Ausgabe 
13.7.1934
 
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Der Tulpenweg war für ihn und andere Leute seit kurzem tabu; zumal Houis für Erholungsreisen abgerackerter Neffen nicht viel Verständnis

verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. Druck und Derlag: Brühl'sche Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Giehen.

seit geraumer Zeit eine i und Terpentingeruch. Mit einem

beachtet wurde. Ein Wunsch- oder Wachtraum.

Malst du hier?" fragte Onkel Louis.

Nein", antwortete Dagobert einsilbig, gegen seine angeborene 2m Ganz merkwürdig, Onkel Louis: Es lockt mich nichts. Das Leben macht und verlangt solche Zäsuren, Pausen oder Kehren. Ich glaube, man soll das nicht stören oder bereden." "

Na, schön!" sagte Onkel Louis entgegenkommend und trommelte mit den energischen Fingern auf der Glasplatte. Da kam der Kaffee.Das Leben hier gibt dir nicht viel Anregung. Ich kann es mir mit etwas gutem Willen denken. Dich müßte die weitere Welt locken andere Luft, anderes Licht, andere Menschen, Sitten. Geräucherte Flundern kannst du auch in der Meraner Straße haben."

(Fortsetzung folgt.)

Äufbrachte.

Dagobert wünschte nicht zu stören; er respektierte stets fremden Frieden und anderer Leute Schicksalswege. Er ging weiter. Er besichtigte mit ungemindertem Interesse die neuen angenehmen Erscheinungen von gestern abend, die ihn auch heute morgen nicht enttäuschten, lud sie zu baldiger Visite in seine Burg ein und begab sich dann selbst dahin zurück, wo schon andrer Besuch es sich zwitschernd in seinem Korb und auf dem Wall bequem gemacht hatte und seiner harrte:Hallo Dagobert!"

Jauchzen.

Auch der stattliche Herr hob den Blick über die Zeitung, sah ernst der schönen Frau zu, sagte nicht viel, lachte bloß locker; denn letzt lappte, purzelte und rollte so ein fadennacktes kleines Ungetüm über -en prächtigen Wall. Die Dame legte das schrecklich dicke Buch weg, erhob sich, nahm das warme, weiche, rosigbraune Paket in den Arm, herzte und küßte es, nahm es auf den Schoß in ihren Korb und lachte dem großen Onkel zu. ........ , .,

Nun, der schien das schon gewöhnt zu sein, täglich ein paarmal mit 'srnster Mühe den Wall frisch zu schaufeln eine gesunde Uebung. Er schnappte lustig mit den Fingern, lächelte, machte Du Du Du! Ein Bild des Friedens, wie es überzeugend auf den Betrachter tntrne, tinb des ernst befreundeten und nobel verantwortungsvollen Beisammen­

bunte Fahnen, kreischende Kindlein im Sand, in den Korben schlanke und weniger schlanke nußbraune Mädchen und lungere Mamas, die auch nicht von Pappe waren; alles höchst erbaulich und beachtenswert für einen erholungsbedürftigen, verständigen Mann. Man fühlte sich vom ^^Sein°eigener^sirandkorb stand in einer großen Burg in der Nahe des Familienbades, im Zentrum des Lebens. Es war em Zweisitziger Korb mit Wimpeln. Dagobert bekam häufig Besuch auf langen weiblichen Beinen, der lachend den geheiligten Wall übersprang oder einfach herab- ! rutschte. Er war ein umgänglicher Gastherr, hieß allenthalben .-Dago­bert", was das gesunde Leben an der See so mit brachte, und so war, mit bester Wirkung, schon das Ende der zweiten Woche seines See-

Dagob ert war ziemlich weit gewandert, hatte hier und dort Gruße vngebracht, einen kleinen Plausch mit jungen Damen die platt in der Sonne lagen und zur Begrüßung mit den Beinen in der Luft wedelten, gemacht, hatte, als stürmisch begrüßter Onkel, em paar Kindlein in den »immel geworfen und wieder aufgefangen. .

Danach bog er von dem festen, feuchten Weg des Borderftrandes ab den er heute bis zu den Gefilden der Außenfelter hmabwandelte, denn er gedachte, hier draußen einigen neuen sympathischen Erscheinungen, die er gestern abend kennengelernt hatte, einen Besuch abzustatten. So schlängelte er sich zwischen den Burgen hin.

Da stutzte er unversehens. Sein Blick wurde aufmerksam, noch Heller, kehr scharst Dag hielt die Pfeise mit den Zähnen fest; denn sein Mund hatte die Neigung, osfenstehen zu bleiben.Sieh da! sagte er und war unschlüssig, was nun zu geschehen habe.

