Kopf.
(Fortsetzung folgt)
Veran'ivortlich: Dr. Hans Thtzriot. — Druck und Derlag: Drühl'fche Universitäts-Duch- und Steindruckerei. R. Lange, Sieben.
kvnne zu wackeln anfangen. Ein Schustergeschäft in den Baracken? *"«3 5t?-»06-® -f M°, Mich--!,.» 6,«d>i< Sie b-iö.» Ktefer trotz sichtlichen Mühens nicht so weit wieder zusammen, daß sie ihren angefangenen Satz zu Ende sagen konnte.
Ja, auf der Hohen Straße, wiederholte Gust unbekümmert. Wenn ein Stich besonders gut halten solle, müsse man die Ahle da durchs Leder bohren, wo es am dicksten sei. Je schwerer man mit dem Pickdraht durchkomme, desto geringer die Gefahr, Satz bas Loch ausreiße. Also gerade, wo es ihr am unmöglichsten scheine, motte er sein Geschäft eröffnen: auf der Hohen Straße. Bis alles seinen richtigen Lauf habe, dächten sie bei der Mutter in den Baracken zu wohnen. Das werde höchstens bis zu der Geburt ihres Jungen dauern. ... .
Er werde ihr übrigens das Wohnendurfen bezahlen, versicherte Gust,- sehr gut bezahlen.
Wieviel?
Dreißig Mark.
Zu wenig! _
Dreißig Mark für den Monat zu wenig?
Für — den —? Fiek Micheelsen drohte der Verstand stillzustehen. Denn sie hatte geglaubt, das Angebot sei für- ein Vierteljahr berechnet. Aber sie war infolge mancherlei Geldkampfen mit den Söhnen gewitzigt genug, besaß trotz ihrer Jahre auch rroch so viel Beweglichkeit, daß sie sich durch eine Drohung den Schein der Ueberlegenheit zu geben vermochte: Ach so — sie verstehe — mit Essen und Trinken! Und zwar gleich vom ersten Tag an für mehr als zwei! Dafür dreißig Mark? Zu wenig! Viel zu We9?cin, ohne Essen und Trinken, drehte Gust seine Mutter in die rechte Richtung. Das Kochen aus demselben Herd werde sich zwar nicht vermeiden lassen. Aber bei dem Essen aus einem Topf lösfle täglich mindestens einer von ihnen Aerger in sich hinein. Denn alt und jung, Mecklenburgisch und Ausländisch, seren nun mal nicht auf denselben Geschmack zu bringen wie Brüche auf denselben Generalnenner. Er wisse wohl, daß dreißig Mark Miete im Monat zu viel für das Hineinkriechen in ein Barackenloch sei. Aber er wolle unter den jetzigen Umständen Rikelchen die neugierigen Gesichter beim Wohnungsuchen ersparen. Also solle 'es zwischen ihnen nicht so genau darauf ankommen. Dreißig Mark — einverstanden?
Ob er vorauszahle? . j ,
Für drei Monate — jawohl. Mache neunzig Mark. Abgerundet - da er ihr von seiner Wanderschaft nichts habe znkommen lassen, wolle er ein übriges tun — abgerundet: Hundert, da!
Als die Mutter fünf funkelnde Zwanzigmarkstücke auf der Rechten ihres Sohnes wie auf einem Präsentierbrett liegen sah, grapschte sie zu und ritz das Geld mit Hast an sich.
Im nächsten Augenblick öffnete sich die Tur. Rikelchen trat hohlen Auges ein. „Wi sünd hannels-ens worrn!" kreischte Fiek Micheelsen — die Faust unter der blauen Küchenschürze um das Geld krampfend — ihrer Schwiegertochter zu. Jawohl — handelseinig geworden! bestätigte Gust. Der Mietsvertrag zwischen ihm und der Mutter wär' abgeschlossen. Vorläufig für ein Vierteljahr. Aber das sei einstweilen genug. Wenn sie wirklich langer in den Baracken wohnen bleiben mützten, werde sich das weitere schon finden. So, nun wäre es denn aber doch wohl an der Zeit, daß Schwiegertochter und Schwiegermutter sich zum erstenmal die Hand . ''^Rikelchen streckte der Mutter Gusts herzlich die Rechte ent-
cs Fiek nicht mehr möglich war, das Geld unter der Küchenschürze unbemerkt von der einen in die andere Hand zu befördern, mutzte sie sich damit begnügen, der Frau ihres Sohnes die Linke zum Willkomm zu bieten.
