Mrecklicherk Darum, nicht weil ich Ihnen Ihre Hilfsbereitschaft LLelnahm, kündigte ich Ihnen die Kameradschaft, als ich sah, daß Sie sie mißbrauchen wollten, indem Sie mit Ihren eigenen Sorgen «och eine fremde nach Köln heimbrächten. Wenn Sie wollen und mir versprechen, nicht wieder mit Ihren Kriminalfragen anzu­sangen, können wir unsere Kameradschaft fortsetzen!

Wir sind ja schon längst wieder drin! sagte der Doktor Schmitz « lachte sie mit der ganzen Wasserhelligkeit seiner Augen an; und ich will versprechen, nicht wieder anzufangen. Weil ich nun aber einmal Geschäftsmann bin, stelle ich fest: Fräulein Emilie Petersen will kein Gegenstand einer Hilfsbereitschaft sein; sie will weder Mitleid noch Mithilfe; nur wo man sie brauchen kann, nein, wo man sie braucht, wo sie nötig ist, da tritt sie ein! Habe ich meine Kameradin nun recht verstanden? Dann geben wir uns wieder die Hand!

Diesmal genügt mir der Handschuh! sagte er noch, als sie den ausziehen wollte; aber es war ein anderer Händedruck, den er gab und fühlte.

Nach diesem vorläufigen Abschluß ihres Geschäfts gingen die beiden eine Zeitlang schweigend, weil sie keine Konversation über Berge und Wolken, den Weg und die Blumen wie er gespottet hatte anfangen konnten. Und es mußte noch einmal der Groll des Morgens herhalten, dem Doktor Anlaß zu einem Gespräch 8« geben:

Können Sie denken, daß ich den Ort Wollishofen da unten noch als ein richtiges Dorf gekannt habe, der heute auch schon von der gefräßigen Stadt verschluckt ist? Das war noch zu der Zeit, da wir alle die Schweiz liebten, nicht nur um der Berge, sondern um der gepflegten Menschlichkeit willen, die wir in ihren sauberen Ortschaften wohnhaft sahen. Wenn ich es scharf ausdrücken wollte, würde ich sagen: Europa ist den Schweizern nicht gut bekommen. In einer Stadt wie Zürich da unten ist unsere eigene Vorkriegs­zeit konserviert; das Leben läßt sich aber nicht auf Konserven ziehen. So wenig wie die Landschaft paßt die Stadt in die Zeit. Mit jedem Jahr mehr wird sie es zu spüren bekommen, daß der zerstörte Wohlstand Europas keine goldenen Eilande gestattet.

Meinen Sie nicht, daß zwischen den Schweizern und uns noch ein anderer Unterschied ist als die Mittel, die uns genommen sind und die sie noch haben? fragte das Fräulein; aber im selben Augenblick hielt sie der Doktor am Arm zurück, weil eine Blind­schleiche sich blank und dunkel über den Weg schlängelte.

Wer über eine Schleiche tritt, darf einen Wunsch haben! Ich wünsche mir, daß meine Kameradin bald in Köln gebraucht wird! sagte er mit einem breiten Schritt über das Tier. Sie aber zögerte noch, und ehe sie dann den Schritt hätte tun können, hatte die Schleiche sich schon seitwärts ins Gras geringelt.

Sie sehen, sagte sie wehmütig lächelnd, mir bleibt nichts zu wünschen.

Weil ich es schon gewünscht habe! dachte der Doktor und freute sich heimlich über die Zweideutigkeit.

Er hatte längst seinen Plan mit ihr; aber der war noch ein Säugling, in Windeln gewickelt, und er tastete nicht mit Worten an seine Wiege: Wenn er Milch haben will, wird er schon schreien! beschwichtigte er seine Ungeduld und ließ das Gespräch gleiten, wie es sich gab, indem er nach ihrem Vater, nach ihrer vor dem Professor gestorbenen Mutter und andern Dingen fragte, von denen zu sprechen seiner Partnerin offenbar eine willkommene Wehmut war.