Da hinten, ein gutes Stück ab von seinem Standpunkt, (ag eine Burg in einem besonders hohen und starken Wall, neu montiert, rote es Wen, also neu bezogen. Kurzum: Es bot sich ihm zum erstenmal dieser zlnblicf

Ein imponierend breiter und großer Herr, frisch angebraten von Wind und Sonne, als weile er erst seit vorgestern an diesem geseg­neten Strand, saß in einem der zwei breiten Strandkorbe; der Herr trua einen schwarzen Badeanzug, darüber einen schwarzweiß gestreiften Mantel, rauchte eine Zigarre und las Zeitungen. In einem anbeni, tm Winkel darangeschobenen Korb, so daß man beiderseits tm Schatten weilte, ruhte, leicht zurückgekippt und sorglos, in der Sonne eine schone, schlanke Dame, ebenfalls frisch angeröstet, mit hochgeschwungenen dunkleren Brauen unter sherryblondem Haar, in dem sehr viel Geld leuchtete, in einem grünblauen Strandpyfamia mit wetten Flatterhosen, Und las in einem schrecklich dicken Buch.

Ein Bild des Friedens in diesem Tal der Tränen. Eignes Heim Glück allein ... In einem kühlen Grunde ... Dagoberts Zitatenschatz War begrenzt. Es waren unbestreitbar Onkel Louis vom Tulpenweg Und die schöne Dame Gugernell; beide aus Berlin-Charlottenburg. Eine grünblaue Gummikappe lag zum Trocknen neben dem weiblichen Korb auf dem Wall vor einer in den Sand gepflockten leeren Milchflasche. Man schien erfrischt und gesammelt. Dagobert stand voll Ernst und

Er stand verehrt und beliebt.

Nach Tisch ruhte er sich in der PensionBianca" auf feinem kleinen Balkon hoch überm Meer vom prächtigen Seebad aus.Sieh da! Das scheint unabänderlich ernst!" sagte er wieder beim Einschlummern und etwas Aehnliches auch beim Erwachen. Ein bißchen Schlaf bringt die besten Gedanken zur Reife.

Er reckte sich und griff zur neuen Kurliste, die er mit heraufgebracht hatte, was streng verboten war. Also in VillaMiramare"... Lag weit draußen am Ende der Welt; er war einmal, am Anfang seiner hiesigen Tage, draußen gewesen, um sich denLaden" zu besehen: Alles sah und

stand mit dem Rücken gegeneinander und sah Lust, ein Zirkel erlesener ffiiC®5$roarnnod) Zeit^einer Pfeife. Ein paar Bücher mit grellbunten Umlchläqen tagen da, die er auch nicht las, eine Zeitung von vorgestern, dtt er kaum umgeblättert hatte. Dazu war er nicht hier. Vor allem ver­nachlässigte er Zeichenstift und Pinsel aus tiefster Seele Ja, er hatte seit geraumer Zeit eine wahre Abneigung gegen Farbentuben, gegen Oel- und^Terpentingeruch. Mit einem Wort: Ausgeleertsein, Sapenjammer. Ein staubiges, taubes und frostiges Gefühl in den.8'ngeripitzem Es schien vorderhand unabänderlich und ebenfalls wie ein Schicksalszwang oder ein guter ober schlimmer Zauber, als habe er sich an s^nem letzten Bild an Katarina etwas übernommen. Es hing, von Blattgewäch­sen und Blumen verdeckt, im Gartenzimmer am Tulpenweg. Er hatte bis zur Stunde nicht das geringste Verlangen gehn es wiederzusehen.

Er blickte jetzt nachdenklich aufs glitzerblaue ebbenöe Meer und genoß ben süßen Tabak. Dagobert machte sich niemals mehr vor, als nnbebrngt nötig war. Neue Wandlung? Saulus auf bem Weg zum Paulus? Brac^ liegen vor neuem Aufschwung? Das wußten die Sterne! Er stopfte sich °°^Er grist au/da^Tstchchen neben bem Liegestuhl und schrieb die achte bunte Karte an Barby Pick, Frankfurter Allee. Er ließ die Frau Mama und den Herrn Papa grüßen, Tischler- und Innungsmeister, em Gerne in seinem Fach; natürlich auch die kleine Till, die neuerdings viel da

I unten herumwimmelte, als suche sie einen "euen Unterstand. (

Auch Dag hatte in letzter Zett gern und oft dort geroeilt Samofe Sache, so eine wohlriechende Werkstatt! Verlockte einen Ärmlich dazu sich angeregt in die Hände zu spucken. Er hatte sich dabei ein- bißchen n Gustav Picks Stuhlbeine, Ti chplatten, Kommodenprostle Sofas und Hochzeitsbetten verliebt, insbesondere in seine tauberen überzeugenden Zeichnungen, und Barby hatte ihm dabei über die Schultern gesehen, so daß er leicht mit der Haut gezittert hatte.