„Kuß geben!" befahl Gust.
Rikelchen zauderte.
„Gehört sich so."
Rikelchen näherte ihre Lippen langsam dem vielfältigen, zur Lippenlosigkeit verkniffenen Mund der Schwiegermutter.
„Los!"
Rikelchen schloß die Augen. Wollte der Wartenden ihren schönen jungen Mund ausliefern. Aber im letzten Augenblick riß sie den Kopf hastig abwärts und küßte der Schwiegermutter die noch immer in ihrer Rechten liegende Linke.
Da ließ Fiek Micheelsen vor Schreck die fünf Goldstücke aus der Hand unter ihrer Küchenschürze fallen.
Gust sammelte das Geld vom Fußboden auf und nun, beim zweitenmal, übergab er es seiner erstarrten Mutter.
Uebermüdet von der Reise, beschwert von ihrem Frauengeschick, zermüibt von dem Kampf zwischen Mutter und Sohn, dessen Her und Hin gncr durch ihr Herz den Weg nahm, legte Rikelchen sich nach dem gemeinsamen Abendessen sogleich schlafen. Als Fiek Micheelsen mit ihrem Siebten allein war, forderte sie von ihm Auskunft iiber seine Frau.
Gust stand ihr bereitwillig Rede und Antwort.
Rtkelchen, die eigentlich Friederike heiße, berichtete er, stamme aus dem Rheinischen. Dort sei ihr Vater Bauer, was etwa dasselbe bedeute wie im Mecklenburgischen Biidner. Sie hätte in Kreseld, wo er zum letztenmal in seinem Leben „Gesell" gerufen wäre, als Hausmädchen bei einem Scidcnkaufmann gedient. Da sie, ebenio wie er, das siebte Kind sei, allerdings das siebte Mädchen, und — im Gegensatz zu ihm — ihren Lohn an jedem Ersten leichtsinnigerweise nach Haus geschickt hätte, wo ihr Vater ihn
nicht versprochenermaßen aufbewahrt, sondern für sich verbraucht habe, so besäße sie nicht viel.
Das heiße, griff die argwöhnische Mutter ein, autzer der hübschen Larve, die der liebe Gott ihr vorgebunden hatte, nicht»? An Geld und Gut — ja, nicht eine blanke Mark. Aber Rikelchen verfüge über andere Schätze, über solche, wie man sie in Mecklenburg nicht alle Tage treffe. , r . .q
Ueber was für Schätze? Wo sie angelegt seien?
In Rikelchen selber! Denn sie besitze einen Frohsinn, den er noch nicht einen einzigen Augenblick flügellahm gefehen Hatte, einen Arbeitswillen, der nicht wisse, was Müdigkeit heiße, und vor allem eine Liebe zu ihm, die das Leben auf Erden zum Himmelreich machen werde oder, was wohl noch schwerer sei, das Nerumhocken in den Baracken zum Wohnen in einem fürstlichen Schloß. Denn ihr Gust käm Rikelchen noch vor Gott dem Herrn.
Mit solch eingebildeten Schätzen werde er bei der Gründung eines Schustergeschästs auf der Hohen Straße was Rechte» an- angcn können, höhnte Fiek Micheelsen. Klein hätte er beginnen müssen. Als Junggeselle. Dann nach fünf, nach zehn <cahren, wenn er in den Baracken was vor sich gebracht habe, die Tochter eines gutgestellten Handwerksmeisters heiraten. Denn die Speckbauche ließen niemand von der Hinterstraße in die Hauptstraße hinein, der nicht bei ihnen einheirate. Nicht alles mühselig selber zusammenschleppen, sondern sich in ein fertiggemachtes warme» Nest ctzen — so rum gehe vielleicht der Weg zu einem eigenen Geschäft aus der Hohen Stratze. Anders rum, auf die Weise, wie er s an- iangen wolle, sicher nicht. Sie säh's schon kommen: Er werde rote der großmäulige Vater, dessen Worte und Taten nie uberelnge- 'timmt hätten, seine Tage in den Baracken beschließen.