Einmal saßen sie längere Zeit auf einer Bank und gestanden einander, daß sie gern ein wenig ausruhten; auch holte er seine Uhr heraus, die schon auf sechs zeigte und das Fräulein unruhig um seinen Abendzug machte, den er um ihretwillen versäumen könnte. Und es war wohl die Hast dieser Unruhe, daß sie nach­her an den Näfenhäusern den Abstieg nach links versäumten und geradeaus auf die Albishochwacht zugingen. Als sie es im Ge­spräch merkten, das immer kurzartmiger aber freier geworden war, waren sie schon zu weit, wieder ümzukehren, und marschierten zuletzt tapfer drauflos, bis sich der Weg endlich nach Albis senkte, wo sie nicht mehr im Zweifel waren, daß sie nun eine gründliche Rast machen müßten, und im Hirschen einkehrten.

Ich freue mich auf einen Käs oder mehr! sagte der Doktor Schmitz und blickte, den Schweiß von der Stirn wischend, be­friedigt nach dem steinigen Fußweg zurück.

4.

Das erste, was sich im Hirschen entschied, war der Abendzug. Sie hätten, als der Doktor im.Hausflur den aushängenden Fahr­plan ansah, stehenden Fußes umkehren und nach Langnau hinab­laufen müssen; und dann war es nicht einmal gewiß, ob sie dort den Zug der Sihltalbahn noch erreichten.

Wenn Sie nach Köln müßten statt meiner, scherzte er bas Taschentuch noch in der Hand und den Hut im Nacken, wenn Sie nach Köln müßten, würde ich sagen: Springen Sie los! Für meine alten Knochen ist es zuviel; ich muß jetzt eine halbe Stunde lang meine Beine ausstreckcn, muß mindestens einen Käs essen und einen Veltliner trinken! Oder, wandte sich der Doktor er- schrockeu zu seiner Begleiterin, wird es für Sie zu spät?

Dann müßte ich ja nun wohl allein springen! sagte das Fräu­lein mit einem fast mütterlichen Blick auf seine Verstrickung: Aber ich brauche ja nur auf den Zürichberg. Dahin komme ich schon!

Sie standen darüber im Flur, und der Wirt mußte ihre Ueberlegung gehört haben: Wenn die Herrschaften nach Zürich

wollten, hätten sie eine Gelegenheit, indem sein Sohn etwa in einer Stunde mit seiner Ford-Limousine hinabfahren würde, jemand am Bahnhof Enge abzuholenl

Der Mann lachte dröhnend dazu, als ob ein Witz in seinen Worten gewesen wäre; der Sohn, den er heranrief, bestätigte mit schwarzen Händen, er sei gerade dabei, einen Reifen zu flicken deshalb könne er sie nicht etwa rasch nach Langnau hinabfahren aber in einer Stunde sei alles bereit. Sie hätten gemächlich Zeit, sich auszuruhen!

Und etwas zu essen! vollendete der Doktor mit einer Ver­beugung zu seiner Begleiterin: Ob er sich die Ehre nehmen dürfe, seine Kameradin zum Abendessen einzuladen?

Sie bat um Tee, Brot und Butter, wenn es sein Wohlbehagen nicht störe! Und da er versprach, sich durch noch schlimmere Fruga- litäten nicht stören zu lassen, saßen sie bald an einem sauber ge­deckten Tisch einander gegenüber und sahen sich an, wie aufgelockert sie durch die Luft und Sonne und die letzte Anstrengung ihres Marsches waren.

Ob er in Zürich noch seinen Zug bekäme? fragte sie zuerst; und der Doktor sagte Nein! Der spätere Halbelfuhrzug habe keinen Zweck, weil er mit dem nur bis Basel käme. Er würde nun morgen früh denNheingold"-Expretz nehmen.

Es sei ihr sehr peinlich, daß er durch sie den Abendzug verspäte!

Durch sie sei richtig! gab er zu, der sein Glas mit dem roten Veltliner schon in der Hand hielt: Nur peinlich sei es nicht aus Gründen, die darzulegen er sich nachher die Erlaubnis erbitten möchte. Vorerst könne er nur versichern, daß ihm die fortgesetzte Kameradschaft einen versäumten Zug wert sei!

Darauf trank er ihr so feierlich zu, daß sie sich nur verneigen, keinen Einwand mehr vorbringen konnte. Denn nun, wie er dasatz mit seinem Schalk um die wasserhellen Augen, hatten sich die guten Worte unterwegs mit in die Erscheinung gesenkt; sie sprachen gleichsam immer noch aus seinem Gesicht, das ohne den Hut im Nacken mit der breiten hochgelichteten Stirn wie sich das Fräu­lein gestehen mußte von seiner klar durchgearbeiteten Männ­lichkeit zeugte.