Er war dazwischen tagelang beharrlich und besessen durchs Schloß­museum und durch die Potsdamer Schlösser gelaufen, hatte danach, ge­schärften und begehrlichen Geistes, dicke Bände im Kunstgewerbemuseum gewalzt, zur Erbauung seiner Seele, und hatte ^lbst mal daheim m t I Eifer etwas gezeichnet und entworfen; eine peinlich akkurate Beschafti gung, bei der man leise und ergriffen pfiff. .....

I Uebrigens hierherum an der See gab es vielerlei friesische Kisten, I Truhen Schränke prächtige, wunderbare Sachen; Dagobert hatte ein verschämtes Skizzenbuch in der Tasche, das schon fast voll davon war, bei Gott für Gustav Pick oder Barby ...Hoc Abwarten!

I Dagobert tat einen tiefen Zug aus der Pfeife. Dann klopfte er sie I mit hell und energisch klingendem Ton aus, was den schlummernden Nebenbalkon an jedem Nachmittag zum Rasen brachte.

Dagobert machte sich schön und stieg tn frischen weihen Hosen ins I Leben hinab, um sich der Promenade zu zeigen. Das Meer schimmerte I noch blauer und ebbte ruhig: ein Meer, bas feine Pflicht getan hatte und nur noch farbige Staffage war. Dagobert schritt hutlos mit blankem I gelbem Pfefferrohr, auf der breiten Promenade zwischen den zahllosen I Lästerbänken; Musik zwitscherte und machte den Schritt anmutig.

ffiefneft ' . Plötzlich blieb Dagobert stehen und wippte erfreut mit bem langen

Kinder benachbarte Kinber, krähten im nächsten Augenblick keck unb I Oberleib.Nein, so was! Guten Tag, lieber Onkel Louis! Ich traue fiörenb über ben bitten Wallranb unb guckten gespannt unb erwar- meinen Augen nicht", log er höflich.Freut mich riesig!

tunasvoll verliebt. Die Dame blickte auf, hatte ein Lächeln unb lieb- I Onkel Louis, ebenfalls in weißer Hofe unb blauer Jacke, rote fetn Teuenbes Lachen in ben Augenwinkeln unb warf, ohne ihre Lage zu I Neffe Dagobert, war allein. Er trug eine Abmiralsmutze. Er gab fernem Bnbern, mit weitem, starkem Schwung eine Banane unb allerlei Süßes I Neffen bie Hanb.Was tust bu hier?" hinüber, bas schon neben ihr bereitlag. Noch roilberes Krähen und IIch erhole mich ein wenig."

Du hast es nötig!"

Aus mancherlei Orünben. Du bist noch nicht lange hier?

Wo wohnst bu?"

.Bianca'. Sauber unb orbentlich.

Onkel Louis dachte barüber nach. Er sah jugendlich flott aus unb schien in strenger, aber gebiegen leuchtenber Saune.Ist Diez auch hier .Hat noch keinen Urlaub. Ist auch mehr Binnenlaufer unb Gipfel- qänqer. Ich hatte es Till vorgeschlagen, mitzukommen Das Kind ist ein bißchen blaß um bie Nase; sie ist zu toll hinterin Geld f>er, finbe ich-

Onkel Louis knurrte etwas unb überlegte wieber. Er fd^en tm 2lugen« blick kein starkes Interesse für heimatliche Dinge zu haben3d) bin noch nicht lange hier", sagte er kurz.Wo kann man eine gute Tasse Kaffee bekommen? Bist bu frei?" . , g.

Lins. I Dagobert verneigte sich. Onkel Louis, ber eben in dem Kiosk am Kur-

Dagobert hatte keine Ahnung gehabt. Er hatte sich bloß von Diez, I haus Zeitungen unb dicke, bunte Zeitschriften gekauft hatte, drehte ab Till unb Barby Pick in Groß-Berlin verabfchiebet. Hatte banach auch I unb ließ sich von seinem Neffen lotsen. Die betben Herren gingen zum bloß an sie je ein buntes Kärtchen geschickt, an Barby sechs bis sieben. I Stranbpavillon. Dagobert mußte häufig grüßen unb auch fein unpofanter Der Tulpenweq war für ihn unb andere Leute seit kurzem tabu; zumal I Begleiter, der ohne Admiralsmutze rote ein Maharadscha aus Berlin unö Louis für Erholungsreisen abgerackerter Neffen nicht viel Verständnis I ein bißchen wie sein Papa ober Großvater aussah, fand Beachtung.

Sie nahmen in der Nähe eines breiten, offnen ©eefenfters Platz, eine frische Brise strich über die einander ähnlichen Schädel. Drüben rechts auf der Promenade wimmelte es bunt; einmal glaubte Dagobert, eine hohe Gestalt in einer Augenweide und einem Herzensglück von leuchtend buntem Kleid vorüberwehen zu sehen wohl ein Irrtum, der nicht