Ob sie darauf eine Wette machen wollten? spottete Gust. Wenn er nach drei Jahren, gerechnet von der Stunde seiner Ankunft, nicht auf der Hohen Straße wohne, zahle er ihr 100 Mark in bar. An dem Tage aber, wo er in der genannten Zeit die Baracken verlasse, müsse sie ihm, zur Strafe für die verlorene Wette, einen Kuß geben: was ihr vermutlich ebenso sauer ankomme, rote ihn das Wegschmeitzen von fünf Goldstücken.
Und das mit dem Keine-Kinder-Kriegen, kreischte die Mutter,welche die gotteslästerliche Rederei von dem Wetten einer Antwort nicht würdig hielt. Das glaube sie ihm auch nicht! Oder ob er meine, daß ihr und Schorsch an zehn zweibeinigen Mitessern gelegen hätt'? Aber was dagegen machen, wenn's wieder mal so weit mit ihr gewesen wär'?
Gust lachte.
Fiek Micheelsen zeterte.
Die Wut der Mutter über seinen Unverstand steigerte das Lachen des Sohnes, dessen Lachen über das Zurückgebliebcnsein der Alten mehrte die Wut der Mutter. Längst war sie vom ^isch aufgesprungen, hatte wieder beide Arme in die Hüften gestemmt. Mit puterrotem Kopf stand sie vor ihrem gemächlich am Tisch sitzenden lachenden Siebten, der von allen Zehn der Verdrehteste und Unverschämteste war.
Als Gust sah, daß der Spatz umzukippen drohte, stand auch er auf, trat zu der Wütenden und sagte: „Latz gut sein, Mutter!" Weil sie aber auch jetzt ihre geballten Fäuste von ihren Husten nicht herunternahm, so konnte er seine Absicht, ihr endlich die Hand am Tage seiner Wiederkehr nach zehn Jahren zu geben, nicht ausführen. Etwas Liebes aber mußte er der Mutter antun. Er beschloß also, ihr einmal begütigend mit der Rechten durch das zerknitterte Gesicht zu gleiten. Aber aus dem Streicheln wurde ein Klaps.
„Du warrst mi doch nich —?" entrüstete Fiek Micheelsen sich.
Ehe sie das Wort schlagen hervorbringen konnte, lagen die Lippen des Sohnes auf ihrem verwitterten Mund. So gab Gust — wider Willen — seiner Mutter den Wiedersehenskuß, zu dem ihre Schwiegertochter sich nicht hatte zwingen können.
„Watt salln son'n dumm Tüg!" schalt Fiek Micheelsen, halb znm Schein, halb wahrhaft empört. Denn auch die Küsserei zwischen Erwachsenen war neumodischer Kram, den ihr Siebter von der Wanderschaft mitgebracht hatte, war lächerlicher Trödel, mit dem sie nichts zu schaffen haben wollte!
Gust lachte und ging zu Rikelchen in die elterliche Schlafkammer, welche die Mutter — die in das Jungsloch unter dem Dach kriechen wollte — ihnen abgetreten hatte. Knurrend. Aber ohne, daß es einer Bitte des Sohnes bedurft hatte.
II.
Zwei Wochen später hatte der von seiner Wanderschaft unvermutet heimgekehrte Schuhmachergeselle August Micheelsen ans der Hohen Straße eine Vorderstnbe gemietet. Von der Witwe des vor einem Vierteljahr gestorbenen Senators. In einem alten Patrizierhaus, das sich bisher für Geschäftsräume zu vornehm dünkte.
Als Fiek Micheelsen von ihrem Siebten die Höhe des Mietspreises erfuhr, den er obendrein für ein volles Jahr hatte vorausbezahlen müssen, glaubte sie: Gust sei nun auch noch um den letzten Rest des Verstandes gekommen, welchen er von der Wanderschaft zurückgebracht hatte. Die Stadt stimmte der Pantoisel- macherswitwe zu: Uebergeschnappt! und schüttelte eine Woche lang zu dem Tun des größenwahnsinnigen Barackensprößlings den


