkbank. Er riß ihm den Pelz auf und begann den Körper zu kneten und zu reiben. Lange, bange Minuten verstrichen, da tat der Gerettete einen tiefen Atemzug und schaute sich um, stieß unzu- sammenhängende Worte hervor. Hagemann schüttelte und rüttelte lhn derweil mit allen Kräften weiter, bis Dr. Schmidt eine abwehrende Armbewegung machte.

Was ist denn, Hagemann? Sind Sie verrückt geworden, so mit mir umzugehen?"

Der ließ von ihm ab und zog unter der Werkbank eine Flasche Kognak vor. , . , ..

Trinken Herr Doktor! Ordentlich trinken!" Ohne sich um die Proteste des langen Schmidt zu kümmern, schob er ihm die Flasche zwischen die Zähne und gab nicht nach, bevor der eine gehörige Dosts geschluckt hatte. ~ ,,, , ... .

Krächzend und hustend versuchte der Doktor, sich aufzurichten, und mit Hilfe des andern gelang es ihm.

Was in aller Welt ist los, Hagemann? Mit Ihnen ... mit ..

Er sah sich erstaunt in dem Raum um. Erst jetzt bemerkte er die Zerstörung, wollte weiterstagen. Hagemann ließ ihn nicht zu Worte

,Wo ist Dr. Wille? War er mit Ihnen zusammen auf dem Hof?

"Ja natürlich! Wir waren zusammen auf dem Hof, als etwas ge­schah ... was war es denn?"

Bleiben Sie ruhig hier liegen, Herr Doktor.

Hagemann drückte ihm die Kognakflasche in die Hand und stürmte ins Freie. Die beiden haben sicher dicht zusammengestanden, wo der

SietzenerZamilieMätter

Unterhaltungsbeilage ;um Gießener Anzeiger

HANS DOMINIK EIN STIERN FIEL VOM HIMMEL

COPYRIGHT 1934 BY KO EH LER a AM ELANG G. M. B. H., LEIPZIG

(Fortsetzung.)

Auf den Trümmern der deutschen Station.

Ein Trümmerhaufen, vergraben unter Schneewehen, verloren in der dunklen, eisigen Polarnacht, war die Station, nachdem jene fürchterliche Sturmwelle über sie hinweggebraust war. Hatte die Katastrophe auch fünf Menschenleben ausgelöscht?

Stöhnend griff Karl Hagemann im Dunkeln um sich. Langsam kam ihm das Bewußtsein wieder. Sein Kopf schmerzte, mit Mühe brachte er die Hände empor und ertastete an seiner Stirn eine Wunde. Dann spürte er, wie es ihm von hinten her feucht in den Nacken tropfte. Er evrsuchts, sich zu erheben und fühlte sich dabei durch irgend etwas ge­hemmt, das ihn vor allen Seiten umgab.

Nach langem Mühen ... endlos schien ihm die Zeit ... gluckte es ihm, auf die Knie zu kommen, sich umzudrehen. Seine suchenden Hände faßten etwas Hartes, Eckiges, das sich warm anfühlte. Erinnerung kam ihm dabei zurück. Der elektrische Kochherd mußte das sein.

Mit beiden Händen griff er nach der oberen Herdkante und zog sich mit Gewalt in die Höhe. Jetzt endlich stand er aufrecht, bis an die Schultern noch in pulvrigem Schnee, aber den Kopf hatte er frei, konnte endlich tief und kräftig atmen. Und nun erschaute er auch 'm un­sicheren Sternenlicht etwas von den Verwüstungen, welche die Kata­strophe angerichtet hatte. Das Dach und zwei Wände der Kuchenbaracke waren sortgerissen. Neben dem Herd stand er im Freien und steckte bis an den Hals in einer Schneewehe.

Langsam gewöhnten sich seine Augen an das unsichere LichL Er er­kannte, daß die Schneewehe nach außen zu flacher mürbe. Mit den Armen rudernd, stampfend und schnaubend, arbeitete er sich von Der Herdwand fort ins Freie. Schon ging ihm der Schnee nur no^ bis zu den Knien, dann stand er auf nacktem Felsboden. Aber nun spurte e auch die Kälte, gegen die ihn der Schnee so lange geschützt hatte. Fühlte, wie die durchnäßten Stellen seiner Kleidung in dem grimmigen Frost sofort starr und steif wurden.

Mit klappernden Zähnen eilte er zu dem Mittelbau des Statwns- hauses. Auch hier Verwüstung und Trümmer. Die Wände zum Teil ein­gedrückt und umgeriffen, dort, wo die Tür war, bis zum Dach tm Schnee vergraben. Durch ein Fenster gelangte er in das Innere, atmete auf, als er dem tödlichen Frost entronnen war, griff nach einem Lichtschalter ... vergeblich, fein Strom in der Leitung. Im Dunkeln taste e er?sichweiter 3Ur Kammer hin in der die Pelze lagen. Als er das schwere Varensell über die Schultern zog, fühlte er sich vor dem Schlimmsten geborgen. Erschöpft sieh er M 3" Baden sinken schloß minutenlang d.e Augen. Dunkelheit und tiefe Stille umgaben ihn h ( : rju-

Doch nein ein pochendes, tackendes Geräusch drang an sein vH . War es der eigene Herzschlag, den er hörte? lauschte schaner^ d e Malcküne mußte es fein, der Dieselmotor, der trotz allem, was ge Wn unermüdttch weiter lief. Der Motor, das pochende Herz der Station, das Wärme, Licht und Leben gab. haben mußte

Licht! Licht war das erste, das Notwendigste was erhaben^rnußte, ehe er nach den andern suchen, ihnen zu Hilse l ' . crrort

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