Passen Sie auf, was für ein Pedant Ihr Kamerad ist! scherzte der Doktor, als er sich noch einmal genau nach der Minute der Abfahrt erkundigt hatte, seine Uhr von der Kette nahm und sie auf den Tisch legte: Also noch üreiundfünfzig Minuten! In späte­stens öresundzwanzig Minuten sind wir mit unscrm Abendbrot fertig; es bleibt uns dann noch eine halbe Stunde, einen neuen Vertrag durchzusprechen, da der alte abgelaufen ist. Fragen Sie bitte nicht! wehrte er ihre erstaunten Augen ab. Erst müssen wir unfern Durst und Hunger niedergeschlagen haben. Sie wissen ja, wie bie frechen Kölner sagen: Essen und Trinken sind nicht so wichtig wie die Predigt, aber nötiger!

Außer ihnen beiden war nur noch ein Gruppe junger Leute im Saal, die einen längeren Tisch mit ihrer lärmvollen Fröhlichkeit umringten und die beiden Saaltöchter reichlich in Anspruch nah- men, weil sie, in der Abrechnung begriffen, noch ihre letzten Scherze loswerdcn mutzten. Als sie sich endlich hinausgekalbert hatten, war der Doktor auch mit seinemGeschnetzelten" fertig, während das Fräulein seinem Appetit mit Vergnügen zusah.

Hat's geschmeckt, Kamerad? fragte sie, und er dankte nach einem letzten behaglichen Schluck seines roten Veltliners, den er ihr wiederum artig zutrank, mit einer höflichen Verneigung.

Ich habe mich um drei Minuten verspätet! stellte er mit einem Blick auf die Uhr fest, legte die Serviette zur Seite und fragte: ob sie zu rauchen wünsche? und als sie verneinte: ob er sich selber eine Zigarre anstecken dürfe? Er tat dies mit Sorgfalt, stellte noch einmal fest, datz sie nun noch sechsundzwanzig Minuten Zeit hätten, und trat in bie Präliminarien zu dem angekündigten neuen Vertrag ein, über den sich das Fräulein unterdessen ihre Gedanken gemacht haben mochte.

Gesetzt den Fall, begann er mit Behutsamkeit, gesetzt den Fall, Fräulein Emilie Petersen hätte nun wirklich Schwierigkeiten mit ihren Papieren und müßte also ihre Stellung in der Schweiz anfgeben, dann würbe sie doch wohl nach Deutschland zurück­kehren?

Sie hoffe es nicht, doch würde ihr dann nichts anderes übrig- bleiben! sagte sie, mit ruhigen Augen seine Fortsetzung erwartend.

Es war vielleicht eine ungeschickte Einleitung! stellte er miß­billigend fest und fing an, mit der Serviette die Krumen auf dem Tischtuch zu verfolgen. Wie hatten wir uns geeinigt: Fräu­lein Emilie Petersen will kein Gegenstand einer Hilfsbereitschaft sein; wo man sie braucht, wo sie nötig ist, sagt sie zu?

Sofern sie nicht sonst Bedenken hat! schränkte sie ihre Bereit­willigkeit ein; und der Doktor nahm das Wort auf:

Würden solche Bedenken vorliegen, wenn ein Mann namens Schmitz seine Kameradin bäte, bei ihm als Hausdame einzutreten?

Ja! sagte sie sofort und war sichtbar selber erschrocken: das heißt, ich will den Mann namens Schmitz keinesfalls kränken, bog sie die Weigerung um, aber es würde doch wieder nur eine ver­schleierte Hilfsbereitschaft sein, zu der er sich gegen die Tochter eines Studienfreundes verpflichtet fühle!

Der Mann namens Schmitz habe befürchtet, datz ihm sein Vorschlag so ausgelegt würde! sagte der Doktor in seiner beharr­lichen Art: Ob er vor seiner Kameradin den Falb einmal aus­breiten dürfe, wie er tatsächlich läge?

(Fortsetzung folgt.)

Verantwortlich: Dr. HanS Thhriot. Druck und Verlag: Brühl'fche Universitäts-Buch» und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.